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25. Deutscher Psychotherapeutentag in München - Bericht und Kommentar

Am 14. und 15. November 2014 tagte der Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) in München, erstmals in seiner jüngeren Geschichte zweitägig. Die Diskussionen im Plenum und in vielen Besprechungen am Rande wurden von der Frage beherrscht, ob und wie eine Reform des Psychotherapeutengesetzes, und damit eine Reform der Psychotherapieausbildung, angestrebt werden sollte.


Bereits seit Monaten war die Psychotherapeutenschaft auf diese Diskussion eingestimmt worden. Fach-/Berufsverbände und die BPtK hatten in einer Reihe von Veranstaltungen und Arbeitsgruppensitzungen das psychotherapeutische Berufsbild und seine Operationalisierung in einem Kompetenzprofil diskutiert. Finanzierungsfragen einer reformierten Psychotherapieausbildung waren genauso erörtert worden wie die politische Strategie ihrer Umsetzung. Kurz vor dem DPT war auch aus den Reihen der DGVT eine Unterschriftenaktion unterstützt worden, mit dem Ziel, kammerintern und nach außen hin ein deutliches Signal für den Master-Abschluss als Zugang zur Psychotherapieausbildung zu setzen.

Bis zum Beginn des DPT hatten sich die Vertreterinnen und Vertreter der unterschiedlichen Positionen insofern angenähert, als Konsens darüber bestand, dass eine Reform des Psychotherapeutengesetzes notwendig sei und die erste Phase des Qualifizierungsweges ein psychotherapiespezifisches Studium darstellen solle. Kontrovers war bis zuletzt die Ausgestaltung des Weges zur Approbation. Während die eine Seite ein Psychotherapiestudium mit unmittelbar anschließender Staatsprüfung/Approbation und daran dann anschließender Weiterbildung forderte (die sogenannte „basale Direktausbildung“), verlangte die andere Seite ein Offenhalten des Zeitpunkts, an dem die Approbation stattfinden solle: entweder also die Approbation unmittelbar nach Ende des Psychotherapie-Studiums oder später mit der Erteilung der Fachkunde zusammenfallend. Diese Nicht-Festlegung sollte ermöglichen, zunächst einmal im Diskurs mit der Politik die Möglichkeiten der Gestaltung und insbesondere die finanzielle Absicherung der neuen Psychotherapieausbildung zu diskutieren.

Nachdem am ersten Tag des DPT intensiv, aber durchaus sachlich diskutiert wurde, war über Nacht das Entscheidungsprocedere beraten und konsentiert worden. Zunächst sollte allein über die Frage „Offenhalten des Zeitpunktes der Approbation oder Approbation direkt nach dem Studium“ abgestimmt werden, anschließend sollte (nach evtl. weiteren anstehenden kleineren Beratungen/Abstimmungen über Elemente des Gesamtantrages) dann der Gesamtantrag zur Ausbildungsreform in der dann vorliegenden Fassung abgestimmt werden. Und: Diese beiden Abstimmungen sollten, damit sie unbelastet von vermeintlichen oder offenen Koalitionszwängen von den Delegierten entschieden werden können, geheim erfolgen. Schließlich kam es zur spannenden ersten Abstimmung. Hier votierten 76 von 128 Delegierten (1 ungültige Stimme, 0 Enthaltungen) für die Approbation nach dem Ende des Studiums (59,4%). Bei der abschließenden Abstimmung über das vorgesehene Gesamtkonzept der Aus- und Weiterbildung votierten schließlich 86 von 128 Delegierten mit ja, also 67,2%, d.h. eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Der Vorstand der Bundeskammer hat damit ein klares Verhandlungsmandat für die Gespräche mit dem Gesundheitsministerium: Es wird ein Psychotherapiestudium mit Masterabschluss, Staatsprüfung und anschließender Approbation angestrebt. Danach soll im Zuge einer Weiterbildung mit verfahrens- und altersspezifischem Schwerpunkt die Fachkunde, und damit das Recht der eigenständigen Ausübung der Heilkunde, erworben werden.

Breiter Konsens bestand darin, dass die schleichende Entwertung der KJP-Ausbildung durch die Aufnahme von Bachelor-AbsolventInnen gestoppt werden muss. Der Vorstand der Bundeskammer wurde beauftragt, als Teil des Gesamtkonzeptes und quasi als Sofortmaßnahme und erster Schritt der umfassenden Reform eine Festlegung auf den Master als Zugangsvoraussetzung von der Politik einzufordern, um den hohen fachlichen Standard unserer Heilberufe zu sichern. Der BPtK-Vorstand hat sich im Rahmen des Beschlusses aber auch verpflichten lassen, DPT, Kammern und Verbände laufend über Gesprächsergebnisse zu unterrichten und mit ihnen darüber zu beraten.

Mit dieser Beschlusslage hat der DPT eine Formulierung im Koalitionsvertrag der Bundesregierung aufgegriffen, mit der die Gesundheitspolitiker ihre Bereitschaft zur Reform des Psychotherapeutengesetzes bekundet hatten. Und er hat sich auch den Vorgaben aus der Verwaltung des BMG angenähert, die eine bestimmte, der Medizinerausbildung vergleichbare Ausbildungsstruktur für den Psychotherapeutenberuf anstrebt.

Ein weiteres wichtiges Thema des DPT war die Diskussion um die Praxiswertberechnung. Dieses Thema interessiert sowohl die Generation der PiA wie auch die Generation der Kolleginnen und Kollegen, die Praxissitze abgeben möchten. Es wurde ein detailliertes Modell dargestellt, das den Versuch unternimmt, „Praxiswert“ zu operationalisieren, und sich dabei auf einschlägige Gerichtsurteile bezieht. Ziel der BPtK ist, nach ausführlicher Diskussion eine Modellversion zu beschließen, die den beiden Seiten beim Praxisübergang die Sicherheit gibt, dass ein abgeschlossener Vertrag auch eingehalten wird.

Die Autoren des in Auftrag gegebenen Modells erläuterten dieses in den Grundzügen. Folgende Variablen sollen relevant sein: Einkünfte (und dann nur solche, die dem Praxisnachfolger auch übergeben werden können, also keine Einkünfte aus anderen Tätigkeiten als ambulanter Psychotherapie), Ausgaben, örtliche/regionale Gegebenheiten, Vernetzung im Gesundheitswesen, Länge der Warteliste, Arbeitsstunden in der Praxis, Sachwerte, um nur einige Faktoren zu benennen. In den Modellrechnungen deutet sich jetzt schon an, dass die in manchen Städten geforderten Preise für die Praxisübergabe in Zukunft nicht mehr haltbar sein werden. Die DGVT hat in der Diskussion einen Antrag der PiA unterstützt, die eine offene Diskussion zu diesem Thema einfordern. Es deutet sich an, dass dieses Thema (insbesondere die Höhe des Verkehrswerts einer Praxis) unter den Berufsverbänden kontrovers gesehen wird.

Mit deutlichen Worten wies der DPT die Vorgaben aus dem Entwurf des GKV-Versorgungsstärkungsgesetzes zurück, nach denen zukünftig keine Praxisweitergabe in rechnerisch angeblich überversorgten Regionen erfolgen kann und die zur Weitergabe anstehenden Sitze dann von der KV aufgekauft werden müssen. Gerade im psychotherapeutischen Bereich ist es seit langem gesichert, dass die sogenannte Bedarfsplanung nichts mit dem Versorgungsbedarf zu tun hat, so dass es einzig sachgerecht sein dürfte, die Psychotherapie aus einer entsprechenden Vorschrift zum Abbau so genannter Überversorgung herauszunehmen.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass der DPT mit seinem Beschluss zur Ausbildungsreform nicht nur dem Vorstand der Bundeskammer einen Auftrag erteilt hat, sondern allen in der Ausbildung Engagierten. Strukturen und Prozesse der bisherigen Ausbildungsgänge stehen auf dem Prüfstand und müssen auch finanziell neu kalkuliert werden. Die Kammern haben die Aufgabe, eine Weiterbildungsordnung zu formulieren, die den hohen qualitativen Stand der bisherigen postgradualen Ausbildung beibehält. Die Universitäten und Hochschulen stehen vor der Aufgabe, einen neuen Studiengang „Psychotherapie(wissenschaft)“ detailliert zu gestalten. Mit all diesen Aufgaben kann die Profession nicht warten, bis das Bundesgesundheitsministerium und die Kultusministerien der Länder ein neues Psychotherapeutengesetz ausgehandelt haben. Die Profession muss ihren Anteil der Arbeit jetzt beginnen und zugleich die Abstimmungsprozesse im politischen Bereich kritisch begleiten, kommentieren und mit deutlichen Statements zu beeinflussen suchen. Zugleich muss die Bundespsychotherapeutenkammer den begonnenen breiten demokratischen Prozess der Diskussion um die Zukunft der Profession fortführen und die Rückkopplung mit dem Deutschen Psychotherapeutentag und den Verbänden vornehmen.

Karl-Wilhelm Höffler
DGVT- und DGVT-BV-Landessprecher Hessen


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