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Mit dem Kind kommen auch viele Fragen – Ein Überblick zu Elternzeit und Elterngeld für PsychotherapeutInnen


1.       Einführung

Mit dem Elterngeld steht in Deutschland seit 2007 eine finanzielle Unterstützung für Eltern zur Verfügung, um den Verdienstausfall während der ersten Zeit der Kinderbetreuung zumindest teilweise auszugleichen. Im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn bietet sich werdenden Eltern in Deutschland eine wesentlich bessere finanzielle Förderung. Geschaffen wurde das Elterngeld, um zumindest die finanziellen Bedenken potentieller Eltern abzumildern. Der schon über viele Jahre anhaltende Geburtenrückgang hat dramatische Effekte auf die Finanzierbarkeit aller Sozialversicherungssysteme in Deutschland, da diese auf Umlage basieren und somit von einem ausgewogenen Verhältnis von Jung zu Alt abhängig sind.

Das Gesetz zum Elterngeld-Plus ist zum 1.1.2015 in Kraft getreten. Zu diesem Zeitpunkt greift allerdings nur der Aspekt, dass es für Eltern von Zwillingen nicht mehr das für sehr kurze Zeit mögliche doppelte Elterngeld gibt. Die eigentlichen und hier im Folgenden erläuterten Veränderungen im Elterngeld wirken für Geburten erst ab dem 1.7.2015. Diese Neuerungen führen zu erhebliche Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Durch sie wird eine längere Betreuung von Kindern in Teilzeit ermöglicht, um so den betreuenden Elternteilen einen früheren und erleichterten Wiedereinstieg in das Berufsleben zu ermöglichen. Gerade für PsychotherapeutInnen ergeben sich wesentliche Verbesserungen hinsichtlich den Problemfeldern Teilzeit und Kassenabrechnungen. Dabei ist nicht zu vergessen, dass die bisherigen Regelungen zum Elterngeld (im folgenden Basis-Elterngeld) unverändert parallel weiter bestehen und in vielen Situationen vermutlich sogar die bevorzugten Regelungen sein werden. Eines nur ist sicher – wesentlich komplexere Wahlmöglichkeiten führen zu weit höherem Beratungsbedarf.

2.       Basis-Elterngeld

2.1 Grundzüge

Das Basis-Elterngeld ermöglicht Müttern zwischen zwei und zwölf Monaten Elterngeld, auf Wunsch eventuell in hälftiger Auszahlung bei doppelter Anzahl an Monaten. Für den Partner gibt es zwei zusätzliche Partnermonate, die er unabhängig von den Monaten der Mutter wählen kann – beide Monate gleichzeitig mit der Mutter oder auch im Anschluss zur Sicherstellung einer verlängerten Kinderbetreuung. Auch ein Aufteilen der beiden Elterngeldmonate für Mutter wie Vater auf maximal 2 Zeiträume ist möglich. Eine weitere Möglichkeit ist, dass die insgesamt 14 Monate Anspruch auf Elterngeld unter den Eltern in gewissen Grenzen beliebig untereinander aufgeteilt werden können – also auf Wunsch auch für die Mutter acht und den Vater sechs Monate. In Abhängigkeit vom Gehalt eines 12-Monatszeitraums vor der Geburt werden dann i.d.R. 65% (bei niedrigeren Einkommen bis zu 100%) des zu ermittelnden standardisierten Netto-Einkommens als Elterngeld durch die Elterngeldstelle gezahlt.

Selbständige PsychotherapeutInnen müssen aufpassen: Sobald auch nur geringfügiges selbständig erarbeitetes Einkommen vorliegt, erstreckt sich der 12-Monatszeitraum nicht auf die 12 Monate vor dem Mutterschutz, sondern auf das vorhergehende Steuerjahr. Das kann für selbständige PsychotherapeutInnen sehr nachteilig sein, wenn diese gerade aus der Ausbildung mit niedrigerem Einkommen kommen.

2.2 Teilzeit

Von den neuen Regelungen des Elterngeld-Plus unterscheidet sich das bisherige Basis-Elterngeld sehr deutlich, wenn es um Teilzeitarbeit während der Kinderbetreuung geht. Da Elterngeld als Entgeltersatzleistung eingeführt ist, wird es nur für „entfallendes“ Einkommen gezahlt. (Für Schüler, Studenten, Hausfrauen und ähnliche Personengruppen ohne ein Arbeitseinkommen gibt es wie bisher ein vom Einkommen unabhängiges Mindestelterngeld in Höhe von 300 €.) Daraus folgt, dass Teilzeitarbeit in den Bezugsmonaten des Elterngeldes zwar zu 100% Einkommen führt, dafür aber der Anspruch auf 65% Elterngeld entsprechend des im Bezugszeitraum des Elterngeldes hinzuverdienten Einkommens entfällt. Dies ist finanziell nicht sonderlich attraktiv. Wird dagegen ein 12-monatiger Elterngeld-Anspruch bei hälftigem Elterngeld auf die doppelte Anzahl an Monaten ausgezahlt, so kann ab dem 13. Monat (der zweiten Auszahlungshälfte) in unbegrenzter Höhe im Rahmen von 30 Wochenstunden hinzuverdient werden.  Demgegenüber gilt im Basis-Elterngeld aber: Ein Teilzeitmonat = 1 Monat Elterngeldanspruch verbraucht.

Eine recht nachteilige Besonderheit bei PsychotherapeutInnen ist, dass zwischen Leistungserbringung und der zu erfolgenden Kassenabrechnung teilweise mehrere Monate liegen können. Oft ist der Zahlungszeitpunkt auch nicht „kontrollierbar“. Leider führt im Bezug von Basis-Elterngeld vereinnahmtes Arbeitseinkommen auch aus Monate zurück liegenden Leistungen (ohne Freibeträge) zur Verrechnung mit dem Elterngeld. Während des Bezuges von Elterngeld kann dagegen bis zu 30 Wochenstunden beliebig gearbeitet werden, wenn durch verzögerte Kassenabrechnung kein Arbeitseinkommen erzielt wird. Auf diesen Aspekt der individuellen Situation des Psychotherapeuten kann in persönlicher Beratung wesentlich besser eingegangen werden.

3.       Elterngeld-Plus

3.1 Grundzüge

Elterngeld-Plus gilt für Geburten ab dem 1.7.2015. Man hat erkannt, dass die finanziellen Einschränkungen in Verbindung mit Geburten EINE zu überwindende Hürde ist. Oft stellt sich für das wieder einsteigende Elternteil die Organisation von passender Kinderbetreuung als die noch schwieriger zu überwindende Hürde dar. Die mit dem Elterngeld-Plus eingeleitete Flexibilisierung der Arbeit hinsichtlich des Wiedereinstiegs des betreuenden Elternteils kommt daher den betreuenden Eltern sehr entgegen. Darüber hinaus erhält aber auch der durch die Demografie bereits beeinträchtigte Arbeitsmarkt wieder früher und für eine längere Zeit qualifizierte Arbeitskräfte.

 

3.2 Teilzeit

Durch die neuen Regelungen im Elterngeld-Plus wird bei Teilzeitarbeit nicht mehr ein voller Monat Elterngeldbezug verbraucht, sondern es gilt „Ein Elterngeldmonat = Zwei Elterngeld-Plus Monate“. Dies ermöglicht den Bezug von Elterngeld in insgesamt derselben Höhe wie im Basis-Elterngeld. Neu und für PsychotherapeutInnen besonders wichtig ist aber, dass Einkommen während der Elterngeld-Plus-Monate NICHT auf das Elterngeld angerechnet werden. Hierdurch wird das Problem sog. nachlaufender Kassenvergütung entschärft. Mit den neuen Regelungen werden also aus 12 Monaten Basis-Elterngeld dann im Elterngeld-Plus bis zu 24 Monate im Teilzeitbezug. Als angenehmer Nebeneffekt wird hierdurch die nicht zu unterschätzenden Probleme bei der  Suche nach Kinderbetreuung wesentlich entschärft.

 

3.3 Partnerschaftsbonus

Eine weitere Neuigkeit im Elterngeld-Plus ist der Partnerschaftsbonus, der eine ausgewogenere Verteilung der Kinderbetreuung ermöglichen soll. Die Möglichkeit des Elterngeldbezugs für den Partner wurde bei Einführung des Basis-Elterngelds 2007 nur sehr selten in Anspruch genommen, stieg aber über die Jahre deutlich an. In Baden-Württemberg nahmen in 2001 etwa 30% der Partner ebenfalls Elterngeld in Anspruch. Beantragen nun beide Elternteile Teilzeit-Elterngeld nach den Elterngeld-Plus-Regelungen mit einer wöchentlichen Arbeitszeit zwischen 25 und 30 Wochenstunden so erhalten BEIDE Elternteile je VIER zusätzliche Elterngeld-Plus-Monate. Faktisch wird der Elterngeldanspruch dadurch nicht nur erhöht, sondern erlaubt den Elterngeldbezug auf bis zu 28 Monate (12 x 2 +4 Monate) in Teilzeit auszudehnen. Gerade selbständigen PsychotherapeutInnen ermöglicht dies die Weiterführung einer Praxis und den Erhalt eines (wenn auch möglicherweise reduzierten) Kundenstammes.

 4.       Elternzeit und andere Aspekte

Mit der Elternzeit und Kinderbetreuung verbunden sind weitere Aspekte, die gerade bei PsychotherapeutInnen sehr genau betrachtet werden müssen. Dabei handelt es sich um den Progressionsvorbehalt, den Versicherungsschutz der Familie und die Wahl der Krankenkasse des Kindes.

 

4.1 Progressionsvorbehalt
Elterngeld (Basis- wie Plus) und auch Mutterschaftsgeld sind Entgeltersatzleistungen. Diese sind grundsätzlich steuerfreie Leistungen, unterliegen aber dem Progressionsvorbehalt. Dies bedeutet, dass nach der steuerfreien Auszahlung der Betrag von Mutterschafts-/Elterngeld in der Steuererklärung doch noch einmal zur Besteuerung herangezogen wird – nicht in der direkten Besteuerung der erhaltenen Beträge, sondern in der Bestimmung des gültigen Steuersatzes für die Besteuerung der anderen im Steuerjahr erhaltenen Arbeitseinkommen. Durch Mutterschafts-/Elterngeld steigt also nachträglich der anzuwendende Steuersatz und je nach individueller Konstellation können Steuernachzahlungen von 1 – 2.000€ drohen. Durch eine geschickte Wahl der Elterngeldmonate und anderer Konstellationen lässt sich die Auswirkung des Progressionsvorbehaltes in völlig legalem Rahmen positiv beeinflussen.

 

4.2 Versicherungsschutz der Familie

Eine Familie mit Kindern benötigt andere Absicherungen als ein Single oder ein kinderloses Paar, welches entsprechend des Alters „durchschnittlich umsichtig“ durch das Leben geht. Kinder können diese Umsicht noch nicht haben, weswegen der Gesetzgeber diese in bestimmten Lebenssituationen bis zum 10ten Lebensjahr als nicht deliktfähig ansieht. Das hat zur Konsequenz, dass sehr häufig Schäden der Kinder eben NICHT durch die üblichen Versicherungsprodukte abgedeckt sind, selbst wenn es eine „Familienversicherung“ ist. Führt eine kleine Unachtsamkeit des Kindes zum Ausbrennen der Wohnung der Großeltern, ist der Schaden groß. Grundsätzlich trifft diese Problematik alle Eltern gleichermaßen zu. Die besondere Situation bei PsychotherapeutInnen liegt hier aber in der sehr beliebten Kombination von Berufs- und Privathaftpflicht, wobei in letzterem Teil aus Kostengründen häufig ein für Eltern völlig unzureichender Schutz enthalten ist. Auch muss überlegt werden, wie ein Partner mit der Erziehung des Kindes finanziell über die Runden kommt, wenn der Hauptverdiener verstirbt oder aufgrund Krankheit seinen Beruf nicht mehr ausüben kann. Grundsätzlich empfiehlt es sich bei einer veränderten Familiensituation, den Versicherungsschutz in allen Lebensbereichen von einem unabhängigen Fachmann überprüfen zu lassen.

 

4.3 Krankenversicherung des Kindes

Die Krankenversicherung des Kindes bestimmt sich aus den Krankenversicherungen der Eltern. Sind beide Eltern gesetzlich versichert, so wird das Kind bei der Mutter versichert. Selbständige PsychotherapeutInnen sind aber häufig privat versichert. Abhängig von der Einkommenshöhe der Eltern und  von der Frage, ob diese verheiratet sind oder nicht, kann das Kind entweder wahlweise oder sogar verpflichtend privat versichert werden. Dann gilt es unbedingt die Anmeldefristen für das Kind zu beachten, damit das Kind noch ohne die Verpflichtung zur Bearbeitung von Gesundheitsfragen in die PKV aufgenommen werden kann. Bei (noch) nicht verheirateten PsychotherapeutInnen muss bei der Wahl der richtigen Krankenkasse (GKV oder PKV) die Lebenssituation der nächsten Jahre in die Entscheidung mit einbezogen werden.

 

 

5.       Resümee

Die Elterngeldförderung sowohl in der Basis- als auch der Plus-Variante sind europaweit vorbildliche Familienförderungen,die es den werdenden Eltern erleichtern sollen, diefinanziellen Hürden der Elternschaft besser zu meistern. Durch die Einführung der verbesserten Teilzeitregelungen im Elterngeld-Plus zum 1.7.2015 wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch verbesserte Teilzeitregelungen gestärkt. PsychotherapeutInnen haben berufsbedingt jedoch einige Besonderheiten zu meistern, die vor allem in der verzögerten Leistungsabrechnung über Kassen und den Besonderheiten in Verbindung mit möglicher Selbstständigkeit liegen. Angesichts der Flexibilität der Regelungen, ist es erforderlich, sich intensiv damit zu beschäftigen und sich evtl. auch unabhängig beraten zu lassen.

Der Autor ist Diplomkaufmann, Vater und Versicherungsmakler und betreibt eine private Elterngeld-Beratungsstelle. Über diese werden allgemeine Vorträge, individuelle Beratungen in Problemfällen sowie ein Antragsservice zur kompletten Bereitstellung der Elterngeldanträge angeboten. Mitglieder des DGVT-Berufsverbands erhalten 30% Nachlass auf individuelle Beratungsleistungen: http://elterngeldinfo.de/verbandsmitglieder

Stephan Groß


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