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Gesetz zur Regelung der vertraulichen Geburt - keine Lösung, aber eine Alternative[1]


Monika Bradna

Mit der Zielsetzung, Kindstötung und Aussetzung zu verhindern sowie Schwangere und Mütter in problematischen Lebenssituationen zu unterstützen, wurde 1999 das erste Angebot zur anonymen Kindesabgabe in Deutschland eingeführt. In den Folgejahren wurden weitere Babyklappen und Möglichkeiten der anonymen Geburt bzw. der anonymen Übergabe geschaffen.

Fehlende gesetzliche Grundlage

Eine gesetzliche Grundlage zur Regelung der Angebote zur anonymen Kindesabgabe steht seit den Anfängen aus. Das zum 1. Mai 2014 in Kraft getretene Gesetz zum Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt, nimmt keine Regulierung der bestehenden und im Graubereich operierenden Angebote anonymer Kindesabgabe vor. Vielmehr zielt es darauf ab, das vorhandene Hilfesystem für Schwangere besser bekannt zu machen und führt, eingebettet in ein gestuftes Beratungsverfahren, die vertrauliche Geburt ein.

Fehlende rechtsverbindliche Verfahren und Standards für die Angebote anonymer Kindesabgabe, führen bei vielen Trägern und Jugendämtern weiterhin zur Handlungsunsicherheit. Es fehlen Standards für die Beratungsarbeit im Kontext der anonymen Kindesabgabe, verbindliche Prüfverfahren bei der Kindesrücknahme durch die Mutter oder die Eltern sowie eine klare Aufgabentrennung der Träger der Angebote anonymer Kindesabgabe und der Jugendämter bei Inobhutnahme, Vormundschaft und Adoption.

Sind Babyklappen gescheitert?

Eine bundesweite Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) zeigt, dass die Zielgruppen, die man zu Beginn der Einrichtung der Angebote im Blick hatte, nicht erreicht werden. Diese Einschätzung wird dadurch unterstrichen, dass die Anzahl der getöteten und ausgesetzten Neugeborenen seit Einführung der Angebote zur anonymen Kindesabgabe nicht gesunken ist. Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass Frauen, die ihre Kinder nach der Geburt töten oder aussetzen, nicht in der Lage sind, ein gewisses Maß an planvollem Handeln aufzubringen. Doch die Nutzung anonymer Angebote setzt ein Mindestmaß an Planung und Organisation voraus.

Nutzerinnen der Angebote anonymer Kindsabgabe

Nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe ist für die Nutzung von Angeboten anonymer Geburt ausschlaggebend, sondern vielmehr eine Häufung von Belastungen und Problemen schwangerer Frauen. Das Alter der meisten Nutzerinnen liegt zwischen 18 und 35 Jahren und nur ein geringer Anteil ist minderjährig. Diese Vielfalt zeigt sich auch hinsichtlich des Bildungsniveaus, der Familien- oder Lebensform und der wirtschaftlichen Situation.

Gemeinsam sind den Nutzerinnen der Angebote anonymer Kindesabgabe, dass die Erkenntnis, schwanger zu sein, erst zu einem sehr späten Zeitpunkt stattfindet und panikartige Reaktionen auslöst. . 80 % der Frauen nehmen wenige Wochen vor der Geburt oder mit dem Einsetzen der ersten Wehen Kontakt zu einem Angebot der anonymen Kindesabgabe auf.

Gründe für eine anonyme Kindesabgabe

Hinter der Verdrängung oder Verheimlichung einer Schwangerschaft gegenüber dem sozialen Umfeld steht eine Vielzahl von Gründen. Beispielsweise empfinden Frauen Angst oder Scham wegen ihrer Schwangerschaft gegenüber den Eltern, Schwiegereltern oder dem Freundeskreis. Sie befürchten, dass sie ihr gewohntes Leben nicht weiterführen können, ihren Ausbildungs- oder Arbeitsplatz verlieren könnten. Ein Abbruch der Schwangerschaft kann aus religiösen oder kulturellen Gründen abgelehnt werden. Eine Adoption wird nicht als  Alternative wahrgenommen, da die Erwartung vorherrscht, dass die Familie und der Bekanntenkreis den Wunsch, das Kind abzugeben, nicht verstehen würden. Manche wissen um die ablehnende Haltung des Partners zu einem (weiteren) Kind und entscheiden sich deswegen für eine anonyme Kindesabgabe.

Anonymität ist nicht gleich Anonymität

Der Wunsch der Mütter nach Anonymität ist gegenüber der (Herkunfts-)Familie und dem sozialen Umfeld am stärksten ausgeprägt, gefolgt vom Arbeitgeber, dem Jugendamt sowie dem Vater des Kindes. Dagegen ist das Anonymitätsbedürfnis dem Kind gegenüber deutlich weniger entwickelt. Zwei Drittel der Nutzerinnen der Angebote anonymer Kindesabgabe geben letztlich ihre Anonymität auf. Wesentlichen Einfluss auf diese Entscheidung hat die Inanspruchnahme eines Beratungsangebots.

Pro und Contra

Während Kritiker eine Vielzahl von verfassungs-, zivil- und strafrechtlichen Vorschriften verletzt sehen, argumentieren die Befürworter der anonymen Angebote, dass sämtliche Rechtsgüter dem Verfassungsrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit (Art. 2 Abs. 2 GG) unterzuordnen sind. Diese Argumentation baut auf der Annahme auf, dass durch die Angebote der anonymen Kindesabgabe Leben gerettet werden. Dem Lebensschutz-Argument stehen der Wunsch nach Anonymität seitens der Mutter und das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft gegenüber.

Literatur bei der Verfasserin

Monika Bradna, Deutsches Jugendinstitut, Abteilung Familie und Familienpolitik, Nockherstr. 2, 81541 München, E-Mail: bradna@dji.de


[1]Quelle: 85 impu!se,  4. Quartal,  Dez. 2014; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin.


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