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In Zeiten knapper Kassen bereitet die KBV ein breites Bündnis vor

KBV präsentiert Arbeitsentwurf zu einem „Vertrag zur Versorgung von Patienten mit neurologischen und psychischen Erkrankungen“


KBV präsentiert Arbeitsentwurf zu einem „Vertrag zur Versorgung von Patienten mit neurologischen und psychischen Erkrankungen“

Gibt es immer mehr psychisch Kranke? Diese Frage wird von der Forschung aktuell negativ beantwortet. Psychische Störungen würden nicht mehr, berichten die Forscher, sie werden von Ärzten nur häufiger erkannt und diagnostiziert. Auch die Patientinnen und Patienten sind offener geworden für psychiatrische Diagnosen. Depressionen, Ängste und ADHS werden mehr und mehr zum selbstverständlichen Teil der Selbstbeschreibung.

Mehr Diagnostizierte bedeuten mehr Versorgungsbedarf. In den Vereinigten Staaten wurden bereits im Jahr 1981 23% aller Krankenhaustage durch psychische Erkrankungen verursacht. Die Rechnung für Psychopharmaka wächst stetig. Wurden - ebenfalls in den USA - für Antidepressiva und Antipsychotika 1986 noch 500 Millionen Dollar ausgegeben, sind es 2004 schon 20 Milliarden. Kein Wunder, dass auch im deutschen Gesundheitssystem angesichts solcher Kostensteigerungen die Alarmglocken läuten. Was nämlich ebenfalls nicht mehr geworden ist, ist das Geld, das für Behandlung und Folgekosten psychischer Störungen ausgegeben werden soll.

Doch wie soll man angesichts steigenden Bedarfs vorgehen, wenn man den Betroffenen nicht Behandlung und eventuell notwendige Betreuung verweigern will? Und zugleich das aktuelle bestehende Versorgungssystem nicht von Grund auf verändern will? Man muss das bestehende System besser machen. Entsprechend heißt es im jetzt von der KBV vorgelegten Vertragsentwurf:

„Kern des Versorgungsauftrages ist die kooperative und vernetzte Versorgung der an der Behandlung beteiligten Patienten und Therapeuten. Ziel dieser kooperativen Versorgung ist, dass […] Diagnostik und Therapie entsprechend geltender Leitlinien erfolgen und dass dadurch eine optimale Versorgung ermöglicht wird.“  (S. 4).

Doppeldiagnosen, Mehrfachbehandlungen und Chronifizierung durch Wartezeiten sollen verhindert werden, indem das bestehende System optimiert wird. Der Wille zur Effizienz ist dem jetzt vorgelegten Arbeitsentwurfs zu einem „Vertrag zur Versorgung von Patienten mit neurologischen und psychischen Erkrankungen“ deswegen in beinahe jeder Zeile anzumerken. Es sollen die „geltenden Leitlinien“ (s.o.) nicht geändert werden. Sie sollen nur durch bessere Vernetzung - und so kann man annehmen: gegenseitige Kontrolle - besser umgesetzt werden. „Vermeidung bzw. Reduktion stationärer Einweisungen“ und „Reduzierung von Arbeitsunfähigkeitszeiten“ werden als explizite Ziele im Vertrag genannt. Erreicht werden soll das durch bessere Kommunikation unter den schon aktuell an der Versorgung teilnehmenden Ärzten, Fachärzten und Psychotherapeuten.

Was bedeutet das für Psychologische
PsychotherapeutInnen?

Wer schon länger den Wunsch verspürt hat, in Qualitätszirkeln mit den ärztlichen Kollegen zusammenzusitzen, häufigere Absprachen schätzt und als Teil eines Behandler-Teams arbeiten möchte, kann überlegen dem Vertrag beizutreten. Er verpflichtet sich zugleich auf fachärztliche Überweisung hin innerhalb von 10 Tagen tätig zu werden. Behandlungsdokumentation über die KV-Plattform eDoku und die Teilnahme an Qualitätssicherungsmaßnahmen sind ebenfalls Pflicht.

Wer dagegen heute schon Schwierigkeiten beim Bericht an den Hausarzt hat, braucht sich jedoch nicht zu grämen. Die Teilnahme am Versorgungsvertrag ist freiwillig. Dafür locken finanzielle Anreize: die Vergütung soll extrabudgetär außerhalb des EBMs erfolgen. Mit welchen konkreten Zahlen das verbunden ist, ist allerdings noch nicht bekannt.

Was bedeutet das für die PatientInnen?

Der Versorgungsvertrag soll insbesondere die Situation der schwer Erkrankten verbessern. Sie sollen schneller und von mehreren Spezialisten zugleich behandelt werden. Dies gilt allerdings nur für eine eingegrenzte Patientengruppe. Psychotisch und schwer depressiv diagnostizierte Menschen sollen an der sog. „koordinativ-fachärztlichen Versorgung“ teilnehmen können sowie auch solche, denen Erwerbsminderung, Arbeitsunfähigkeit von mehr als drei Monaten sowie häufige stationäre Einweisungen (mehr als drei in zwei Jahren) drohen.

Eine zweite Gruppe soll an der „kooperativ-konsiliarischen Versorgung“ teilnehmen. Hier liegen die Kriterien etwas niedriger: Schon ab einer Arbeitsunfähigkeit von mehr als drei Wochen ist man bspw. zur Teilnahme berechtigt sowie bei Selbst- und Fremdgefährdung, „Verschlechterungstendenz“ oder auch einer drohenden erstmaligen stationären Einweisung.

Die zungenbrecherische Unterscheidung zwischen kooperativen und koordinativen Versorgungsformen macht für den Patienten vor allem einen merklichen Unterschied: Wer in der Behandlung das Sagen hat und damit auch Hauptansprechpartner für alle anderen Behandler ist. Das ist auch für unsere Berufsgruppe nicht ganz unwichtig. Koordinative Versorgung kann nur von Fachärzten übernommen werden. Damit explizit nicht gemeint sind Ärztliche und Psychologische Psychotherapeuten. Diese sind nur für die leichteren (unter den schweren) Fällen als Ansprechpartner und Koordinator vorgesehen. Zwar kennt der Vertrag auch eine „koordinativ-psychotherapeutische Versorgung“, in der ein Psychotherapeut den Behandlungsplan aufstellt und abstimmt. Dies ist aber nur „aufgrund eines besonderen Versorgungsbedarfs“ (S. 7) vorgesehen. Die Autorität für „schwere Fälle“ liegt also nur in Ausnahmesituationen in unseren Händen.

Ob die bessere Vernetzung im Rahmen des jetzt vorgelegten Vertragsentwurfs also bedeutet, dass Psychologischen Psychotherapeuten sich bei den im selben Fachbereich tätigen ärztlichen Kollegen unterhaken dürfen oder in kollegialer Umarmung erdrückt werden, wird sich dann in der Praxis erweisen.

Thorsten Padberg, Berlin
Mitglied der Fachgruppe Niedergelassene DGVT-BV


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