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Meine Tochter ist kein Monster, ihre Mutter aber auch nicht[1]

Vortrag anlässlich des Workshops „Psychische Krankheit und Film“, AKP, von Janine Berg-Peer


Als Angehörige sehe ich Filme, in denen psychische Krankheiten eine Rolle spielen auch mit den Augen meiner Tochter und stelle mir vor, wie sehr sie sich von manchen Darstellungen verletzt fühlen muss. Ich stelle mir auch vor, wie die Umwelt von diesen unreflektierten bis falschen Darstellungen beeinflusst werden kann. Gleichzeitig überlege ich aber auch, ob psychisch Kranke in Filme nur „echt“ oder auch „spektakulär“ dargestellt werden? Muss Kunst oder auch Unterhaltung politisch korrekt sein? Haben Filme einen pädagogischen Auftrag? Ich selbst fand etwa „Das Schweigen der Lämmer“ wunderbar, in dem Hannibal Lecter auch „irgendwie verrückt“ war. Ich weiß nicht, ob Hannibal Lecter oder Norman Bates unsere Vorstellungen über psychisch Kranke beeinflusst hat. Vielleicht werden Filme, die sehr weit weg von der Realität sind, auch nur als das wahrgenommen, was sie sind: spannende und gut gemachte Unterhaltung? Vielleicht ist es eher so, dass Filme, in denen psychische Krankheiten in den normalen Alltag von Familien integriert dargestellt werden, viel stärker wirken, sozusagen subukutan. In diesem Kontext muss auch die Darstellung der Eltern bzw. vor allem der Mutter in solchen Filmen gesehen werden. Nicht nur psychisch Kranke, auch ihre Mütter werden in vielen Filmen als Monster dargestellt, die – wie es der Film nachdrücklich in Bilder fasst, die Erkrankung des Kindes verursacht haben. 

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um noch weitere Aspekte anzusprechen, die mit zu einem falschen oder negativen Bild von psychisch Kranken und der Psychiatrie beitragen können.

1.    Hierarchie psychischer Krankheiten

Es heißt, dass psychische Störungen inzwischen entspannter in Filmen vorkommen, dass z.B. nicht nur die Täter, sondern auch die Kommissare ein paar Macken haben dürfen. Das klingt so, als ob psychische Krankheiten im Film inzwischen eine gewisse Normalität haben. Aber ich bin skeptisch, ob das bereits schon ein Durchbruch ist: Vor allem, weil das nicht alle Krankheiten in gleicher Weise betrifft. Es gibt eine Hierarchie von psychischen Krankheiten – im Leben wie im Film. Wie neulich eine bipolare Autorin sagte „Depression ist ok, vor allem nach Enke. Bipolar ist schon gar nicht mehr ok, geht aber noch.“ Und OCD[2], also eine Zwangsstörung ist auch ok, wir gehen doch auch manchmal wieder nachhause, um zu prüfen, ob die Herdplatte abgeschaltet ist. Und Monk[3] ist einfach süß mit seinen kleinen Eigentümlichkeiten. Aber Schizophrenie befindet sich auf der untersten Skala der Hierarchie. Schizophrene sind unheimlich, gefährlich, unberechenbar und einfach nicht sympathisch im Film. Ich glaube kaum, dass wir demnächst eine hübsche junge Tatort-Kommissarin sehen werden, die sich plötzlich ihren Kollegen gegenüber misstrauisch oder verbal aggressiv verhält, Stimmen hört und ab und zu mit einer Psychose ins Krankenhaus muss. Die Schizophrenie hat – auch im Film - ein deutliches Imageproblem.

Außerdem wird Schizophrenie im Film immer mit Gefährlichkeit assoziiert: Selbst ein  großartiger Film wie „A Beautiful Mind“, in dem psychotisches Verhalten nicht stigmatisierend dargestellt wird, kommt nicht ohne den Aspekt der Gefährlichkeit aus. Russell Crowe ist sympathisch und wir leiden mit ihm und mit seinen Angehörigen. Diesem Film verdanken wir übrigens die beste Szene, die das Verhältnis zwischen Angehörigen und Psychiatern beschreibt. Nash fragt seine Frau, die eingewilligt hat, ihn zuhause zu behalten, was denn der Arzt gesagt habe. „Er hat gesagt, dass ich ihn anrufen soll, wenn Du versuchst, mich umzubringen“, sagt die hinreißende Jennifer Connelly. Das ist auch in der Realität oft die einzige Unterstützung, die wir Angehörigen bekommen. Aber auch hier haben wir es wieder: die Ehefrau umzubringen ist nicht ganz ausgeschlossen, obwohl Nash in dem Film bislang keine Spur von Gewalttätigkeit zeigt.

2.    Überhöhung psychisch Kranker

Filme wie „A beautiful mind“ haben noch einen weiteren einen Nachteil: Nash war Nobelpreisträger, also ein Genie. Das ist eine Figur, in der psychisch Kranke, vor allem Schizophreniekranke, gern beschrieben werden. Das adelt sie. Es ist fast eine Auszeichnung, an dieser Krankheit zu leiden, weil sie nur hochbegabte und kreative Menschen trifft. Ich weiß nicht, ob wissenschaftlich belegt ist, wie viele Genies es unter den ca. 800000 bis 1 Mio. Schizophreniekranken in Deutschland gibt, aber es wird immer wieder akribisch aufgezählt, wie viele Künstler weltweit unter einer psychischen Krankheit gelitten haben. Tatsache ist, dass die Mehrzahl der Schizophreniekranken und sicher auch viele bipolar Erkrankte, unabhängig von ihrer Intelligenz, ihrer Kreativität oder gar Genialität niemals dazu kommen, diese Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Weil die Krankheit sie phasenweise unfähig macht, sich zu konzentrieren, ihre Gedanken stringent zu äußern, lange genug an einem Thema zu arbeiten oder sie nicht über genug Selbstbewusstsein verfügen. Diese gut gemeinte Betonung der Genialität von psychisch Kranken setzt viele von ihnen unter großen Stress. Das ist mir auch von Betroffenen bestätigt worden. Es kann belastend sein, wenn man – eigentlich – besonders begabt ist, aber tatsächlich die größte Mühe hat, selbständig seinen Lebensunterhalt zu verdienen, in einer Wohnung zu leben oder sich in auch nur stundenweise in einen Arbeitsalltag zu integrieren.

Weder eine Dämonisierung noch eine Überhöhung von psychisch Kranken wird ihnen gerecht wird oder ihnen gut tut. Psychisch Kranke sind ganz normale Menschen, die besonders krisenanfällig sind. Manche öfter, manche haben das Glück, dass sie lange symptomfreie Phasen kennen. Zeigen Sie doch einmal, wie der Alltag eines psychisch Kranken aussehen kann, wie hart das für ihn ist, wie sehr er darum kämpft, sein Leben immer wieder zurück zu bekommen und wie es trotz aller Compliance immer wieder zu neuen manischen oder psychotischen Phasen kommen kann. Aber zeigen Sie auch, dass es auch lange Phasen geben kann, in denen er ohne Krise ein gutes Leben führen kann.

3.    Wir Monstermütter

Nun mein größtes Anliegen: Die Mütter der Verrückten! Es hat Tradition, die Mütter als die eigentlichen Verursacherinnen einer psychischen Störung darzustellen. Und diese Tradition wird heute weitergeführt.

Ich möchte ein paar bekannte Filme erwähnen: Ich weiß nicht, ob Hannibal Lecters Mutter ihn schlecht behandelt hat. Aber wenn wir uns Psycho (1960) ansehen: wer hat Norman Bates zu dem Monster gemacht, als das sich dieser sympathische Junge erweist? Seine Mutter! Wie sie ihn in dem dunklen Haus mit den erleuchteten Fenstern ankreischt, ihm die kleine Freude verwehren will, sich von eine hübschen jungen Frau angezogen zu fühlen! „Sie war eine sehr klammernde und fordernde Frau!“, sagt der Psychiater am Ende des Films vor Gericht in einer großartigen Szene. Das überzeugt, wir wissen Bescheid.

Ein weiterer Film, der viele der Generation 68 und damit auch viele Psychiater und Therapeuten geprägt hat: Family Life von Ken Loach (1971). Eine junge Frau wird zur Abtreibung gezwungen und erleidet eine Psychose. Gezeigt wird ein Family Life, so, wie man sich das vorstellt: Enge Dreizimmerwohnung, spießige und grausame Eltern, denen vor allem die Meinung der anderen wichtig ist. Es folgen Einkerkerung in die Psychiatrie und Folterung durch Elektroschocks. Die Eltern schwanken zwischen verbalen Bekundungen ihrer Zuneigung „Alles nur zu deinem Besten, wir lieben dich doch“ und der tatsächlich gezeigten Abneigung und Strenge. Der typische „double bind“, das widersprüchliche elterliche Verhalten, aus dem, einer veralteten Schule zufolge, Schizophrenie entsteht. Alles überholt? 2012 (!) auf der Woche der seelischen Gesundheit in Berlin wird der Film von einem Hochschullehrer und Psychotherapeut als Anschauungsmaterial gezeigt mit der expliziten Betonung, dass es natürlich die schizophrenogene Mutter gebe. Dieser Film wirkt, das weiß ich. Ich war damals auch überzeugt davon, dass Eltern uns verrückt machen können und ich wusste ab da, dass die Psychiatrie eine Folterinstitution ist.

Nicht nur psychisch Kranke und ihre Mütter sondern auch die Psychiatrie wird im Film oft verzerrt dargestellt. Man braucht nur an „Einer flog übers Kuckucksnest“ (1975) zu denken. Der wirkt bis heute nach. Da kommen allerdings die Betroffenen gut weg, Mütter gar nicht vor, nur die Psychiatrie wird dämonisiert. In „Girl interrupted – Durchgeknallt!“ mit Angelina Jolie und Wynona Ryder (1999) sehen wir wieder diese furchtbare Mutter, die ihre Tochter nicht versteht und sie dann auch noch in die Psychiatrie sperrt.

Ist heute alles differenzierter? Ich bin skeptisch. Es gibt sie immer noch, diese Filme. Die Filme sind nicht so gut wie bei Ken Loach, vielleicht auch subtiler, aber sie wirken. Vielleicht sind nicht die dämonisierenden oder dramatischen Darstellungen meinungsbildend, sondern Filme, in denen ein Milieu abgebildet wird, das etwas mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun hat.

Ich will zwei TV-Filme kurz herausgreifen, in denen mir auffiel, wie trotz guter Absicht wieder Meinung gemacht wurde, die – wie ich finde – weder Betroffenen, noch den Eltern gut tut. Vor einiger Zeit lief im Fernsehen ein Film zum Thema ADS. Der Film stellt den Konflikt der Eltern und die Vorurteile und Schuldzuweisungen von außen differenziert dar. Eine Tochter hat ADS, die Eltern versuchen alles, um dem Kind zu helfen und um nur keine Medikamente geben zu müssen. Kindern Medikamente geben! Unvorstellbar! Aber es klappt nicht, die ältere Schwester, die Ehe und die Finanzen der Eltern leiden. Soweit ist die Problematik im Film differenziert dargestellt. Schließlich „opfert“ sich die tapfere kleine Tochter und ist bereit, Tabletten zu schlucken, weil sie nicht will, dass die Familie zerstört wird. Man stelle sich vor: Alle wissen, dass diese Medikamente „furchtbar“ sind, und das arme kleine Mädchen muss sich opfern, nur weil die überforderten Eltern nicht in der Lage sind, ihrem Kind zu helfen! Ich frage mich natürlich, was im Kopf eines Drehbuchautors vorgeht, der sich so etwas überlegt. „Dann geben wir eben dieses Medikament!“ sagt zum Abschluss die erschöpfte Mutter und blickt tränenumflort und so verzweifelt in die Kamera, als ob sie gerade eingewilligt hätte, ihre Tochter in den Reaktor von Fukushima zu schicken. Tatsächlich aber hat sie sich dazu entschlossen, ihrer Tochter ein Medikament zu geben, dessen Wirksamkeit bekannt ist und das dem Kind viel Kummer erspart hätte.

Und noch ein Film: „Weiter als der Ozean“ von 2014. Hauptperson ist eine junge Psychotherapeutin für Jugendliche und Kinder. Der Film ist nett, die Psychotherapeutin süß, es gibt singende Wale und Liebe. Sie ist eine begnadete Therapeutin für Kinder, die noch nicht richtig psychisch krank sind, aber doch schon deutlich verhaltensgestört. Die Kinder fassen Vertrauen zu ihr und alles wäre wieder gut, wenn da nicht die Eltern wären! Diese Eltern! Die süße Therapeutin redet mit großer Geduld mit ihnen. Man bewundert ihre Gelassenheit. Was machen diese Eltern? Sie streiten untereinander, auch vor ihr, schreien ihre Kinder an, interessieren sich nicht für die Kinder, sind zu ehrgeizig oder nur mit ihrem eigenen Leben beschäftigt. Wir Zuschauer verstehen sofort, warum die Kinder verhaltensgestört sind und befürchten Schlimmeres. Dann beendet eines der Elternpaare die Therapie für ihren 10 jährigen Sohn - das bringe nichts, finden sie. Als dann der Junge einen herzzerreißenden Blick in Richtung Therapeutin schickt, während er von den Eltern aus dem Raum gezerrt wird, lässt uns diese Szene entsetzt zurück. Was um Gotteswillen, wird aus diesem amen kleinen Jungen bei diesen Monstereltern werden? Dieser Film wirkt. Gerade, weil es ein so netter Film in einem alltäglichen Umfeld ist. Er bestätigt Vorurteile. Wir kennen schwierige Kinder und wir kennen schwierige Eltern. Dieser Film zeigt genau, wie Verhaltensstörungen und dann vielleicht auch psychische Krankheiten entstehen: Durch Eltern, die Monster sind. Aber Eltern sind keine Monster. Nicht immer. Verhaltensstörungen oder psychische Krankheiten entstehen nicht nur durch „schreckliche“ Eltern. Würde eine differenziertere Darstellung im Film einer spannenden Handlung entgegenstehen? Könnte man nicht im Film differenzierter darstellen, dass es viele objektive Gründe – Beruf, Finanzen, schwierige Beziehungen – geben kann, die es Eltern sehr schwer machen, ihre Kinder so zu unterstützen, wie sie es eigentlich wollen? Das Mitleid mit den schwierigen Kindern ist oft spürbar, aber Mitgefühl für Eltern, die oft überfordert sind mit der Bewältigung ihres Lebens, wird selten sichtbar. Wie geht es den vielen Eltern, die im Kino oder vor dem Fernseher sitzen und diese Karikatur von sich selbst vorgeführt bekommen? Wie stark werden vorhandene Vorurteile und Missverständnisse über psychisch Kranke durch solche Filme lebendig gehalten?

Filme müssen sicher nicht immer politisch korrekt sein. Aber ich wünschte mir einen differenzierteren Umgang mit psychisch Kranken und ihren Eltern. Psychisch Kranken ist nicht geholfen, wenn den Eltern eine Schuld zugeschoben wird. Diese Eltern haben dann vielleicht Angst, sich Hilfe für ihr Kind oder auch für sich selbst zu suchen, weil sie Schuldzuweisungen befürchten. zu suchen. Und auch eine objektivere Darstellung der Psychiatrie würde ich mir wünschen: Eine Verteufelung der Psychiatrie und von Medikamenten hilft keinem Kranken: Sie kann dazu führen, dass Betroffene sich weigern, dort Hilfe zu holen und dass auch Eltern zögern, ihre Kinder dort hinzubringen. Natürlich können und müssen Missstände aufgezeigt werden, natürlich darf ein Film spannend sein. Aber muss es langweilig sein, wenn auch einmal gezeigt wird, wie sich eine Mutter für ihr psychisch krankes Kind engagiert und dass ihm in der Psychiatrie auch geholfen werden kann?

Janine Berg-Peer, Soziologin, Autorin und Coach

ApK – Angehörige psychisch Kranker e.V., Landesverband Berlin
BapK, Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker
Deutsche Repräsentantin EUFAMI – dem europäischen Dachverband der Angehörigenverbände
Autorin „Schizophrenie ist scheiße, Mama! „ Vom Leben mit meiner psychisch erkrankten Tochter, Fischer Verlag 2013
Email: info@janinebergpeer.de


[1]Quelle: soziale psychiatrie 147, 39. Jg./Heft 1; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin.

[2] OCD = Obsessive compulsive disorder

[3] Detektiv aus der gleichnamigen TV-Krimiserie


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