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»Das Vaterland nicht im Stich lassen ...« Rosa Luxemburgs Antikriegspolitik[1][2]


von Frigga Haug

Manche historische Gestalten sind dermaßen umwoben von Mythen, dass kaum jemand sich mehr die Mühe macht, das Dickicht zu durchdringen. So geht es Rosa Luxemburg, der von den meisten Menschen gekannten Unbekannten. Die Legenden wissen sie als blutig und Gewalt verherrlichende Politikerin[3], als friedfertig und Freundin von Blumen und Tieren, als Märtyrerin und Revolutionärin. Letzteres, was sie am meisten war, verliert sich im Dunkel der Verehrung.

In den vielfältigen Kriegsszenarien dieses Gedenkjahres 2014 ist es nützlich, Luxemburg noch einmal zu lesen, um von der Art ihrer historisch-kritischen Analyse für die Geschichtsschreibung um den Ersten Weltkrieg zu lernen und vor allem für das Begreifen der Vorgänge 100 Jahre später. Was in diesem Beitrag am meisten interessiert, ist ihre unablässige Arbeit gegen den Krieg, die Weise ihres politischen Eingreifens. Dies ist nicht die Historikerfrage nach der Schuld am Krieg und auch nicht die simple, als Meinungserkundung gestellte, ob sie für oder gegen den Krieg war. Uns bewegt mit Luxemburg das Problem der Hegemoniegewinnung. Sie fragt, wie es gelingen konnte, eine internationalistische starke Arbeiterpartei, die bewusst für den Frieden eintrat, in eine kriegsbefürwortende Handlangerin des internationalen Kapitals zu verwandeln und entsprechend das Volk in Kriegsbegeisterung zu versetzen. Sie fragt in praktischer Absicht: nämlich in die Vergangenheit, was versäumt oder falsch gemacht wurde, um aus Fehlern zu lernen, nach vorn, was in dieser Lage zu tun, wie also zukünftig Politik zu machen sei. Dies macht ihre Analyse unentbehrlich und aktuell.

Triebkräfte

Ihrer zentralen Schrift zum Krieg gibt sie den erstaunlichen Titel »Die Krise der Sozial­demokratie«. Ihre Analyse gilt zum einen den Kräfteverhältnissen, den Interessen im Kampf um Kolonien und zeigt so mit klaren Argumenten die interna­tionalen Kapitale und die Rolle Deutschlands, zum anderen gilt sie der Herausarbeitung der Widersprüche, in die imperialistische Gelüste die Großmächte verstrickten, bis der Krieg zur einzigen Lösung wurde. »Der kapitalistische Aufschwung, der nach der Kriegsperiode der sechziger und siebziger Jahre in dem neukonstituierten Europa Platz gegriffen und der namentlich nach Überwindung der langen Depression, die dem Gründerfieber und dem Krach des Jahres 1873 gefolgt war, in der Hochkonjunktur der neunziger Jahre einen nie dagewesenen Höhepunkt erreicht hatte, eröffnete bekanntlich eine neue Sturm-und-Drangperiode der europäischen Staaten: ihre Expansion um die Wette nach den nichtkapitalistischen Ländern und Zonen der Welt […], ein energischer Drang nach Kolonialeroberungen.« (1916, GW 4, 76f) Sie nennt England – Ägypten, Südafrika; Frankreich – Tunis, Tonking; Italien – Abessinien; Russland – Zentralasien und die Mandschurei; Deutschland – Afrika und die Südsee; die Vereinigten Staaten – die Philippinen (77), denn alle diese »Vorgänge schufen neue außereuropäische Gegensätze« (77). Kurz, was sich für die Sozialdemokratie entschlüsseln ließ, war ein hin- und herwogendes Meer von Gegensätzen und Allianzen, ein heimlicher Krieg aller kapitalistischen Staaten gegen alle, und »dass der europäische Weltkrieg zur Entladung kommen würde, sobald die partiellen und abwechselnden Gegensätze zwischen den imperialistischen Staaten eine Zentralisa­tionsachse, einen überwiegenden starken Gegensatz finden würden, um den sie sich zeitweilig gruppieren können. Diese Lage wurde geschaffen mit dem Auftreten des deutschen Imperialismus« (78).

Von aktuellem Interesse ist, wie Luxemburg die kapitalistische Entwicklung denkt – nicht ökonomistisch, deterministisch und unilinear, wie man ihr unterstellt, sondern als eine Art Überdeterminierung: »Auf Schritt und Tritt gibt es zwei historische Notwendigkeiten, die zueinander in Widerstreit geraten« (160), eine Akkumulation von Gegensätzen und Widersprüchen, die gleich einer Ladung Dynamit auf ein neues Gleichgewicht drängen durch Krieg. Sie zeigt die Anordnung, das Hin und Her von Aggression und Annexion und benennt die einzelnen Faktoren im Kräfteverhältnis, so auch »den schwächsten, jeder Opposition unfähigen Parlamentarismus, dazu alle bürgerlichen Schichten in schroffstem Gegensatz zur Arbeiterklasse zusammengeschlossen und hinter der Regierung verschanzt« (78).

Ihre Charakterisierung des Finanzkapitals ist hellsichtig: Es sei »zu einer geschlossenen Macht von größter, stets gespannter Energie zusammengepresst, zu einer Macht, die, gebieterisch schaltend und waltend in Industrie, Handel und Kredit des Landes, gleich ausschlaggebend in Privat- wie in Staatswirtschaft, schrankenlos und sprunghaft ausdehnungsfähig, immer nach Profit und Betätigung hungernd, unpersönlich, daher großzügig, wagemutig und rücksichtslos, international von Hause aus, ihrer ganzen Anlage nach auf die Weltbühne als den Schauplatz ihrer Taten zugeschnitten« ist (78).

Parteipolitik

Luxemburgs kraftvolle Worte zum Weltkrieg sind Schulbeispiele für eine klare Analyse und Standpunktlogik bei gleichzeitig literarischer Darstellung. Unerbittlich prangert sie die Täter an, nennt die Opfer, zu denen die Kulturen ganzer Völker gehören. Aber vor allem geht es um die Politik der Partei (der Sozialdemokratie) und um das Volk. Die bei Marx aufgespürte Konstellation, die die Krise als Möglichkeit von Entwicklung zu fassen erlaubt, wird von Luxemburg aufgenommen und weitergeführt. Die Sätze aus dem Kommunistischen Manifest sind so bekannt, dass sie vorausgesetzt werden könnten, um sie in Luxemburgs Paraphrasen wiederzuerkennen. Für die Nachwachsenden zur Überprüfung sei ein Passus gleichwohl erinnert im Wortlaut. »Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.« (MEW 4, 465) Luxemburg benutzt sprachliche Elemente aus dem Manifest immer wieder zur eindringlichen Darstellung der Kriegskatastrophe, und sie nimmt sie zur Kennzeichnung der Sozialdemokratie, die darum zugleich verurteilt ist als auch zur Erneuerung aufgerufen. So heißt es etwa in dem kleinen Text Trümmer (1914): »Aber jeder Krieg vernichtet nicht bloß leibliche Güter, nicht bloß materielle Kulturwerte. Er ist zugleich ein respektloser Stürmer gegen hergebrachte Begriffe. Alte Heiligtümer, verehrte Einrichtungen, gläubig nachgesprochene Formeln werden von seinem eisernen Besen auf denselben Schutthaufen geworfen, auf dem die Reste zerschossener Kanonen, Gewehre, Tornister und sonstiger Kriegsabfall lagern.« (GW 4, 10) In den heftigen Eingangspassagen zur Krise der Sozialdemokratie malt sie mit den nämlichen Worten aus dem Manifest das Bild der bürgerlichen Gesellschaft: »Das Geschäft gedeiht auf Trümmern. Städte werden zu Schutthaufen, Dörfer zu Friedhöfen, Länder zu Wüsteneien, Bevölkerungen zu Bettlerhaufen, Kirchen zu Pferdeställen; Völkerrecht, Staatsverträge, Bündnisse, heiligste Worte, höchste Autoritäten in Fetzen zerrissen; jeder Souverän von Gottes Gnaden den Vetter von der Gegenseite als Trottel und wortbrüchigen Wicht, jeder Diplomat den Kollegen von der anderen Partei als abgefeimten Schurken, jede Regierung die andere als das Verhängnis des eigenen Volkes der allgemeinen Verachtung preisgebend; und Hungertumulte […] und Pest […] und Elend und Verzweiflung überall.« (52f) Aber nicht dieser »Hexensabbat« gilt ihr als die eigentliche »weltgeschichtliche ­Katastrophe«, sondern die »Kapitulation der internationalen Sozialdemokratie« in dieser Anarchie (53). »Und was erlebten wir in Deutschland, als die große historische Probe kam? Den tiefsten Fall, den gewaltigsten Zusammenbruch. Nirgends ist die Organisation des Proletariats so gänzlich in den Dienst des Imperialismus gespannt, nirgends wird der Belagerungszustand so widerstandslos ertragen, nirgends die Presse so geknebelt, die öffentliche Meinung so erwürgt, der wirtschaftliche und politische Klassenkampf der Arbeiterklasse so gänzlich preisgegeben wie in Deutschland. Aber die deutsche Sozialdemokratie war nicht bloß der stärkste Vortrupp, sie war das denkende Hirn der Internationale.« (55) Die verzweifelte Empörung über die Rolle der Sozialdemokratie bei der Bewilligung der Kriegskredite gilt vor allem dem Umstand, dass durch solche Selbstaufgabe der Partei die steuerlosen Massen in die Arme des imperialistischen Krieges geworfen werden, als eine Tat, die mit einem Schlag der Hoffnung auf die Vereinigung der Proletarier aller Länder vorerst ein Ende setzte. Der Krieg sei »Selbstmord der europäischen Arbeiterklasse« (163). »Noch ein solcher Weltkrieg, und die Aussichten des Sozia­lismus sind unter den von der imperialistischen Barbarei aufgetürmten Trümmern begraben.« (Ebd.) Die Trümmer sind die große Zahl der vernichteten, ausgerotteten, zerstampften Produktionsweisen, Völker, Kulturen, »um an ihre Stelle die Profitmacherei in modernster Form zu setzen« (160); die Trümmer sind auch Ergebnis des Massenmords an einem Proletariat, welches geschult und aktionsfähig war (162).

Die Verzweiflung füllt die Zeilen mit heftigen Worten über Schande und Schmach der Sozialdemokratie, des »Turmwächters« (152) der Internationale, ihren Verrat, ihr »jämmerliches, beispielloses Versagen« (147). Sie entziffert das Ja der Sozialdemokraten in seiner ethisch-politischen Wirkung und begreift es als eine öffentliche Verkündung sozialdemokratischer Politik im sich herausbildenden Weltkapitalismus. Darin ist es: Preisgabe der Opposition, der grundsätzlichen Kritik und Einstellung des Klassenkampfes. Die Worte, die sie dafür findet, sind: Katastrophe, Versagen, Niederlage, Verrat, Barbarei, Ende, Pflichtvergessenheit, Disziplinbruch.

Verzicht auf Klassenkampf

In dieser Weise werde unter der Parole der »Unabhängigkeit und Freiheit der Nationen« die wechselseitige Ausrottung der Proletarier (64) betrieben. Indem die Führung der Sozialdemokratie solcherart beschlossen hat, das »Vaterland« zu verteidigen, und der herrschenden Klasse versprach, für die Zeit des Krieges auf jeden Klassenkampf zu verzichten, den »Burgfrieden« zu wahren, verlängerte sie den Krieg, das wechselseitige Morden, begann sie den Kampf gegen die revolutionären Russen und bereitete in dieser Form dem internationalen Proletariat Niederlage auf Niederlage. Mit der Leugnung des Klassenkampfes am vierten August gab sich die sozialistische Partei »selbst den Laufpass als aktive politische Partei«, als »Vertreterin der Arbeiterpolitik« (126). »Die Sozialdemokratie hat – dank ihren Führern – nicht eine falsche Politik, sondern überhaupt gar keine eingeschlagen, sie hat sich als besondere Klassenpartei mit eigener Weltauffassung völlig ausgeschaltet« (147f).

Weil die arbeitende Klasse die sozialdemokratische Partei zu ihrer Führung hervorgebracht hat, bedeutet die Preisgabe des Klassenkampfes die Selbstaufgabe der Partei. Und umgekehrt sind diese Fehler der Partei Vernichtung der Arbeiterklasse im wörtlichen Sinn. Entgegen der späteren Auffassung, Luxemburgs vielfache Äußerungen über das Lernen der Arbeiterklasse aus Niederlagen könnten geradezu ein Lob der Niederlagen als Lob des Lernens darstellen, heißt es bei ihr: »Aber das heutige Wüten der imperialistischen Bestialität in den Fluren Europas hat noch eine Wirkung […]: Das ist der Massenuntergang des europäischen Proletariats. […] Es sind die besten, intelligentesten, geschultesten Kräfte des internationalen Sozialismus […], die jetzt zuhauf niedergeknebelt, niedergemetzelt werden.« (162)

Luxemburg fragt, inwieweit auch die Bourgeoisie den Klassenkampf für die Zeit des Krieges einstellte, auf Ausbeutung, gar auf Eigentum verzichtete. Es ist von vornherein klar, dass dies eine rein rhetorische Frage ist, jedoch wird man zugleich überführt, dass selbst der Vorgang, solche Umkehrung für ganz und gar unsinnig, ja für Kabarett zu halten, ein Einverständnis mit der kapitalistischen Logik, einen vorweg eilenden Gehorsam zeigt: »Haben etwa Privateigentum, kapitalistische Ausbeutung, Klassenherrschaft aufgehört? Haben etwa die Besitzenden in der Aufwallung des Patriotismus erklärt: Jetzt, angesichts des Krieges, geben wir für seine Dauer die Produktionsmittel, Grund und Boden, Fabriken, Werke, in den Besitz der Allgemeinheit, verzichten auf die alleinige Nutznießung der Güter, schaffen alle politischen Privilegien ab und opfern sie auf dem Altar des Vaterlandes, solange es in Gefahr ist?« (124)

Gerade weil das Verlangen nach Zweiseitigkeit des »Burgfriedens« als unmöglich überführt wird, kann jetzt als Lehre gezogen werden: Für die Bourgeoisie war der gesamte Krieg von vornherein ohnehin keiner für Nation und Vaterland, sondern es ging um die Aufteilung der Welt unter den Imperialmächten, die wiederum in wechselseitiger Verschränkung und Abhängigkeit agierten. Luxemburg untersucht den »Reifegrad in der Weltentwicklung des Kapitals, […] ein unteilbares Ganzes, das nur in allen seinen Wechselbeziehungen erkennbar ist und dem sich kein einzelner Staat zu entziehen vermag« (137). Für jedes der aktiv oder als Beute beteiligten Länder prüft sie diesen Prozess der Transformation in den Weltkapitalismus auf den je unterschiedlichen Stufen. Mal ist der Staat der »schiebende«, mal der »geschobene Teil« (98). Mal wird der Krieg auf friedlichem Weg durch Einführung von Kulturgütern und dabei Vernichtung der einheimischen Produktionsweise vorbereitet: »Die Kehrseite dieser großartigen ›friedlichen Kulturwerke‹ [gemeint sind Bagdadbahn, Trockenlegung von Seen und Bewässerung, finanziert durch öffentliche Verschuldung] ist der ›friedliche‹ und großartige Ruin des kleinasiatischen Bauerntums« (83); mal findet seit 1895 eine ununterbrochene Kette blutiger Kriege statt, die Luxemburg als Expansion des europäischen Kapitalismus in die nichtkapitalistischen Länder der Welt charakterisiert.

Luxemburg unterstreicht: Die Partei kann, da sie selbst ein Produkt des Klassenkampfes ist, diesen nicht einfach abstellen. Der Kapitalismus ist keine Gruppierung von Parteien, die Bündnisse miteinander schließen und zu gemeinsamen Taten aufbrechen können, auch nicht zeitweilig (wie dies der gemeinsame Aufbruch aller Parteien in den imperialistischen Krieg suggeriert). Er ist eine Produktionsweise. Die Politik kann schieben oder geschoben werden, die kapitalistische Entwicklung beschleunigen oder verlangsamen, aber sie wird sie nicht aufhalten. Diese Produktionsweise rast über die Erde wie eine Epidemie; aber in sich trägt sie ihren eigenen Gegensatz – die zur Ausbeutung notwendige Arbeiterklasse –, wie sie im Weltmaßstab mit dem zweiten Gegensatz ringt – den anderen Produktionsweisen als dem für ihre Akkumulation notwendigen Hinterland. Die aus solcher Produktionsweise mit Klassenkampf geborene Partei kann die kapitalistische Produktionsweise nur insoweit mitregeln, als sie darin Lebensbedingungen aushandelt und die Rolle der Kritik übernimmt. Sie muss »Zielbewusstsein und Zusammenhang in die verschiedenen örtlichen und zeitlichen Fragmente des Klassenkampfes […] bringen« (124).

Parteipresse

Luxemburg führt in ihrer Kritik zunächst die Rolle der Parteipresse vor, die bis 1914 in klaren Worten über die Vorbereitung des Weltkriegs informierte, aber gleichsam über Nacht ihre Berichterstattung änderte. Ausführlich stellt sie die Arbeit der oppositio­nellen Presse und damit der sozialdemokratischen Führung vor, die ja »seit zehn Jahren« die Vorbereitung des Ersten Weltkriegs verfolgte und verurteilte; sie dokumentiert die Vielzahl der Losungen und Resolutionen, die auf den Treffen der Sozialistischen Internationale gefasst wurden. Sie alle zeigen, dass die deutschen Sozial­demokraten die Machtkämpfe der internationalen Bourgeoisie um die verschiedenen Weltteile und ihre Ausbeutung kannten und auch den aus diesem Wissen gefassten Entschluss, als Arbeiter den lange vorbereiteten Krieg nicht mitzumachen.

Luxemburg zitiert aus dem Handbuch für sozialdemokratische Wähler von 1911: »Wird nicht ein Schrei des Entsetzens […] die Völker erfassen und sie veranlassen, diesem Morden ein Ende zu machen?« (58) Sie dokumentiert unter vielen anderen die Resolution der Confédération Générale du Travail in Paris 1911: »Die deutschen, spanischen, englischen, holländischen und französischen Delegierten der Arbeiterorganisation erklären bereit zu sein, sich jeder Kriegserklärung mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu widersetzen. Jede vertretene Nation übernimmt die Verpflichtung, […] gegen alle verbrecherischen Umtriebe der herrschenden Klassen zu handeln.« (58f) Sie berichtet über die einvernehmliche Auffassung, Krieg sei ein kulturfeindliches Unternehmen (59); vom Widerstand aller sittlichen Kräfte; über das Neue in der Geschichte: die »Massen hören auf, willenlose, gedankenlose Herden zu sein« (60). Die reaktionären Unternehmungen waren für die deutsche Sozialdemokratie klar (88), denn »offen sprachen die […] Wortführer des deutschen Imperialismus« (91). Die Linien lassen sich bis wenige Tage vor dem Tag verfolgen, an dem die Sozialdemokratie all ihr Wissen vergaß und eben ganz ohne Notwendigkeit das Zeichen ihres Einverständnisses mit dem Krieg gab.

Luxemburg arbeitet in ihrer Kritik mit den im 21. Jh. als ganz modern, gar postmodern geltenden ›neuen‹ Methoden der diskurstheoretischen Medienanalyse. Dabei stellt sie den populistischen Diskurs der Bourgeoisie zur Stabilisierung ihrer Hegemonie heraus. Und genau dieser Diskurs war es, der von der sozialdemokratischen Führung und ihrer Presse bis 1914 kritisiert und dann schlagartig »über Nacht« begeistert übernommen wurde. Damit hat sie sich selbst der herrschenden Klasse »geknebelt […] vor die Füße« gelegt (126). Sie schlug sich die wichtigste Waffe aus der Hand: »die Kritik des Krieges vom besonderen Standpunkt der Arbeiterklasse« (ebd.).

Luxemburg führt im Einzelnen vor, wie die Sozialdemokraten in der Presse ihre Darstellungen radikal umkehrten. Sie verkauften den Arbeitern die Notwendigkeit des Krieges, indem sie die tatsächlichen imperialistischen Absichten der Kriegsparteien in moralisch positive Werte verwandelten. Sie beschworen ein Vaterland, das in Gefahr sei, die nationale Verteidigung werde notwendig, ein Volkskrieg um die eigene Existenz, Kultur und Freiheit müsse geführt werden. »Ein großer Teil unserer Parteipresse war sittlich entrüstet, dass von den Gegnern Deutschlands die ›Farbigen und Wilden‹, Neger, Sikhs, Maori, in den Krieg gehetzt wurden. Nun, diese Völker spielen im heutigen Kriege ungefähr dieselbe Rolle wie die sozialistischen Proletarier der europäischen Staaten. Und wenn die Maori von Neuseeland nach Reuter-Meldungen darauf brannten, sich für den englischen König die Schädel einzurennen, so zeigten sie just so viel Bewusstsein für die eigenen Interessen wie die deutsche sozialdemokratische Fraktion, welche die Erhaltung der Habsburgischen Monarchie, der Türkei und der Kassen der Deutschen Bank mit der Existenz, Freiheit und Kultur des deutschen Volkes verwechselte. Ein großer Unterschied […]: Die Maori trieben noch vor einer Generation Menschenfresserei und nicht marxistische Theorie.« (109)

Wiewohl für heutige, auf Rassismusverdacht hin postkolonial geschulte Ohren die Aussage über die ›menschenfressenden‹ Maori unkundig und auch eurozentrisch-verächtlich klingen muss, sollen jenseits solchen politischen Zweifels zwei Wendungen aufgehoben werden. Luxemburg überführt die »sittliche Empörung« der eigenen Genossen, die sich vor die Unterdrückten anderer Völker stellen, weil sie in fremdem Interesse handeln müssen, direkt in eine Lehre über das internationale und damit auch das nationale Proletariat im eigenen Land, das von den selben Genossen ungerührt in den Krieg gehetzt wird, wo es für fremde Interessen sterben und morden soll. Das Empörungsgefühl wird positiv aufgenommen, gedreht und erweitert. Komplizierter noch aber ist die Nennung »marxistischer Theorie« in diesem Kontext. Es hört sich spontan naiv an und überheblich zugleich. Marxistische Theorie taucht auf als Werkzeug, das andere (noch) nicht besitzen, die daher, im Unterschied zur Sozialdemokratie und zur geschulten Arbeiterklasse, irren können.

Diese Auffassung, dass Erkenntnis und Begreifen des Kapitalismus und seiner Bewegungsgesetze Grundlage sozialistischer Arbeiterpolitik und Voraussetzung für den Internationalismus der Arbeiterklasse ist, bestimmt Luxemburgs gesamtes Wirken in der Sozialdemokratie. Als sie den Satz über die Maori schreibt, weiß sie schon, dass keine marxistische Theorie die eigene geschulte Arbeiterklasse und schon gar nicht die Partei und ihren Vorstand davor bewahrte, in abergläubische, vorwissenschaftliche, nationalistische Auffassungen zurückzufallen. Was ihre Worte für uns schwer lesbar macht, ist wohl, dass unsere eigene Arbeit, Sinn und Wirkung unseres Tuns als linke Intellektuelle, damit genauso als unwirksam und daher vergeblich verurteilt ist. Luxemburg beschwört also, was ebenso unsere Lebenshoffnung ist, dass Erkennen und Begreifen zu vermitteln nicht vergeblich sei. Selbst in dieser Lage arbeitet Luxemburg intensiv an Bewusstsein und politischer Wahrnehmung, also an Hegemonie, und gibt in diesem Kontext einen kurzen Lehrgang aus der »geschichtlichen Erfahrung von bald 70 Jahren« nach der Märzrevolution (113). Der gesamte Text mit historischen Ausführungen zu den einzelnen Kriegen und Diplomatien, der jeweiligen Propaganda, den Interessen der beteiligten imperialistischen Mächte und ihrer Gegensätze bis hin zur Notwendigkeit kriegerischer Lösung behält auch als Schulungsmaterial bleibenden Wert.

Erinnern wir an die These zur »revolutionären Realpolitik«, mit der sie die Bedeutung marxistischer Theorie als klaren Bruch mit bisheriger Politik, selbst wenn diese sozialistisch war oder sein wollte, bestimmt: »Es gab vor Marx eine von Arbeitern geführte bürgerliche Politik, und es gab revolutionären Sozialismus. Es gibt erst seit Marx und durch Marx sozialistische Arbeiterpolitik, die zugleich und im vollsten Sinne beider Worte revolutionäre Realpolitik ist.« (GW 1/2, 373) Für Luxemburg ist klar, dass eine von grundlegender Theorie geleitete Politik einer gewichtigen Presse bedarf, um die wissenschaftliche Durchdringung dessen, was ist, populär zu machen, d.h. für das Volk verständlich zu verbreiten. Sie zeigt auf, dass die sozialdemokratische Presse dies nach Ausbruch des Weltkriegs nicht nur versäumt hat, sondern im Grunde energisch daran arbeitet, einen patriotischen Taumel der Massen zu erzeugen: »[Sie] erhob laut das Prinzip der nationalen Einigkeit zum Lebensinteresse des deutschen Volkes« (GW 4, 122). »[Sie schuf] mit ihrer patriotischen Hetze in Poesie und Prosa das entsprechende und notwendige geistige Narkotikum für ein Proletariat, das nur noch seine Existenz und Freiheit retten kann, indem es das tödliche Eisen in die Brust russischer, französischer und englischer Brüder stößt« (64); »[…] erfüllte die sozialdemokratische Presse die Luft mit jubelndem Lerchengesang über die Freiheit, die von ›deutschen Gewehrkolben‹ den armen Opfern des Zarismus gebracht werde« (112).

Luxemburg führt vor, wie die Partei in der Frauenfrage ganz in bürgerliche Muster zurückfällt und wie gerade dieses die Gesamtkraft und sozialistische Zielrichtung schwächt: »Die Leitung der sozialdemokratischen Frauenbewegung proklamierte die Vereinigung mit bürgerlichen Frauen zum gemeinsamen ›nationalen Frauendienst‹. [Statt die] wichtigste nach der Mobilmachung im Lande gebliebene Arbeitskraft der Partei […] zur sozialdemokratischen Agitation [zu nutzen], kommandierte [die Parteiführung sie] zu nationalen Samariterdiensten, wie Verteilung von Suppen, Erteilung von Rat usw.« (121). Die sozialdemokratische Presse (Hamburger Echo, 6.10.1914) »warnte die Proletarierinnen davor, ihren Männern im Felde von ihrer und ihrer Kinder Not, von der ungenügenden Versorgung durch den Staat zu berichten, und riet ihnen, auf die Krieger lieber durch Schilderungen holden Familienglücks ›und durch freundliche Darstellung der Hilfe, die bisher gewährt wurde, beruhigend und erhebend zu wirken‹ (122)«. Diskursanalytisch zeigt Luxemburg ein politisches Vorgehen der sozialdemokratischen Presse, wie es bis heute im Kriegsszenario um Syrien, Ukraine, Israel-Palästina allgemein für die bürgerliche Presse üblich ist – die Verschiebung von Interessen und sozialistischer Perspektive der Arbeitenden auf Werte, die nationalistische Dummheit erzeugen und die den Arbeitern selbst und der sie vertretenden Partei den Garaus machen: Sie bringen »Krieg mit ›Humanität‹, Morden mit Bruderliebe, Bewilligung von Mitteln zum Kriege mit sozialistischer Völkerverbrüderung« (64) zusammen, sodass der Krieg zur heiligen Volkssache und »demokratisch geadelt« wird (67). Da aber der Krieg nichts sei als methodisches Morden, sei dafür ein Rausch nötig, eine »Bestialität der Praxis […,] der Gedanken und der Gesinnung« (64).

So lieferte die Parteipresse ein geistiges Narkotikum für ein Proletariat durch eine Verkehrung und Umorientierung der ihm wichtigen Ziele. Ein Mittel dieser Inszenierung war ausgerechnet in diesem Moment des großen Vergessens eine letzte Erinnerung an Marx und Engels. Die deutschen Sozialdemokraten legitimierten den Feldzug gegen Russland mit den »Alten Meistern«, zitierten dafür deren Schriften gegen den Zarismus. Luxemburg zeigt die Indienstnahme dieser Analysen als groteske Verwechslung, da es bei den Klassikern um den Kampf für das unterdrückte Volk in Russland ging, zum Zeitpunkt des Ersten Weltkriegs dagegen um eine Mobilisierung gegen die Revolutionäre dort (109).

Luxemburg führt also vor, wie das Volk von der sozialdemokratischen Presse in Kriegstaumel versetzt wird. Im angeblichen Kampf um Kultur und Freiheit werde eine »Pogromstimmung« erzeugt: »Man glaubte, dass belgische Frauen deutschen Verwundeten die Augen ausstechen, dass die Kosaken Stearinkerzen fressen und Säuglinge an den Beinchen packen und in Stücke reißen«; dass sie darauf aus sind, »die deutsche Kultur zu vernichten« und den »Absolutismus einzuführen« (95).

 

Nation und Internationalismus

 

Die Überlegungen Luxemburgs spitzen sich zu auf Fragen nach der Möglichkeit von Internationalismus für das Proletariat und der Bedeutung des Nationalen. Wieder geht es ihr nicht einfach darum – das Nationale großzügig überspringend –, Internationalismus als Parole einfach zu behaupten. Sie zeigt vielmehr, dass dieser Krieg selbst kein nationaler war bzw. dass die beteiligte Bourgeoisie international konstituiert war. »Doch hindert die offenkundige Tatsache, dass jede der beiden konkurrierenden Kapitalgruppen in Marokko: sowohl die Mannesmann-Gruppe wie die Krupp-Schneider-Gesellschaft, ein ganz internationales Gemisch von deutschen, französischen und spanischen Unternehmern darstellte, im Ernst und mit einigem Erfolg von einer ›deutschen Interessensphäre‹ zu sprechen« (92). Umgekehrt bedeuteten die glänzenden Geschäfte etwa von Krupp und Deutscher Bank, die als nationales Interesse verkündet waren, keineswegs für die Proletarier das »Vaterland«. Aber: »Die Legende gehört so gut zum Kriegführen wie Pulver und Blei. Das Spiel ist alt. Neu ist nur, dass eine sozialdemokratische Partei an diesem Spiel teilgenommen hat.« (74)

Was die Parlamentarier als »tragischen Konflikt« abbilden, der sie in den imperialistischen Krieg fallen lasse, nennt sie eine »reine Einbildung, bürgerlich-nationalistische Fiktion« (148). Luxemburg arbeitet mit dem Begriff »Nation«, indem sie ihn an dem verkündeten Anspruch misst, »frei« und »selbstbestimmt« sein zu wollen. »Im sozialistischen Sinne dieses Begriffs gibt es keine freie Nation, wenn ihre staatliche Existenz auf der Versklavung anderer Völker beruht« (135f). »Und es liegt ein wahrhaft teuflischer Witz der Geschichte darin, dass Sozialdemokraten, die Erben der deutschen Patrioten von 1848, in diesen Krieg ziehen – das Banner des ›Selbstbestimmungsrechts der Nationen‹ in der Hand! Oder ist etwa die Dritte Republik mit den Kolonialbesitzungen in vier und mit Kolonialgräueln in zwei Weltteilen ein Ausdruck der ›Selbstbestimmung‹ der französischen Nation?« (135)

Luxemburg historisiert die Begriffe und weist ihre Geltung einem bestimmten Kontext zu. Diesen nennt sie »das historische Milieu«: »und dieses Milieu macht es, dass heutzutage nationale Verteidigungskriege überhaupt nicht mehr möglich sind« (142). Sie bezieht sich hier auf Kautskys Überlegungen zum »Patriotismus« des Proletariats. »Unabhängigkeit und Selbständigkeit« seien nationale Interessen, die Bourgeoisie und Proletariat selbst bis in einen Krieg zusammenschließen könnten. Dies habe aber mit Erstarken des Proletariats ein Ende, weil jetzt die Bourgeoisie bei jeder nationalen Erschütterung fürchten müsse, dass am Ende eines Krieges eine Revolution drohe. Insofern stelle die Bourgeoisie, seit sie politisch mit dem Proletariat rechnen muss, ihre Klasseninteressen über die nationalen. Und das heiße, dass die Bourgeoisie keine nationalen Kriege mehr führt, sondern dass ihr Militarismus nur der Verfechtung des Profits gilt, »nicht der Sicherstellung der Unabhängigkeit und Unverletztheit des eigenen Volkstums, das niemand bedroht, sondern nur der Sicherstellung und Erweiterung der überseeischen Eroberungen, die bloß der Förderung des kapitalistischen Profits dienen« (Kautsky 1907, 23; zit. n. Luxemburg, GW 4, 143).

 

Partei und Führung

 

1910 schreibt Luxemburg (über Bebel als politischen Führer der deutschen Arbeiterklasse): »Die Sozialdemokratie ist nichts anderes als die Verkörperung des vom Bewusstsein über seine historischen Konsequenzen getragenen Klassenkampfes des modernen Proletariats. Ihr eigentlicher Führer ist in Wirklichkeit die Masse selbst, und zwar dies dialektisch in ihrem Entwicklungsprozess aufgefasst.« (GW 2, 280) Im Grunde denkt Luxemburg die Partei als Gruppe von Intellektuellen, die selbst in der Bewegung arbeiten, Analyse und Begreifen vorantreiben. Solche noch sehr ungefähre Bestimmung kommt in Schwierigkeiten mit der Parteiform. Die Auflösung der Grenzen zwischen Partei und Bewegung scheint die Form der Partei überflüssig zu machen. Aber die Partei bleibt bei Luxemburg notwendig, ist sie es doch, die beim täglichen Kampf um jeden Handbreit Boden, der für die Unteren errungen wird, Kritik als Schulung auf parlamentarischer Bühne publik macht. Die Partei müsse, sagt Luxemburg, »selbständige Klassenpolitik einschlagen, die in jeder großen Krise der bürgerlichen Gesellschaft die herrschenden Klassen vorwärtspeitscht, die Krise über sich selbst hinaustreibt, das ist die Rolle der Sozialdemokratie« (Krise, GW 4, 144).

Wenn Luxemburg die Aufgabe der Partei beschreibt, tauchen implizit wieder die Bewegungsintellektuellen auf, ohne die die Anrufung leere Phrase bleibt. Aufgabe der Partei nämlich ist die permanente wissenschaftliche Analyse dessen, was geschieht, ein anti-ideologischer Kampf, der das Proletariat schult und handlungsfähig macht, dies in internationalem Maßstab, wie auch das Kapital international agiert. Neben Barrikade und Parlamentarismus, schreibt sie schon 1898, ist ein spezifisch von der Sozialdemokratie geschaffenes drittes Kampfmittel entstanden, »die neue Potenz, der wir unsere bisherigen Erfolge verdanken und auf die wir in weiteren Kämpfen vor allem rechnen müssen – die Macht des Klassenbewusstseins des Proletariats« (GW 1/1, 253).

Und 1904 (in den Überlegungen zum Parlamentarismus) heißt es: »Besteht doch ihr [der Sozialdemokratie] eigentliches Wesen, ihr historischer Beruf gerade darin, dem Proletariat das klare Bewusstsein über die sozialen und politischen Triebfedern der bürgerlichen Entwicklung im ganzen wie in allen Einzelheiten beizubringen.« (GW 1/2, 451) Ob solche Arbeit, zu der die Partei marxistischer Wissenschaft bedürfe, gelinge, sei nicht mit Sicherheit vorherzusagen. Ja, es scheine mit den vielen Kriegen immer unwahrscheinlicher. Aber zugleich sei diese Unwahrscheinlichkeit die einzige Möglichkeit, eine Produktionsweise zu verändern, die zwar Produktivkräfte entwickelt und ein handlungsfähiges Proletariat selbst mit schult, aber in sich so destruktiv ist, dass von Barbarei zu sprechen noch harmlos klingt.

Vielleicht hat Luxemburg die Möglichkeiten und Fähigkeiten der Partei – bzw. wiederum der Parteiintellektuellen – überschätzt und die Wirkung der Belohnung, die auf Zustimmung zum Mitmachen steht, unterschätzt. Vielleicht war eine auf wissenschaftlicher Analyse beruhende Opposition ein zu schwieriges Ziel. Man kann jedoch auch schließen, dass dieser Spiegel, den sie der SPD vorhielt, schwer zu akzeptieren war, dass die Führung der Sozialdemokratie also Grund genug hatte, sie loszuwerden.

Nach der neuerlichen Lektüre von Luxemburgs Krisenbericht bleibt als Eindruck, dass ihre Analyse zur Transformation des Kapitalismus zum Weltkapital äußerst aktuell ist, dass selbst die unaufhörliche Kette von Kriegen, deren Analyse sie betreibt, sich fortsetzt und die Fragen der jeweiligen Interessen und des Staatshandelns darin in ähnlicher Weise begriffen werden können und müssen, wie Luxemburg vorführt. Es tut not, solche Analysen unaufhörlich anzustellen, sie zu publizieren, zu diskutieren, zu erneuern. Dringlich ist die Existenz von Gruppen, von Bewegungsintellektuellen, Institutionen, Medien, welche die kritische Analyse der Gegenwart fortwährend betreiben.

Sozialistische Politik

Zunächst wollte ich auch vom Zweifel schreiben, den ich in Bezug auf ihre Einschätzung des Proletariats hatte. Die ihm zugeschriebene Aufgabe kam mir zu groß vor, das Setzen auf diese Klasse waghalsig, insbesondere angesichts neuerer Entwicklungen der Schwächung ihrer Organisationen. Doch bei genauerem Hinsehen zieht sich durch die gesamte Schrift selbst der Zweifel an diesem Proletariat, das durch eine ›verräterische Presse‹ im Handumdrehen in eine kriegsbegeisterte Menge verwandelt werden kann, die zum Brudermord auszieht. Das Proletariat braucht in dem Meer von Beliebigkeiten und Dummheit eine Orientierung, einen »Leuchtturm« (GW 4, 152). Das Ringen um kritisches Bewusstsein bleibt notwendig, denn, wie Luxemburg dies ausdrückt: Der Burgfrieden und die Bewilligung der Kriegskredite durch die Sozialdemokratie beweisen, dass die Gesellschaft in Deutschland für die politischen Freiheiten in sich selbst damals keine Grundlage hatte, da sie die Freiheit so leicht und ohne jede Reibung entbehren konnte.

Die Botschaft ist klar: Die Arbeiterklasse ist von ihren Interessen her in der Lage, ihr Schicksal und damit das der arbeitenden Menschen der Welt in eigene Hände zu nehmen, aber dem herrschenden Kapitalismus ist nichts entgegenzusetzen ohne eine ständige Schulung, eine wissenschaftliche Analyse und organisatorische Leitung, ohne parlamentarische Aufklärungsarbeit – »die Parlamentstribüne« ein »gewaltiges Werkzeug der Volksaufrüttelung« (150). Bei Luxemburg besteht ­sozialistische Politik darin, die unkundigen und noch stumpfen Massen überhaupt erst ins politische Leben zu ziehen und für den Aufbau einer alternativen Gesellschaft zu gewinnen. In diesem Sinn ist die »Freiheit der Andersdenkenden« nicht Toleranz, sondern das Daseinsmoment lebendiger Diskussion und des Experiments. Eine neue Gesellschaft kann nicht nach alten Rezepten konstruiert werden. Sie braucht das Experiment – sie ist ein solches.

Wie aber denkt Luxemburg zukünftige sozialistische Politik nach dem Versagen der Partei und ihrer Intellektuellen? Ihre Diagnose: »Bisher lebten wir in der Überzeugung, dass Interessen der Nationen und Klasseninteressen der Proletarier sich harmonisch vereinigen […]. Waren wir in diesem Kardinalpunkt unserer Weltanschauung in einem ungeheuren Irrtum befangen? Wir stehen vor der Lebensfrage des internationalen Sozialismus.« (Krise, 64f) Die Frage ist offen: »Der Weltkrieg hat die Bedingungen unseres Kampfes geändert und uns selbst am meisten.« (56)[4] Im Rückblick auf die Gothaer Konferenz von 1917, auf der die USPD gegründet wurde, formuliert sie die Aufgabe: »Nun ist aber für jeden denkenden Arbeiter klar, dass eine Wiedergeburt der Arbeiterbewegung aus ihrem heutigen Zusammenbruch und ihrer heutigen Schmach unmöglich ist, wenn man sich über die Ursachen […] nicht klar ist. Wer die gewaltige welthistorische Krise des deutschen und des internationalen Sozialismus seit Ausbruch des Krieges nicht für eine vom Himmel gefallene Zufallserscheinung hält, muss begreifen, dass der Kladderadatsch des 4. August 1914 wohl schon im Wesen der Arbeiterbewegung vor dem 4. August 1914 wurzelte.« (GW 4, 270f) Kenne man die Wurzeln, könne man sie ausreißen und den zum Neubau nötigen »festen Grund« gewinnen. Daraus ergebe sich, »dass der Ausgangspunkt, der erste Schritt zur Schaffung einer neuen sozialistischen Bewegung in Deutschland eine gründliche, eine durchgreifende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sein musste. Nur aus dem Quell der Selbstkritik, einer grausam gründlichen Prüfung der eigenen Fehler in Programm, Taktik und Organisation können die klaren Richtlinien für die Zukunft gewonnen werden, […] es galt, eine politische Prüfung der Praxis der deutschen Sozialdemokratie und der Gewerkschaften in den Hauptzügen vorzunehmen, ihre Hauptmängel in der Vergangenheit aufzudecken, die Finger in ihre wunden Stellen zu legen, was wir auch in der Agitation vor jedem einfachen Arbeiter tun müssen, wenn wir ihn unter die Fahne der Opposition rufen« (271).

Brecht, der viele Sätze von Luxemburg in seine Texte übernahm, sie zuspitzend und so verschiebend, dass Widersprüche, wichtig für eingreifendes Handeln, deutlicher werden, schreibt auch dies in eine politisch-ethische Regel um: »Das Schlimmste ist nicht, Fehler zu haben, nicht einmal sie nicht zu bekämpfen, ist schlimm. Schlimm ist, sie zu verstecken. […] Wie soll einer an deiner Seite in den Kampf gehen, wenn du ihm deine Fehler nicht gezeigt hast?« (GA 18, 112)

Statt Kritik an einzelnen Personen zu üben, fordert Luxemburg zu erforschen, was deren Macht ermöglichte. Statt sich von der vergangenen Partei kritisch abzugrenzen, klammere man sich an »ihre überlebten und ausgehöhlten Formeln und Schemata« (GW 4, 272). Das Erfurter Programm war »eine falsche Richtung […], die zum Abgrund führte« (ebd.). »Worauf es also ankam, war, endlich aus dem Zwielicht der Formeln herauszutreten, die Praxis, die mit dem Zusammenbruch endete, zu beleuchten, neue Wege einzuschlagen.« (Ebd.) Sie nennt als Hauptfehler »Bürokratismus« und die »Entartung der Demokratie in der alten Partei« (272f). Luxemburgs Kritik gilt jetzt schon dem Überdauern der alten Fehler in der neu gegründeten USPD[5], der sie mit ihrer Gruppe »›Richtung Internationale‹« beigetreten ist, »um – im Vertrauen auf zunehmende Verschärfung der allgemeinen sozialen Lage und im bewussten Hinarbeiten auf sie – die neue Partei vorwärts zu drängen, ihr mahnendes Gewissen zu sein und als Ausdruck der weitgehendsten Bedürfnisse der Arbeiterbewegung im ganzen bei Zuspitzung und Aufeinanderplatzen der sozialen Gegensätze die wirkliche Führerschaft in der Partei zu übernehmen« (ebd.). Dabei könne es nicht darum gehen, wie die »Linksradikalen« behaupten, das »Richtige« zu tun, von dem man schon weiß, sondern um die klärende Kritik der »Fehler der Arbeiterbewegung« »zur Aufrüttelung und Erziehung der Massen« (274). »Diese Massen müssen geistig den Traditionen der 50-jährigen Vergangenheit entrissen, von ihnen befreit werden. Und das können sie nur im großen Prozess ständiger schärfster innerer Selbstkritik der Bewegung im ganzen.« (Ebd.) Aufhebenswert bleibt in jedem Fall, einen Begriff von sozialistischer Demokratie weiter zu entwickeln, der die Gefühle und Wünsche, die Sehnsüchte der Menschen enthält. Oskar Negt folgert: »Es ist […] notwendig, prinzipiell zu argumentieren, einen positiven und offensiven Begriff der sozialistischen Demokratisierung zu entwickeln, der nicht nur den Verstand der Menschen, sondern auch ihre Gefühle, ihre Befreiungsphantasien, ihre unmittelbaren Interessen erreicht und so in allen Gesellschaftsbereichen als anschauliche Alternative zu den bestehenden Herrschaftsverhältnissen verstanden werden kann.« (1976, 462)

Die Niederschlagung des Spartakusaufstandes in Berlin im Januar 1919 und die Ermordung Rosa Luxemburgs machten der neuen sozialistischen Politik zunächst ein Ende.

Das Nationale als Projekt

Durch die gesamte Analyse und Kritik zieht sich thematisch wie ein Erinnerungsmotiv die Frage des Nationalen. Es ist der Stoff, aus dem die Reaktion Kraft gewinnt, es bestimmt Irrtümer und Fehler, nicht bearbeitete Sehnsüchte, es ist das Unfertige und Unabgegoltene in der Politik der Arbeiterbewegung. Wie kann sie international agieren, wenn das Nationale weder in den Gefühlen noch im Verstand in ein sozialistisches Projekt gedacht ist? Unter Luxemburgs Verurteilungen der Sozialdemokratie, die ihr faktisch die eigene Auslöschung aus der Geschichte bescheinigen, steht auch der rätselhafte Satz: Und als die Sozialdemokratie »am 4. August 1914 behauptete: ›Wir lassen das Vaterland in der Stunde der Gefahr nicht im Stich‹ […], hat [sie] das Vaterland in der Stunde der größten Gefahr im Stich gelassen, [indem sie] das Gewebe von patriotischen und diplomatischen Lügen […], womit dieser Anschlag auf das Vaterland umwoben war« (GW 4, 147), nicht zerriss. Dass Kriegshetze mit Berufung aufs Vaterland betrieben wird, ist nicht erstaunlich; auch nicht, dass die Internationalistin Luxemburg dies empört ausstellt; überraschend ist vielmehr, dass sie dies auch mit Berufung aufs Vaterland tut, welches auf diese Weise zweimal und zwar an entgegengesetzten Stellen auftritt. Die unmittelbare Frage, ob sie nun für oder gegen die Anrufung des Vaterlandes sei, ob sie für oder gegen das Nationale streite, lässt sich auf dieser Ebene nicht beantworten. Hier aber liegt der Schlüssel zu ihrer Politik auch gegen den Krieg.

In ihrer erst 2012 vollständig auf Deutsch veröffentlichten Schrift zur Nationalitätenfrage und Autonomie (geschrieben 1908/9) positioniert sie die Frage in den Rahmen von Sozialismus und Demokratie. In Kritik an Lenin arbeitet sie heraus, dass das von ihm proklamierte Selbstbestimmungsrecht der Nationen nur auf den ersten Blick sozialistisch sei. Solange die Arbeiterbewegung schwach sei, sei, wie Holger Politt herausliest, »das gegenseitige Abschlachten unter nationalistischen Parolen« (30) möglich, auch eine Volksabstimmung nicht »unverfälschte Quintessenz« (31), sie zu fordern, »hohle kleinbürgerliche Phraseologie« (32). Der Autonomiebegriff müsse selbst auf geschichtlichem Grund entwickelt werden. Luxemburg schreibt einen kurzen Abriss über die Entwicklung der »geistigen Atmosphäre« (159) und zeigt, die Hebung des »kulturellen Niveaus der Bevölkerung« ist Resultat kapitalistischer Entwicklung und zugleich Bedingung sozialistischer Demokratie. »Der Kapitalismus hat aus jeder Äußerung menschlicher Energie, darunter auch aus dem künstlerischen Schaffen, einen Handelsgegenstand gemacht, doch andererseits hat er durch die Massenproduktion von Kunstgegenständen aus der Kunst – zumindest in der Stadt – für breite Kreise der Bevölkerung ein gesellschaftliches Alltagsbedürfnis gemacht. Theater, Musik, Malerei, Bildhauerei, die seit den Zeiten der Naturalwirtschaft ein Monopol und privater Luxus für einige vermögende Mäzenen gewesen waren, sind in der bürgerlichen Gesellschaft eine öffentliche Erscheinung und für die Stadtbevölkerung ein Teil des normalen Alltagslebens geworden.« (158f)

Luxemburg muss das Paradox lösen, in Klassenverhältnissen zugleich gegen das Bürgertum zu mobilisieren, als auch es zu beerben. Die »geistigen Verhältnisse« (159) sind Teil der Klassenverhältnisse. Nationale Autonomie ist nicht Autonomie der Nationen, sondern ein Projekt, welches die Aneignung bürgerlicher Kultur, gewachsen auf dem Boden der Großstadt, voraussetzt und sie zugleich umformt. Sie tut dies in bestimmten nationalen Formen. Daher ist es ebenso unsinnig, gegen Nationales zu streiten, wie das Kulturell-Nationale »folkloristisch« (165) rückzubinden an bäuerliche Elemente wie Sitten, Trachten, Glauben, Sprache (167), die nationale Besonderheit also in ethnischer Bedeutung zu fassen. Die Perspektive dieses Projekts ist die Nationalkultur in internationaler Kulturgemeinschaft (160). Ihre Grundlage die lokale Selbstverwaltung, um den steifen Staatsapparat an die gesellschaftlichen Bedürfnisse anzupassen (vgl. Politt, Einleitung 27). Autonomie als Landesselbstverwaltung brauche eigene bürgerliche Entwicklung, eigenes Stadtleben, eigene Intelligenz, eigenes literarisches und wissenschaftliches Leben, brauche die wesentlichen Einrichtungen bürgerlicher Gesellschaft für den Aufbau sozialistischer Gesellschaft: öffentliche Bildung, öffentliche Gesundheitsfürsorge, Wasserversorgung und Kanalisation, Verkehrssysteme, Steuersystem – mit drei Freiheiten: Freiheit der Meinung, des Zusammenschlusses, der Versammlung – als »großartige Mitgift« (31). Dies wäre ›Vaterland und Heimat‹, in dem »kulturell-nationale Bedürfnisse« (Luxemburg, 162) im Aneignungsprozess als Zusammenhang und Zusammenhalt geistiger Interessen befriedigbar sind.

In Krise der Sozialdemokratie arbeitet Luxemburg diesen Gedanken weiter aus: Wenn das Kapital wegen des Profits im Weltmaßstab handelt, steht dem ein Weltproletariat gegenüber, dessen Internationalismus proletarischen Patriotismus aber nicht ausschließe, der aber die Arbeiter aller Länder wegen der gleichen Interessenlage hindere, sich in mörderischen Kriegen aufeinanderhetzen zu lassen. So ist nicht das Nationale oder Patriotismus das zu Negierende – sie wären gerade gegen imperialistische Kriege zu mobilisieren, und die Aufgabe einer sozialdemokratischen Partei wäre es, den proletarischen Patrioten klarzumachen, dass die Anrufung ihrer nationalen Interessen eine ideologische Verfälschung ist. »Statt also dem imperialistischen Kriege den Mantel der nationalen Verteidigung fälschlich umzuhängen, galt es gerade mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker und mit der nationalen Verteidigung Ernst zu machen, sie als revolutionären Hebel gegen den imperialistischen Krieg zu wenden.« (GW 4, 144)

Die positive Wendung Luxemburgs zum Nationalen und zum Selbstbestimmungsrecht, obwohl sie doch eine glühende Internationalistin war, findet ihre Fundierung in der Weise, wie sie an Marx anschließt und Politik macht. Dass etwa der Begriff der Nation dazu benutzt wird, die Nationen gegeneinanderzuhetzen, versteht sich nicht aus dem nationalen Interesse schlechthin. Aufgerufen zur Verteidigung seiner Nation müsste das Volk zur eigenen Bewaffnung schreiten (Volksmiliz statt stehendes Heer), um dann selbstbestimmt zu verhandeln, ob und gegen wen es Krieg führen will. Die Enteignung von Nation und Selbstbestimmung zu imperialistischen Zwecken kann rückgängig gemacht werden durch Wiederaneignung. Oder einfacher: Ein Selbstbestimmungsrecht der Völker ist überhaupt erst im zu erkämpfenden Sozialismus verhandelbar. Luxemburg beruft sich auch in diesem Kontext auf Marx, der begeistert über die Pariser Kommune schreibt: »Das erste Dekret der Kommune war daher die Unterdrückung des stehenden Heeres und seine Ersetzung durch das bewaffnete Volk. […] Wenn sonach die Kommune die wahre Vertreterin aller gesunden Elemente der französischen Gesellschaft war, und daher die wahrhaft nationale Regierung, so war sie gleichzeitig, als eine Arbeiterregierung, als der kühne Vorkämpfer der Befreiung der Arbeit, im vollen Sinn des Wortes international.« (Der Bürgerkrieg in Frankreich, MEW 17, 338, 346; zit. Luxemburg, GW 4, 145) Selbst die Begriffe der Nation und der nationalen Selbstbestimmung sind so nichts Festes, nichts Metaphysisches, sondern mit einem historisch erstrittenen Inhalt zu füllen, der seine Verallgemeinerung verträgt.[6] Brecht nimmt diesen Auftrag mehrfach an. In den Flüchtlingsgesprächen lässt er Ziffel ein Land suchen, in dem »Scheißen auf die Heimat« nicht mehr nötig ist (XVIII, GW 14, 1498).

Als Grabschrift für Rosa Luxemburg schreibt Brecht (1929):

Hier liegt begraben / Rosa Luxemburg / Eine Jüdin aus Polen / Vorkämpferin deutscher Arbeiter / Getötet im Auftrag / Deutscher Unterdrücker. Unterdrückte / Begrabt Eure Zwietracht!

Er übersetzt die Spannung von Nationalismus und Internationalismus in ein (von Eisler vertontes) Kinderlied als Vorschlag für die neue Nationalhymne (1949):

Kinderhymne

Anmut sparet nicht noch Mühe / Leidenschaft nicht noch Verstand / Dass ein gutes Deutschland blühe / Wie ein andres gutes Land. – Dass die Völker nicht erbleichen / Wie vor einer Räuberin / Sondern ihre Hände reichen / Uns wie andern Völkern hin. – Und nicht über und nicht unter / Andern Völkern wolln wir sein / Von der See bis zu den Alpen / Von der Oder bis zum Rhein. – Und weil wir dies Land verbessern / Lieben und beschirmen wir’s / Und das liebste mag’s uns scheinen / So wie andern Völkern ihrs.

 

Literatur

Brecht, Bertolt, Flüchtlingsgespräche, 1940/41, GW 14, 1381-1515

ders., »Grabschrift für Rosa Luxemburg«, 1929, GA 11, 205

ders., »Kinderhymne«, 1949/1950, GW 10, 977f

Haug, Frigga, Rosa Luxemburg und die Kunst der Politik, Hamburg 2007

Kautsky, Karl, Patriotismus und Sozialdemokratie, Leipzig 1907

Luxemburg, Rosa, Gesammelte Werke, 5 Bde., Berlin/DDR 1970-75

dies., Nationalitätenfrage und Autonomie, hgg. u. übers. v. Holger Politt, Berlin 2012

Marx, Karl, »Manifest der kommunistischen Partei«, MEW 4, 459-493

Negt, Oskar, Keine Demokratie ohne Sozialismus. Über den Zusammenhang von Politik, Geschichte und Moral, Frankfurt/M 1976

Scharrer, Manfred, ›Freiheit ist immer‹ … Die Legende von Rosa und Karl, Berlin 2002


[1]   Quelle: DAS ARGUMENT 310/2014; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin.

 

[2]    Der Beitrag verwendet u.a. Materialien aus meinem Buch Rosa Luxemburg und die Kunst der Politik.

 

[3]    Manfred Scharrer, Gewerkschaftshistoriker, diagnostiziert, dass sie die sozialistische Arbeiterbewegung in eine »anti-demokratische Sackgasse« führte und dass – hier denkt er wie Helmut Kohl – nur Luxemburgs »Freiheitsdefinition Bestand hatte« (2002, 185). »Demokratie war für Rosa Luxemburg nur nützlich bis zum Tag der Revolution, dann kam die Phase der Diktatur […]. Sie ist fasziniert von der Revolution und nicht von der Demokratie, sie ist fasziniert von der Gewalt und nicht vom Parlieren. Sie beschwört den Glauben vom Zusammenbruch des Kapitalismus.« (15)

 

[4]   
Es ist eine ähnliche Problematik, der Gramsci beim Aufkommen des Faschismus einer weiteren welthistorischen Niederlage der Arbeiterbewegung als Klassenbewegung begegnet. Notwendig wird die Erarbeitung einer neuen Strategie, Hegemonie im Volk zu gewinnen und zu behalten. Daran arbeitet Gramsci in den Gefängnisheften.

 

[5]   
Die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands wurde auf der Konferenz der Parteiopposition in Gotha vom 6. bis 8. April 1917 gegründet.

 

[6]   
Die Fragen um die Nation hat die Linke in Europa in entgegengesetzte Lager gespalten. Nach den Erfahrungen mit dem NS schien das Nationale ganz selbstverständlich zu den Posten zu zählen, die auf den Kehrrichthaufen der Geschichte gehörten. Einen vielstimmigen Protest von links löste die Verkündung der PDS-Vorsitzenden aus, sie »liebe Deutschland«. Die Diskussionen um Migration brachten eine Verschärfung der Positionen, der Verachtung der eignen Nation (besonders in Deutschland) bei gleichzeitiger Verkündung kultureller Toleranz gegenüber anderen Nationen. Bei Luxemburg und Kautsky wäre zu studieren, das Nationale nicht als historisches Relikt feststehend zu verklären oder zu bekämpfen, sondern es ebenso als Entwicklungsprojekt der einzelnen Völker in Befreiungskämpfen zu sehen, als eine Kraft, mit der vorangeschritten werden kann. Voraussetzung ist wiederum die ständige Analyse des historischen kapitalistischen Milieus.

 


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