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Cybermobbing: Auswirkungen der Selbstdarstellung von Jugendlichen im Internet" und Möglichkeiten der Prävention[1]


Nachdem sich in jüngster Zeit die Selbstmorde aufgrund von Cybermobbing sowohl im europäischen als auch im internationalen Raum gehäuft haben, ist die Wichtigkeit des Themas auch auf der politischen und journalistischen Agenda in Deutschland angekommen. Dennoch zeigt die „Cyberlife-Studie“ des Bündnisses gegen Cybermobbing e. V., dass viele LehrerInnen, aber auch Eltern sich immer noch unzureichend informiert fühlen, wenn es um neue Medien allgemein oder Cybermobbing im speziellen geht. 

Grooming, Happy Slapping, Sexting  und Flaming -- das sind nicht etwa die coolen Hauptdarsteller eines neuen Walt-Disney-Filmes oder trendige Begriffe aus der Jugendsprache, sondern bezeichnen ernste Verstöße gegen das deutsche Strafgesetz. Die Rede ist vom Mobbing. Viele Kinder und Jugendliche unserer Generation, aber auch die unserer Eltern und Großeltern sind in der Schule mit Formen des Mobbings konfrontiert worden.

Cybermobbing -- eine Definition

Das Wort Mobbing, das aus dem Englischen stammt (to mob=anpöbeln, to bully=einschüchtern), heißt wörtlich übersetzt: jemanden anpöbeln, sich auf jemanden stürzen. Aber nicht alles, was als Hänselei durchgeht, ist bereits Mobbing. Unter klassischem Mobbing kann man „kontinuierliche Aktionen mit dem Ziel der sozialen Ausgrenzung zur eigenen Vorteilnahme zwischen Einzelpersonen und/oder Gruppen“ (Olweus 2002, 8) verstehen.

Cybermobbing ist folglich Mobbing mittels elektronischer/neuer Kommunikationsmedien (wie Handy, Computer, Tablet, Smartphone etc.) in Form von Beleidigung, Bedrohung, Bloßstellung oder Belästigung von Personen. Kennzeichnend ist beim (Cyber-)Mobbing vor allem auch die Tatsache, dass eine gezielte Schädigungsabsicht besteht und dass das Opfer oftmals über einen längeren Zeitraum verbal oder körperlich angegriffen und in eine unterlegene Position gedrängt wird. Besonders das Machtungleichgewicht, das zwischen Täter und Opfer besteht, ist symptomatisch für das (Cyber-)Mobbing.

Früher und auch heute werden Kinder und Jugendliche in der Schule gehänselt und ausgegrenzt, Schulmaterialien werden geklaut, versteckt oder beschädigt. Eine neue Tragweite hat das Mobbing durch die Verwendung neuer Medien erfahren. Heutige Formen von Cybermobbing sind u. a. Handy-Mobbing, Happy Slapping, Ausschluss aus sozialen Netzwerken, Internet Mobbing, Sexting und Grooming.

Mobbing ist aber nicht nur ein individuelles Problem, sondern meist ein gruppendynamischer Prozess, an dem eine ganze Klasse oder Gruppe beteiligt ist (Habermeier 2006), denn Mobbing funktioniert nur, wenn es so genannte „Bystander“ gibt, also Leute/Gruppen, die zusehen und nicht eingreifen. 

Mobbing findet man überall dort, wo Menschen miteinander agieren

Doch Mobbing findet man nicht nur in der Schule -- auch am Arbeitsplatz, in Vereinen und praktisch überall dort, wo Menschen zusammen leben, lernen oder arbeiten, gibt es Mobbing-Opfer. Die Gründe dafür, dass gemobbt wird, erscheinen relativ wahllos: Es genügt schon, wenn das Opfer als irgendwie „anders“ wahrgenommen wird -- sei es in Hinblick auf seine Kleidung, sein Verhalten oder seinen Sozialstatus. Es ist somit auch keine Seltenheit mehr, Mobbing-Opfer zu werden. Auch viele berühmte SchauspielerInnen, Models oder SängerInnen wurden als Teenager bereits Mobbing-Opfer (vgl. www.glamour.de/stars/star-storys/prominente-mobbing-opfer ).

Eine neue Dimension hat das Thema Mobbing mit der Verbreitung des Internets erreicht. Heutzutage gibt es kaum jemanden, der nicht digital vernetzt ist bzw. einen Internet-Anschluss besitzt. Schon Dreijährige können Smartphones bedienen oder Spiele auf kleinen Tablet-Computern spielen. Ein Großteil der Zeit verbringen Kinder und Jugendliche heutzutage nicht mehr mit Spielen im Freien, sondern vor dem Laptop, Computer oder Smartphone.

Gefahren sozialer Netzwerke und des Internets allgemein

Das soziale Medium Internet, das Menschen auch über Kontinente hinweg verbindet, hat neben seinen vielen positiven Eigenschaften auch eine große, dunkle Kehrseite: Neue Tatorte für Cybercrime, Aggressionen, Psychoterror, Mobbing und sexuelle Gewalt entstehen insbesondere in Chatrooms und in sozialen Netzwerken. Nicht ganz ohne Grund wird das soziale Netzwerk deshalb immer öfter auch als „antisocial network“ oder „asocial network“ bezeichnet.

Die EU Kids Online Studie zeigt: Rund 40% der europäischen Kinder sind bereits in der Vergangenheit mit einem oder mehreren Online-Risiken (Cyberbullying, Happy Slapping, Sexting, Grooming etc.) in Berührung gekommen (EU Kids Online Studie 2011).

Die DJI-Studie MediKus (Holzmayer 2013) zeigt aber auch: Negative Interneterfahrungen korrespondieren mit sorglosem Umgang mit persönlichen Daten im Netz. Dabei unterscheidet man vier Faktoren, die negative Interneterfahrungen bei Kindern und Jugendlichen begünstigen:

§  Das Alter, mit dem eine verstärkte Zuwendung zu den sozialen Netzwerken einhergeht

§  Das Geschlecht: Mädchen machen häufiger als Jungen unliebsame Interneterfahrungen.

§  Die soziale Herkunft: Jugendliche aus Familien mit niedrigem kulturellen Kapital berichten häufiger von negativen Interneterlebnissen als jene aus Familien mit hohem kulturellen Kapital.

§  Die persönlichen Daten: Jugendliche, die überdurchschnittlich viele Daten ins Netz stellen, sind häufiger mit negativen Erfahrungen konfrontiert als jene, die sparsamer mit diesen umgehen.

Das Internet als idealer Tatort

Einige Faktoren begünstigen kriminelle Handlungen im Internet (Cyberlife-Studie 2013):

§  Täter krimineller Handlungen im Cyberspace sind nur schwer zu identifizieren.

§  Die Hemmschwelle, kriminelle Handlungen im Cyberspace auszuüben, ist geringer als in einer Face-to-face-Situation.

§  Opfer sind im Internet schneller zu finden und leichter zu erreichen als im Alltag.

§  Die Zahl der potentiellen Opfer im Cyberspace ist groß.

§  Die zum Teil große Offenheit bezüglich privater Informationen und Problemen im Cyberspace macht die Personen angreifbarer und kann signalisieren: „Ich bin ein leichtes Opfer.“

§  Die Empathie mit den Opfern ist im Cyberspace geringer.

§  Durch 24h-Erreichbarkeit wird es für Opfer schwerer, sich vor Anfeindungen zu schützen. 

Besonderheiten von Cybermobbing

Auch wenn es Mobbing schon immer gegeben hat, so macht die oben genannte Veränderung der Wahrnehmung von Gewalt im Cyberspace die Thematik brisanter denn je. Im Gegensatz zum klassischen Mobbing greifen Cybermobbing-Handlungen direkt ins Privatleben ein und finden rund um die Uhr statt -- das Opfer kann sich also quasi nirgends vor den Anfeindungen zurückziehen. Verletzende und menschenverachtende Inhalte werden einem großen Publikum bereit gestellt, verbreiten sich ggf. weltweit und sind, wenn sie erst einmal im Netz sind, erst wieder schwer zu löschen.

Die Leichtigkeit, mit der man negative Kommentare posten kann, hat es ebenso in sich: Es benötigt nur einen „Klick“ -- dann sind beleidigende Kommentare veröffentlicht oder per SMS versendet -- dazu muss man sich noch nicht einmal mit dem realen Gegenüber konfrontieren, sondern kann in der schützenden Anonymität verweilen. Das Opfer hingegen hat keine Möglichkeit, sich zu schützen. Die Tatsache, dass verschiedene TäterInnen praktisch rund um die Uhr aktiv sein können, ohne dabei im direkten Kontakt zu dem Opfer zu stehen, macht das Cybermobbing so gefährlich.

Auch die Anonymität der TäterInnen hat fatale Auswirkungen auf die Opfer: Auf der einen Seite sind Angriffe schlecht nachvollziehbar, wenn sie anonym erfolgen. Eine strafrechtliche Verfolgung ist hier also nur bedingt möglich. Zum anderen scheint es, dass die Anonymität im Netz Cyberangriffe noch verstärkt. Viele Kinder und Jugendliche trauen sich in dem scheinbar anonymen virtuellen Umfeld viel größere Gehässigkeiten zu als im wahren Leben. Oftmals ist auch der Übergang von „Spaß“ hin zu Gewaltausübung im Sinne von Mobbing fließend -- beabsichtigt oder auch nicht.

Eine Studie der Universität London ergab, dass verbreitete Bilder und Videos auch deutlich schlimmer empfunden werden als klassisches Mobbing in der Schule (Smith et al. 2008). Gerade die Anonymität der TäterInnen verstärkt dabei die Angst der Opfer, da man einem unbekannten Täter gegenüber noch hilfloser gegenübersteht und auch die Beweislage und Strafverfolgung schwieriger sind.

Straftatbestände zum Thema Cybermobbing

Auch wenn Cybermobbing für sich gesehen kein Straftatbestand ist, können sich einzelne Straftaten im Cybermobbing vereinen. So können Täter wegen übler Nachrede (§186 StGB), Beleidigung (§815 StGB), Gewaltdarstellung (§131 StGB), Körperverletzung (§223 StGB), Bedrohung (§241 StGB), Nötigung (§240 StGB), Nachstellung (§238 StGB), Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen (§201a StGB), Verleumdung (§187 StGB) oder Volksverhetzung (§130 StGB) belangt werden (vgl. www.polizei-beratung.de).

Bei dem so genannten „Happy Slapping“, also der Gewaltdarstellung, wenn z. B. Videos einer Klassenprügelei provoziert und veröffentlicht werden, können Bußgelder und Freiheitsstrafen von bis zu einem Jahr drohen. Auch beim „Grooming“, also der Nötigung oder sexuellen Belästigung, kann je nach Fall eine Freiheitsstrafe erwirkt werden. In allen Fällen ist es für das Opfer wichtig, dass die Angriffe dokumentiert werden -- sei es durch Snapshots oder durch ZeugInnen. Auch beim Flaming, also der üblen Nachrede, können Bußgelder oder Freiheitsstrafen von bis zu zwei Jahren drohen. Auch verfälschte Bilder oder Bilder aus der Umkleidekabine stellen eine Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs (nach §201a) dar und werden mit Freiheitsstrafe oder Bußgeldern geahndet.  

Cybermobbing in Deutschland

Laut der Cyberlife-Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing e. V., bei der bundesweit 10.000 Eltern, LehrerInnen und SchülerInnen zu der Thematik befragt wurden, sind bereits 25,3% der befragten SchülerInnen in der Schule Mobbingopfer geworden und rund 16,6% waren schon einmal von Cybermobbing betroffen (Cyberlife-Studie 2013). Die meisten Cybermobbing-Vorfälle werden an den Haupt- und Realschulen festgestellt, aber auch bereits 30% der Grundschulen berichten von derartigen Vorfällen.

Weiterhin wurde festgestellt: Mobbing-Verhalten nimmt in Übergangs- bzw. Wechselphasen zu, z. B. bei dem Wechsel der Grundschule auf die Mittelstufe (Haupt-, Realschule oder Gymnasium).

Insbesondere im Alter von 12 bis 15 Jahren werden vermehrt Cybermobbing Fälle registriert.

Beleidigungen und Beschimpfungen (63% Mädchen, 51% Jungen) sowie Gerüchte und Verleumdungen (47% Mädchen, 33% Jungen) sind die häufigsten Formen von Cybermobbing. Mädchen sind etwas häufiger das Ziel von Cyber-Attacken als Jungen (Cyberlife-Studie 2013).

Reaktionen und Folgen für Cybermobbing-Opfer

Die meisten Jugendlichen reagieren auf Cybermobbing mit Wut (43%) und Angst (36%) (Cyberlife-Studie 2013). Jeder fünfte Jugendliche, der Cybermobbing erlebt hat, gab in der Studie an, noch heute durch das Mobbing im Internet sehr belastet zu sein und darunter zu leiden. „Wird ein Kind wiederholt ausgegrenzt, beleidigt oder abgewertet, kann dies zu einer erheblichen Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls führen. Die Opfer beginnen zu verinnerlichen, was über sie gesagt wird, und diese Art negativer Gedanken begünstigt die Entstehung von Angsterkrankungen, Depression und anderen psychischen Störungen (http://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article13885436/Mobbing-fuehrt-haeufig-zu-schweren-Stoerungen.html). Dennoch meldet nur jeder Fünfte die Vorfälle den Betreibern der betroffenen Plattformen. Die meisten Jugendlichen wenden sich zunächst an ihre FreundInnen oder Eltern, wenn sie Opfer von Cybermobbing wurden (Cyberlife-Studie 2013).

Die Folgen von Cybermobbing können mitunter fatal sein: schulischer Leistungsabfall, Schulverweigerung, Stresssymptome, Angstzustände, Depressionen, Unfähigkeit, eine Ausbildungsstelle anzunehmen bzw. einen Beruf auszuüben, bis hin zur Selbstmordgefährdung.

Motive der TäterInnen

Überraschend ist, dass mehr als ein Drittel der TäterInnen (36,2%) selbst schon einmal Opfer von Cybermobbing-Attacken war. Dies deutet daraufhin, dass Opfer offensichtlich dazu übergehen, die gleichen Methoden zu nutzen wie die TäterInnen.

Die Motive für das Cybermobbing sind erstaunlich: Unterhaltung, Spaß, Wettbewerb („Trophäenjagd“) und Langeweile sind die Hauptmotive der Cybermobbing-TäterInnen (Cyberlife-Studie 2013). Andere mögliche Gründe für Mobbinghandlungen können sein:

§  Herrschsucht

§  Lust auf Mobbing

§  Suche nach Sündenböcken für eigenes Versagen

§  Definition von Freundschaft in der Ablehnung anderer

§  Weitergabe erlittenen Unrechts an Schwächere

§  Fehlende Konfliktlösungsstrukturen

§  Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Neid

Schutzmaßnahmen gegen Cybermobbing

Betroffene von Cybermobbing haben mehrere Möglichkeiten, dagegen vorzugehen:

Wenn Kinder oder Jugendliche beleidigende oder bedrohende E-Mails oder Facebook-Kommentare erhalten, sollten sie zunächst die Familie bzw. FreundInnen und ggf. die Schule informieren.

§  In keinem Fall sollten Kinder und Jugendliche direkt auf solche E-Mails, SMS etc. antworten, sondern Vertrauenspersonen einbeziehen.

§  Wichtig ist, Beweismaterial zu sichern: Speichern Sie im optimalen Fall die Daten im Beisein eines weiteren Zeugen, um dem Vorwurf der Manipulation zu entgehen.

§  Wenden Sie sich in schwerwiegenden Fällen an die Polizei und erstatten Sie ggf. Anzeige.

§  Veranlassen Sie die Löschung von diffamierenden Bildern, Videos, Kommentaren beim Netzwerk-Betreiber bzw. melden Sie den Vorfall dem Betreiber der Seite.

§  Wenn der Mobber bekannt ist, löschen Sie den Namen aus der eigenen Kontaktliste bzw. ignorieren Sie diesen.

Ebenso kann man sich vor Cybermobbing schützen, indem man sich im Internet grundsätzlich vorsichtig bewegt. Das heißt z. B.: 

§  So wenige Daten wie möglich im Internet preis geben!

§  So wenig Fotos und Filme wie möglich verbreiten!

§  Sich im Netz mit Bedacht äußern! Überlegen Sie sorgfältig, was Sie sagen bzw. schreiben, bevor Sie einen Kommentar oder eine Nachricht veröffentlichen.

§  Beim Anlegen eines Profils (z. B. bei Facebook) die Sicherheitseinstellungen/Privatsphäre-Einstellungen beachten!

§  Betreiben Sie Eigen-Recherche: Googlen Sie sich gelegentlich selbst, um zu prüfen, was im Netz über Sie auftaucht.

§  Schreiten Sie ein, wenn Sie sehen, dass andere Cybermobbing- oder Mobbing-Opfer werden.

§  Behandeln Sie andere mit Respekt und so, wie Sie selbst behandelt werden möchten.

Reaktion der Eltern und Lehrer auf Cybermobbing

Die Eltern, die nicht mit den neuen Technologien aufgewachsen sind, fühlen sich meist überfordert oder hilflos: Über 90% der Eltern sind der Ansicht, dass sich die Gewalt unter Jugendlichen durch die neuen Medien verändert hat und dass die Anonymität im Netz Phänomene wie Cybermobbing begünstigt. Dennoch überprüfen nur 17% der Eltern, was ihre Kinder online machen (Cyberlife-Studie 2013).

Auch fühlen sich 44% der Eltern nicht ausreichend informiert, was einerseits auf fehlende Eigenaktivität, aber auch auf eine mangelhafte Aufklärung durch die Schulen zurückzuführen ist. Die Eltern wünschen sich deshalb durchgängig mehr institutionelle Aufklärung und Prävention von Cybermobbing, wie z. B. durch die Position eines Anti-Mobbing-Beauftragten, Meldestellen bei Problemlagen, spezifisch geschultes Personal oder feste AnsprechpartnerInnen (Cyberlife-Studie 2013).

Das bestätigen auch die Aussagen der LehrerInnen: Diese fordern zur Prävention und Aufklärung von Cybermobbing und Cybercrime neue Module und Konzepte für die Lehrerfortbildung und institutionelle Maßnahmen.

 

Initiativen, die sich für die Aufklärung und Prävention von Cybermobbing einsetzen

Einige Initiativen konzentrieren sich darauf, Cybermobbing gezielt anzugehen, so z. B. die Initiative „Schluss damit“ (www.mobbing.seitenstark.de) oder Maßnahmen der Aktion Jugendschutz (AJS) (http://www.ajs-bw.de/).

Das im Juli 2011 in Karlsruhe gegründete Bündnis gegen Cybermobbing e. V. setzt sich in Deutschland neben einigen anderen Initiativen für die Aufklärungsarbeit und Prävention von Cybermobbing ein. Im Bereich Forschung gibt es noch erheblichen Bedarf. Erfreulicherweise werden bereits an zahlreichen Schulen die Gefahren und Risiken des Internets erkannt und entsprechende Aktivitäten initiiert. Die Ergebnisse der Cyberlife-Studie zeigen: mehr als drei Viertel aller Schulen bilden Schülerscouts aus, die ihre MitschülerInnen über Gefahren des Internets aufklären sollen. 71% der Schulen bieten darüber hinaus Workshops zu den Risiken und Gefahren sowie zum Nutzen des Internets an.

Etwa zwei Drittel der Schulen (65%) haben ein spezifisches Unterstützungsteam für die Opfer von Mobbing installiert und an 46 % der Schulen erlernen die SchülerInnen, wie man sich bei Cybermobbing verhalten soll (Cyberlife-Studie 2013).

Auch wenn die Zahlen zunächst erfreulich klingen, heißt das auf der anderen Seite aber auch, dass mindestens ein Viertel der Schulen keine präventiven Aktivitäten tätigt. Die meisten Aktivitäten sind an Berufsschulen und Gesamtschulen zu verzeichnen. Hauptschulen, die den stärksten Gewaltgrad aufweisen, unternehmen am wenigsten im Bereich der Prävention (Cyberlife-Studie 2013).

Empfehlungen und Forderungen

Eine Forderung des Bündnisses gegen Cybermobbing ist, das Präventionsmanagement an Schulen auszubauen. Diesbezüglich ist die Bildungspolitik gefragt, sie ist gefordert, neue Rahmenbedingungen für die Ausbildungs- und Erziehungssituation zu schaffen. Kinder und Jugendliche müssen mehr als bisher über die Gefahren und Risiken, aber auch Chancen und Nutzen des Cyberspace aufgeklärt und sensibilisiert werden. Außerdem sollte Medienerziehung bereits im Kindergarten stattfinden und in den Schulen implementiert werden.

Kindern und Jugendlichen muss im Elternhaus, in der Schule und in Vereinen deutlich gemacht werden, dass Cybermobbing eine Form der Gewalt ist, die erhebliche Konsequenzen haben kann.

Eltern sollten sich insbesondere für den Medienkonsum ihrer Sprösslinge interessieren und diesen ggf. regulieren bzw. kontrollieren. Dazu müssen sie sich jedoch auch selbst über die neuen Medien informieren. Hier kann die Schule ansetzen und spezielle Eltern-Fortbildungen anbieten.

Weitere Forderungen sind:

§  Einführung eines Schulfachs Medienerziehung bzw. eines Medienkompetenzunterrichtes

§  Peer-to-Peer-Education an den Schulen zum Thema Neue Medien und Gewalt (z. B. Medienhelden, Medien-Präventionstage, Schülerscouts etc.) verstärken

§  in den Schulen Angebote zum Opferschutz bekannt machen

§  verbesserte Lehrerfortbildung, regelmäßige Vermittlung von Fachwissen, wirksamkeitsevaluierte Maßnahmen und Projekttage an den Schulen

§  Errichtung von institutionellen Beratungs- und Aufklärungsteams an allen Schulen (psychologische BeratungslehrerInnen bzw. GewaltpräventionsberaterInnen)

§  Implementierung regelmäßiger Informationsveranstaltungen und ggf. Schulungs- bzw. Beratungsangebote für Eltern

§  Präventionsmanagement an Schulen: Schon in der Grundschule sollte damit begonnen werden. Zum einen muss über die technischen Fragen aufgeklärt werden: Also, wie sollten sich Kinder- und Jugendliche im Netz präsentieren? Welche Inhalte sollten sie nicht preisgeben? Zum anderen sollten auch psychologische Aspekte behandelt werden: Kinder und Jugendliche müssen lernen, was sie mit Worten und Bildern auslösen können, auch wenn sie nicht wie in einem Gespräch sofort eine Reaktion sehen. Sie müssen lernen, dass die Anonymität des Internets ihnen neue Freiheiten gibt, dass sie dafür aber auch Verantwortung übernehmen müssen.

§  Die Bildungspolitik ist gefordert, neue Rahmenbedingungen für die Ausbildungs- und Erziehungssituation zu schaffen: Dies betrifft, wie schon gesagt, die Verbesserung der Medienkompetenz der LehrerInnen und ErzieherInnen, aber auch der Eltern.  

§  Schulregeln aufstellen oder einen Online-Kummerkasten einrichten

§  Erste Hilfe im Internet (Bündnis gegen Cybermobbing) oder Telefon (www.nummergegenkummer.de)

§  Apps für Smartphones zum Thema Cyberlife

§  Online-Foren-Betreiber mehr in die Verantwortung nehmen

§  Cybermobbing als Straftatbestand anerkennen

Abschließend kann gesagt werden, dass sich die Eltern weitgehend darüber einig sind, dass Kinder und Jugendliche vor negativen Einflüssen der Medien geschützt werden müssen. Auch die Medienkompetenz sollte geschult werden: „Drei Viertel der Eltern sind überzeugt, dass Kinder und Jugendliche beim Umgang mit Medien am besten geschützt sind, wenn sie ausreichend informiert sind.“ (http://www.hans-bredow-institut.de/de/forschung/jugendmedienschutz-aus-sicht-eltern)

Uwe Leest,  Dipl.Ing MBM,
Vorstand des Bündnisses gegen Cybermobbing e. V.
Bündnis gegen Cybermobbing e. V.
Leopoldstraße 1
76133 Karlsruhe
info@bündnis-gegen-cybermobbing.de

Literatur

Bannenberg, B. (2010): Herausforderung Gewalt: Von körperlicher Aggression bis Cybermobbing. Erkennen – Vorbeugen – Intervenieren. Eine Handreichung für Lehrkräfte und andere pädagogische Fachkräfte. Stuttgart: Programm ‚Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes‘. In: www.polizei-beratung.de/medienangebot/details/form/7/35.html, 09.01.2014

Herausgeber: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest  (2013): KIM-Studie. Stuttgart, In: www.mpfs.de/fileadmin/KIM-pdf12/KIM_2012.pdf, 09.01.2014

Livingstone, S. & Haddon, L. (2011): EU Kids Online Studie. Keine Ortsangabe vorh. In: www.lse.ac.uk/media@lse/research/EUKidsOnline/EU%20Kids%20II%20(2009-11)/EUKidsExecSummary/AustriaExecSum.pdf, 09.01.2014

Katzer, C. & Leest, U. & Schneider, C. (2013): Cyberlife – Spannungsfeld zwischen Faszination und Gefahr. Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern Karlsruhe in: www.buendnis-gegen-cybermobbing.de/Studie/cybermobbingstudie.pdf, 09.01.2014

Herausgeber: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2012): JIM-Studie. Stuttgart, wenn vorh.in: http://www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf12/JIM2012_Endversion.pdf, 09.01.2014

Habermeier, V. (2006): Mobbing als Gruppenphänomen: Zum Zusammenhang zwischen Mitschülerrollen und Freundschaften bzw. sozialem Status, München.

Holzmayer, M. (2013): Neue Medien im Aufwachsen junger Menschen. In: Grgic, M., Züchner, I. (Hrsg.): Medien, Kultur und Sport.

Olweus, D. (2002): Gewalt in der Schule. Was Lehrer und Eltern wissen sollten -- und tun können. Hans Huber, Göttingen

Smith, P. et. al. (2008), zit. nach Kohlbrunner, (2010, S.15)  Cyberbullying: its nature and impact in secondary school pupils.

Teaching Tolerance. In: cdna.tolerance.org/sites/default/files/TT45_web.pdf, 09.01.2014

Willard, N.E. (2007): Cyberbullying and Cyberthreats - Responding to the challenge of online social aggression, threats, and distress. Champaign/IL: Research Press.

 


[1]Quelle: DAJEB Informationsschreiben Nr. 230, Februar 2015; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.


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