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Sozialpsychiatrische Versorgung von Kindern und Jugendlichen


(wd) Bei der Sozialpsychiatrie-Vereinbarung zeigt sich, dass eine ambulante multidisziplinäre und vernetzte Versorgung durchaus erfolgreich sein kann.

Die Sozialpsychiatrie-Vereinbarung dient zur Förderung einer qualifizierten sozialpsychiatrischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen in der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung. Sie ist seit 2009 gültig. Durch die Sozialpsychiatrie-Vereinbarung (SPV) soll vorwiegend bei komplexen sozialpädiatrischen und psychiatrischen Behandlungsproblemen insbesondere die ambulante ärztliche Betreuung als Alternative zur stationären Versorgung und anderen institutionellen Betreuungsformen ermöglicht werden. Im Vordergrund steht der gezielte Ausbau solcher Behandlungsangebote, die für eine sinnvolle kontinuierliche Betreuung der betroffenen Patienten erforderlich sind.

Mit der Einführung der Sozialpsychiatrie-Vereinbarung (SPV) hatten sich die Vertragspartner – die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der GKV-Spitzenverband – darauf geeinigt, diese Vereinbarung zu evaluieren. Die Details zur ersten Evaluation der SPV wurden von der KBV und dem GKV-Spitzenverband festgelegt. Der Erhebungszeitraum bezieht sich auf die Monate Januar - Juni in den Jahren 2013 und 2014.

Die Ergebnisse der Evaluation geben einen Überblick über die Praxisstrukturen (Kooperationspartner) und das Patientenkollektiv (Diagnosedaten) sowie die therapeutischen Maßnahmen. Bestandteil der Evaluation waren auch Patientenbefragungen.

Demnach zeigte sich bei der Evaluation der Sozialpsychiatrie-Vereinbarung 2013/2014

  • in Bezug auf die Strukturqualität der teilnehmenden Praxen eine ausgeprägte interdisziplinäre Kooperation;
  • ein differenziertes therapeutisches Vorgehen ohne einseitige Präferenz, beispielsweise rein medikamentöser Strategien;
  • sowohl insgesamt und vor allem auch diagnosespezifisch eine vergleichsweise geringe Verordnungshäufigkeit von Psychopharmaka bei den behandelten Kindern und Jugendlichen, mit annähernd konstanten Verordnungsraten über die hier abgebildete Beobachtungszeit sowie
  • Behandlungskontinuität im Sinne häufiger, im Quartalsvergleich regelmäßiger und kurzfristig aufeinander folgender Behandlungstermine.

Als Fazit werden sehr gute Behandlungserfolge und die Erfüllung der Erwartungen an die Sozialpsychiatrie-Vereinbarung dargestellt.

Aus ärztlicher Sicht ist bereits nach einer Behandlungsdauer von bis zu 18 Monaten bei rund 46 % aller PatientInnen ein vollständiger oder weitgehender Behandlungserfolg eingetreten. Dabei ist die Bewertung des Behandlungserfolgs unabhängig von Alter und Geschlecht der Kinder und Jugendlichen.

Positiv äußerten sich auch die PatientInnen bzw. deren Eltern. Auf einer Skala von 1 (sehr gut) bis 5 (sehr schlecht) bewerteten sie die Behandlung mit einer 1,7.

An der Befragung, die das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZKI) in Deutschland durchgeführt hat, haben sich über 600 der bundesweit tätigen SPV-Ärzte beteiligt. Außerdem gingen in die Evaluation die Datensätze von 16.344 PatientInnen ein. Damit handelt es sich um eine der umfassendsten Erhebungen zur Versorgungsstruktur im psychiatrisch-psychotherapeutischen Bereich, so das ZKI.

Das ZKI hat den Abschlussbericht 2014 zur "Evaluation der Sozialpsychiatrie-Vereinbarung" auf seiner Homepage unter dem Link www.kbv.de/html/themen_2857.php veröffentlicht.

Kritische Anmerkungen von Otmar Stöhr, niedergelassener Psychotherapeut in Bremen, zur Evaluation der SPV

Die Evaluation der Sozialpsychiatrievereinbarung (SPV) durch das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung der KBV ist durchaus kritisch zu betrachten. Trotz der Fülle an Statistik und vergleichenden Daten, die die Evaluation liefert, scheint die Auswertung und Interpretation der Daten nicht ausreichend abgesichert zu sein. Tatsächlich sind die Daten teilweise wenig bis gar nicht mit der Evaluationsinterpretation verbunden und lassen auch andere Deutungen zu – einzig die vergleichsweise geringe Verordnungshäufigkeit von Psychopharmaka erscheint unbestreitbar.

Die interne und externe interdisziplinäre Kooperation, beispielsweise, wird in der Evaluationszusammenfassung positiv hervorgehoben und mit Prozentzahlen unterlegt; jedoch beschreiben diese einzig welche Angestellten die SPV-Ärzte beschäftigen und welche externen Kooperationspartner angegeben wurden, nicht jedoch qualitative Aspekte oder Kooperationsdichte (zeitlicher Umfang). Subjektive Erfahrungen lassen eher Rückschlüsse auf eine sehr niedrige Häufigkeit der Zusammenarbeit mit externen Partnern zu, aber Evaluationsdaten hätten hier, wenn sie denn vorhanden wären, sicher klarere Einsichten liefern können.

Auch die Frequenz der SPV-Behandlungen – errechnet wurde vom Zentralinstitut über 6 Quartale hinweg ein Durchschnitt von pro Quartal 1,8 Arzt- und 3,4 Mitarbeiterkontakten und gefordert waren in der SPV wohl drei Kontakte pro Quartal – scheint zu niedrig. Insbesondere für Kinder mit mittel bis schweren psychologischen Störungen könnte dies eine unsichere Behandlungskontinuität mit zu langen Terminabständen sein. Die Dokumentation der Patienten-Kontakte stellt zudem nicht unbedingt deutlich klar wie lange die Termine mit den Patienten in der Praxis waren.

Über 80% der SPV-Behandlungen waren psychiatrisch-psychotherapeutischer Natur (wobei offen bleibt was genau das im Einzelnen heißt) und bei 9 von 10 Patienten wurde – überwiegend durch Mitarbeiter – Psychoedukation durchgeführt. Eine Richtlinientherapie wurde 2013 bei 7,8% der SPV-Behandlungen durchgeführt (Tendenz 2014 fallend), was aufgrund der Hauptdiagnosen (F90, F93 und F43) erstaunlich gering erscheint. Es kann deshalb vermutet werden, dass die psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung sich oft hauptsächlich auf Diagnoseerstellung und ggf. Medikation beschränkt. Ergänzend ist durch subjektive Erfahrungen hinzuzufügen, dass Psychotherapiefälle oft an niedergelassene Kollegen verwiesen wurden und generell wenige Fälle als „psychotherapiewürdig“ angesehen wurden. Aufgrund dieser und weiterer Daten ist zu bezweifeln, dass SPV-Praxen tatsächlich ein differenziertes therapeutisches Vorgehen realisieren.

Schwierig ist zudem die Bewertung der Behandlungserfolge, da sie auf subjektiven Einschätzungen der SPV-Ärzte und der Eltern der Patienten beruhen und nicht transparent ist, wem genau die Evaluationsbögen ausgehändigt wurden. Zudem berichtet die KBV im Faktenblatt von „sehr guten Behandlungserfolgen“, im Informationsblatt aber steht „vorzeigbare Behandlungserfolge – häufig bei Patienten mit multiplen, schwer behandelbaren Störungen“. Durch die geringe Behandlungsfrequenz scheinen SPV-Praxen aber eher für leicht- bis mittelschwere Patienten geeignet zu sein.

Am meisten überrascht dann aber, dass die Evaluation trotz ihrer Datenfülle keinerlei Sozialdaten zu den Eltern der SPV-Patienten beinhaltet. Das Zentralinstitut und die KBV berücksichtigen wohl weder Bella-Studien, KiGGS-Ergebnisse noch das geringe Inanspruchnahmeverhalten bildungsferner Familien. Kinder aus sozial benachteiligten Familien, welche eine Behandlung aufgrund des Schweregrads, kumulativer Krankheiten und zusätzlicher Belastungen oft besonders nötig hätten, werden in SPV-Praxen wohl eher spärlich anzutreffen sein.

Den SPV-Praxen fehlen im Anwendungsalltag die Kombination nieder- und hochfrequenter Angebote, Flexibilität in Behandlung und Kooperation, eine bessere Präsenz und Erreichbarkeit, die Möglichkeit zu Hausbesuchen, lebenspraktische Unterstützung und vieles mehr. Entgegen der positiven Evaluationszusammenfassung besteht hier deutlich Nachholbedarf um eine wirkliche „soziale Psychiatrie“ für Kinder zu gewährleisten.

Quelle: Rosa Beilage zur VPP 3/2015


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