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„Wertedialog 2015“ des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes - Nachbericht zur Auftaktkonferenz „Was wirklich wichtig ist…“


Die Auftaktkonferenz zum Wertedialog fand am 26. März 2015 in Potsdam unter der Überschrift „Was wirklich wichtig ist…“   statt. Die Konferenz war in den Paritätischen Verbandstag (24.-27. März 2015) eingebettet.  Sie richtete sich an hauptamtliche und ehrenamtliche Vertreter/innen von Paritätischen Mitgliedsorganisationen und Mitarbeiter/innen des Paritätischen.

Rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer lauschten der motivierenden Rede von Prof. Dr. Rolf Rosenbrock und dem inspirierenden Vortrag von Prof. Dr. Heribert Prantl.

Der  Vorsitzende des Paritätischen, Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, berichtete von den ersten Ergebnissen einer Online-Befragung unter den Mitgliedern: Zur Frage nach den Werten des  Paritätischen verwies er auf die Toleranz und Vielfalt der verschiedenen Organisationen,  die sich im Verband zusammenfinden.  Wichtig sei die ganzheitliche Sicht auf den Menschen. Zu oft werde in unserer Gesellschaft versucht, den Wert der Sozialen Arbeit mit Zahlen zu begründen. Eine Dokumentation zur Qualitätssicherung sieht er als unzureichend an, da diese nur rechnerische Aspekte berücksichtige. Werte wie Teilhabe hingegen werden nicht gemessen und spielen daher bei solchen Argumentationen keine Rolle. Häufig werde die soziale Arbeit im Gegensatz zur Wirtschaft als nicht innovativ dargestellt, was der Vorsitzende mit Blick auf die unterschiedlichen Mitgliedsorganisationen und -verbände zurückwies. Eine wichtige Aufgabe sei es, so Rosenbrock, zu beobachten, wie der Umgang mit Randgruppen in der Gesellschaft erfolge. Es sei die Pflicht der sozialen Arbeit, die zunehmende Ungleichheit und damit die auseinandergehende Schere zu benennen und zu beklagen. Es werden ihm zufolge neue Bündnisse benötigt und mehr Präsenz in der Öffentlichkeit sei gefordert.

Heribert Prantl, Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung,  sprach danach zum Thema „Kritischer Impuls zu Werten und Wohlfahrt“: Er  ermunterte den Paritätischen dazu, als guter Wohlfahrtsverband vor allem auch „Widerstandsverband“ zu sein und Werte in der sozialen Arbeit nicht nur zu leben, sondern für diese Werte auch politisch zu streiten.  Er bezog sich darauf,  dass der Geschäftsführer des Paritätischen, Dr. Ulrich Schneider,  nach Vorlage des letzten Armutsberichtes von unterschiedlichen Seiten scharf angegriffen worden war und gab unterschiedliche Gründe dafür an: Einerseits gebe es einen Überdruss an Armutsberichten, anderseits stellen solche Berichte die Erfolgsmeldungen der schwarzen Null regelmäßig infrage: Ist die Armut beseitigt, solange niemand verhungert? Zudem gebe es den Kampf um Glaubwürdigkeit: Wann kann man von Armut sprechen? Erst wenn die Menschen im Müll wühlen müssen oder wenn sie es kaum über die Runden schaffen? Dieser Kampf sei, so Prantl, nur zu gewinnen, wenn  man seine Werte lebt. Die Ökonomie müsse dabei mit sozialen Werten durchdrungen werden. Hier seien die Sozialverbände gefordert: Es müsse das Vertrauen bestehen, dass diese vorbehaltlos die Menschen mit Hilfebedarf unterstützen und keine eigenen Ziele haben. In einem Exkurs zur EU-Politik verdeutlichte Prantl, dass die Sozialpolitik nur getragen werde, wenn Vertrauen besteht. Am Beispiel von Griechenland begründete er die Problematik einer von oben herab verordneten Wirtschaftspolitik, die massive Auswirkungen auf die Sozialpolitik hat und die nicht von der Bevölkerung getragen wird, bei der also das Vertrauen fehlt. Aus seiner Sicht ist eine Hauptfunktion der Wohlfahrtsverbände die des Hüters der sozialen Werte. Wer wann, wo und mit welchen Beeinträchtigungen auf die Welt kommt, sei dafür nicht verantwortlich. Aber die Sozialpolitik sei dafür verantwortlich, die Folgen der Ungleichheiten zu mindern, wie es auch durch die UN-Behindertenrechtskonvention von Deutschland vertraglich zugesichert ist. Sozialarbeiter sind, Prantl zufolge, Demokratiearbeiter und müssen sich als solche lautstark zu Wort melden und für die Rechte der Menschen mit Hilfebedarf kämpfen. Eine weitere Aufgabe bestehe in der Koordination von Ehren- und Hauptamt. Es müsse gut darauf geachtet werden, dass das Ehrenamt nicht aus Kostengründen zu Lasten der Hauptamtlichen ausgebaut werde. Beide sollten nebeneinander und miteinander existieren. Ehrenamtliche benötigen die Begleitung durch Hauptamtliche. Sie könnten den Menschen mit Unterstützungsbedarf die Aufmerksamkeit geben, für die Hauptamtliche oftmals nicht die Zeit hätten. Nach diesem  unterhaltsamen und aufrüttelnden Vortrag  wurden den Anwesenden von Praktikerinnen und Praktikern aus der Paritätischen Mitgliedschaft pointierte „Denkanstöße aus der Praxis“ mit auf den Weg gegeben. Die Praktiker und Praktikerinnen  berichteten darüber, wie sie im Arbeitsalltag ihrer Organisation Werte konkret leben und umsetzen. Anschließend gab es zu dem Thema „Was uns wirklich wichtig ist“ einen Open Space, dessen Ergebnisse in den einzelnen Gruppen ausgewertet wurde.

Am Ende eines intensiven und stimmungsvollen Tages stand letztlich die Erkenntnis, wie es Dr. Ulrich Schneider zusammenfasste, dass es nicht die Frage ist, ob wir gemeinsame Werte haben, die uns verbinden, sondern vielmehr die Frage, wie sehr wir bereit sind, für diese Werte einzutreten und in welcher Form wir das tun können.

Waltraud Deubert


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