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Fehlzeiten-Report 2015


(wd). Der Fehlzeiten-Report, der vom Wissenschaftlichen Institut der Ortskrankenkassen (WIdO) und der Universität Bielefeld herausgegeben wird, liefert jedes Jahr umfassende Daten und Analysen zu den krankheitsbedingten Fehlzeiten in der deutschen Wirtschaft. Die Entwicklung in den einzelnen Wirtschaftszweigen wird detailliert beleuchtet. Aktuelle Befunde und Bewertungen zu den Gründen und Mustern von Fehlzeiten in Betrieben werden vorgestellt.

Der Ratgeber für alle, die Verantwortung für den Arbeits- und Gesundheitsschutz in Unternehmen tragen, umfasst:

  • Aktuelle Statistiken zum Krankenstand der Arbeitnehmer in allen Branchen
  • Die wichtigsten Krankheitsarten, die für Arbeitsunfähigkeit verantwortlich sind
  • Anzahl und Ausmaß der Arbeitsunfälle
  • Vergleichende Analysen nach Bundesländern, Betriebsgrößen und Berufsgruppen
  • Verteilung der Fehlzeiten nach Monaten und Wochentagen
  • Anschauliche Darstellungen der Daten durch zahlreiche Abbildungen und Tabellen

Außerdem wird in einer Reihe von Einzelbeiträgen verschiedener Autoren aus Wissenschaft und Praxis ein aktuelles Schwerpunktthema behandelt. Erstmals ging es in diesem Jahr  um die Gesundheit  der rund 1,4 Millionen Auszubildenden in Deutschland. Ergebnis: Schon die jungen MitarbeiterInnen klagen über die gleichen Probleme wie ihre älteren KollegInnen.

Azubis leben häufig ungesund

Viele Auszubildende spielen mit ihrer Gesundheit, berichtet die AOK in ihrem Fehlzeiten-Report - und verweist auf Ergebnisse ihrer Befragung.

Bewegungsmangel, schlechte Ernährung, wenig Schlaf: Der AOK-Fehlzei­ten­report 2015 offenbart, wie gesundheitlich angeschlagen schon Auszubildende sind. Ein Drittel der Auszubildenden vermeldet häufig auftretende körperliche und psychische Beschwerden. Jede/r Fünfte gibt zu, dass sie/ihn zu wenig Bewegung, schlechte Ernährung, wenig Schlaf, Suchtmittelkonsum und/oder die Dauernutzung digitaler Medien körperlich belasten. Helmut Schröder, Mitherausgeber der Studie, warnt: „Betriebliche Gesundheitsförderung auch für diese Zielgruppe stellt einen Wettbewerbsfaktor für die Unternehmen dar. Mittelfristig werden in vielen Branchen und Regionen gesunde Auszubildende händeringend gebraucht.“

Kopf- und Rückenschmerzen verbreitet

Auffällig ist, dass schon die jungen Auszubildenden gut darin sind, sich ihre Gesundheit schön zu reden, obgleich sie es eigentlich besser wissen. 84% der insgesamt 1300 befragten Azubis schätzten ihren allgemeinen Gesundheitszustand als gut oder sehr gut ein. Zugleich berichteten aber mehr als die Hälfte (57%) über häufige körperliche Beschwerden und 46% auch über psychische Beschwerden.

So klagte jede/r vierte Auszubildende über häufige Kopfschmerzen (26%), 21% leiden häufig an Rückenschmerzen. Bei häufig auftretenden psychischen Beschwerden wurden vor allem Erschöpfung (36%), Lustlosigkeit (15%), und Schlafstörungen (10%) genannt.

Bei beinahe jedem zehnten Befragten treten gesundheitliche Beschwerden und gesundheitsgefährdendes Verhalten gleichzeitig auf.

Das alles liegt aber nicht nur am subjektiv hohen Druck einer Ausbildung. Zu einem großen Teil passen die Auszubildenden wider besseres Wissen nicht gut auf sich auf. So beschreibt sich ein Viertel der Befragten als Bewegungsmuffel. 27% verzichten auf ein regelmäßiges Frühstück, 16% streichen das tägliche Mittagessen. Dafür schlagen 17% der Azubis in hohem Maße bei Fast Food – vor allem Männer - und Süßigkeiten – vor allem Frauen - zu.

Problematischer erscheint den Fachleuten der Krankenkasse aber das Thema Schlafmangel. Ein Drittel der Jungen und ein Viertel der Mädchen schleppen sich mit weniger als sieben Stunden Schlaf pro Nacht zur Arbeit, entschieden zu wenig in diesem Alter. Darüber hinaus raucht mehr als jede/r dritte Auszubildende und fast jede/r Fünfte zeigt einen riskanten Alkoholkonsum. Das rächt sich.

Je ungesünder die jungen Leute leben, desto unzufriedener äußern sie sich über die Situation im Job und ihre Entwicklungschancen dort. Während ein Fünftel der risikobehafteten Auszubildenden beklagt, dass sich ihr Vorgesetzter nicht ausreichend Zeit für sie nähme, sind es bei den gesunden Auszubildenden weniger als die Hälfte.

Wozu sich der AOK Report nicht äußert: Was ist das Huhn, was das Ei? Macht eine womöglich zu anspruchsvolle Ausbildung die Lehrlinge krank oder sind die gesunden jungen Leute einfach viel widerstandsfähiger?

Allerdings sollte dieser korrelative Zusammenhang nicht überinterpretiert werden. Es bleibt die Frage offen, in welcher Form der Zusammenhang zwischen ungesunden Verhaltensweisen und der Unzufriedenheit/Perspektivenlosigkeit ist. Möglich wäre sowohl, dass ungesund lebende Auszubildende sich eher perspektivenlos bzw. unzufrieden fühlen, als auch dass unzufriedene Auszubildende eher ungesund leben. Außerdem kann der Einfluss von möglichen Drittvariablen ebenfalls nicht ausgeschlossen werden. 

Ausbildungsbetriebe, so der Rat der AOK, sollten mehr Wert auf die Gesundheitsprophylaxe auch ihrer Auszubildenden legen. Fast zwei Drittel von ihnen würden speziell auf sie zugeschnittene betriebliche Angebote bevorzugen.

Krankenstand der Lehrlinge in Berlin am höchsten

Der Krankenstand der Auszubildenden ist laut Studie in Berlin am höchsten mit 6,3%, Brandenburg mit 5,1% und Hessen mit 4,8%. Am niedrigsten ist er in Baden-Württemberg mit 4,1%, Bremen mit 3,9 und Bayern mit 3,4%.

Fehltage in einzelnen Berufssparten

Unabhängig vom Alter weist das Wissenschaftliche Institut der AOK auch jährliche Statistiken nach Berufsarten aus. Auffällig dabei ist: Die meisten Fehltage – nämlich rund 30 pro Jahr - gibt es bei Ver- und Entsorgern (wie z.B. Müllwerken), in der Metallverarbeitung und im Transportgewerbe. In all diesen Bereichen kommt es auch überdurchschnittlich oft zu Arbeitsunfällen, daher die hohe Zahl der Fehltage. Eine mögliche Erklärung für die vielen Fehltage wäre, dass es in all diesen Bereichen auch überdurchschnittlich häufig zu Arbeitsunfällen kommt.

Ebenfalls auffällig: Auch AltenpflegerInnen und Callcenter-MitarbeiterInnen gehören aufgrund ihrer Arbeitsbelastung in die Gruppe stark gefährdeter MitarbeiterInnen. In den dienstleistungsorientierten Berufen gelten psychische Erkrankungen als das größte Übel.

Aber auch über alle Berufsgruppen hinweg werden seelische Erkrankungen zu einer immer größeren Gefahr für die Gesundheit. Im Vergleich zum Vorjahr 2013 haben sie 2014 um fast zehn Prozent zugenommen.

Mit 25 Tagen Ausfall pro Erkranktem war die Fehlzeit im Betrieb mehr als doppelt so lang wie eine durchschnittliche Erkrankung der AOK-Versicherten, nämlich rund zwölf Tage. Der Durchschnitt sämtlicher Fehltage übers Jahr und über alle Berufe liegt bei 19 Tagen.

Gewinner der AOK-Statistik scheinen die HochschullehrerInnen, ÄrztInnen und SoftwareentwicklerInnen zu sein: Sie fehlen im Schnitt nur vier Tage pro Jahr am Arbeitsplatz.

Der Fehlzeiten-Report 2015 ist erschienen im Springer Verlag, ISBN 978-3-662-47263-7

Quelle: Rosa Beilage zur VPP 4/2015


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