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17. Shell-Jugendstudie erschienen


Die Shell-Jugendstudie wird seit 1953 im Abstand von 3 bis 4 Jahren vom Mineralölkonzern Shell herausgegeben. Es handelt sich um eine empirische Untersuchung, bei  der die Einstellungen, Werte, Gewohnheiten und das Sozialverhalten von Jugendlichen in Deutschland erfragt werden. Am 13.10.2015 haben die Verfasser der Studie, ein Team von WissenschaftlerInnen der Universität Dortmund, der Hertie School of Governance sowie des Münchener Forschungsinstitutes TNS Infratest Sozialforschung, sie in Berlin vorgestellt.

Die Daten stammen von einer repräsentativ zusammengesetzten Stichprobe von 2.558 Jugendlichen im Alter von 12 – 25 Jahren aus den alten und neuen Bundesländern, die von den Interviewern von TNS Infratest zu ihrer Lebenssituation und zu ihren Einstellungen persönlich befragt wurden. Die Erhebung fand auf Grundlage eines standardisierten Fragebogens im Zeitraum von Januar bis Ende März 2015 statt und im Rahmen einer ergänzenden qualitativen Studie wurden zwei- bis dreistündige vertiefte Interviews mit 21 Jugendlichen dieser Altersgruppe durchgeführt.

Bei der Vorstellung der Studie kommentierten die beteiligten Wissenschaftler das Ergebnis als „bemerkenswert, überraschend und richtungsweisend“, „die junge Generation befindet sich im Aufbruch. Sie ist anspruchsvoll, will mitgestalten und neue Horizonte erschließen.“ Immer mehr junge Leute scheinen ihr Interesse an Politik zu entdecken und der großen Mehrheit der Jugendlichen ist es wichtig „die Vielfalt der Menschen anzuerkennen und zu respektieren.“ Es zeigt sich, so Manuela Schwesig, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Gesundheit, dass „die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in unserem Land die Vorteile und Chancen gesellschaftlicher Vielfalt wahrnehmen. Und das ist angesichts der gegenwärtigen Flüchtlingsproblematik von herausragender Bedeutung.“ Vor diesem Hintergrund machen sich Jugendliche um Ausländerfeindlichkeit Sorgen und sind gleichzeitig offener gegenüber der Zuwanderung geworden. 48% der Jugendlichen haben Angst vor Ausländerfeindlichkeit (2010: 40%). 2002 plädierten noch 48% der Jugendlichen dafür, die Zuwanderung nach Deutschland zu verringern und 2006 waren es sogar 58%, die sich für eine Verringerung der Zuwanderung nach Deutschland ausgesprochen haben. 2015 unterstützen nur noch 37% diese Aussage. 29% der Jugendlichen fürchten sich vor Zuwanderung. Allerdings gibt es signifikante Unterschiede zwischen dem Westen und dem Osten Deutschlands, während nur 35% der Jugendlichen aus den westlichen Ländern eine verringerte Zuwanderung nach Deutschland fordern, sind es in den östlichen Ländern (inklusive Berlin) 49%. Zugleich ist allerdings auch die Angst vor Krieg und Terror angestiegen. 2010 äußerten 44% Angst vor Krieg in Europa, die Zahl ist 2015 sprunghaft auf 62% angestiegen, was u. a. mit dem Konflikt in der Ukraine zusammenhängt, der stark im Bewusstsein der Jugendlichen präsent ist. Drei Viertel der Jugendlichen haben Angst vor Terroranschlägen.

Bildung und Familie haben nach wie vor einen hohen Stellenwert bei den Jugendlichen. Aktuell erwarten fast drei Viertel der Jugendlichen ihre Berufswünsche verwirklichen zu können - ein gutes Viertel allerdings auch nicht. Die Familie hat nach wie vor einen hohen Stellenwert bei den Jugendlichen. Mehr als 90% der Jungen und Mädchen geben an, ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern zu haben. Fast drei Viertel würden ihre Kinder ungefähr oder genauso erziehen, wie sie selbst erzogen werden. Dieser Wert hat seit 2002 stetig zugenommen. Freundschaft, Partnerschaft und Familie stehen sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen an erster Stelle. 89% finden es besonders wichtig, gute Freunde zu haben, 85% einen Partner zu haben, dem sie vertrauen, und 72% ein gutes Familienleben zu führen. Materielle Dinge, wie Macht oder ein hoher Lebensstandard, verlieren eher an Bedeutung. 82% der Jugendlichen finden den Wert „die Vielfalt der Menschen anerkennen und respektieren“ wichtig.

Bei der Befragung der Jugendlichen zeigen sich eine positive Grundhaltung und viel Optimismus. 61% der Befragten blicken optimistisch in die persönliche Zukunft, das sind noch einmal mehr als in den Jahren 2010 und 2006 und erstmals seit 1990 beurteilt eine Mehrheit der Jugendlichen (52%) auch die gesellschaftliche Zukunft als optimistisch.

In Anbetracht vieler positiver Ergebnisse der Shell-Studie darf man allerdings auch nicht übersehen, dass sich ca. 15% der Jugendlichen als abgehängt erleben. Es zeigt sich, dass diejenigen, die nicht am allgemeinen Wohlstand teilhaben können, einen ganz anderen Blick auf sich und ihre Entwicklungsmöglichkeiten haben. Kommen die jungen Menschen aus einfachen Verhältnissen mit niedrigem Einkommen und einfacher formaler Bildung, dann glaubt von diesen Jugendlichen nicht einmal die Hälfte, dass sich ihre Berufswünsche erfüllen werden. Selbst in einer konjunkturell stabilen Situation befürchten noch 48% der Jugendlichen keinen Ausbildungsplatz zu bekommen oder den Arbeitsplatz zu verlieren. Und drei Prozent sehen ihre Zukunft als "düster". So können die Jugendlichen, die sowieso schon abgehängt sind, von der allgemeinen steigenden Zuversicht, vor allem jener, denen es aufgrund von Herkunft besonders gut geht, nicht profitieren.

Kaum verwundern kann, dass sich junge Menschen lieber in absehbaren Projekten und Initiativen politisch engagieren, als in etablierten Großorganisationen. Schließlich wird ihnen im beruflichen Kontext auch nur noch im Ausnahmefall mehr als eine befristete Anstellung angeboten. So äußern sich Jugendliche aus benachteiligten Lebenssituationen auch unzufriedener mit der erlebten Demokratie als andere aus der Alterskohorte.

Kaum erstaunt dann, dass viele Jugendliche mit Migrationsgeschichte von Benachteiligungen aufgrund ihrer Nationalität oder Herkunft bzw. aufgrund ihres Äußeren berichten.

Als besorgniserregend kann dabei gesehen werden, dass sich die Chancenverteilung bereits sehr früh im Leben manifestiert. So bleibt es z.B. gesellschaftliche Aufgabe, die Schulabbrecherquote weiter zu senken. Und es verwundert nicht, dass auch diese Jugendstudie ein weiteres Mal bestätigt, dass die soziale Herkunft in Deutschland weiterhin von zentraler Bedeutung für Schulerfolg und Aufstiegsmöglichkeiten ist. So sehen insbesondere die benachteiligten Jugendlichen kaum eine Chance für einen möglichen sozialen Aufstieg durch Bildung für sich. "Diese Jugendlichen lassen sich von dem in anderen sozialen Schichten größer werdenden Optimismus hinsichtlich der eigenen Lebensmöglichkeiten kaum anstecken", so die Autoren.

In der Unterstützung und Begleitung dieser jungen Menschen sollte die Gesellschaft und die Politik eine zentrale Aufgabe sehen.

Weitere Hinweise und Links unter:

http://www.shell.de/aboutshell/our-commitment/shell-youth-study-2015.html

Waltraud Deubert

Quelle: Rosa Beilage zur VPP 4/2015


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