< vorheriger Artikel

Aktuelle Informationen zur Entwicklung verschiedener Leitlinien


Auch in der Sommerzeit wurde an den Leitlinien weitergearbeitet, wenn auch in unterschiedlichem Umfang. Im Folgenden stelle ich den Stand der Leitlinien dar, an deren Entwicklung ich beteiligt bin.

Zunächst der gesamte Bereich der Autismus-Spektrum-Störungen:

Die Steuergruppe hatte, da sich die Leitlinie sowohl mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen beschäftigen sollte und um das Ergebnis nicht allzu lange hinauszuzögern, die Themen in zwei Bereiche aufgeteilt, einmal eine Leitlinie „Diagnostik“ und eine Leitlinie „Therapie“. Dabei war zu berücksichtigen, dass es in Deutschland bisher keine Leitlinie zu Autismus-Spektrum-Störungen gab, also fundamentale Arbeiten erledigt werden mussten.

Zunächst wurde logischerweise die Leitlinie „Diagnostik“ erarbeitet, was bereits eine sehr umfangreiche Arbeit erforderte. Mittlerweile ist dieser Teil der Leitlinie konsentiert, d.h. die wichtigsten Gruppen (VertreterInnen der Fachverbände, der Betroffenen und der Angehörigen) trafen sich, um die Empfehlungen zu diskutieren und darüber abzustimmen. Der kommentierte Text wird nochmals redaktionell überarbeitet und dann den Verbänden zugesandt, um deren Zustimmung zu bekommen und gegebenenfalls Veränderungswünsche einzuarbeiten. Aus meiner Sicht könnte sich die Veröffentlichung jedoch noch etwas verzögern, denn ich sehe folgendes Problem: Bei der Konsentierung waren die PA- und TP-Verbände nicht einbezogen, da diese aus Sicht der Mehrheit der Steuergruppe für die Diagnostik dieser Störung nicht relevant sind, wenn es um eine evidenzbasierte Sicht auf diese Störungsgruppe geht. Es ist also wahrscheinlich, dass es von den vielfältigen Gruppierungen Einwände geben wird.

Der zweite Schritt besteht darin, eine Leitlinie für die Therapie der Autismus-Spektrum-Störungen zu erstellen. Auch hierzu gibt es im deutschsprachigen Raum bislang keine Vorlage. Im September hat eine erste Sitzung der Steuergruppe stattgefunden. Die personelle Zusammensetzung ist identisch mit der Steuergruppe zum Diagnostikteil, da diese gut eingearbeitet ist und bisher gut zusammen gearbeitet hat. Dadurch kann die Arbeit zügig weitergehen, was die Zeit, bis die Leitlinie fertig ist, sicherlich deutlich reduzieren wird. Auch einige der Schlüsselfragen, die in dieser Leitlinie beantwortet werden sollen, wurden im Diagnostikteil schon angerissen und die Literatur gesichtet und zusammengetragen.

Des Weiteren arbeite ich in der Leitlinie „Angst bei Kindern“ mit. Nach ersten (organisatorischen) Problemen läuft die Leitlinienarbeit mittlerweile gut, auch wenn noch einige Zeit ins Land gehen wird, bis eine konsentierbare Version vorliegen wird. Ich erwarte recht spannende Ergebnisse aus den vorliegenden Studien, die dann auch evidenzbasiert sein werden. Zum Beispiel, dass die Arbeit alleine mit den Eltern sehr gute Ergebnisse erzielt, aber auch internationale Ergebnisse, die zeigen, dass Familientherapie oftmals effizienter ist als Einzeltherapie mit dem Kind. Spannend wird dabei sein, dass die Vorgaben des GB-A und des SGB es nicht erlauben, die besten evidenzbasierten Vorgehensweisen anzuwenden. Diese Diskrepanz zwischen evidenzbasiertem Vorgehen und den Rahmenbedingungen, unter denen in Deutschland Psychotherapie gemacht werden muss, wirft ein Licht auf die politische Dimension, die mit der Entwicklung von Leitlinien verbunden ist. Für uns als Fach- und Berufsverband könnte die Aufgabe sein, im Sinne der PatientInnen eine politische Initiative zu starten, um eine optimale Behandlung möglich zu machen.

Als Nächstes der aktuelle Stand der Überarbeitung der Leitlinie „Unipolare Depression“. Die Überarbeitung ist zeitgerecht mit dem Ablaufdatum der bisherigen Leitlinie durchgeführt worden. Neueste Forschungsergebnisse wurden eingearbeitet. Dabei ergaben sich auch Ergebnisse, die sehr heftig diskutiert wurden, ob sie in die Leitlinie aufgenommen und wie die Regeln einzuarbeiten sind. Erwähnen möchte ich nur die Ergebnisse über den Einsatz von Elektrokrampftherapie bei schweren Depressionen in Abgrenzung zur Pharmakotherapie: Zusätzlich wurde die Leitlinie um Bereiche erweitert, die in der bisherigen Version nicht erfasst worden waren. Die überarbeitete Version lag den Verbänden bereits zur Kommentierung vor, die Veröffentlichung ist für November angekündigt.

Die Teilleitlinie „Selbstverletzung bei Kindern und Jugendlichen“ ist mittlerweile veröffentlicht, der zweite Teil dieser Leitlinie zum Thema „Suizidalität im Kinder- und Jugendlichenbereich“ ist seit mehr als einem Jahr fertig und in der Leitlinienkommission konsentiert, wurde aber noch nicht an die Verbände weitergeleitet und damit auch nicht veröffentlicht. Ich verstehe diese Verzögerung nicht, da auch meine Nachfragen an die Koordinatorin bisher unbeantwortet blieben. Hier heißt es (leider) abwarten.

Nun zur aus meiner Sicht sehr wichtigen Leitlinie „Schizophrenie“: Die Arbeit an dieser Leitlinie schläft seit fast zwei Jahren. Hintergrund ist die Kritik zahlreicher Verbände (unter anderem von DGVT und Bundespsychotherapeutenkammer) an der Zusammensetzung der Kommission. Kritisiert wurde, dass unter Missachtung der Regeln der AWMF die biologistisch orientierte Gruppe der Ärzte versucht hat, neben den VertreterInnen ihrer Gruppe auch noch „Fachleute“ und weitere Personengruppen zu installieren, so dass einzelne Gruppierungen mit bis zu vier abstimmungsberechtigten VertreterInnen dabei gewesen wären, während bei den anderen Gruppierungen nur ein abstimmungsberechtigtes Mitglied erlaubt war. Damit erscheint eine sachgerechte und evidenzbasierte Bearbeitung dieses Themas nicht möglich zu sein, und es ist noch nicht klar, wann an dieser Leitlinie weiter gearbeitet werden wird.

An dieser Stelle eine ganz persönliche Anmerkungen: Ich habe an vielen Stellen in den Leitliniengruppen den starken Eindruck, dass nicht das Wohl der PatientInnen und deren beste Behandlung im Vordergrund steht, sondern Standes- oder auch Schuleninteressen. Diese Tendenzen machen die Arbeit an einigen Punkten recht mühsam und führen manchmal die beschworene Evidenzbasierung fast ad absurdum.

Zum Schluss noch ein Satz zur Überarbeitung der Leitlinie „Posttraumatische Belastungsstörungen“. Hier werden wir von Prof. Rita Rosner vertreten, die mir mitgeteilt hat, dass die Leitliniengruppe sich seit Februar 2015 nicht getroffen hat, sodass es keine neuen Ergebnisse zu berichten gibt.

Rudi Merod

Quelle: Rosa Beilage zur VPP 4/2015


Zurück