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Zukunftskongress der Techniker Krankenkasse – „Gesund in der digitalen Welt“[1]


Berlin, 2.9.2015

Die beiden letzten Panels dieses Zukunftskongresses waren politisch-grundsätzlichen Themen gewidmet.

Thomas Ballast führte mit 3 Trends in das Panel „In Zukunft gut versorgt – Medizin der Zukunft“ ein:

  1. Mehr Daten ermöglichten mehr Individualität in Richtung individualisierter Medizin. Man könne durch diese Daten mehr über Krankheiten erfahren und eine größere Behandlungsqualität erzielen.
  2. Die bisherige Kommunikation werde durch eine andere ersetzt – Medizin 4.0.
  3. Neue Prozesse würden in die Therapie eingeführt, so eine virtuelle Begleitung von Patienten, usw.
  4. Der Arzt des Vertrauens sollte die Daten haben, man müsse Konsens über Datenschutz und Freiheit herstellen, Gutes und Schlechtes identifizieren und trennen. Die Diskussion in diesem Panel kreiste um die Themen Datenschutz und Selbstbestimmung, Telematikinfrastruktur und Verbesserung der Versorgung.

Nach Peter Langkafel (Healthcubator) müsse man sich davor schützen, Daten zu sehr zu schützen und sie nicht zu nutzen, z.B. mit Blick auf unerwünschte Arzneimittelnebenwirkungen. Datenschützer sagten selbst, dass der Datenschutz reformiert werden müsse, auch vor dem Hintergrund der EU-Datenschutzverordnung.
Dirk Engelmann (Gesundheitsbehörde Hamburg) gab ihm zum Teil Recht, der Datenschutz spiele zwar eine herausgehobene Rolle, dürfe aber nicht den Blick auf die Möglichkeiten verstellen. Sie alle befänden sich in einer „Suchbewegung“.

Viele, auch ältere Bürger wollten, ergänzte Shari Langemak (Medscape Deutschland), mehr Kontrolle über ihre Krankheit erlangen, CEO der eigenen Gesundheit sein.

Katja Leikert (CDU/CSU-Bundestagsfraktion) betonte, das E-Health-Gesetz umfasse nicht nur die Karte, sondern sei Teil einer Gesamtstrategie für eine Telematikinfrastruktur.

Sichere Datenkommunikation sei sinnvoll, eine sichere Infrastruktur solle den Patienten zu einer flächendeckenden Versorgung nutzen.

Zentral sei, wo die Daten lagerten und wer Zugriff habe. Gesundheitsdaten gehörten in die Hände der Versicherten, deshalb plädiere sie für eine elektronische Patientenakte.

Thomas Ballast brachte den Aspekt der Qualität ein. Mit Leistungserbringerdaten könne man endlich die „mittelalterliche Arztwahl“ hinter sich lassen, mit besseren Behandlungsdaten die Therapie positiv beeinflussen. Allerdings halte sich die Freude der Ärzte über informierte Patienten in Grenzen.

Jens Baas startete das Abschlusspanel „Blick durch die Netzbrille in die Zukunft“ mit 3 Beispielen aus der Zukunft: 2020 / 2025 Patientin Gertrud (95 Jahre) – Pflegefall im eigenen Haus, das sich um sie kümmere, ein lieblich aussehender Roboter (Robbe), Toilette mit Labor, Monitoring und Alarmsystem für den Arzt, usw. – also vieles, was es heute schon gebe und auch durchaus wünschenswert sei.

2030 / 2035 Tina (35 Jahre) – komplette Versichertenakte, Daten würden gesammelt, mit ständigem Zugriff und Auswertung, System stelle Rückfragen, Hinweise für Blutabnahmen, Schilddrüsenunterfunktionen, Medikamenteneinstellung – dies sei auch heute schon möglich, aber künftig vernetzt.

2050 / 60 Tim (27 Jahre) – Datenbroker, wohlhabend, kenne sein Genom komplett, einige Probleme seien schon behoben und Wunschmodifikationen vorgenommen worden, die Tochter schon weitgehend designed, ein Sensor implantiert, mit einem Speicher aufgerüstet, 1 mal pro Jahr im Gesundheitszentrum Update zur Rundumerneuerung, komplett individualisierte Medikamente, exakt gezüchtete Organe – je spezialisierter, desto teurer, dies könne sich nicht jeder leisten.

Wolle man, fragte Jens Baas im Anschluss, eine komplett automatisierte Welt, den Seehund-Roboter? Dass das Unvernünftige nicht erlaubt werde? Was bedeute dies für die Finanzierbarkeit?

Seine Position sei, dass jeder selbst entscheiden müsse. Nach Birte Huizing (D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt und Beraterin des SPD-Parteivorstands) laufe es auf eine dezidierte Datenpolitik hinaus, was verwendet werden dürfe und was nicht. Freiheit sei ein hohes Gut. Darauf müsse man auch bei der Datenschutzgrundverordnung achten. Sie erarbeiteten ein digitales Grundsatzprogramm der SPD.

Trendforscher Oliver Leisse (See more) nahm zunächst die Gegenposition ein – ihm sei der Umgang mit Daten eigentlich egal, wenn er damit länger gesund bleibe. Ob Google u.a. eine Information mehr erhielten – darauf komme es doch nicht an. Er halte die Beispiele von Jens Baas für realistisch, was vor 10 bis 20 Jahren prognostiziert worden sei, sei auch eingetreten.

Darauf Linus Neumann (Chaos Computer Club) fast schon resigniert: Diese Sorglosigkeit werde bleiben, die Vision, dass früh genug Sensibilität entwickelt werde, habe er nicht mehr. Man müsse differenzieren, der individuelle Schaden sei vielleicht gering – für Tina wohl erträglich –, das sehe aber für die Gesellschaft anders aus – Kontrolle durch bestimmte Organisationen und Entsolidarisierung. Die Gesellschaft müsse festlegen, was sie wolle, folgerte Jens Baas. Die Gefahr des Sozialdrucks sei real. Man müsse jetzt die Weichen stellen, Technik sei schneller als Ethik, der Geschwindigkeitsunterschied eklatant.

Oliver Leisse – jetzt weniger sorglos – gab ihm Recht. Die Politik müsse dafür Sorge tragen. Es finde eine Machtverschiebung zu den großen Software-Companies statt, das werde die Welt verändern.

Einen beruhigenden Akzent setzte Birte Huizing am Ende. Die schönsten Erlebnisse seien immer noch, wenn man sich treffe. Das seien menschliche Urerfahrungen.


[1]Quelle: Newsletter ‚HIGHLIGHT‘, Ausgabe 24/2015; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


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