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Sachverständigenrat Gesundheit empfiehlt „Teilarbeitsunfähigkeit“ zu erproben


Redaktionelle Vorbemerkungen: Bereits im Dezember hatte der Sachverständigenrat das Sondergutachten mit dem Titel „Krankengeld – Entwicklung, Ursachen und Steuerungsmöglichkeiten“ veröffentlicht. Dieses wurde wegen der ständigen Steigerungen der Krankengeld-Ausgaben vom Gesundheitsminister Herrmann Gröhe in Auftrag gegeben. Die Experten empfehlen darin u. a.:

  • die Einführung einer Teilarbeitsunfähigkeit und eines Teilkrankengeldes
  • die Beschränkung des Krankengeldes und Neuregelungen analog zum ALG I
  • die Weiterentwicklung der Bedarfsplanung für die Versorgung psychischer Erkrankungen
  • erweiterte Mitwirkungspflichten der Versicherten bei geminderter Erwerbsfähigkeit und bei Altersrente
  • Verkürzung der bisher zehnwöchigen Frist zur Beantragung einer Reha auf vier Wochen
  • Verbesserung des Zugangs zu psychotherapeutischer Versorgung, u. a. durch eine Akutsprechstunde
  • Koordinierung der Behandlungswege und Therapieangebote in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung
  • Einführung eines Runden Tisches für Fallkonferenzen und Einrichtungen eines gemeinsamen medizinischen Dienstes der Renten- und Krankenversicherung
  • Vereinfachung und Präzisierung der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung

Das Gutachten kann unter folgendem Link eingesehen werden:

http://www.svr-gesundheit.de/fileadmin/ GA2015/SVR_Sondergutachten_2015_Krankengeld.pdf

Besonders heftig wird der Vorschlag „Einführung einer Teilarbeitsunfähigkeit und eines Teilkrankengeldes“ diskutiert: Wer trotz Krankheit ein paar Stunden am Tag arbeiten kann, solle dies auch tun können, findet der Sachverständigenrat. Dieser Vorschlag sorgt für Aufsehen, auch viele ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen lehnen die Teil-AU ab.

Johannes Broil hat sich mit den verschiedenen Positionen[1] (z.B. von BPtK und DPtV) auseinandergesetzt und  zieht folgendes Fazit:

Keine der Stellungnahmen zum Sachverständigengutachten nimmt zur Kenntnis, dass der Sachverständigenrat auch nach den Ursachen vermehrter Krankschreibungen wegen Depressionen gefragt hat. Auf Seite 184 befasst er sich z.B. mit dem Zusammenhang von Arbeitskonflikten und psychischen Erkrankungen. Er stellt auch heraus, dass Krankschreibungen auch berufliche Ausstiegszenarien darstellen. Leider findet er jedoch als Ursache nur Mobbing am Arbeitsplatz. Der Sachverständigenrat lässt völlig außer Acht, dass gesellschaftliche Veränderungen zu erhöhter Anforderung am Arbeitsplatz und zu Ausgrenzungen aus dem Arbeitsleben führen. Unternehmen, die vor Jahren noch gute und sichere Arbeitsplätze boten, werden im Rahmen der Globalisierung an internationale Investoren verkauft, die reguläre Arbeitsplätze abbauen und durch Leiharbeit ersetzen. Der Druck in den Unternehmen steigt, es ist kein Wunder, dass sich die diesem Druck ausgesetzten Menschen Sorge um ihren Arbeitsplatz machen, nicht wenige davon reagieren mit Depressionen. Neben dem allgemeinen Druck zur Intensivierung der Arbeit ist auch eine Veränderung von Arbeitsanforderungen zu beobachten, dem besonders Ältere nicht mehr gewachsen sind. Wenn z.B. ein erfahrener Servicemitarbeiter Manuale nur noch in Englisch vorfindet, dem er aber nicht mächtig ist, kann er kaum noch Schritt halten. Wenn Arbeitsprozesse so verdichtet werden, dass es immer wieder zu Fehlleistungen kommt, geraten Arbeitsverhältnisse in Gefahr. In Zeiten von guter Entlohnung und gesicherten Arbeitsplätzen sind nicht wenige Menschen Verbindlichkeiten, z.B. durch Hausbau, eingegangen, die bei einem Verlust des Arbeitsplatzes nicht mehr zu tragen sind. Diese Menschen geraten in eine Spirale von Druck, Verunsicherung, Befürchtungen, Ängsten und Selbstunsicherheit. All dies sind Faktoren, die eine depressive Episode auslösen können.

Die Flucht in die Krankheit stellt häufig den einzigen Weg aus diesen Krisen dar. Manche Unternehmen sehen darin auch einen Weg, MitarbeiterInnen loszuwerden. Der Bezug des Krankengeldes erweist sich für nicht Wenige als eine Möglichkeit, den erhöhten Anforderungen, denen sie nicht mehr gewachsen sind, zu entkommen. Man hofft dann, die Zeit bis zur Rente zu überbrücken oder genügend Zeit zu haben, um in leistbare Arbeitsverhältnisse zu gelangen.

Es gehört zu den Aufgaben des Gesundheitssystems, besonders der Psychotherapie, auch auf krankmachende Bedingungen hinzuweisen. Es lässt sich leicht aufzeigen, dass die derzeitigen wirtschaftlichen und betrieblichen Veränderungen vermehrt zu psychischen Erkrankungen führen, besonders zu Depressionen. Der Bezug von Krankengeld stellt eine notwendige Absicherung für Patienten dar, die aus den aktuellen Arbeitsbedingungen herausfallen. Den Bezug von Krankengeld einzuschränken, erhöht noch die Not dieser Menschen und kann dazu führen, dass sich deren Lebenslage weiter verschärft. Als Psychotherapeuten sind wir aufgefordert, auf diese Zusammenhänge hinzuweisen. Natürlich ist es notwendig, unsere Anstrengungen zur Schaffung rechtzeitiger Hilfen zu intensivieren. Der Versuch, den Druck auf diese Patienten zu erhöhen, indem die Frist zur Beantragung einer REHA verkürzt wird, indem Teilkrankschreibungen ermöglicht werden, führt vermutlich in die falsche Richtung. Er birgt die Gefahr von Zunahme der Depression. Es ist zu beobachten, dass mehr Menschen in prekäre Lebenslagen geraten. Es bedarf erheblicher Anstrengungen, diesen Trend umzukehren. Die, die zurzeit aus dem Raster fallen und krank werden, bedürfen unserer Hilfe. Diese zu begrenzen wäre der falsche Weg. 

Johannes Broil


[1] Aus Platzgründen können wir die Stellungnahmen und Positionen an dieser Stelle nicht abdrucken. Den vollständigen Bericht finden Sie auf unserer Homepage: www.dgvt.de .


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