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Prof. Gerd Glaeske verlässt das Zentrum für Sozialpolitik in Bremen – das Ende einer Ära[1]


Professor Dr. Gerd Glaeske wird das Zentrum für Sozialpolitik (ZeS) der Universität Bremen nach 17 Jahren verlassen – er geht in den Ruhestand. Glaeske, seit 2007 Co-Leiter der Abteilung für Gesundheitsökonomie, Gesundheitspolitik und Versorgungsforschung des ZeS, leistete in dieser Zeit  überaus bedeutenden Beitrag, um die Versorgungsforschung wissenschaftlich und politisch zu etablieren und die Ergebnisse der wissenschaftlichen  Arbeit auch in der Praxis wirksam werden zu lassen. Seine durchaus kritischen Äußerungen in Richtung Pharmaindustrie, Apotheker- und Ärzteschaft und auch der Politik sorgten in den letzten Jahrzehnten oftmals für kontroverse und anregende  Diskussionen.

Im Rahmen des 10. Medizinkongress 2015 am 29. September in Berlin fand in Anwesenheit zahlreicher prominenter Vertreter des deutschen Gesundheitswesens eine Verabschiedung Glaeskes  statt. Unter anderem würdigten Barbara Steffens, Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen, sowie Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der BARMER GEK, die Leistungen Glaeskes. Mit der BARMER GEK, die den Kongress in Kooperation mit der Universität Bremen organisierte, ist Glaeske durch eine langjährige und sicherlich für beide Seiten erfolgreiche Zusammenarbeit verbunden. Die vom promovierten Pharmazeut Glaeske und seinem „Bremer Team“ erstellten Arzneimittelreporte aus der BARMER GEK Schriftenreihen zur Gesundheitsanalyse avancierten von Beginn an zu einem hoch geschätzten Beitrag rund um die Analyse und Diskussion des Pharmabereichs. Die BARMER GEK unterstützte die Reporte nicht nur in der Rolle des Herausgebers, sondern stellte den Wissenschaftlern auch die erforderlichen Daten zur Verfügung.

Als symbolische Anerkennung wurde Glaeske denn auch ein druckfrisches Exemplar des 35. Bandes der oben erwähnten Schriftenreihe durch den die Veranstaltung moderierenden Robert Paquet überreicht. Thematisch nicht ganz unpassend, dreht sich inhaltlich in diesem Band alles um die Versorgungsforschung, unter anderem mit Beiträgen des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Techniker Krankenkasse Thomas Ballast, dem Vorstand des BKK Dachverbandes, Franz Knieps und Professor Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit. Paquet dankte dem Beschenkten „für seine Disziplin, die Arbeit an diesem Band nicht zu bemerken“, denn an Glaeske war aus Überraschungsgründen „vorbeigearbeitet“ worden.

Professor Dr. Gerd Glaeske,  ehemaliges Mitglied im Sachverständigenrat Gesundheit (2003 – 2009), hatte seinem Selbstverständnis gemäß auch noch kämpferische Worte zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Versorgungsforschung zu sagen, eingeordnet in den Bogen nicht nur der eigenen historischen Erfahrung. Angesichts dessen, dass es immer noch „zu viele ökonomische  Interessen im Gesundheitswesen“ gebe, sei die „evidenzbasierte Beratung von Kassen“ durch die Wissenschaft eminent wichtig. Nur so könne man die Frage beantworten: „Wer muss an welcher Stelle im System handeln, um Weiterentwicklungen in Gang zu bringen?“

„Lange her“ sei zwar die Zeit bei der AOK Kreis Mettmann – Glaeske war dort 1988-1992 Leiter des Pharmakologischen Beratungsdienstes – aber der dort gebotene Rahmen habe den „Beginn von Versorgungsforschung“ ermöglicht. Die zur Verfügung gestellten Daten erlaubten Einblicke in die Versorgungsstrukturen und die Entwicklung von Analyseverfahren, so Glaeske im Rückblick. In den letzten Jahren sei die Entwicklung erfreulicherweise schnell voran geschritten. In der „großen Phasen des Deutschen Netzwerk Versorgungsforschung“ habe man die Versorgungsforschung etablieren können, unter anderem indem man der Politik „Geld für Professuren abgerungen“ hat. Er sei stolz darauf, dass das Netzwerk im politischen Umfeld inzwischen vollständig anerkannt ist. Dass man zum Beispiel gebeten wurde, zur Besetzung des wissenschaftlichen Expertenbeirats des Innovationsfonds Vorschläge zu machen, zeige dies deutlich. Die „Kraft der Versorgungsforschung“ in einem solchen Netzwerk gebündelt zu haben, erweise sich nun als „wichtig und richtig“. Eine starke Position sei schon allein wegen der „funktionierenden Lobbypolitik“ der Pharmaindustrie gegenüber kritischen Untersuchungen Arzneimittel betreffend notwendig, da man nur aus ihr heraus die politischen Implikationen entsprechender Diskussionen überstehen könne.

Da die Versorgungsforschung medizinische Behandlungen auf ihre Alltagstauglichkeit hin untersucht, könne sie mit diesem Anliegen durchaus eine „folgenreiche Angelegenheit“ für bestimmte Akteure im Gesundheitswesen sein. Als manchmal „ungeliebtes Kind“ schaffe diese Art der Forschung eine Transparenz die, so Glaeske, nicht jedem gefiel und gefallen werde. Um Änderungen voranzubringen, müsse dann eben auch die Politik Adressat der Versorgungsforschung sein, was die Versorgungsforschung aber „nicht einfacher“ mache. Es gelte in diesem System musketierhaft zusammenzuhalten, um dem „Zuviel an ökonomischen Interessen“ mehr Patientenorientiertheit entgegensetzen zu können. Patientenorientierung, verbesserte Information und mehr Transparenz sowie bessere medizinische Versorgung der Versicherten -  man werde sich trotz seines Abschiedes aus Bremen noch oft sehen, wenn es um solche Themen gehe.


[1]Quelle: gid Nr. 24/25 vom 09.10.2015; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


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