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Krankenhaus-Report 2016 [1] - WIdO zur Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Versorgung


Der diesjährige Krankenhaus-Report 2016 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) befasst sich mit einem spannenden Versorgungsbereich im Gesundheitssystem, der in den letzten Jahren immer stärker in das Blickfeld gerückt ist. Schon bei der Beschreibung der Ausgangslage reklamieren die Autoren einen Handlungsbedarf für die Gesetzgebung, realistischer Weise schon mit Blick auf die 2017 startende nächste Legislaturperiode: „Die unterschiedlichen strukturellen und rechtlichen Rahmenbedingungen für Leistungserbringer des ambulanten und stationären Sektors hinsichtlich der Ermittlung des Versorgungsbedarfs, der Definition des Leistungsbedarfs, der Vergütung und der Qualitätssicherung erschweren es, die nicht nur aus Patientensicht zu wünschende integrierte Versorgung entlang eines Behandlungspfades abzustimmen.“

Den zentralen Beitrag in dieser insgesamt bemerkenswerten Publikation zum Thema „Ambulante Krankenhausleistungen – ein Überblick, eine Trendanalyse und einige ordnungspolitische Anmerkungen“ liefern Wulf-Dietrich Leber, Abteilungsleiter Krankenhäuser beim GKV-Spitzenverband und der Gesundheitsökonom Professor Jürgen Wasem. Wasem ist Inhaber des Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftungslehrstuhls für Medizinmanagement der Universität Duisburg-Essen.

„Bei jeder Gesundheitsreform seit 1989 sind an der Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Versorgung neue Regelungen hinzugekommen, von den psychiatrischen Institutsambulanzen über das ambulante Operieren im Krankenhaus bis hin zur ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung“, stellte Wasem bei der Vorstellung des AOK Krankenhaus-Reports 2016 fest. Die Politik habe bisher darauf gesetzt, möglichst adäquate Einzellösungen für die verschiedenen Versorgungsfragen zu schaffen. Wasem fordert jetzt den Gesetzgeber auf, den Wildwuchs“ an Regelungen bei der Öffnung des stationären Sektors für ambulante Leistungen zu beenden und in der nächsten Legislaturperiode einen „gemeinsamen Ordnungsplan“ aufzustellen. Tatsächlich gibt es zahlreiche unterschiedliche Regelungen an der Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. „Es existiert mittlerweile ein breites Spektrum der ambulanten Leistungserbringung durch Krankenhäuser“ (Leber/Wasem). Im “Krankenhaus-Report 2016“ findet sich eine anschauliche Übersicht (siehe Tabelle).

Der diesjährige Krankenhaus-Report wurde von der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) wie auch dem Spitzenverband Fachärzte Deutschlands (SpiFa) durchaus positiv aufgenommen. Allerdings tritt deutlich zutage, dass das Schaffen „eines neuen einheitlichen Ordnungsrahmens für alle ambulanten ärztliche Leistungen“ ohne die anspruchsvolle Auseinandersetzung mit dem Sicherstellungsauftrag der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und die Regelung von „Gebietsansprüchen“ der niedergelassenen Ärzte und der Krankenhäuser nicht zu haben sein wird.

Die Krankenhäuser stellten in vielen spezialisierten fachärztlichen Bereichen, insbesondere in der Onkologie, in der Pädiatrie, in der Psychiatrie und in der Notfallversorgung wichtige ambulante Leistungen für die Bevölkerung sicher, betont Thomas Reumann, Präsident der DKG. Für die DKG bietet der Krankenhaus-Report eineEinstimmung auf eine grundsätzliche Diskussion„zum Abbau von Hemmnissen zu Gunsten einer sektorenübergreifenden Versorgung“. Der Spitzenverband Fachärzte Deutschlands bezeichnet eine grundlegende Neuausrichtung der fachärztlichen ambulanten Versorgung als „generell richtig“. „Die Sektorengrenzen müssen abgesenkt werden, nur darf dies nicht durch die schlichte Öffnung der Krankenhäuser für die ambulante Versorgung geschehen. Dem behandelnden Facharzt muss ohne bürokratische Hemmnisse die Möglichkeit offen stehen, die Sektorengrenzen zu überschreiten.“

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat die Diskussion um Sektorengrenzen und Kooperation, wenn auch unter anderen Vorzeichen als die Krankenhäuser, ebenfalls in diesem Jahr schon eröffnet. Sie präsentierte am 15. Februar zusammen mit dem Berufsverband der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen (BNHO) eine Studie der Unternehmung DICE Consult, die „erhebliche Wettbewerbsnachteile zu Lasten der ambulant tätigen Fachärzte im Vergleich zu den Krankenhäusern konstatiert“, auch wenn ein deutlicher Ausbau der Kooperationsmöglichkeiten von niedergelassenen Fachärzten und Krankenhäusern dort gefordert wird. Auch im Rahmen der Neukonzeption einer „KBV 2020“-Strategie (vgl. gid Nr. 10 / Nr. 11 aus 2016 und gid Nr. 9 / Nr. 10 aus 2016) wurde bislang öffentlich vor allem auf die Chancen und Risiken der Ambulantisierung der Medizin, die damit verbundene Kompetenz der KVen sowie daraus resultierende mögliche Vergütungsforderungen hingewiesen. Verschnupft zeigt sie sich die KBV nach wie vor gerade durch die im Rahmen jüngster Gesetzgebung noch einmal erweiterten Möglichkeiten der Krankenhäuser  zurTeilnahme an der ambulanten Versorgung:

Versorgungsform (SGB V)

Rechtsgrundlage SGB V

Ermächtigte Krankenhausärzte

§ 116

Pseudostationäre Behandlung (Stundenfälle)

 

Ambulantes Operieren im Krankenhaus

§ 115b

Vor- und nachstationäre Behandlung im Krankenhaus

§ 115a

Ambulante Behandlung im Krankenhaus bei Unterversorgung

§ 116a

Ambulante Behandlung im Krankenhaus

§ 116b alt

Ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV)

§ 116b neu

Hochschulambulanzen

§ 117

Sozialpädiatrische Zentren

§ 120 (2), ab 2013 § 119

Pädiatrische Spezialambulanzen

§ 120 (1a)

Psychiatrische Institutsambulanzen

§ 118

Geriatrische Institutsambulanzen

§ 118a

Strukturierte Behandlungsprogramme

§ 137f

Besondere Versorgung (ehemals integrierte Versorgung)

§ 140a

Teilstationäre Behandlung

§ 39

Notfallambulanzen

§ 75

Ambulante Behandlung via Terminservicestellen

§ 75 (1a)

Quelle: Krankenhaus-Report 2016 – Schattauer-Verlag GmbH Stuttgart (ISBN 978-3-7945-6989-9)


[1]Quelle: Gesundheitspolitischer Informationsdienst (gid), 21. Jg, Nr. 12, vom 14. März 2016; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Quelle: VPP 2/2016


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