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Wahrheit als Beleidigung [1] - Deutsche Ärztetage und ihr Umgang mit der Medizin im Nationalsozialismus – von Ellis Huber*


Ellis Huber erinnert an die unrühmliche Geschichte des Umgangs der organisierten Ärzteschaft mit der/ihrer NS-Vergangenheit bei den Ärztetagen seit den 1980er Jahren.

Anstoß zur öffentlichen Debatte

Konzentrierte Stille, aufmerksam Spannung, dichte Gemeinschaft und ernsthafte Nachdenklichkeit füllten den Raum. Dreitausend Menschen im Audimax der TU Berlin hörten zu und fühlten mit. Sie eröffneten den Gesundheitstag 1980 mit der Frage: »Medizin und Nationalsozialismus. Tabuisierte Vergangenheit – Ungebrochene Tradition?«

Das war stark und ehrlich, frei und verantwortlich. Ist der Geist der Nazimedizin in uns, mit unserer medizinischen Macht verwoben? Was macht Mediziner für die Ideen des Nationalsozialismus so empfänglich und verleitet sie zu einer Medizin ohne Menschlichkeit? Gibt es eine unbewusst vorhandene oder bewusst herrschende Kontinuität im ärztlichen Denken und Handeln vor dem Nationalsozialismus und danach? Uns wurde bewusst, dass wir das Tabu brechen, das Schweigen beenden müssen, um vor den ethischen Herausforderungen der heutigen Medizin bestehen zu können.

Im ICC eröffnete ein ehemaliger SA Standartenführer als Präsident der Berliner Ärztekammer den 83. Deutschen Ärztetag. In einer Stadt, in der nach 1933 von seinesgleichen mehr als 60 Prozent der Ärzte zur Emigration gezwungen oder in Konzentrationslagern getötet wurden. Die Delegierten des Ärztetages reagierten auf unsere Veranstaltung mit heftigen Angriffen. Sie wollten die Schuld der Ärzteschaft im Nationalsozialismus weiter vergessen, verdrängen oder zumindest retuschieren. Für sie war der Gesundheitstag eine Provokation.

Verdrängen, verleugnen, verschweigen!

Auf dem 86. Deutschen Ärztetag 1983 in Kassel sprach der Berliner Delegierte Helmut Becker über die Nazi Vergangenheit des Nervenarztes Gerhard Kloos, »der während des Dritten Reiches an der Kinder-Euthanasie maßgeblichen Anteil hatte« und auch nach dem Krieg als Professor in Göttingen hofiert wurde. Becker wurde fünf Jahre lang deswegen gerichtlich verfolgt. Die Wahrheit galt den Standesfürsten als »Beleidigung«.

1986 publizierte der hessische Arzt in The Lancet über die schändlichen Wahrheiten der Medizinverbrechen und die vielfältigen Verstrickungen der Standesfürsten mit der Medizin im Nationalsozialismus. Der Präsident der Bundesärztekammer, Karsten Vilmar kanzelte den Kollegen im Deutschen Ärzteblatt ab. Das Interview assoziierte den Kinderarzt geschickt als Ignoranten und tumben Nestbeschmutzer. Die Bundesärztekammer verbreitete den unbelegten Satz: »Diverse Falschaussagen sind von ihm hinreichend bekannt.« Nur ein kleiner »Clan von Ärzten«, höchstens 400 Personen, behauptete Vilmar, hätten sich verbrecherisch betätigt. Die »große Mehrheit der Ärzte« habe sich »im Dritten Reich selbstlos für eine auch unter schwierigsten Bedingungen möglichst gute Versorgung der Patienten eingesetzt, oft unter Gefahr für das eigene Leben «.

Die Deutschen Medizinhistoriker kritisierten in einer deutlichen Stellungnahme die verfälschende Sichtweise des Bundesärztekammerpräsidenten: »Ein verantwortungsbewusster Umgang mit den Problemen unserer Gegenwart und Zukunft setzt eine ehrliche, nichts vertuschende Untersuchung der geschichtlichen Prozesse voraus. Aus Apologetik geborene Modifikationen, Verkürzungen und Verdrängungen können dies nicht leisten.«

Die Deutsche Ärzteschaft müsse sich der Wahrheit stellen.

Die Delegierten der Opposition setzen sich durch

Dafür sorgte 1987 der Delegierte Wulf Dietrich auf dem 90. Deutschen Ärztetag in Karlsruhe. Er beantragte, dass der Ärztetag die Äußerungen von Karsten Vilmar, die Form seines »Jubelinterviews« und die Diskreditierung des Kollegen Hartmut Hanauske-Abel missbilligen soll. Die Delegierten Dietrich, Klemperer und Schieferstein nannten die falschen Aussagen Vilmars eine Legendenbildung zur Verdrängung der ärztlichen Beteiligung an den Verbrechen der NS-Medizin. Diese erstmalige Debatte auf einem Deutschen Ärztetag führte zu einer grundlegenden Neuorientierung. Ein Antrag auf Schluss der Debatte wurde abgeschmettert und mit überwiegender Mehrheit wurde der Vorstand der Bundesärztekammer aufgefordert, das Thema »Medizin und Nationalsozialismus« in geeigneter Weise weiter zu diskutieren und aufzuarbeiten.

Programmpunkt außerhalb der Tagesordnung

Auf dem 92. Deutschen Ärztetag 1989 in Berlin wurde das Thema »Medizin im Dritten Reich« dann auch offiziell eingebunden: allerdings etwas verdruckst und ängstlich als Programmteil außerhalb der Tagesordnung. Die Ärztekammer Berlin finanzierte und organisierte die Ausstellung »Der Wert des Menschen – Medizin in Deutschland 1918 bis 1945«. Dr. Christian Pross führte als Projektleiter in die Ausstellung ein.

Prof. Dr. Richard Toellner, der Direktor des Instituts für Theorie und Geschichte der Medizin der Universität Münster sprach eindrücklich über Ärzte, die zu Verbrechern wurden: »Wir wissen, dass sie keine Psychopathen oder Teufel waren, obwohl sie an ihren Opfern teuflisch handelten. Sie waren bedeutende Gelehrte, hervorragende Wissenschaftler, angesehene Ärzte in hohen Rängen und leitenden Stellungen, anständige Bürger, liebevolle Familienväter, unter den jüngeren waren wohlerzogene, gebildete, intelligente, ehrgeizige, profilierte Leute, wie Mengele; und ebenso Kleinkarierte, höchst mittelmäßige, dumpfe Naturen, angepasst in Denken und Verhalten — wie Mennecke. Kurz, das ganze Spektrum der Normalität in einer großen sozialen Gruppe wie der Ärzteschaft war vertreten, und sie wussten alle, was sie taten.«

Eine Artikelserie des Deutschen Ärzteblattes lag den Delegierten des Ärztetages als zusammengefasster Sonderdruck mit 16 Folgen von 16 Autoren vor. Johanna Bleker und Norbert Jachertz veröffentlichten die Arbeiten als Buch im Deutschen Ärzte-Verlag: »Medizin im Dritten Reich«.

Offiziell als Thema auf der Tagesordnung

Erstmals auf dem 99. Deutschen Ärztetag 1996 in Köln traute sich der Vorstand der Bundesärztekammer einen eigenen Tagesordnungspunkt zu: »Das Wertebild der Ärzteschaft 50 Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozeß«. In das Thema führten drei Referate ein: Der Historiker Eberhard Jäckel beschrieb Zustandekommen und Zielsetzung des Prozesses; der hessische Kammerpräsident Alfred Möhrle beleuchtete die Rolle der Ärzte im Dritten Reich und die daraus notwendigen Lehren für heute, der Hochschulmediziner Eckhard Nagel befasste sich mit den Schlussfolgerungen für die heutige Forschung am Menschen.

Der Spiegel vom 10. Juni 1996 kommentierte das Ereignis: »In gebotener Würde absolvierten die 250 Ärztetags-Delegierten das ungewohnte Thema als Gedenkpflichtübung. Doch viele hatten ganz andere Sorgen und überhaupt keine Lust, sich ›zum zigsten Mal den Stuss von der Kollektivschuld anzuhören‹, wie ein von der Ärztekammer Westfalen-Lippe gesandter Standesvertreter freimütig bekannte. Dabei haben die Verbrechen an Kranken und Gesunden 49 Jahre lang nicht auf der Tagesordnung eines Ärztetages gestanden. Was Wunder, dass jene Referenten, die nun daran erinnern sollten, wie Störenfriede zwischen den Standesritualen der selbstzufriedenen Mediziner-Familie wirkten.«

Ärzteschaft bittet NS-Opfer um Verzeihung

Auf Antrag von Herrn Dr. Scholze, Herrn Dr. Pickerodt, Frau Dr. Pfaffinger, Herrn Dr. Wambach, Herrn Dr.med. Montgomery, Herrn Dr. Kaplan, Frau Dr. Wenker, Frau Dr. Lux und Frau Kulike (Drucksache I – 26) fasst dann der 115. Deutsche Ärztetag im Jahr 2012 einstimmig ohne Enthaltung folgende Entschließung:

»Nürnberger Erklärung des Deutschen Ärztetages 2012

Der 115. Deutsche Ärztetag findet 2012 in Nürnberg statt, an dem Ort also, an dem vor 65 Jahren 20 Ärzte als führende Vertreter der ›staatlichen medizinischen Dienste‹ des nationalsozialistischen Staates wegen medizinischer Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt wurden. Die Forschungen der vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass das Ausmaß der Menschenrechtsverletzungen noch größer war, als im Prozess angenommen. Wir wissen heute deutlich mehr über Ziele und Praxis der vielfach tödlich endenden unfreiwilligen Menschenversuche mit vielen tausend Opfern und die Tötung von über 200 000 psychisch kranken und behinderten Menschen, ebenso über die Zwangssterilisation von über 360 000 als ›erbkrank‹ klassifizierten Menschen.

Im Gegensatz zu noch immer weit verbreiteten Annahmen ging die Initiative gerade für diese gravierendsten Menschenrechtsverletzungen nicht von politischen Instanzen, sondern von den Ärzten selbst aus. Diese Verbrechen waren auch nicht die Taten einzelner Ärzte, sondern sie geschahen unter Mitbeteiligung führender Repräsentanten der verfassten Ärzteschaft sowie medizinischer Fachgesellschaften und ebenso unter maßgeblicher Beteiligung von herausragenden Vertretern der universitären Medizin sowie von renommierten biomedizinischen Forschungseinrichtungen.

Diese Menschenrechtsverletzungen durch die NS-Medizin wirken bis heute nach und werfen Fragen auf, die das Selbstverständnis der Ärztinnen und Ärzte, ihr professionelles Handeln und die Medizinethik betreffen.

Der 115. Deutsche Ärztetag stellt deshalb fest:

  • Wir erkennen die wesentliche Mitverantwortung von Ärzten an den Unrechtstaten der NS-Medizin an und betrachten das Geschehene als Mahnung für die Gegenwart und die Zukunft.
  • Wir bekunden unser tiefstes Bedauern darüber, dass Ärzte sich entgegen ihrem Heilauftrag durch vielfache Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht haben, gedenken der noch lebenden und der bereits verstorbenen Opfer sowie ihrer Nachkommen und bitten sie um Verzeihung.
  • Wir verpflichten uns, als Deutscher Ärztetag darauf hinzuwirken, dass die weitere historische Forschung und Aufarbeitung von den Gremien der bundesrepublikanischen Ärzteschaft aktiv sowohl durch direkte finanzielle als auch durch institutionelle Unterstützung, wie etwa den unbeschränkten Zugang zu den Archiven, gefördert wird.«

Der Blick zurück

Der langjährige Chefredakteur des Deutschen Ärzteblattes Norbert Jachertz blickt in einem Vortrag beim Diakonieklinikum AGAPLESION am 19. Februar 2014 in Rotenburg (Wümme) auf den hier dargestellten Entwicklungsprozess zurück: »Die Aufarbeitung in der Ärzteschaft ließ bis in die späten 60er, ja 70er Jahre auf sich warten. Doch dann setzte sie ein. Zu verdanken ist sie im Wesentlichen den sogenannten 68ern, die in der Medizin ein wenig später aktiv wurden als in der übrigen Gesellschaft. Als ein Markstein gilt der Gesundheitstag 1980 in Berlin, eine Gegenveranstaltung zum Deutschen Ärztetag.

Die ›Linken‹ oder wie immer man sie bezeichnen mag, dazu gehörten nicht nur die Berliner, sondern auch solche aus Hamburg, dem Westen und Süden der Republik erzwangen 1987 auf dem Deutschen Ärztetag eine Diskussion, an deren Ende der damalige Bundesärztekammerpräsident Karsten Vilmar eingestand: ›Es beschämt uns. Das können wir auch nicht bewältigen oder damit fertig werden. Damit werden wir nie fertig.‹

Aus dieser Zeit stammt auch eine Serie des Deutschen Ärzteblattes, die das gesamte Spektrum der NS-Medizinverbrechen behandelte. Da ich selbst daran beteiligt war, will ich sie nur erwähnen. Sie hat einiges in Bewegung gesetzt. Seitdem ist viel geschehen. Ja, eine erstaunliche Entwicklung ist zu verzeichnen. In den letzten Jahren haben sich insbesondere wissenschaftliche Fachgesellschaften und ärztliche Berufsverbände hervor getan, etwa die der Kinderärzte oder der Psychiater. Besonders bemerkenswert erscheinen mir aber die vielen örtlichen Initiativen, wie ja auch die hiesige, zeigen sie doch, dass Aufarbeitung, dort angekommen ist, wo Unrecht am Menschen geschah, dem Patienten widerfuhr. Die eine oder andere ärztliche Vereinigung hat sich sogar zu förmlichen Schuldeingeständnissen durchgerungen. Das bedeutet, auch 70 Jahre nach den Taten, Überwindung.«

Die Nürnberger Erklärung des 115. Deutschen Ärztetages 2012 stelle dafür ein prägendes Ereignis dar. Zu verdanken sei die offene Aufarbeitung Einzelnen, die Desinteresse und verkappte Widerstände ignorierten und handelten.

Ohne sie wäre nichts geschehen.

* Ellis Huber ist Arzt und Gesundheitspolitiker; er war von 1987 bis 1999 Präsident der Ärztekammer Berlin.


[1]Quelle: Gesundheit braucht Politik, Ausgabe 4/2015; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin.

Quelle: VPP 2/2016


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