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Modifizierung der Psychotherapie-Richtlinie


Psychisch kranke Menschen brauchen eine bessere psychotherapeutische Versorgung: Dafür müssen die Wartezeiten auf einen ersten Termin beim PsychotherapeutInnen deutlich verkürzt werden. PsychotherapeutInnen sollen wohnortnah und kurzfristig zu erreichen sein. Sie sollen ihren Patienten umfassend Hilfen anbieten können, seien es Sprechstunden, Akutversorgung, Kurz- und Langzeitpsychotherapie oder Erhaltungstherapie, um Wiedererkrankungen zu verhindern. Die Behandlungsplanung gehört ausschließlich in die fachliche Verantwortung der Heilberufe. Dies waren die zentralen Forderungen bei der Beratung zur Reform der Psychotherapie-Richtlinie auf dem 28. Deutschen Psychotherapeutentag (DPT) am 23. April in Berlin, nachdem nun in der Zwischenzeit der G-BA am 13. April das Stellungnahmeverfahren zur Reform der Psychotherapie-Richtlinie eingeläutet hat.

Mit dem Versorgungsstärkungsgesetz hat der Gesetzgeber den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) aufgefordert, bis zum 30.6.2016 die Psychotherapierichtlinie (§ 92 Absatz 6a SGB V) zu überarbeiten und Regelungen zur Flexibilisierung des Therapieangebotes zu treffen. Der Gesetzgeber hat nicht nur den Zeitplan, sondern auch zentrale Punkte mit dem Versorgungsstärkungsgesetz festgelegt: die Einrichtung von psychotherapeutischen Sprechstunden, die Förderung der frühen diagnostischen Abklärung und der Akutversorgung, die Förderung der Gruppenpsychotherapie und der Rezidivprophylaxe sowie eine Vereinfachung des Antrags- und Gutachterverfahrens.

Der DGVT-Berufsverband hat bereits seit 2012 in der Rosa Beilage immer wieder über die verschiedenen Forderungen und Ideen von Verbänden und Krankenkassen zur Neugestaltung der Psychotherapie-Richtlinie berichtet (siehe hierzu Rosa Beilage 4/2012, S. 49ff.). Wie zu erfahren war, hat der GKV-Spitzenverband nun auch sein im Jahr 2012-2013 konsentiertes und im Herbst 2013 veröffentlichtes Positionspapier unverändert als Beratungsunterlage für die Umsetzung des Gesetzesauftrags vorgelegt.

Mit der Ankündigung des G-BA, die Psychotherapie-Richtlinie zu reformieren, hat das IGES Institut für Sozialforschung in Berlin im Rahmen eines Projektes mehrere ExpertInnen zu den Vorstellungen des GKV-Spitzenverbandes zur psychotherapeutischen Versorgung befragt. Auch diese Studie haben wir zusammengefasst in der Rosa Beilage 1/2015 (S. 42ff.) veröffentlicht.

Der DGVT-BV hatte bereits im Frühjahr 2013 ein Dialogforum zur Weiterentwicklung der Psychotherapie-Richtlinie veranstaltet, über das wir ebenfalls in der Rosa Beilage 2/2013 (S. 17ff.) informiert haben. Der DGVT-BV sieht das zentrale Ziel und die Chance einer Reform der Psychotherapie-Richtlinie darin, bestehende Defizite in der psychotherapeutischen Versorgung abzubauen. Zu diesem Zweck sind Handlungsoptionen für eine bessere Versorgung zu schaffen und Anreize für eine Optimierung der Versorgung herzustellen.

Defizite in der gegenwärtigen ambulanten psychotherapeutischen Versorgung sieht der DGVT-BV vor allem in langen Wartezeiten bis zu einem Ersttermin bei Psychotherapeuten sowie in der Unterversorgung bestimmter Patientengruppen, vor allem solcher mit gravierenden psychischen Beeinträchtigungen, darüber hinaus in eingeschränkten Angebotsformaten und mangelnden Befugnissen der PsychotherapeutInnen.

Die Ursachen für diese Versorgungsdefizite liegen ganz wesentlich bei den Regelungen der jetzigen Psychotherapie-Richtlinie, unnötigem Verwaltungs- und Organisationsaufwand in Zusammenhang mit der Erstgenehmigung der Behandlung bzw. der Weiterbehandlung sowie bei kontraproduktiven Anreizen durch die jetzige Honorierungssystematik und weiteren stark eingeschränkten oder unzureichend honorierten Versorgungsmöglichkeiten, u. a. für stärker beeinträchtigte Patienten.

Zur Verbesserung macht der DGVT-BV für die Verhaltenstherapie daher konkrete Reformvorschläge zur Modifizierung der Psychotherapie-Richtlinie sowie damit verbunden zur Veränderung der Vergütungssystematik, die helfen sollen, bestehende Defizite in der Versorgung abzubauen. Sie sind veröffentlicht unter:

www.dgvt-bv.de/fileadmin/user_ upload/DGVT-BV/Dokumente/Reform-PT-RiLi_DGVT-BV-Vorschlaege_20160330.pdf

Wie es weitergeht:

Die Beratungen im Gemeinsamen Bundes-ausschuss (G-BA) sind abgeschlossen. Eine erste Fassung der neuen Psychotherapie-Richtlinie liegt vor, allerdings zunächst noch hochvertraulich. Sie wurde gemäß der ge-setzlichen Vorschrift zur Stellungnahme an die Bundesärzte und die Bundespsychothe-rapeutenkammer versandt. Deren Rückmel-dungen werden Anfang Mai erwartet, und sie haben anschließend, Ende Mai, noch die Gelegenheit, ihre Rückmeldungen bei einer Anhörung im G-BA vorzustellen. Die Neu-fassung der Psychotherapie-Richtlinie wird dann Mitte Juni erwartet und veröffentlicht werden. Sie soll zum 1. Juli 2016 entspre-chend dem Auftrag des Gesetzgebers in Kraft treten.

Was die Spatzen von den Dächern pfeifen...

Wie aus meistens gut unterrichteten Kreisen zu hören ist, wird es wohl die umfangreichste Neugestaltung der Psychotherapie-Richtlinie seit langem werden, die jetzt ansteht. Es soll sowohl eine psychotherapeutische Sprechstunde (1 bis 2 Stunden pro Woche), als auch die antragsfreie, aber mitteilungspflichtige Akutpsychotherapie (bis ca. 10 Stunden) und die Rezidivprophylaxe im Anschluss an eine Langzeittherapie (mengenmäßig gestaffelt, je nach Länge der vorausgegangenen Psychotherapie, bei 60 Std. max. 16 Std. Rezidivprophylaxe) geben. Im Gegenzug kommen differenzierte Vorgaben für die Basisdokumentation auf die Niedergelassenen zu. Strittig zwischen KBV und GKV-Spitzenverband ist noch, ob die Sprechstunde verpflichtend von jedem Psychotherapeuten erbracht werden muss. Strittig ist auch noch, ob die Stunden der Akuttherapie in die späteren Therapiekontingente eingerechnet werden; auch, ob im Gegenzug die Anzahl der probatorischen Sitzungen verkürzt wird. Schließlich werden einige einschränkende Vorgaben für die Gruppenpsychotherapie mit dem neuen Regelwerk abgebaut – ein Wunsch, den die KollegInnen schon lange formuliert hatten.

Für niedergelassene PsychotherapeutInnen wird sich also in der nächsten Zeit einiges an Änderungen ergeben. Inwieweit sich mit den Regelungen der neu gestalteten Psychotherapie-Richtlinie Versorgungslücken schließen lassen, wird sich zeigen.

Waltraud Deubert

Quelle: Rosa Beilage zur VPP 2/2016


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