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Studie zur medialen Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Störungen


(ja). Das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) hat eine Studie durchgeführt, in der untersucht wurde, wie in den Medien über den Germanwings-Flugzeugabsturz am 24. März 2015 und seine Ursache/n berichtet wurde und ob es eine Berichterstattung gab, die Stigmata[1] begünstigte. Hintergrund für diese Studie war, dass dieser Absturz zu Diskussionen um das Thema „Verbrechen und/oder psychiatrische (depressive) Erkrankungen“ führte, da der Absturz (bei dem alle Insassen ums Leben kamen), vom Kopiloten vorsätzlich herbeigeführt wurde und die Berichterstattung sich auf eine psychische Erkrankung als möglichen Erklärungsansatz für die Tat fokussierte.

In der Studie wurden Artikel, Meldungen und Kommentare über den Absturz analysiert, die zwischen dem 24. März 2015 und dem 30. Juni 2015 veröffentlicht wurden. Insgesamt handelte es sich dabei um 251 Texte aus zwölf verschiedenen überregionalen Printmedien. Bei der Textanalyse wurde zwischen „riskanter Berichterstattung“ und „expliziter Stigmatisierung“ differenziert.

Zu „expliziter Stigmatisierung“ wurden Berichte gezählt, in denen eine Stigmatisierung offensichtlich erkennbar und für den Leser eindeutig identifizierbar war (z.B. Artikel, die Begriffe wie „Irre“, „Verrückte“, „Geisteskranke“ enthielten). Die Analyse zeigte insgesamt in 31,5 Prozent der Texte mindestens eine explizite Stigmatisierung. 

Als „riskante Berichterstattung“ wurden kausale Verknüpfungen zwischen psychischer Krankheit und kriminellem Verhalten subsumiert, wenn diese nicht in einen erklärenden Kontext gestellt wurden und daher die Befürchtung nahelegten, dass Menschen mit psychischen Störungen gefährlich und kriminell sein können. Hier zeigte die Analyse in den ausgewerteten Texten, dass mehrheitlich eine psychische Erkrankung des Kopiloten als Erklärung für den Absturz herangezogen wurde, ohne dass diese Überlegungen in einen größeren Kontext über die wissenschaftlich differenziert beschriebenen Zusammenhänge zwischen psychischer Erkrankung und Kriminalität gestellt wurden (64,1 Prozent). Andere Erklärungen spielten nur eine geringe Rolle. In 39,4 Prozent aller Texte wurde die Diagnose Depression in Zusammenhang mit dem bewusst herbeigeführten Absturz gebracht und als mögliche Ursache für die Geschehnisse genannt. Die Symptome einer Depression wurden jedoch nur in 5,6 Prozent der Texte aufgelistet. Sachliche Informationen über die Erkrankung gab es insgesamt nur in 9,3 Prozent der Texte. Bei 6,8 Prozent der Texte wurden sogar noch weitere Verdachtsdiagnosen, wie beispielsweise Narzissmus, genannt. Der Flugzeugabsturz wurde in 42,2 Prozent der Texte als Suizid eingestuft. Der Begriff „Erweiterter Suizid“ kam insgesamt in 3,1 Prozent der Texte vor. Im Zeitverlauf wurden in den Berichten immer häufiger psychische Störungen als Erklärung für die Tat herangezogen. Auch die Diagnose Depression und der Begriff Suizid wurden immer häufiger genannt.

Zusammenfassend kann man bei der Berichterstattung von einer Fokussierung auf eine psychische Erkrankung des Kopiloten als Absturzursache sprechen. Grundsätzlich ist nichts verkehrt daran, wenn die Medien über solche Ereignisse umfassend berichten und auch nicht, dass psychische Störungen als Erklärungsansatz in Betracht gezogen werden. Bedenklich ist jedoch, wenn eine kausale Verbindung zwischen einer psychischen Störung (Depression) und einer kriminellen Tat gezogen wird ohne dass aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt werden. Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Studien über den Zusammenhang zwischen psychischen Störungen und Kriminalität. Diese Studien zeigen recht deutlich, dass viele Menschen mit psychischen Störungen keinerlei Tendenzen zu gewalttätigen Handlungen haben. Zudem konnte der Zusammenhang zwischen der depressiven Symptomatik und der Gewalttat bislang nicht eindeutig geklärt werden. Insbesondere für depressive Menschen wäre eine solche Tat auch sehr untypisch, da sie die Aggressionen eher gegen sich selbst richten und nicht gegen andere Menschen.

Die Autoren ziehen aus den Ergebnissen dieser Studie die Schlussfolgerung, dass durch eine medial hergestellte Kausalität von psychischen Erkrankungen und der kriminellen Tat sowie durch eine stigmatisierende Berichterstattung die Gefahr einer Stigmatisierung und Selbststigmatisierung von psychisch Erkrankten besteht, die keinerlei gewalttätige und/oder kriminelle Tendenzen haben. Daher empfehlen sie, dass die Medien nicht nur eine umfassende Berichterstattung, sondern auch die Nebenwirkungen ihrer Berichterstattung im Blick haben sollten. Es wäre sinnvoll, wenn sich die Berichterstatter bei der Recherche für die Artikel an den zahlreichen Empfehlungen verschiedener Institutionen (z. B. der Weltgesundheitsorganisation) orientieren und die Geschehnisse auch in einen wissenschaftlichen Kontext bringen würden. Da die Medien einen großen Einfluss auf die Meinungsbildung haben[2] , sollte auf eine wertende und dramatisierende Sprache verzichtet werden und bis zur eindeutigen Ursachenklärung sollte die Berichterstattung zurückhaltend sein. Zusätzlich wäre es sinnvoll, umfassend über Genese, Charakteristik und Behandlungsmöglichkeiten von psychischen Störungen zu berichten.

Ein positives Beispiel ist ein Artikel aus der ZEIT, der am 24. März 2016 veröffentlicht wurde. In diesem Artikel wird über diese Studie berichtet. Zudem wird auf zwei weitere Studien eingegangen, in denen die Stabilität von Einstellungen und die medialen Einflussmöglichkeiten untersucht wurden. Zusätzlich zu diesem Artikel wurden verschiedene Informationen rund um das Thema Depression abgedruckt. Dies wurde übrigens auch schon in früheren Artikeln der ZEIT so gehandhabt, wenn über den Flugzeugabsturz berichtet wurde.

Quelle: Von Heydendorff, S. C. & Deißing, H. (2016). Mediale Stigmatisierung psychisch Kranker im Zuge der „Germanwings“-Katastrophe. Psychiatrische Praxis. doi:10.1055/s-0042-101009

Online verfügbar unter: www .thieme-connect.de/products/ejournals/pdf/ 10.1055/s-0042-101009.pdf

Artikel aus der ZEIT: www.zeit.de/2016/12/psychologie-germanwings-depression-pilot-stigmatisierung-psychische-krankheit


[1] Anmerkung: Die Autoren definieren Stigmatisierung als „Zuschreibung von Merkmalen, die diskreditierend sind, woraus für psychisch erkrankte Menschen im privaten oder beruflichen Leben erhebliche Nachteile entstehen können.“ (von Heydendorff & Dreißing, 2015, S. 2)

[2] Der jährlich erscheinende Medienvielfaltsmonitor der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (letzte Veröffentlichung am 16. November 2015) gibt einen Überblick über den Einfluss der Medien auf die Informations- und Meinungsbildung in Deutschland. Der größte Einfluss wird (wie auch in den letzten Jahren) dem Fernsehen zugeschrieben (35,9 Prozent), noch vor den Tageszeitungen (21,0 Prozent), den Online-Medien (20,6 Prozent) und dem Radio (19,7 Prozent). https://www.blm.de/aktivitaeten/forschung/medienvielfaltsmonitor.cfm

Quelle: Rosa Beilage zur VPP 2/2016


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