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Bericht zum Fachaustausch "Gesellschaftspolitische und medizinische Entwicklungen im Umgang mit Transsexualität und Transidentität"


Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) lud am 21.11.2016 zu einem Fachaustausch zum Thema "Gesellschaftspolitische und medizinische Entwicklungen im Umgang mit Transsexualität und Transidentität" nach Berlin ein. Unterschiedlichste VertreterInnen aus den Bereichen Medizin, Recht, Psychotherapie, Politik, GKV, MDK, Beratungsstellen etc. waren anwesend. Frau Dr. Constanze Ohms (Moderatorin) führte durch den Tag.

Frau Dr. Corinna Mandler-Gayer vom Referat Gleichgeschlechtliche Lebensweisen, Geschlechtsidentität des BMFSFJ stellte zunächst die Ergebnisse einer Umfrage des BMFSFJ zu den Erfahrungen bezüglich des Umgangs mit geschlechtlichen Identitäten vor, die im Vorfeld des Fachaustauschs online durchgeführt wurde, um Handlungsbedarfe aufzuzeigen, die als Grundlage für die Diskussion bei dem Fachaustausch dienen sollten. Die Umfrage sei insgesamt von 1049 TeilnehmerInnen vollständig ausgefüllt worden. Über 3/4 der TeilnehmerInnen sei zwischen 18 und 50 Jahre alt gewesen, 81% der TeilnehmerInnen hätten angegeben, dass sie einen anderen Namen, als den in der Geburtsurkunde aufzufindenden, verwenden würden. Über 60% der TeilnehmerInnen haben Gespräche mit PsychotherapeutInnen als eher einfühlsam beschrieben. Bei den ÄrztInnen sei dies ähnlich empfunden worden. Ca. 50% der TeilnehmerInnen hätten einen Antrag auf Kostenübernahme der medizinischen Kosten bei der Krankenkasse gestellt. Das Fachwissen der PsychotherapeutInnen wurde von ca. 46% der TeilnehmerInnen als sehr gut eingeschätzt, bei den ÄrztInnen immerhin noch von ca. 36% und bzgl. der GutachterInnen von 35%. Mehr Unterstützung hätten sich die TeilnehmerInnen der Umfrage jedoch zu knapp 50% von den Krankenversicherungen und zu knapp 30% von den PsychotherapeutInnen gewünscht.

Als nächstes hat die Parlamentarische Staatssekretärin Frau Caren Marks einen Input gegeben, der das gesellschaftliche Umdenken weg von der Pathologisierung in den Fokus nahm. Das Ziel sollte nach wie vor eine weiter voranschreitende rechtliche sowie gesellschaftliche Akzeptanz aller Formen von Geschlechtlichkeit sein.

Im weiteren Verlauf erfolgte eine Podiumsdiskussion zum Thema "Teilhabe von transsexuellen/trans* Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen - medizinische und gesellschaftspolitische Situation". Zunächst sprach Frau Maria Amor Martin Estebanez von der European Union Agency for Fundamental Rights und stellte vor allem die Situation in Deutschland im Vergleich mit den anderen EU-Staaten vor, indem sie sich auf die Daten des EU LGBT survey (http://fra.europa.eu/en/publication/2013/eu-lgbt-survey-european-union-lesbian-gay-bisexual-and-transgender-survey-results) bezog. Anschließend sprach Herr Richard Köhler, Senior Policy Officer bei Transgender Europe ebenfalls zum Umgang mit transsexuellen und trans* Menschen in Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Staaten. So würden in über 80% der EU-Staaten die Kostenübernahmen für geschlechtsangleichende Operationen abgelehnt. Besonders bildungsferne und arbeitslose MitbürgerInnen würden unter der mangelhaften Gesundheitsversorgung leiden. Als weitere Rednerin stellte Frau Dr. Julia Adamietz, Mit-Autorin des Gutachtens "Regelungs- und Reformbedarf für transsexuelle/transgeschlechtliche Menschen" die Ergebnisse dieses Gutachtens vor und wies auf die Missstände in der aktuellen Handhabung hin. Zuletzt sprach noch die Psychologische Psychotherapeutin, Frau Dr. Gisela Wolf über psychosoziale Risiken transsexueller und trans* Menschen. So erlebten diese Personen auch heute noch eine massive Ausgrenzung und hätten ein erhöhtes Depressionsrisiko sowie ein siebenfach erhöhtes Suizidrisiko. Weiterhin seien sie in einem hohen Ausmaß von sexueller Gewalt betroffen. Zudem sei die Haltung vieler PsychotherapeutInnen auch nach wie vor schädlich, so gingen insbesondere im Kindes- und Jugendalter immer noch viele davon aus, es "wachse sich aus".

Im Anschluss an die Beiträge der Podiumsdiskussion erfolgte eine kurze Gruppenarbeit zu den Schlussfolgerungen, Erwartungen und Fragen, die anschließend im Plenum vorgestellt wurden.

Im nächsten Block der Veranstaltung ging es um "Trans-spezifische medizinische und gesellschaftspolitische Entwicklungen im nationalen und internationalen Vergleich". Redner waren: Dr. Timo O. Nieder, Leiter der Spezialambulanz für Sexuelle Gesundheit und Transgender-Versorgung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Dr. Julia Ehrt, Executive Director bei Transgender Europe. Hier ging es vor allem um den weiteren gesellschaftlichen Wandel, der sich insb. an den Veränderungen der Diagnosestellung nach DSM-V sowie ICD-11 ablesen lässt. Dr. Nieder wies hierbei auf das Spannungsfeld zwischen Entpathologisierung und dem Fortbestehen des Zugangs zum Gesundheitswesen hin. Im ICD-11 solle Transsexualität nicht mehr als F-Diagnose kodiert werden, sondern in eine neue Kategorie "Bedingungen, die die sexuelle Gesundheit beeinflussen" überführt werden. Als weiteres Spannungsfeld benannte er das zwischen Selbstbestimmung und der Sorge vor Fehlentscheidungen. Eine neue AWMF-S3-Leitlinie sei bereits in der Entwicklung. Frau Dr. Ehrt stellte mit ihrem Vortrag noch die Fragen in den Raum, in wessen Zuständigkeit die Diagnosestellung falle, wenn es sich nach dem ICD-11 nicht mehr um eine F-Kategorie handele (Psychotherapie, Endokrinologie, Allgemeinmedizin?). Im Anschluss an diese Vorträge fanden Stationengespräche statt zu den Fragen: was soll bleiben wie es ist, an wen oder was muss auf jeden Fall gedacht werden, was darf auf keinen Fall passieren und worin bestehen die größten Chancen.

Nach der Mittagspause gab es zwei parallel stattfindende Diskussionsforen. In dem einen ging es um die Begutachtungspraxis bei Erwachsenen, während sich das andere mit der Teilhabe und Gesundheit von transsexuellen/trans* Kindern und Jugendlichen befasste.

Frau Dr. Adamietz moderierte das Forum zum Thema Begutachtungspraxis. Redner waren hier eine Rechtsanwältin, zwei Oberärztinnen, je ein Vertreter von MDK und GKV sowie jemand vom Bundesverband Trans*.

Das zweite Forum wurde von Frau Dr. Ohms geleitet. Zunächst sprach Herr Christian Dittler vom Trans-Kinder-Netz e.V. von den Erfahrungen, die die Angehörigen von trans* Kindern häufig machen. Häufig gehe es in eine Richtung von Kindeswohlgefährung bzw. unterlassener Hilfeleistung, wenn der Wunsch des Kindes nach Rollenwechsel nicht begleitet werde. Insbesondere die Jugendämter würden die Wünsche der Kinder oft mit der Aussage, das könne ein Kind nicht entscheiden, blockieren. Herr Dr. Bernd Meyenburg, Psychiater an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Frankfurt erklärte, dass im Rahmen seiner Tätigkeit ca. 400 Kinder und Jugendliche im Klinikum in Frankfurt vorgestellt worden seien, von denen 268 das Vollbild einer transidenten Geschlechtsentwicklung erfüllt hätten. Davon habe ca. die Hälfte psychiatrische Auffälligkeiten aufgewiesen. Diese hätten sich vorwiegend in Ängsten, Depression, Suizidalität und selbstverletzendem Verhalten geäußert. Nach sozialer und medizinischer Transition seien diese Jugendlichen "wie ausgewechselt" gewesen. Daher befürworte er, dass in der neuen AWMF-Leitlinie keine "zwangsmäßige Psychotherapie" mehr verankert sein werde. Bei der Namens- und Personenstandsänderung gebe es keine Altersgrenze mehr. Allerdings vertritt Herr Dr. Meyenburg die Auffassung, dass die notwendige Begutachtung hierfür insgesamt abgeschafft werden könne, da die Ablehnung dieser Gutachten bei unter einem Prozent läge. Frau Dr. Birgit Möller, Psychologische Psychotherapeutin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie am Universitätsklinikum Münster vertrat die Meinung, dass transidenten Menschen eine medizinische Behandlung nicht nur dann ermöglicht werden sollte, wenn sich aus der Geschlechtsidentität ein Leidensdruck entwickele, sondern durch den Zustand selbst, ähnlich wie bei Schwangerschaften, die auch eine ärztliche Betreuung ohne Erkrankung ermöglichen. Außerdem sollte man die Entwicklung einer reaktiven Störung gar nicht erst abwarten. Herr Dr. Klaus Peter Liesenkötter, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinder-Endokrinologie und -Diabetologie, Neonatologie am Endokrinologikum berichtete, dass er zunehmend erste Anlaufstelle für betroffene Familien sei. Aufgrund der fehlenden Hormonpräparate, die im Kindes- und Jugendalter zugelassen seien, sei regelmäßig ein "off-label-use" notwendig, um die jungen PatientInnen behandeln zu können. Er stellte die Frage in den Raum "Was ist selbstbestimmtes Handeln bei Kindern?". Herr Liesenkötter erklärte, dass aus seiner fachlichen Sicht eine frühzeitige Behandlung mit pubertätshemmenden Hormonen sinnvoll sei, allein schon, um damit "Zeit zu gewinnen" für die Entscheidung, ob im weiteren Verlauf eine gegengeschlechtliche Hormonbehandlung stattfinden solle. Das Zeitfenster hierfür liege in etwa um das 16. Lebensjahr. Frau Mari Günther, Systemische Familientherapeutin, vom Bundesverband Trans* stellte dar, dass viele Eltern transidenter Kinder immer noch in "Rechtfertigungs-Not" seien.

Im Anschluss an eine kurze Diskussionsrunde in den Foren, wurden die Ergebnisse der beiden Diskussionsforen von Frau Dr. Adamietz und Frau Dr. Ohms kurz für alle TeilnehmerInnen des Fachaustauschs zusammengetragen.

Zum Abschluss des Fachaustauschs wurden zunächst die Zukunftsvisionen und konkrete Maßnahmen in Gruppenarbeit erarbeitet und anschließend im gesamten Plenum vorgetragen, bevor Frau Dr. Ina-Marie Blomeyer, vom Referat Gleichgeschlechtliche Lebensweisen, Geschlechtsidentität des BMFSFJ, die TeilnehmerInnen verabschiedete. Die Ergebnisse des Fachaustauschs werden im ersten Quartal 2017 auf den Seiten des BMFSFJ veröffentlicht (https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/alle-meldungen/transsexuelle-und-trans--menschen-staerken/112544). Im Februar 2017 wird voraussichtlich der nächste Fachaustausch stattfinden.

Auf dem Fachaustausch wurde zudem immer wieder auf die Defizitärität der binären Geschlechterwahrnemung hingewiesen und für die Wahrnehmung auch nicht-binärer Geschlechter in der Gesellschaft plädiert.

Karolin Stengel
(Sprecherin der Fachgruppe KiJu)


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