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Leitlinien ADHS


Leitlinien werden immer wichtiger – auch deshalb, weil der Gemeinsame Bundes-ausschuss (GB-A) nicht mehr an den Ergebnissen der Leitlinienkommissionen vorbei entscheiden kann. Dies gilt vor allem für S3-Leitlinien. In ihnen wird definiert, was evidenzbasiertes Vorgehen nach dem aktuellsten Stand der Wissenschaft bedeutet.  Auch in unserem Arbeitsbereich werden ständig neue Leitlinien erstellt und ältere Leitlinien aktualisiert. Mit Hilfe der Leitlinien sollten wir als Profession wegkommen von der Haltung, die eine Kollegin einmal in diesem Satz zusammengefasst hat: „Wir wissen doch, dass wir gut sind, weshalb sollen wir das auch noch beweisen?“ Eine solche Einstellung ist nicht mehr zeitgemäß und widerspricht dem Ziel, das Klaus Grawe vorgegeben hat: „Von der Konfession zur Profession.“ Bedauerlicherweise ist allerdings die Haltung, Wirksamkeiten nicht belegen zu müssen und zusätzlich noch standespolitisch zu argumentieren, weiterhin häufig anzutreffen.

Seit der letzten Rosa Beilage habe ich an vier Leitliniengruppen teilgenommen:

1.       Leitlinie „Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen“

Hier wurde ein wichtiges Update vorgenommen, das jetzt konsentiert wurde. Es be-zieht sich auf häufig angewendete Vorgehensweisen, für die bei diesem Update wenig Evidenz gefunden wurde. Zugleich hat die Leitlinie eine Menge an Studien angestoßen, womit sich dieser Bereich sicherlich weiter in Richtung eines evidenzbasierten Vorgehens entwickeln wird. Das Update liefert bereits Hilfestellungen zur Frage, welche der Methoden sinnvoll erscheinen und welche als Verschwendung von Ressourcen gelten müssen oder sogar schaden können.

2.       Leitlinie „Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“

Die Zusammenkunft war zwar als Konsensustreffen angekündigt, es handelte sich aber dann eher um eine Veranstaltung, bei der die Steuergruppe ihre bisherigen Ergebnisse darstellte. Ziel dieses Treffens war es, mit den MandatsträgerInnen der verschiedenen Verbände Probleme schon im Verlauf zu diskutieren und frühzeitig dafür zu sorgen, dass nicht nach Abschluss der Steuergruppenarbeit über diese Diskussion unnötig viel Zeit bis zur Veröffentlichung der Leitlinie verstreicht. Es hat sich dabei gezeigt, dass die Steuergruppe noch viel Arbeit vor sich hat. Weitere Fragen, die bisher noch nicht aufgenommen worden waren, deren Beantwortung jedoch unbedingt notwendig erscheint, wurden bei diesem Treffen formuliert.

3.       Leitlinie „Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS)“

Im Januar war ich zum Konsensustreffen bezüglich dieser Leitlinie eingeladen. Vor-gesehen war, alle bis dato erstellten Empfehlungen (85 an der Zahl) abschließend zu diskutieren und dann darüber abzustimmen. Die Diskussionen gestalteten sich erwartungsgemäß äußerst schwierig. Immer wieder wurden die wissenschaftlichen Ergebnisse in Frage gestellt und Versuche unternommen, „ideologisch“ geprägte Empfehlungen durchzusetzen. Diese Debatten kosteten so viel Zeit, dass letztlich nur 50 Empfehlungen abschließend behandelt wurden. Bei mehreren Empfehlungen haben verschiedene Verbände schon jetzt ein Veto bzw. ein Minderheitenvotum angekündigt mit dem Ziel, ihre ideologischen Positionen neben den wissenschaftlich fundierten Empfehlungen zu platzieren. Leider zeigte dieses Treffen erneut, dass Standespolitik, Standesdenken und Ideologie häufig stärker gewichtet werden als belegbare Fakten, womit letztlich das Wohl der PatientInnen eher in den Hintergrund rückt.

4.       Leitlinie „Behandlung der Autismusspektrum-Störung“ (ASS)

Die Ausarbeitung dieser Leitlinie benötigt deutlich mehr Zeit, als sich die Mitglieder der Steuergruppe dies gewünscht hätten. Wir hoffen aber, dass die Arbeitsergebnis-se bis Anfang nächsten Jahres vorliegen, so dass sie dann konsentiert werden können. Diese Leitlinie wäre wichtig, um den GB-A etwas unter Druck zu setzen, die ASS in den Indikationsbereich der Psychotherapie aufzunehmen. Die Betrachtung der vorliegenden Forschungsergebnisse zeigt, dass allein Verhaltenstherapie (VT) geeignet ist, die Probleme dieser Menschen zu reduzieren. Mithin ist es unumgänglich, die ASS als letztes Störungsbild in die Indikation für Psychotherapie aufzunehmen.

Einige Anmerkungen noch, die Leitlinienkommissionen generell betreffen: Bisher sind alle Mitglieder in Leitlinienkommissionen ehrenamtlich tätig, was natürlich die Erstellung oder Überarbeitung zeitlich verzögert. Im Bundesministerium für Gesundheit (BMG) wird zurzeit diskutiert, ob die Leitlinien weiterhin ehrenamtlich oder, ebenso wie die National Institute for Health and Care Excellence (NICE) -Leitlinien, von bezahlten Fachleuten erstellt werden sollen. Letzteres hätte mindestens drei Vorteile: Einmal könnte die Bearbeitungszeit verkürzt werden, gleichzeitig könnten mehr Fragen und Forschungsprojekte beschrieben werden und es bestünde die Möglichkeit, den Einfluss von Partialinteressen zu mindern.

Rudi Merod


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