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EU-Berichterstattung über die Gesundheitssysteme[1]


Deutschland Spitzenreiter bei Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben

Bereits im vergangenen Sommer hatte der EU-Gesundheitskommissar Vytenis Povilas Andriukaitis (Litauen) angekündigt, einen kohärenten Rahmen für die Gesundheitsberichterstattung schaffen zu wollen. Dies wurde zum einen öffentlich damit begründet, dass es gelte, die EU-Mitgliedstaaten bei ihren Reformen und Restrukturierungen ihrer nationalen Gesundheitssysteme besser zu unterstützen. Zum anderen wurde intern in der für die Gesundheitspolitik zuständigen Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (GD SANTE) argumentiert, dass es im Rahmen des Europäischen Semesters dringend notwendig sei, auf Augenhöhe mit der Generaldirektion Wirtschaft und Finanzen (GD ECFIN) bzw. mit dem Europäischen Finanzministerrat künftig debattieren und verhandeln zu können.

Ein erster Schritt in diese Richtung ist der von der GD SANTE gemeinsam mit der OECD Ende November 2016 herausgegebene Bericht „Gesundheit auf einen Blick“, der die Gesundheitssysteme von 35 europäischen Staaten beleuchtet. Der nur in englischer Sprache vorliegende Bericht, der auf Erhebungen auf der Grundlage der von der Europäischen Kommission erstellten Gesundheitsindikatoren beruht, fasst in acht Kapiteln die Daten zu den verschiedenen Bereichen der Gesundheitssysteme zusammen: Gesundheitsstatus (Lebenserwartung, Sterblichkeit etc.), Gesundheitsdeterminanten (wie Alkoholkonsum, Rauchen), Qualität der Gesundheitsversorgung, Zugang zur Gesundheitsversorgung, Gesundheitsausgaben sowie Finanzierung der Gesundheitssysteme. Hierbei beschränkt sich der Bericht nicht allein auf die Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) sondern bezieht auch die Staaten des Europäischen Wirtschaftsraums und der EFTA sowie die Beitrittskandidatenländer mit ein (http://ec.europa.eu/health/state/glance_en). Wichtig zu erwähnen ist, dass auch die Pflege in den Blick genommen wird.

Von besonderem Interesse ist vor allem das fünfte Kapitel  über die Ausgabenentwicklung im Gesundheits- und Pflegebereich. Danach entfallen in 2015 allein 9,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bzw. 19 Prozent der Staatsausgaben in der EU auf den Gesundheitsbereich. In Deutschland, Frankreich und Schweden wird sogar 11 Prozent des BIP für den Gesundheitsbereich aufgewendet.

Generell lässt sich feststellen, dass seit der Finanzkrise in 2009 die Ausgaben für den Gesundheits- und Pflegebereich nur noch gering angestiegen sind. So stiegen im Zeitraum von 2005 bis 2009 die Gesundheitsausgaben noch um 3,5 Prozent, während nun im Zeitraum von 2009 bis 2015 die Kosten im EU-Durchschnitt nur um 0,7 Prozent wuchsen. Dieser geringere Anstieg ist vor allem auf die erheblichen finanziellen Einschnitte in das Gesundheitssystem in einigen Staaten wie Portugal, Lettland, Ungarn, Griechenland, Rumänien, Kroatien und Luxemburg zurückzuführen.

Welche Bandbreite innerhalb der Europäischen Union bei den Ausgaben für das Gesundheitswesen existiert, wird ersichtlich, wenn man sich die Pro-Kopf-Ausgaben der EU-Staaten näher ansieht. Der EU-Durchschnitt bei den Pro-Kopf-Ausgaben im Gesundheitsbereich liegt bei 2.781 Euro. Spitzenreiter ist Deutschland mit 4.003 Euro, gefolgt von den Niederlanden, Schweden und Irland mit 3.922 Euro pro Kopf. Am anderen Ende der Skala befindet sich, wie zu erwarten, Lettland mit 1.030 Euro und Rumänien mit 816 Euro.

Mit Blick auf die Ausgabenposten zeichnet sich folgendes Bild ab. Danach entfallen in 2014 allein zwei Drittel der Ausgaben auf die ambulante und stationäre Versorgung, 19 Prozent auf Arzneimittel (ohne Krankenhausbereich) und 15 Prozent auf die Langzeitpflege. Der insgesamt zu verzeichnende Kostenrückgang in der EU trifft die Bereiche sehr unterschiedlich. Es lässt sich jedoch feststellen, dass die Staaten vor allem bei den Ausgaben für Arzneimittel einsparen. Hier lässt sich ein jährlicher Rückgang von - 1,1 Prozent zwischen 2009 und 2014 verzeichnen. In den anderen Bereichen stiegen hingegen in diesem Zeitraum im EU-Durchschnitt die Ausgaben um 0,9 Prozent bei der stationären Pflege, 1,2 Prozent für die ambulante Pflege und 2,3 Prozent für die Langzeitpflege.

Insgesamt fielen in 2014 im Arzneimittelbereich über 200 Mrd. Euro an Kosten an. Aber auch hier ergibt sich ein sehr heterogenes Bild nach den Mitgliedstaaten, das teilweise auf die unterschiedliche Praxis bei der Kostenerstattung für Arzneimittel in den Staaten zurückzuführen ist. Deutschland, Luxemburg und die Niederlande sind zum Beispiel die Staaten mit der höchsten Erstattungsquote bei den Arzneimitteln. Dreiviertel der Kosten für Arzneimittel werden hier durch die Krankenversicherung erstattet.

So betrug in 2014 der EU-Durchschnitt bei den Pro-Kopf-Ausgaben für Arzneimittel 402 Euro. Deutschland nimmt mit 551 Euro auch hier den Spitzenplatz ein, gefolgt von Irland mit 523 Euro, Frankreich mit 467 Euro, Belgien mit 459 Euro und Österreich mit 443 Euro. Am anderen Ende der Skala befinden sich Dänemark, Estland, Polen und Lettland mit 250 Euro. Einsparungen im Arzneimittelbereich wurden vor allem durch höhere Zuzahlungen bei den Medikamenten durch die Patienten, Erstellung von Listen mit nicht erstattungsfähigen Medikamenten, Rückgriff auf Generika und Rabattverträgen erzielt.

Der nun vorliegende Bericht „Gesundheit auf einen Blick“ wird auch Gegenstand des Arbeitsprogramms der seit Januar 2017 amtierenden maltesischen EU-Präsidentschaft sein.


[1]Quelle: Gesundheitspolitischer Informationsdienst (gid) Ausgabe 22. Jg., Nr. 9; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion


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