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Die Auflösung der Werkstätten in Großbritannien[1]

Die Unterstützte Beschäftigung von Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt wird im Königreich mit großer Konsequenz verfolgt


Von Tom Hicks

Remploy war für viele Jahre der größte Arbeitgeber für Menschen mit Behinderung in Großbritannien. In über neunzig geschützten Werkstätten in England, Schottland und Wales wurden bis zu 20.000 Menschen mit Behinderung beschäftigt. Dann gab es in den Jahren 2004 bis 2014 eine große Umstellung für Remploy: Alle geschützten Arbeitsstätten wurden geschlossen. Ab nun konzentrierte sich Remploy auf die Platzierung und Unterstützung von Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.

Lange Geschichte

Remploy wurde 1945 von der Nachkriegsregierung als »Beschäftigungsgesellschaft für behinderte Menschen« gegründet und änderte später ihren Namen in Remploy (Re-employ = Wieder-Beschäftigung). Man dachte zunächst hauptsächlich an Kriegsversehrte sowie an Personen, die durch Arbeitsunfälle behindert waren. 1946 wurde in Bridgend, Wales, die erste geschützte Werkstatt (»factory«, was auch Fabrik bedeuten kann) eröffnet, eine Geigenbauwerkstatt. Die Zahl der Werkstätten wuchs dann in den Fünfzigerjahren rapide auf die Zahl von 91 an.

Die Arbeitsstätten produzierten eine große Palette von Waren: von Verpackungen und Schulmöbeln bis hin zu hoch spezialisierten Produkten wie militärische Schutzanzüge gegen Radioaktivität für den weltweiten Export. Infolge des Niedergangs der produzierenden Industrie in Großbritannien in den 1980er- und 1990er-Jahren wurde 1999 das Interwork-Netzwerk gegründet. Aufgabe von Interwork war die Platzierung und Unterstützung von Menschen mit Behinderungen in normalen Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarktes. Aus Interwork wurde später der Remploy Beschäftigungsservice (Remploy Employment Services RES).

Nach 2000 gab es in Großbritannien eine starke Bewegung hin zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Dafür gab es eine ganze Anzahl von Gründen:

Änderung der Einstellung zu Behinderungen: Seit 1995 verbietet ein Gesetz Arbeitgebern die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung, zum Beispiel dürfen sie sich nicht weigern, freie Arbeitsplätze Menschen mit Behinderung anzubieten.

Hohe Lohnkostenförderung für geschützte Arbeitsplätze in Werkstätten: Eine typische Fördersumme betrug pro Jahr 20.000 Pfund (damals ca. 30.000 Euro) pro Person, zusätzlich zum Gehalt.

Die Erkenntnis, dass die Platzierung von Menschen mit Behinderung in normalen Betrieben sowohl soziale als auch finanzielle Ziele erfüllt: Die Regierung konnte mit der Unterstützten Beschäftigung sowohl die Integration von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft verbessern als auch finanzielle Einsparungen erreichen.

Bereits 2007 führte diese Änderung in Einstellung und Handeln dazu, dass mehr Menschen mit Behinderungen im allgemeinen Arbeitsmarkt von Remploy Services RES unterstützt wurden (5.000) als in den noch bestehenden Remploy-Werkstätten (3.000). Alle Bemühungen zur wirtschaftlichen Stabilisierung der Werkstätten funktionierten nicht. Deshalb schloss die Regierung 2008 die 29 Werkstätten mit dem schlechtesten Wirtschaftsergebnis.

Schließung der Werkstätten

2011 beauftragte die Regierung Liz Sayce, die angesehene Geschäftsführerin einer Behindertenorganisation, mit der Prüfung der Förderprogramme für Menschen mit Behinderung. Zu dieser Zeit wurden bereits mehr als 20.000 Menschen mit Behinderung jedes Jahr von RES auf normale Arbeitsplätze vermittelt. Das Netzwerk von RES hatte mittlerweile mehr als 50 Stützpunkte und war in jeder großen Stadt in England, Schottland und Wales vertreten.

In ihrem Bericht stellte Liz Sayce fest, dass die Werkstätten kein Modell für das 21. Jahrhundert sind und dass die Regierung ihr Geld besser in eine effektive Unterstützung für die Menschen investieren sollte, statt die Werkstätten am Leben zu erhalten«. Sie empfahl, das Geld für die Werkstätten in andere Regierungsprogramme umzuleiten, die Menschen mit Behinderung dabei unterstützen, Jobs in normalen Betrieben zu bekommen und zu behalten. Die übrig gebliebenen Werkstätten sollten geschlossen oder verkauft werden. Dieser Vorschlag wurde von der Regierung umgesetzt und dabei von allen großen Behindertenorganisationen in Großbritannien unterstützt. Allerdings gab es durchaus Widerstand von Gewerkschaften, manchen Politikern und vielen Beschäftigten in den Werkstätten.

Um den Betroffenen den Wechsel des Systems zu erleichtern, wurde für die 2000 verbliebenen Werkstattbeschäftigten ein Hilfe- und Unterstützungspaket bereitgestellt, das acht Millionen Pfund schwer war. Im Rahmen des Pakets wurde eine unterstützende Assistenz für jeden Beschäftigten bis zu 18 Monate nach Verlassen der Werkstatt finanziert. Spezielle Dienste unterstützten die Beschäftigten an ihren neuen Arbeitsplätzen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Zusätzlich wurde ein spezielles Training für die benötigten Fähigkeiten und Fertigkeiten am Arbeitsplatz finanziert. Die Umsetzung dieses Hilfspaketes wurde 2013 abgeschlossen. Danach war die Mehrheit der früheren Werkstattbeschäftigten in normale Betriebe gewechselt. Ein bedeutender Anteil ist aber auch in Rente gegangen, vor allem jene, die bereits in vorgerücktem Alter waren.

Das vorerst letzte Kapitel in der Geschichte von Remploy begann 2015. Die Regierung folgte einem weiteren Rat aus dem Bericht von Liz Sayce. Sie hatte empfohlen, Remploy aus dem öffentlichen Eigentum in den privaten Sektor zu überführen. Erreicht wurde dies durch die Schaffung eines Joint-Venture-Unternehmens. An diesem neuen Unternehmen namens Remploy Limited bekamen die Remploy-Beschäftigten einen Anteil von 30 %, die übrigen 70 % werden von Maximus gehalten (einem großen Anbieter von Dienstleistungen zur Förderung von benachteiligten Menschen, der auch weltweit tätig ist; Anmerk. M.B.).

Heutige Praxis

Derzeit basiert die praktische Arbeit von Remploy auf fast fünfzig nationalen und örtlichen Verträgen mit großen und kleinen Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes. Diese sind die Grundlage für die Vermittlung und Unterstützung von benachteiligten und behinderten Menschen in den allgemeinen Arbeitsmarkt. Diese Verträge umfassen unter anderem:

Das Programm »Work Choice« (Arbeitsauswahl): Es basiert auf dem Modell »Unterstützte Beschäftigung«. Grundlage ist ein Auftrag der Regierung zur fachlichen Unterstützung von Menschen mit Behinderungen im Arbeitsleben.

Der »Arbeitsplatzunterstützungsservice für seelische Gesundheit«: Menschen mit seelischen Erkrankungen erhalten für die Dauer von sechs Monaten beratende und rehabilitative Unterstützung, um den Arbeitsplatz zu sichern.

Das Programm »Work First Scotland«: Dies ist der neue Beschäftigungsservice der schottischen Regierung für Menschen mit Benachteiligung und Behinderung.

Verträge mit kommunalen Verwaltungen überall in Großbritannien: So werden regional spezielle Hilfen für Menschen mit Behinderungen und psychischen Beeinträchtigungen bereitgestellt. Hierzu gehört auch das bekannte »Individual Placement and Support (IPS)«, eine sehr erfolgreiche Form der Unterstützten Beschäftigung.

Remploys Beziehungen zu den Unternehmen unterscheiden sich deutlich von der Arbeit der Integrationsfachdienste und anderer Dienstleister in Deutschland. In Großbritannien gibt es keine Beschäftigungsförderung für Menschen mit Behinderung, auch keine Beschäftigungsquote für Schwerbehinderte. Um den Anteil an Beschäftigten mit Behinderung zu steigern, pflegt Remploy sein Netzwerk mit über 2500 betrieblichen Partnern. Die geschäftlichen Vorteile und die Fähigkeiten der Beschäftigten mit Behinderung werden dabei in den Vordergrund gestellt. Manche der größten Partnerunternehmen beschäftigen mithilfe von Remploy mehr als 1000 Menschen mit Behinderung.

Die Geschichte von Remploy spiegelt die veränderte Haltung gegenüber Behinderungen im Laufe der Zeit wider. Es zeigt sich hier auch das Ergebnis eines politischen Richtungswechsels.

2010 versprach Premierminister David Cameron im Wahlkampf, eine weitere Million Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt unterzubringen, gleichzeitig wollte er die Ausgaben im System der sozialen Sicherung reduzieren. Derzeit haben 48 % der Menschen mit Behinderung in Großbritannien einen Arbeitsplatz, im Vergleich zu 80 % der nicht behinderten Menschen. Die jetzige Regierung möchte die Differenz von 32 % halbieren. Die Erklärung, wie das geschehen soll, wurde vor kurzer Zeit veröffentlicht: https://www.gov.uk/government/consultations/work-health-and-disability-improving-lives. Hier werden viele interessante Daten und Informationen zum derzeitigen Stand wiedergegeben – und wie weit wir in Großbritannien und Europa noch entfernt sind von einem Gleichstand in der Beschäftigung von Menschen mit und ohne Behinderung.

Tom Hicks ist Bereichsleiter Kommunikation von Remploy, London, www.remploy.co.uk

Übersetzung: Manfred Becker

 


Die britischen Factories und die deutschen Werkstätten für Menschen mit Behinderung

Die britischen »factories« sind nur bedingt mit deutschen Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) vergleichbar. In den Factories wurden Menschen mit regulären Arbeitsverträgen beschäftigt, die dann mit hohen Summen subventioniert waren. In den deutschen Werkstätten erhalten die angestellten Menschen mit Behinderung dagegen nur ein Entgelt, ihre sozialgesetzliche Position ist nicht die eines Arbeitnehmers, sondern nur »arbeitnehmerähnlich«. Deshalb sind die Beschäftigten der Factories eher mit den »besonders betroffenen Menschen mit Behinderung« in deutschen Integrationsfirmen vergleichbar als mit den Beschäftigten in deutschen WfbM.

Manfred Becker


[1]Quelle: Psychosoziale umschau, Heft 1/2017, 31. Jg.; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.


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