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Interview mit der Landessprecherin der DGVT Rheinland-Pfalz


Neuerungen bei der Psychotherapie gefährden langfristig Therapieplätze

Depressionen, Burnout oder Suchtkrankheiten ? Psychische Probleme wie diese sind inzwischen keine Seltenheit mehr. Wer Hilfe bei einem Psychotherapeuten sucht, muss jedoch oft monatelang auf einen Termin warten. Um dies zu ändern, sind seit Anfang April zahlreiche Neuregelungen wirksam. Doch für die psychologische Psychotherapeutin Dr. Andrea Benecke reicht das nicht aus.

Menschen mit psychischen Problemen soll künftig schneller geholfen werden. Daher müssen Psychotherapeuten seit dem 1. April 2017 unter anderem regelmäßig eine Sprechstunde anbieten und Erkrankte in einem Erstgespräch beraten. Darüber hinaus sind weitere Neuregelungen in Kraft getreten wie ein vereinfachtes Antragsverfahren und die Einführung einer Akutbehandlung.

Für Dr. Andrea Benecke von der LandesPsychotherapeutenKammer Rheinland-Pfalz ist dies zwar ein erster Schritt in die richtige Richtung. Im Interview mit finanzen.de erklärt sie jedoch, dass die Neuerungen für die langfristige Therapie auch Nachteile mit sich bringen dürften. Um die Behandlung grundlegend zu verbessern sowie monatelange Wartezeiten zu vermeiden, muss ihrer Meinung nach die veraltete Bedarfsplanung bei der Psychotherapie endlich angepasst werden.

Frau Dr. Benecke, hat das teils monatelange Warten auf eine psychotherapeutische Behandlung für Patienten aus Ihrer Sicht mit den Neuerungen ein Ende?

Dr. Andrea Benecke: Zunächst muss man unterscheiden, ob Patienten auf einen Termin für die psychotherapeutische Sprechstunde, also den ersten Kontakt mit einem Psychotherapeuten, oder auf einen langfristigen Therapieplatz warten. So kommen Patienten durch die neue verpflichtende Sprechstunde zeitnah zumindest zu einem ersten Gespräch mit einem Psychotherapeuten, mitunter auch schneller. In diesem Rahmen erhalten sie eine Einschätzung ihrer Beschwerden oder sogar eine Diagnose, falls eine vorliegt. Ernste psychische Erkrankungen können dadurch früher erkannt werden.

Trotz der schnellen Rückmeldung kann es jedoch sein, dass Betroffene anschließend monatelang auf einen geeigneten Therapieplatz warten. Denn viele Praxen sind überfüllt und die Sprechstundentermine schaffen nicht mehr Behandlungskapazitäten.

Was wird sich Ihrer Meinung nach durch die neuen Richtlinien für die behandelnden Psychotherapeuten verändern? Geht die Zahl der Therapieplätze durch die Mehrbelastung eventuell sogar zurück?

Dr. Andrea Benecke: Rein rechnerisch gesehen denke ich, ja. Gehen wir beispielsweise davon aus, ein Psychotherapeut bietet pro Woche rund 30 Therapiestunden an, wodurch er 30 Patienten behandelt. Durch die Neuregelungen muss dieser Psychotherapeut nun mindestens 100 Minuten in der Woche für die Sprechstunde zur Verfügung stehen. Seine ursprüngliche Therapiezeit verringert sich also auf rund 28 Stunden. Wenn er nicht jede Woche mehr arbeitet als bisher, führt dies langfristig dazu, dass er weniger Patienten behandeln kann.

Wie könnte die Versorgung von Patienten langfristig gewährleistet und ausgebaut werden?

Dr. Andrea Benecke: Grundsätzlich brauchen wir eine andere Bedarfsplanung. Denn die aktuelle Planung basiert mehr oder weniger auf Daten aus dem Jahr 1999. Damals wurden einfach die bis dahin vorhandenen Therapeutensitze als Bedarf angenommen. Das mag zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch einigermaßen plausibel gewesen sein. Nun ist diese Rechnung jedoch hinfällig.

Vor rund 20 Jahren war der Gang zum Psychotherapeuten für viele Menschen ein Tabu. Anstatt sich Hilfe zu suchen, haben zahlreiche Betroffene ihre Beschwerden eher verharmlost und gehofft, dass diese vorbeigehen. Somit dürfte der Behandlungsbedarf schon damals höher gelegen haben als in der Planung angenommen. Heute nehmen Erkrankte dagegen viel eher Hilfe in Anspruch, die Zahl der aufgenommenen Patienten ist somit größer. Aus der „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ des Robert-Koch-Instituts geht hervor, dass die Prävalenz psychischer Erkrankungen praktisch gleich geblieben ist. Aus den Berichten der Krankenkassen weiß man jedoch, dass immer mehr Menschen einen Psychotherapeuten aufsuchen und Behandlung in Anspruch nehmen.

Darüber hinaus richtet sich die aktuelle Verteilung der festgeschriebenen Kassensitze für Psychotherapeuten noch immer danach, wo diese 1999 tätig waren. So entstanden überproportional viele Sitze in größeren Städten, da auf dem Land kaum Therapeuten ansässig waren. Wir von der LandesPsychotherapeutenKammer Rheinland-Pfalz fordern schon länger, dass sich die Planung stattdessen an der Morbidität orientieren sollte. Die meisten Sitze müssten dort festgeschrieben werden, wo der tatsächliche Bedarf am größten ist.

Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz (KVRLP) ist die Zahl der Psychotherapeuten im Bundesland von 2005 bis 2015 stark gestiegen. Warum haben viele Patienten trotzdem massive Probleme, an einen Termin zu kommen?

Dr. Andrea Benecke: Die Ergebnisse der KVRLP beziehen sich auf die Zahl der Psychotherapeuten, nicht jedoch auf die entsprechenden Kassensitze. So gibt es inzwischen viele Kollegen, die sich zu zweit einen Sitz teilen, um die eigene Belastung zu reduzieren. Einige möchten beispielsweise aufgrund von Familienplanung oder wegen ihres Alters nicht mehr voll arbeiten. Damit sind zwar mehr Psychotherapeuten ansässig, die Zahl der Kassensitze reicht jedoch nicht aus, um den Behandlungsbedarf zu stillen.

Also sind die Psychotherapeuten einfach schlecht verteilt, wie beispielsweise der GKV-Spitzenverband kritisiert?

Dr. Andrea Benecke: Der GKV-Spitzenverband macht es sich hier teilweise etwas einfach. Zwar lässt sich ein gewisses Verteilungsproblem nicht bestreiten. Dieses wird allerdings nicht durch die Psychotherapeuten verursacht, sondern ist durch die festgelegten Sitze bedingt. Wird einer dieser Kassensitze frei, können sich Psychotherapeuten darauf bewerben. In Rheinland-Pfalz wie in vielen anderen Regionen erfolgt jedoch ausschließlich eine Nachbesetzung. Neue Sitze entstehen nicht.

Selbst wenn mehr Psychotherapeuten in ländliche Regionen umverteilt werden, besteht weiterhin ein Ungleichgewicht. Denn der Bedarf bleibt ja gleich. Auch in den Städten, wo derzeit viele Psychotherapeuten arbeiten, sind die Praxen meist voll ausgelastet. Dort fehlt es wiederum an Therapieangeboten, wenn ein Kassensitz umgelagert wird.

Die KVRLP kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass mehr als die Hälfte der Psychotherapeuten in Rheinland-Pfalz mindestens 55 Jahre alt ist. Besteht hier ein Nachwuchsproblem?

Dr. Andrea Benecke: Ein Nachwuchsproblem haben wir bei den Psychotherapeuten glücklicherweise nicht. Trotz der hohen Anforderungen entscheiden sich viele junge Menschen für diesen Beruf. Ein Großteil von ihnen wartet nach dem Ende der Ausbildung jedoch darauf, einen freien Sitz zu bekommen. Die festgeschriebenen Sitze werden in der Regel altersbegingt nachbesetzt. Das heißt, dass junge Psychotherapeuten sich häufig erst niederlassen können, wenn ein älterer Kollege in den Ruhestand geht.

Vielen Dank für das Interview, Frau Dr. Benecke.

Quelle: https://www.finanzen.de/news/18065/neuerungen-bei-der-psychotherapie-gefaehrden-langfristig-therapieplaetze


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