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Aufarbeitung sexualisierter Gewalt durch eine Unabhängige Kommission


Aufarbeitung sexualisierter Gewalt durch eine Unabhängige Kommission

Nach dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche und in der renommierten Odenwaldschule im Jahr 2010 hat in der Bundesrepublik die Aufarbeitung eines Kapitels begonnen, das Generationen von Kindern und Jugendlichen schwere lebensgeschichtliche Hypotheken aufgeladen hat. Sie haben in Eliteinternaten traumatisierende Erfahrungen mit einer autoritären Pädagogik und sexualisierter Gewalt gemacht. Schweigen und Scham haben die Aufarbeitung über Jahre verhindert. Am wenigsten wurde bisher die sexualisierte Gewalt in Familien thematisiert. Viele Menschen mit schweren psychischen Problemen haben Missbrauchserfahrungen erlebt und nicht verarbeiten können. Inzwischen wird endlich das individuelle Leid zum Thema und als ein gesellschaftlich-institutionelles Thema erkannt.

Der Deutsche Bundestag hat im Juli 2015 die Einsetzung einer Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Deutschland empfohlen. Der Unabhängige Beauftragte für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, hat diese Kommission auf den Weg gebracht. Ihr gehören sieben ehrenamtlich tätige Mitglieder aus unterschiedlichen Disziplinen (Erziehungswissenschaft, Medizin, Psychologie, Soziologie, Rechtswissenschaften) an und als ständige Gäste nehmen zwei VertreterInnen aus der Gruppe der Betroffenen an den Sitzungen der Kommission teil. Das Mandat der Kommission reicht bis 2019. Sie nahm ihre Arbeit 2016 auf und eine ihrer ersten Maßnahmen war ein Aufruf an Betroffene, sich zu einer vertraulichen oder öffentlichen Anhörung zu melden.

Auf der Homepage hat sich Kommission mit folgender Aufgabenstellung vorgestellt:

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs untersucht sämtliche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in Deutschland. Darunter fällt zum Beispiel Missbrauch in Institutionen, in Familien, im sozialen Umfeld, durch Fremdtäter oder im Rahmen von organisierter sexueller Ausbeutung.

Die Kommission soll Strukturen aufdecken, die sexuelle Gewalt in der Kindheit und Jugend ermöglicht haben und herausfinden, warum Aufarbeitung in der Vergangenheit verhindert wurde. Dabei wird die Kommission vor allem Menschen anhören, die in ihrer Kindheit von sexuellem Missbrauch betroffen waren und somit die Möglichkeit schaffen, auch verjährtes Unrecht mitzuteilen.

Und der folgende Absatz ist direkt an die Betroffenen adressiert:

Ihre Geschichte ist wichtig

Wir möchten Sie ermutigen, uns von Ihren Erfahrungen zu berichten. Sie können mit Ihrer Geschichte dazu beitragen, dass sich etwas in unserer Gesellschaft verändert. Mit Ihrer Hilfe wollen wir Tatsachen offenlegen und dadurch erkennen, welche Fehler in der Vergangenheit gemacht wurden. Wir wollen herausfinden, was Politik und Gesellschaft verändern müssen, damit Kinder in Zukunft besser vor Missbrauch geschützt sind. Melden Sie sich, wenn Sie in Ihrer Kindheit von Missbrauch betroffen waren oder als Zeitzeugin und Zeitzeuge hiervon berichten wollen. Dabei zählt jede Geschichte.

Mehr als 1000 Personen haben sich bei der Kommission seit Mai 2016 gemeldet. Die große Mehrheit wünscht sich eine vertrauliche Anhörung und einige Menschen geben eine schriftliche Darstellung ihrer Erfahrungen ab. Der Anspruch zielt darauf, allen eine Chance zu geben, ihre Geschichte zu erzählen. Auch ein erstes öffentliches Hearing zum Missbrauch im familiären Bereich hat 2017 stattgefunden und ein nächstes wird zum Schicksal der Heimkinder in der ehemaligen DDR stattfinden.

Die Kommission arbeitet auch mit dem Format der Werkstattgespräche, die sich bislang auf den Umgang mit dem Thema der sexualisierten Gewalt im kirchlichen Kontext, in der ehemaligen DDR und in sozialen Bewegungen (vor allem bei den GRÜNEN) konzentrierten.

Sexueller Kindesmissbrauch hat eine ganz persönliche Seite, jede Geschichte, die Betroffene erleben und erzählen, ist einzigartig. Diese Einzigartigkeit wird in den Anhörungen eindrucksvoll vor Augen geführt. Sexueller Kindesmissbrauch ist aber zugleich eingebettet in soziale Strukturen und politische Kontexte. Staat und Gesellschaft tragen die Verantwortung für den Schutz der Kinder und für die Arbeit von staatlichen Institutionen des Aufwachsens. Davor kann niemand die Augen verschließen und daraus resultiert die Verantwortung für eine angemessene Reaktion der Politik und eine gesamtgesellschaftliche Aufarbeitung.

Betroffene Menschen haben das Recht auf eine klare Geste der Verantwortung. Es geht um die Betonung der Verantwortung von Gesellschaft, Staat und Kirchen für das Unrecht und die Verbrechen in der Vergangenheit. Es geht nicht nur um die Verbrechen der Vergangenheit an Heranwachsenden, sondern auch um die Erfahrungen, die sie machen, wenn sie sich an die Behörden wenden, um Hilfe und Unterstützung zu erhalten. Sie berichten von den enormen Belastungen, die vielfach strukturelle und/oder bürokratische Ursachen haben. Diese können nur durch klare politische Entscheidungen behoben werden wie z.B. eine geeignete Reform des Opfer-Entschädigungs-Gesetzes (OEG), eine Institutionalisierung des Ergänzenden Hilfesystems und den Ausbau von spezialisierter Beratung und Therapie. Eine Geste an die Betroffenen sollte auch in der öffentlichen Anerkennung von Leid durch sexualisierte Gewalt und durch ein Bekenntnis zu einer Gedächtniskultur erfolgen. Es geht darum, Rechte und Interessen von betroffenen Menschen nicht zu übergehen, sondern anzuerkennen. Der Staat muss explizit Verantwortung übernehmen für das Ausbleiben von Schutz und Hilfe in der Vergangenheit.

Es besteht weiter die Möglichkeit, sich bei der Kommission zu melden. Alle notwendigen Informationen sind auf der Homepage der Kommission zu finden: www.aufarbeitungskommission.de.

Heiner Keupp

 


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