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Mental Health im Kanzleramt


Die Kanzlerin zeigte sich im Deutschlandforum beeindruckt, mit wie viel Leidenschaft in vielen Ländern für eine Verbesserung der Lage von Menschen mit psychischen Krankheiten gekämpft wird.

vonGeorgSchomerus

Zum dritten Mal hat die Bundeskanzlerin nationale und internationale Experten zu einem „Deutschlandforum“ ins Bundeskanzleramt eingeladen, um wichtige Zukunftsfragen zu diskutieren. Vom 21. – 22. Februar 2017 trafen sich etwa 120 Wissenschaftler, Aktivisten und Vertreter internationaler Organisationen, um über aktuelle Gesundheitsprobleme zu diskutieren. Vier Themen standen auf der Tagesordnung: vernachlässigte tropische Krankheiten, Antibiotikaresistenzen, neue technologische Entwicklungen und „Mentale Gesundheit – das Tabu überwinden“. Schon die Tatsache, dass damit das Stigma psychischer Krankheit und seine Konsequenzen als wichtiges, globales Gesundheitsthema identifiziert wurden, ist bemerkenswert. Über zwei Tage wurden gemeinsam Vorträge gehört und diskutiert sowie in Arbeitsgruppen zu den Themen Stellungnahmen erarbeitet. Den Abschluss der Tagung bildete eine neunzigminütige Podiumsdiskussion mit der Kanzlerin.

Ich möchte im Folgenden meine Eindrücke von dieser Tagung schildern, die ich als ausgesprochen anregend und ermutigend erlebt habe.

Hochrangige Experten kamen gerne

Es gibt im Bundeskanzleramt einen Stab, der diese Konferenz langfristig vorbereitet hat. In verschiedenen Botschaften wurden vorbereitende Treffen mit lokalen Experten abgehalten, und die Mitarbeiter der Bundeskanzlerin haben große Sorgfalt auf die Auswahl der internationalen Teilnehmer verwendet. Eingeladen waren Vertreter der Weltbank, der WHO, von internationalen Wissenschaftsorganisationen, Wissenschaftler aus Großbritannien, Kanada, Indien, den USA und zahlreichen anderen Ländern, Anti-Stigma-Aktivisten aus Südafrika und Dänemark – und alle kamen.

Der stärkste Eindruck zu Beginn der Tagung war für mich, wie überaus groß der Respekt ist, den Angela Merkel in dieser Community von Wissenschaftlern und anderen Experten genießt. Sie sei der einzige Regierungschef eines wichtigen Landes, dem er im Moment voll und ganz vertrauen würde, sagte Vikram Patel. Der Psychiater aus Indien, der in Kürze eine Professur an der Harvard University antreten wird, setzt sich für den Abbau von Tabus und Stigmata ein und hat mit dem „Mental Health Innovation Network“ eine internationale Plattform für Ideen und Lösungen dazu gegründet. Gleichzeitig wurden gerade in der Gruppe der Mental Health-Experten hohe Erwartungen an die Tagung geäußert.

Merkel solle die deutsche Präsidentschaft der G20-Staaten dazu nutzen, nicht nur Global Health, sondern Global Mental Health zu einem Thema zu machen. Deutlich wurde, wie wenig Hilfe Menschen mit psychischen Erkrankungen in vielen anderen Ländern erhalten – und wie verhältnismäßig viele hierzulande (was dem Wunsch nach Verbesserungen nicht entgegensteht). Hier zeigten sich starke Parallelen zu den anderen Themen der Tagung: Die Lebensumstände der Bevölkerung, politische, ökonomische und kulturelle Rahmenbedingungen tragen ganz entscheidend zur Krankheitslast bei.

Traditionelle Grenzen überwinden

Innerhalb des Themenbereichs Mental Health wurde deutlich, wie sehr das Stigma psychischer Krankheit die Behandlung und das Leben mit psychischen Krankheiten behindert – auf jeder Stufe von Wohlstand und Entwicklung –, und wie schlecht psychiatrische Hilfe im Vergleich zur körperlich-medizinischen Hilfe finanziert ist.

Der krasse Mangel an psychiatrischen oder psychotherapeutischen Behandlern in manchen Ländern zeigt aber auch, dass der Umgang mit psychischer Krankheit nur zum kleinsten Teil eine Aufgabe für die Psychiatrie sein kann. Hier sind ein weiter Horizont und Lösungen jenseits des medizinisch-therapeutischen Systems gefragt. Es geht auch um den gesellschaftlichen Umgang mit psychischer Krankheit, um die Gestaltung der Arbeitswelt und um die Nutzung aller Ressourcen des unmittelbaren Umfelds. Und es geht um niederschwellige, lebenssituationsbezogene Hilfen außerhalb der Psychiatrie.

Beeindruckend war der Bericht von Inge Missmahl, die über viele Jahre in Afghanistan einen Counceling-Service für traumatisierte Menschen aufgebaut hat, bei dem Betroffene als Helfer geschult werden.

Solche Lösungen, die traditionelle Grenzen zwischen den Gruppen (Therapeuten und Klienten) aufbrechen, bieten sich auch für verschiedene Situationen in Deutschland an, etwa für Flüchtlinge oder für Menschen in dünn besiedelten Gebieten ohne Fach- therapeuten. Mit der Peerarbeit und der EX-IN-Ausbildung gibt es auch ein hiesiges Pendant, dem allerdings noch eine stabile strukturelle Verankerung im Hilfesystem fehlt.

Die Abschlussdiskussion mit der Kanzlerin verlief überraschend einseitig: So viele Stimmen wurden für bessere Hilfsangebote bei psychischen Krankheiten und für deren Entstigmatisierung erhoben, dass die anderen Themen fast ein bisschen untergingen. Es wurde deutlich, dass überall auf der Welt mit Leidenschaft für eine Verbesserung der Lage von Menschen mit psychischen Krankheiten gekämpft wird. Vielleicht war es diese Leidenschaft, die das Thema Mental Health von den anderen Themen unterschied. Die Kanzlerin zeigte sich beeindruckt.

Anti-Stigma-Arbeit vernetzen

Von deutscher Seite wurde bei dem Treffen deutlich gemacht, dass es in unserem Land Nachholbedarf gibt, was den Kampf gegen das Stigma psychischer Krankheiten angeht. Die deutsche Anti-Stigma-Arbeit ist fragmentiert. Regional wird seit vielen Jahren hervorragende Arbeit geleistet, etwa  in Leipzig oder Hamburg. Es fehlt aber an nationaler Koordination und übergreifender Unterstützung. Sorgfältig entwickelte Materialien werden nicht flächendeckend eingesetzt, bewährte Konzepte immer wieder neu erfunden. Es wäre schön, wenn es gelingen würde, die Stärken der regionalen Initiativen zu kombinieren und, von unten nach oben, eine bundesweit vernetzte Anti-Stigma-Bewegung zu beginnen. Dabei sollte die Führung nicht in den Händen von uns Psychiatern liegen. Empowerment bedeutet, dass die Betroffenen und Angehörigen ihre Anliegen am glaubhaftesten selbst vortragen. Auf der Tagung gab es von den Teilnehmern nur einen Kritikpunkt an der Veranstaltung: dass zu wenig Experten in eigener Sache an der Diskussion teilnehmen konnten.

Prof. Dr. med. Georg Schomerus ist stellvertretender Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie der Universitätsmedizin Greifswald und Mitherausgeber der Psychiatrischen Praxis. Stigmatisierung und Selbststigmatisierung bei psychischen Erkrankungen und Suchterkrankungen ist einer seiner Forschungsschwerpunkte.


Quelle: PSYCHOSOZIALE umschau, Heft 2/2017, Jg. 2/2017; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.


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