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Bericht zur Versammlung der DGVT-Ausbildungsakademie vom 30.05. bis 01.06.2017


Zu Beginn der diesjährigen Frühjahrstagung der Ausbildungsinstitute berichten die  ABZ-Leitungen über Neuigkeiten aus den jeweiligen Standorten. Die folgende Auswahl beschreibt Themen, die in letzter Zeit vor Ort eine besondere Bedeutung erlangt haben und von standortübergreifendem Interesse sind. So wird von den meisten KJP-Instituten (z.B. Berlin, Hamburg/Hannover, Köln,  München, Münster) von Schwierigkeiten in der zeitnahen Gewinnung von PT1-Plätzen in den Kliniken berichtet, während die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen unvermindert anhält. An einzelnen Instituten wird der Notwendigkeit, Netzwerkarbeit im Bereich der psychosozialen Versorgung zu betreiben, in besonderer Weise Rechnung getragen: So wurde z.B. in Dortmund (PP) für die Ausbildungsteilnehmer*innen eine Ringvorlesung mit Kooperationspartnern unterschiedlicher psychosozialer Versorgungsanbieter ins Leben gerufen, in München (KJP) eine engere Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe und heilpädgogischen Tagesstätten ins Auge gefasst. Dass den Ausbildungsstätten hierbei eine besondere Verantwortung zukommt, kann man auch einem Hinweis von Wolfgang Schreck entnehmen, der bemerkt, dass es für Familienberatungsstellen zunehmend schwer werde, trotz massiver Ausbildung Personal zu gewinnen, da die meisten Ausbildungsabsolvent*innen in die klassische Krankenbehandlung strebten.  Eine für alle Ausbildungsinstitute in gleicher Weise wichtige Nachricht kommt von Monika Basqué aus Berlin (PP),  dass eine Musterklage gegen die Krankenkassen bezüglich des Strukturzuschlags gewonnen wurde und eine Verhandlung vor dem Bundessozialgericht 2018 anstehe.
Zu guter Letzt berichteten mehrere Institutsleitungen ihren Eindruck, dass die Umstellung auf die Reform der Psychotherapierichtlinien in  den Ambulanzen, zwar aufwändig, aber bislang alles in allem weniger kompliziert als erwartet verlaufen sei.

Sandra Münstermann berichtet vom letzten Treffen der Kurssprecher*innen während der Workshoptagung in Tübingen. Um dem Bedürfnis von Ausbildungsteilnehmer*innen, versäumte Seminare nachholen zu können, gerecht zu werden, werden verschiedene Regelungen erörtert (z.B. Nachholer-Wartelisten, Doodleeintrag im Intranet, Anbieten rechtzeitig stornierter Plätze per Rundmail etc.). Im Verlaufe dieses Erfahrungsaustauschs wird deutlich, wie sehr diese Möglichkeit, versäumte Seminare kostenneutral nachzuholen, zum Einen ein besonders attraktives Merkmal unseres Angebots im Rahmen der Theoriebausteine darstellt,  zum andern aber auch die sorgfältige Beachtung bestimmter Spielregeln für alle Beteiligten unverzichtbar ist: So sollen nur tatsächlich aus gewichtigen Gründen (z.B. Krankheit) versäumte Seminare nachgeholt werden können. Hinsichtlich nicht verzichtbarer Themen soll Transparenz hergestellt werden. Dabei ist einerseits zu beachten, dass die Theorieausbildung an unverzichtbare curriculare Strukturen gebunden ist, andererseits auch die Eigenverantwortung von Teilnehmer*innen einer Erwachsenenausbildung in Rechnung zu stellen ist. Eine Diskussion, die innerhalb der Runde der Ausbildungsverantwortlichen und auch im Austausch mit den Kurssprecher*innen noch weiter fortgesetzt wird.  Eine in diesem Kontext angesprochene Frage war die Anrechenbarkeit von Kongress- und/oder Workshoptagungsteilnahme. Ob dies im Rahmen der Theorieausbildung oder in der sog. „Freien Spitze“ erfolgen kann, hängt u.a. von den Vereinbarungen mit den regionalen LPAs ab. Was die Stundenkontingente anbelangt, ist von 24 Unterrichtseinheiten für den Kongress, 18 Unterrichtseinheiten für die Praxistage und 16 für die Workshoptagung in Bern auszugehen.
Im weiteren Verlauf des Gesprächs mit den Kurssprecher*innen ging es u.a. um Fragen der Kostenregelung hinsichtlich des Lesens von Fallberichten durch die Supervisor*innen. Auch hier sind die Regelungen regional recht unterschiedlich und hängen z.T. von der Verfügbarkeit geeigneter Kolleg*innen vor Ort ab. Es wird darauf hingewiesen, dass ggf. auftretende Zusatzkosten für das Lesen der prüfungsrelevanten Falldokumentationen, den Ausbildungsteilnehmer*innen vorab bekannt sein müssen.

Fazit der von Sandra Münstermann vorgetragenen Gespräche mit den Kurssprecher*innen ist die Erkenntnis, dass ein regelmäßiger, beiderseitiger Kommunikationsbedarf vorliegt, der es ermöglichen soll, dass kontroverse Sichtweisen zügig erkannt werden und missverständlichen Darstellungen vorgebeugt wird.

Zum Tagesordnungspunkt „Ausbildungspolitik – Stand der Dinge“ gibt es keine neuen substantiellen Informationen, sieht man einmal davon ab, dass das BMG noch in der laufenden Legislaturperiode einen Arbeitsentwurf vorlegen will. Der Inhalt ist ungewiss, ob Fragen der Finanzierung der Weiterbildung, der Schaffung universitärer Strukturen, z.B. Professuren für 2500 Studienplätze bundesweit, Motivation der Kliniken, in diesen Aufgabenkontext mitzuwirken, in zufriedenstellender Weise angesprochen werden, bleibt abzuwarten. Die Ausbildungsakademie plant ein zusätzliches Treffen zu Beginn des kommenden Jahres. Ein Referentenentwurf des BMG ist in dieser Legislaturperiode nicht mehr zu erwarten.

Ein weiterer Tagesordnungspunkt bezieht sich auf die Maßnahmen, die in den einzelnen ABZs zur Unterstützung der Prüfungsvorbereitungen von Ausbildungsteilnehmer*innen getroffen werden. Es erfolgte ein kurzer „best practice“ – Report von Christine Volke (ABZ Dresden), der deutlich machte, mit welchem sich über den gesamten Ausbildungsprozess erstreckenden Aufwand hier eine sehr auf den Einzelnen fokussierte Unterstützung angeboten wird (z.B. Vorbereitungsseminare, Probeprüfung, Bildung von Prüfungsgruppen, persönliche ermutigende Kontaktnahme der ABZ-Leiterin mit den Kandidat*innen vor der Prüfung). In dem anschließenden Austausch über die von Sandra Münstermann zu diesem Thema initiierte Befragung zeigt sich, dass sich die ABZs i.d.R. intensiv mit diesem Thema beschäftigen und dass v.a. der Eindruck entstanden ist, dass es einer großen Zahl von  Teilnehmer*innen vorrangig um den Abbau von Unsicherheit und Ängsten im Prüfungskontext geht.

Breiten Raum nahm in der Akademieversammlung die Diskussion über die Reform der Psychotherapierichtlinien ein. Zwei für die Arbeit der Ausbildungsambulanzen besonders relevante Neuerungen drängen sich in den Vordergrund: 1. die psychotherapeutische Sprechstunde und 2. die Akuttherapie. Hier geht es um die Frage, wie diese Interventionsformen im Rahmen der Praktischen Ausbildung unserer Ausbildungsteilnehmer*innen zum Einsatz kommen können. Nach einem Input von Alfred Luttermann hinsichtlich unterschiedlicher Durchführungsmöglichkeiten der Sprechstunde wurden zur tiefergehenden Erörterung dieser Punkte Arbeitsgruppen gebildet und zwar getrennt für den KJP- und den PP-Bereich. Aus den Ergebnissen beider AGs wird deutlich, dass es hinsichtlich der Eignung von Ausbildungsteilnehmer*innen zur Durchführung der Sprechstunden um die Beantwortung diverser Fragen geht. U.a. wurde die Frage gestellt, wie erreicht werden kann, dass im Rahmen der Ausbildung auch die für die Sprechstunde erforderliche Beratungskompetenz erworben wird.

Die sich anschließende Diskussion machte deutlich, dass der Blick auf die Sprechstunde durch die beiden Perspektiven Versorgung und Ausbildung geleitet wird und dass sowohl der rechtliche als auch der curriculare Rahmen weiterer Abklärung bedarf.

Zur Frage, inwiefern Akutbehandlungen im Rahmen der Praktischen Ausbildung durchgeführt werden können, werden erste Überlegungen angestellt. Einvernehmen besteht weitestgehend darin, dass auf der Grundlage einer Indikation durch approbierte Kolleg*innen (Wahrung des Facharztstandards) dieses Behandlungsangebot durch fortgeschrittene PiAs unter engmaschiger Supervision erfolgen müsse.  Voraussetzung ist, dass der Erwerb dieser Kompetenzen Bestandteil des Ausbildungscurriculums wird. Somit soll sichergestellt sein, dass die PiAs auf Aufgaben vorbereitet werden, die nach der Ausbildung auf sie warten. Hierzu gehören auch Kompetenzen im Rahmen der neuen Befugniserweiterung wie z.B. die Krankenhauseinweisung oder die Organisation von Krankentransporten.

Eine weitere Arbeitsgruppe suchte im Rahmen eines Brainstormings nach Ideen, anhand derer sich die Akademie beim 50-Jahresjubiläum der DGVT einbringen kann. Als erstes Ergebnis konnte der Arbeitstitel Impulse-Irritationen-Identitäten festgehalten werden. Unter dem Stichwort „Akademie goes Hollywood“ kommen mehrere Filmprojekte zur Sprache,  die zurzeit noch in Arbeit oder geplant sind. Ausschnitte der unter der Leitung von Steffen Fliegel bereits fertiggestellten und vom ABZ OWL-Bielefeld finanzierten Filme zur Psychotherapie mit erwachsenen Patient*innen präsentieren auf eindrucksvolle Weise die Praxis aktueller Psychotherapie mit verhaltenstherapeutischem Schwerpunkt. Eine weitere Staffel mit Filmen zur Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie wird folgen und soll Mitte nächsten Jahres fertiggestellt sein. Auf das Projekt eines Imagefilms zur DGVT-Ausbildungsakademie weist Günter Ruggaber hin. Zusätzlich zu einem Film zum 50-Jahres-Jubiläum der  DGVT soll in einem Filmclip von ca. 2 Min. Länge auf wesentliche inhaltliche Merkmale unserer Ausbildungskonzeption aufmerksam gemacht werden: praxisorientiert, patientenorientiert, schulenübergreifend, familienfreundlich und interkulturell.

In einem weiteren Tagesordnungspunkt kam es erneut zu einer Diskussion über die Bedeutung und die Qualität der Beurteilung der prüfungsrelevanten Falldokumentationen durch die externen Gutachter. Ausgehend von der immer wieder beklagten Diskrepanz in der Beurteilung einzelner Falldokumentationen durch verschiedene Gutachter*innen wurde auch  der Vorschlag diskutiert,  diese Aufgabe an die an den jeweiligen Instituten tätigen Supervisor*innen zu übertragen, eine Idee, gegen die eingewandt wurde, dass gerade die unabhängige Meinung externer Gutachter ein wichtiges Merkmal unserer Qualitätssicherung sei. Indem den ABZ-Leitungen die Letztverantwortung für die Zulassung der Dokumentationen zur Prüfung zukommt, spricht vieles dafür, ihnen in dieser Frage größere Entscheidungsspielräume zuzubilligen. Die Diskussion soll in dieser Angelegenheit mit der QSK weitergeführt werden. Der Geschäftsführer der Akademie, Günter Ruggaber, wird bis zur nächsten Sitzung eine diesbezügliche Beschlussvorlage erarbeiten; die QSK soll zu dieser Sitzung eingeladen werden.

In dem äußerst anschaulichen Beitrag von Lothar Duda zum aktuellen Stand der DGVT-Struktur-Debatte wird noch einmal deutlich, wie sehr die in diese Gespräche eingebundenen Kolleg*innen bemüht sind, in dem Spannungsfeld zwischen ehrenamtlichen Engagement und professionellen Aus-und Weiterbildungsangeboten nach Lösungen zu suchen, die einem Auseinanderdriften der diversen Vereinsgliederungen entgegenwirken. Als wertvoll und zukunftsträchtig wird dabei von allen die Weiterführung der inzwischen eingeleiteten offenen Kommunikation zwischen den Protagonisten kontroverser Standpunkte in der Strukturentwicklung der DGVT begrüßt.

Zum Schluss galt der Dank allen, die diese Gesprächsrunde so erfolgreich mitgestaltet hatten, und mehrheitlich wurde beschlossen in der Zeit vom 30. bis 31.05.2018 das nächste Frühjahrstreffen der DGVT-Ausbildungsakademie zu veranstalten. Noch in diesem Jahr treffen sich die Ausbildungsleitungen zu einem zweiten Treffen vom 15. bis 16. November in Hamburg.

Jürgen Bellingrath (ABZ Köln)


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