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Zeitalter der Aufklärung in der Psychiatrie bricht an – Experten aus Erfahrung und Psychiater legen gemeinsam einen allgemeinverständlichen Infobogen zu Neuroleptika vor.[1]


Von Peter Lehmann

„In Zusammenarbeit mit den ärztlichen Direktoren bzw. Chefärzten der drei ehemaligen Landeskrankenhäuser Klingenmünster, Alzey und Andernach und den Aktivisten Dr. h.c. Peter Lehmann und Dr. med. Volkmar Aderhold haben der LVPE RLP e.V. in 18 Monaten diesen Aufklärungsbogen in Alltagssprache entwickelt.“

Als Sensation kann bezeichnet werden, was der Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Rheinland-Pfalz (LVPE RLP) in trockenen Worten im Vorwort der Broschüre mitteilt. Erstmals ist Leiterinnen und Leitern psychiatrischer Kliniken und Psychiatriekritikern gelungen, sich auf einen Aufklärungstext über Wirkungen und Risiken von Neuroleptika sowie Alternativen zu verständigen. Im Herbst beginnt die Arbeit an einer Aufklärungsbroschüre zu Antidepressiva.

Die Idee, einen unabhängigen Aufklärungsbogen zu verfassen, entstand nach einer Fachtagung des LVPE im Krankenhaus Wittlich, bei der sich herausstellte, dass entgegen den „Praxisleitlinien in Psychiatrie und Psychotherapie“ der DGPPN nicht über das Risiko neuroleptikabedingter Geschwulstbildungen in den Brustdrüsen und erforderliche Kontrolluntersuchungen aufgeklärt wird.

Unterstützt von Anke Brockhaus-Dumke, der ärztlichen Direktorin der Rheinhessen-Fachklinik, die sich für verständliche und pharmafirmenunabhängige Information einsetzt, stellte daraufhin der LVPE einen Finanzierungsantrag an die Landesregierung. Es müsse, wie dies in der somatischen Medizin üblich sei, auch in der Psychiatrie unabhängige Aufklärungsbögen geben. Dabei berief sich der Verband auf das grundgesetzlich garantierte Recht auf Schutz der Achtung und Würde der Menschen und des körperlichen Selbstbestimmungsrechts. Erst nach ordnungsgemäßer Aufklärung (§ 630 e BGB) könne man in eine Behandlung einwilligen.

Bestehende Aufklärungsschriften zeigten sich als Vorlagen unbrauchbar. Psychoedukative Schriften reden Risiken klein, blenden Entzugsprobleme aus, stellten Neuroleptika als alternativlos dar und zielen manipulativ einzig auf die Zustimmung der Betroffenen. Die neue Aufklärungsbroschüre ist zwar auch auf Zustimmung angelegt, aber hier verschweigt man nicht, dass Neuroleptika mehr oder weniger häufig eine Vielzahl unerwünschter Wirkungen haben – von Krämpfen der Zungen-Schlund-Muskulatur über Geschwulstbildungen in den Brustdrüsen, Herzmuskelentzündungen und Diabetes bis hin zu körperlichen Gewöhnungseffekten, Suizidalität und plötzlichem Herztod. Bereitwillig wird in der Broschüre Hilfe beim Absetzen angeboten: „Sollten Sie sich dazu entschließen, sind wir gerne bereit, Sie im Rahmen unserer Möglichkeiten dabei zu begleiten.“

Diesem Angebot folgen Informationen, wie man Neuroleptika am besten reduzieren und absetzen und wo man entsprechende Literatur und Internetseiten finden kann. Und dann kommt noch ein Paukenschlag: Die Rede ist nicht mehr von „gemeinsamer Entscheidungsfindung“. Wer den Schutz und die Unterstützung einer Klinik will, jedoch keine Neuroleptika, bekommt Alternativen angeboten: angefangen bei der geduldigen Begleitung durch das Personal über Gespräche mit Genesungsbegleitern, naturheilkundlichen Mitteln, Aromatherapie, Akupunktur, Joggen, Gymnastik, Schwimmen, Tischtennis, Yoga, Meditation, Tanz-, Musik- und Kunsttherapie bis hin zu Ernährungsmaßnahmen und Förderung der Kommunikation mit Vertrauenspersonen per Skype. Zuletzt heißt es: „Entscheiden Sie sich für die Klinik und die Behandlungsmaßnahme, die Ihren Interessen am ehesten entspricht. Psychopharmaka gelten in der Regel als nur eines von mehreren Behandlungsangeboten. Entsprechend der Gesetzeslage und den Behandlungsleitlinien sind es die Patientinnen und die Patienten, die entscheiden, welche Angebote sie annehmen.“

Erste Tests zeigten, dass es sinnvoll war, den Text für Menschen mit Lernschwierigkeiten und geringen Deutschkenntnissen in Leichte Sprache übersetzen zu lassen. Beide Versionen sind in der Broschüre enthalten und lassen sich auch downloaden von www.lvpe-rlp.de/inhalt/aufklaerungsboegen

Der Öffentlichkeit vorgestellt werden die Aufklärungsbroschüre und die ersten Anwendungserfahrungen am 20. September 2017 bei der Tagung „Das Zeitalter der Aufklärung – Innovative Informationen zu Neuroleptika“ im Landeskrankenhaus Andernach, bei der die Protagonisten anwesend sein werden, und im Oktober 2017 im Symposium „Responding to the Frightening Reduction of Psychiatric Patients’ Life Expectancy“ beim Kongress des Psychiatrischen Weltverbands in Berlin. Informationen zu beiden Veranstaltungen finden Sie unter www.peter-lehmann.de/termine.

Bestellen kann man die 60-seitige Broschüre gegen 3 Euro Spende für die Portokosten beim LVPE RLP e.V., F.-J. Wagner, Gratianstr. 7, 54294 Trier.

Peter Lehmann ist Inhaber des Antipsychiatrieverlags und war langjähriges Vorstandsmitglied im Europäischen Netzwerk von Psychiatriebetroffenen.


[1]Quelle: PSYCHOSOZIALE umschau; Heft 3/2017, 32. Jg.; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.


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