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Kunst für die Seele – Das Projekt »Kunst für die Seele – Museum erleben« eröffnet Menschen in psychischen Krisen einen neuen Zugang zu den eigenen Wahrnehmungen und zur Welt.[1]


Von Ellen Westphal und Tina Emsermann

Nicht nur Schüler und Schülerinnen einer Schule für Kranke sind nicht sehr begeistert, wenn sie erfahren, dass ein Ausflug in ein Kunstmuseum geplant ist. Das Kunstmuseum hat bei jungen Menschen den Ruf, eher langweilig zu sein – wer schaut sich schon gerne Bilder an, die man nicht kennt und sich vermutlich auch nicht ins eigene Zimmer hängen würde? Jedoch fällt vielen von ihnen auch der Schritt in die Öffentlichkeit noch schwer. Sich in einer kleinen Schulklasse außerhalb des »Schonraums« der Johann-Christoph-Winters-Schule, einer Schule für Kranke, zu bewegen, ist für die Kinder und Jugendlichen während des Klinikaufenthaltes neu und ungewohnt.

Doch seit Herbst 2015 waren nun bereits mehrmals Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit Jochen Schmauck-Langer, Kunstbegleiter, Kulturgeragoge und mit dementia+art Entwickler der teilhabeorientierten Kunstvermittlung, im Museum Ludwig oder im Wallraf-Richartz-Museum. Meistens standen vier, fünf Kunstwerke auf dem Programm, die intensiver angeschaut und besprochen wurden. Anfangs noch zurückhaltend, spürten die Kinder und Jugendlichen sehr schnell, dass der Besuch eines Museums Freude bereitet und dass sich solch ein Ausflug lohnt.

Es machte den Schülern tatsächlich Spaß, etwa über die Porträts eines niederländischen Paares aus dem 17. Jahrhundert zu spekulieren: Welchen Gesichtsausdruck hat die Frau? Was trägt sie für ein Kleid? War sie arm oder reich? Auch bei dem Bild »M-Maybe«von Roy Lichtenstein spekulierten die Schülerinnen und Schüler, wie lange die junge Frau wohl Entschuldigungen für den jungen Mann suchen wird, auf den sie offenbar wartet.

Bei den Bildbetrachtungen stehen immer die Spekulationen und die Eindrücke der Kinder und Jugendlichen im Vordergrund und nicht die reine Wissensvermittlung.

Und das macht den Schülerinnen und Schülern offensichtlich so viel Spaß, dass sie uns Lehrer bitten, weitere Museumsbesuche mit Herrn Schmauck-Langer zu planen. Warum?

Jochen Schmauck-Langer spricht mit den Kindern und Jugendlichen über einzelne Kunstwerke, provoziert Fragen und Äußerungen. Sein Umgang ist durch Empathie, Wertschätzung und Akzeptanz geprägt und genau das ist es, was unsere Schüler benötigen, um sich zu öffnen, um Freude zu haben.

Das erleben auch Erwachsene so.

Mittlerweile war Jochen Schmauck-Langer auch mehrmals mit einer Gruppe chronisch psychisch kranker Menschen, die vom Köln-Ring betreut werden, in Kölner Museen verabredet, um Kunst einmal anders zu betrachten. Am Anfang war nicht klar, ob sich die Bewohner überhaupt auf eine geleitete Museumsführung einlassen würden und die Konzentration dafür mitbrachten. Auch, ob die Bereitschaft vorhanden war, die Wahrnehmungen und sinnlichen Eindrücke frei zu formulieren und mit anderen zu teilen, stand für die Profis als Frage im Raum. Doch die Interessentenliste wuchs von Mal zu Mal und es ließ sich so mancher erfreulicherweise »hinter dem Ofen« hervorlocken, von dem es keiner erwartet hatte. Auch ansonsten sehr ruhige, schüchterne Menschen beginnen zu sprechen und lassen sich durch die Fragen zum Kunstwerk berühren.

Sehen, sagen, stehen lassen

Nicht selten haben psychisch erkrankte Menschen und Menschen in psychischen Krisen das Gefühl, Dinge anders wahrzunehmen oder zu interpretieren, als es der »normale« Mensch tut – es ist in diesem Kontext »Kunst« aber ausgesprochen erwünscht, seine Einschätzungen und Interpretationen zum Besten zu geben und es wird sehr deutlich, dass alle Interpretationen etwas mit persönlicher Wahrnehmung und individuellen Lebenserfahrungen zu tun haben. Im Museum darf die Person sozusagen mit ihren ureigenen Wahrnehmungen auf charmante Art und Weise hervorbrechen. Persönlich angeregt zu werden, kann beflügeln!

Besonders wertvoll erscheint es, anderen zuzuhören und deren Wissen und Einschätzung oder Sichtweise zu teilen. Dadurch können Unsicherheiten direkt überwunden werden, da es kein richtig oder falsch gibt. Gleichwohl wird jeder in die Lage versetzt, andere Eindrücke aufzunehmen, die eigenen zu überprüfen oder gar zu relativieren. So hat man den Eindruck eines gemeinsam entdeckten Kunstwerkes, zu dem jeder etwas in der Gesamtschau beigetragen hat. Es ist, als hätte man sich ein Stück Weltgeschehen erschlossen und sich selbst, aber auch andere besser verstanden.

Alle verlassen bereichert das Museum und haben es geschafft, einen Weg auf sich zu nehmen, im Amtsdeutsch heißt das: »Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben«. Keine Selbstverständlichkeit für viele psychisch kranke Menschen, die oftmals sehr verunsichert sind und unter großen Ängsten leiden. Die Eindrücke dürfen nachhallen und bleiben in Erinnerung – ein besonderer Nachmittag, der den grauen Alltag aufhellen kann.

Das Projekt »Kunst für die Seele – Museum erleben« bietet somit vielen Menschen mit psychischen Erkrankungen und Menschen in psychischen Krisen die Möglichkeit, die Kölner Kunstmuseen auf eine andere, besondere Art kennenzulernen. Der Geschäftsführerin und Mitgründerin der Eckhard Busch Stiftung, Bettina Busch, gelang es, in Kooperation mit dementia+art, der Johann-Christoph-Winters-Schule, der Köln-Ring gGmbH und dem Museumsdienst der Stadt Köln ein besonderes Projekt ins Leben zu rufen, das Menschen in psychischen Krisen und Menschen mit psychischen Erkrankungen kulturelle Teilhabe ermöglicht, sodass sie eine schöne Zeit im Museum erleben können.

Kontakt und Information über Eckhard Busch Stiftung, www.eckhard-busch-stiftung.de, 0221 506087-58, info(at)eckhard-busch-stiftung(dot)de.

Jochen Schmauck-Langer, dementia+art, www.dementia-und-art.de, 0157 88345881, info(at)dementia-und-art(dot)de

Tina Emsermann leitet das Kunstatelier der Köln-Ring gGmbH – Hilfen für psychisch erkrankte Menschen in Köln.

Ellen Westphal ist Lehrerin für Sonderpädagogik an der Johann-Christoph-Winters-Schule, der Städtischen Schule für Kranke in Köln.


[1]Quelle: PSYCHOSOZIALE umschau; Heft 3/2017, 32. Jg.; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorinnen.


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