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Von Pflichtkassen und Wahlärzten[1] - Gesundheitssystem in Österreich


Das Gesundheitssystem unseres Nachbarlandes Österreich ähnelt dem deutschen in vielerlei Hinsicht. Dennoch gibt es einige markante Unterschiede. Diese reichen von der Organisation der Mitgliedschaft in den Krankenkassen bis hin zu sogenannten Wahlärzten.

Österreich in Zahlen (im Vergleich zu Deutschland)

Lebenserwartung Frauen: 84,4 Jahre (83,3 Jahre)
Bevölkerung: 8,8 Mio. (80,6 Mio.)
Einwohner über 65 Jahre: 19,3 % (22,1 %)
Praktizierende Ärzte je 1.000 Einwohner: 5,1 (4,1)
Anteil Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt: 10,4 % (11,3 %)
Lebenserwartung Männer: 78,9 Jahre (78,5 Jahre)

Das österreichische Sozialversicherungssystem besteht aus den drei Komponenten Pflichtversicherung (Kranken-, Unfall- und Pensionsversicherung), Solidaritätsprinzip und Selbstverwaltung. Circa 98 Prozent der Österreicher sind krankenversichert. Die Gesundheitsversorgung wird öffentlich organisiert. Dabei sind wie hierzulande die Zuständigkeiten der einzelnen Behörden gesetzlich geregelt. Grundsätzlich ist der Bund für die Gesetzgebung und -vollziehung zuständig. Die einzelnen Länder übernehmen Aufgaben im Rahmen der mittelbaren Bundesverwaltung, die Sozialversicherungsträger agieren als Selbstverwaltungsorgane. Diese sind im „Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger“ zusammengeschlossen, der über verschiedene Tätigkeiten abstimmt und als Interessenvertretung fungiert. Finanziert wird das österreichische Gesundheitssystem größtenteils durch Versicherungsbeiträge. Dabei ermöglicht das Solidaritätsprinzip allen Versicherten den gleichen Zugang zu den einzelnen Gesundheitsleistungen.

System Gebietskrankenkasse

Anders als in Deutschland ist die Mitgliedschaft bei einer Krankenkasse nicht frei wählbar. Welche Kasse für einen Versicherten zuständig ist, ergibt sich aus der Art und dem Ort seiner Beschäftigung. Da jeder Arbeitnehmer automatisch in einer bestimmten Gebietskrankenkasse versichert wird, entsteht hieraus kein Wettbewerb zwischen den Kassen. Insgesamt gibt es in jedem Bundesland eine Krankenkasse. Bestimmten Berufsgruppen wie beispielsweise Landwirten stehen weitere Krankenkassen zur Verfügung. Selbstständige werden bei der Anmeldung eines Gewerbes automatisch bei der für sie zuständigen Gewerbekasse versichert. Die Höhe der Beiträge richtet sich nach dem Einkommen, unabhängig vom individuellen Erkrankungsrisiko. Bei Angestellten teilen sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber den Beitrag zu fast gleichen Teilen, Angehörige werden in vielen Fällen beitragsfrei mitversichert.

Private Krankenversicherungen wie in Deutschland gibt es in Österreich nur als private Zusatzversicherung. Freiberufler, wie Ärzte, die in branchenspezifischen Kammern organisiert sind, haben eine eigene gesetzliche Krankenversicherung und können eine private Zusatzversicherung abschließen. Diese deckt Leistungen ab, welche über die Versorgung der gesetzlichen Krankenversicherung hinausgehen. Zu den Zusatzleistungen gehören beispielsweise eine bessere Unterbringung im Krankenhaus oder die Übernahme bestimmter Behandlungskosten.

Kassen- oder Wahlarzt

Grundsätzlich können Patienten ihren Arzt frei wählen. Sie haben dabei zwei Optionen: den Kassen- oder den Wahlarzt („Privatarzt“). Ein Kassenarzt schließt mit einem der Krankenversicherungsträger einen Vertrag ab – so sind die Kosten einer Behandlung im Rahmen einer vertraglich festgelegten Leistung von der jeweiligen Kasse abgedeckt. Der Arzt rechnet die Kosten immer direkt mit der Krankenkasse ab, sodass dem Patienten Kosten und Aufwand erspart bleiben. Mit dem Abschluss eines solchen Vertrages ist der Arzt an vorgegebene Richtlinien, etwa zu den Praxisöffnungszeiten, gebunden.

Wahlpraxen werden von Ärzten ohne Kassenvertrag geführt. Sucht ein Patient einen solchen Arzt auf, muss er die Leistung vorerst aus eigener Tasche bezahlen. Anschließend kann er die Rechnung bei der Krankenkasse einreichen. Dabei wird aber nur ein Teil der Kosten rückerstattet, die Differenz müssen Patienten entweder selbst tragen oder durch eine entsprechende private Zusatzversicherung abdecken. Um eine Wahlpraxis zu führen, braucht ein Arzt keine Zulassung durch eine Behörde. Er muss sich auch nicht an vorgegebene Richtlinien halten und kann sein Honorar frei festlegen. Darüber hinaus ist er nicht an die Vergabe eines Arztsitzes, Öffnungszeiten oder ein Leistungsspektrum gebunden. Der Arzt muss der Ärztekammer lediglich den Praxisstandort und den Beginn der Tätigkeit melden, genehmigt werden müssen diese nicht. Der „Privatarzt“ erbringt Leistungen, die nicht in den Kassenkatalogen enthalten sind. Es besteht für den Patienten daher generell kein Recht auf Kostenerstattung. Die Behandlungskosten müssen immer voll vom Patienten getragen werden. Kassenärzte können auch als Privatärzte in den gleichen Räumlichkeiten praktizieren. Allerdings müssen Patienten über die private Behandlung und deren Kosten aufgeklärt werden. Auch hier ist die Honorargestaltung völlig frei und an keinerlei Vorgaben gebunden.

Hohe Spitaldichte

Wie in Deutschland ist die Behandlung von Patienten in einem dualen System aus ambulantem und stationärem Bereich angelegt. Ambulant sind rund 16.000 praktizierende Haus- und Fachärzte tätig. Sie behandeln Patienten und Notfälle, deren Behandlung keines Krankenhausaufenthaltes bedarf. An Wochenenden und Feiertagen organisieren die niedergelassenen Ärzte auf regionaler Ebene Not- und Bereitschaftsdienste. In einzelnen Bundesländern ist darüber hinaus der Ärztenotdienst zuständig, der dort unter der Rufnummer 141 zu erreichen ist. Sie verbindet den Patienten mit dem zuständigen Dienst. Einen weiteren wichtigen Teil der ambulanten Versorgung bilden sogenannte Ambulatorien, die selbstständig organisiert, rein rechtlich aber Krankenhäuser sind. Ihre Ausgestaltung reicht von Arztpraxen über ambulante Behandlungseinrichtungen bis hin zu ambulanten Spitälern mit partiellen operativen Leistungsangeboten.

Die Versorgung in Krankenhäusern hat in Österreich traditionell einen hohen Stellenwert. Es gibt öffentliche, privat-gemeinnützige und private Krankenhäuser. Geführt werden diese von Landesgesellschaften, Gemeinden, Glaubensgemeinschaften, Sozialversicherungsträgern oder privaten Eigentümern. Aufgeteilt auf neun Bundesländer gab es im Jahr 2016 insgesamt 273 Kliniken. Gemessen an der Bevölkerungszahl ist die Klinikdichte damit noch höher als in Deutschland. Ein Teil dieser Kliniken wird durch den Landesgesundheitsfonds finanziert. Dies ist ein öffentlich-rechtlicher Fonds, welcher der Planung, Steuerung und Finanzierung des Gesundheitswesens auf Landesebene dient. Die Zahl der durch diesen Fonds finanzierten Spitäler geht jedoch zurück, was größtenteils an der Zusammenlegung verschiedener Häuser liegt. Trotzdem und paradoxerweise wurde die Zahl der Krankenhausstandorte kaum reduziert. Das liegt daran, dass die Zahl der nicht durch den Landesgesundheitsfonds finanzierten Krankenhäuser zunimmt. Diese leisten oft keine Akutbehandlungen, dafür wird ihr Reha-Bereich ausgebaut.

Eine E-Akte für alle

Bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen gehört Österreich zu den ersten Ländern in Europa, die an der Implementierung arbeiten: Bereits im Jahr 2005 wurde die elektronische Krankenversicherungskarte (e-Card) als Versicherungsnachweis eingeführt. Daneben gibt es die elektronische Gesundheitsakte (ELGA). Heute stehen in ELGA Entlassungs- und Laborbefunde von Krankenanstalten sowie auf freiwilliger Basis die sogenannte eMedikation zur Verfügung. Die erfassten Befunde werden zeit- und ortsunabhängig vernetzt. Bereitgestellt werden sie im Rahmen von ELGA als sogenannte eBefunde. Die Nutzerfreundlichkeit von ELGA ist allerdings umstritten, unter anderem weil es keine Suchfunktionen gibt. Da der Patient selbst entscheidet, welche Daten einsehbar sind, ist die potenzielle Unvollständigkeit der Daten ein Problem, das auch in Österreich bislang nicht geklärt ist. Die Bedienung von ELGA, insbesondere im Krankenhaus, verursacht noch erheblichen Mehraufwand. Dieses Jahr startete in einigen Regionen die „e-Medikation“. Hier werden alle verordneten und von Apotheken ausgehändigten Medikamente sowie noch offene Rezepte auf einer Liste gespeichert. Diese kann vom jeweiligen Patienten online abgerufen werden. Das soll helfen, den Überblick zu behalten und Wechselwirkungen sowie Mehrfachverschreibungen zu verhindern. Gespeichert werden die Daten jeweils nur für ein Jahr, danach werden sie automatisch gelöscht.

Zehn Ziele für die Zukunft

Perspektivisch legt Österreich den Fokus im Gesundheitswesen auf die Prävention und Gesundheitsförderung. Also auf Ansätze, welche die Gesundheit der Menschen bewahren und Krankheitsfälle möglichst vermeiden sollen. In diesem Jahr einigten sich der Bund, die Länder und die Sozialversicherung auf den „Zielsteuerungsvertrag 2017 bis 2021“. Damit soll das seit 2013 bestehende System zur „Steuerung von Struktur, Organisation und Finanzierung der Gesundheitsversorgung in Österreich“ weitergeführt und -entwickelt werden.

Eine wichtige Komponente im Zielsteuerungsvertrag 2017 bis 2021 ist die stärkere Vernetzung mit den zehn „Gesundheitszielen Österreich“. Diese wurden formuliert, um die Gesundheit der Österreicher unabhängig von Faktoren wie Bildung, Abstammung, Gehalt, Wohnumfeld und Geschlecht zu verbessern. Österreich hat zwar ein sehr gutes Gesundheitssystem und liegt mit der Lebenserwartung seiner Bewohner über dem Durchschnitt der OECD-Länder. Dennoch liegt die Anzahl der statistischen Lebensjahre, in denen ein Österreicher mit guter Gesundheit lebt, unter dem Durchschnitt. Allerdings beruhen diese Befunde nicht auf Messungen, sondern auf Umfragen. Da Österreich bei diesem Wert hinter Ländern wie Bulgarien und Rumänien liegt, sei eher zu vermuten, dass die gute niederschwellige Gesundheitsversorgung in Österreich zu mehr Krankenhausaufenthalten in der älter werdenden Bevölkerung führt und damit zu den Umfrageergebnissen im Bereich „gesunde Lebensjahre“, argumentiert die österreichische Ärztekammer.

Die „Gesundheitsziele Österreich“ wurden bereits vor fünf Jahren definiert und bilden bis 2023 den Rahmen für die „gesundheitsförderliche Gesamtpolitik“. Teil dieser zehn Ziele sind unter anderem die Stärkung der Gesundheitskompetenz (siehe Kasten), der Zugang zu hochwertigen Lebensmitteln für alle und die Förderung der psychosozialen Gesundheit der Bevölkerung. Nach der diesjährigen Nationalratswahl am 15. Oktober 2017 befinden sich die Parteien derzeit in den Koalitionsverhandlungen. Welche Schwerpunkte die künftige Regierung im Bereich Gesundheit setzen wird, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

Kasten: Österreichische Plattform Gesundheitskompetenz

Die Gesundheitskompetenz der Menschen zu verbessern ist eines der zehn Gesundheitsziele der österreichischen Regierung. Dafür hat sie im Jahr 2014 die „Österreichische Plattform Gesundheitskompetenz“ (ÖPGK) eingerichtet. Deren Aufgaben sind:

  1. Unterstützung der langfristigen Entwicklung und Etablierung von Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung
  2. Vernetzung, Zusammenarbeit, Erfahrungsaustausch und gemeinsames Lernen fördern
  3. Maßnahmen zwischen Politik und Gesellschaftsbereichen ermöglichen und abstimmen
  4. Gemeinsames Verständnis entwickeln, Wissen verbreiten und Innovation ermöglichen
  5. Monitoring und Berichterstattung aufbauen, Transparenz und Qualität entwickeln.

Die inhaltlichen Schwerpunkte lagen im Jahr 2017 auf den Themen Gesprächsqualität in der Krankenversorgung sowie qualitätsgeprüfte Gesundheitsinformationen.
https://oepgk.at/


Sophia Bruderhofer, Kassenärztliche Bundesvereinigung


[1]Quelle: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung sowie KBV „Klartext“, Ausgabe 4/2017; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin.


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