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Die Macht sprachlicher Handlungen für Vorstellungen von Gender und Psychiatrie[1]


vonLann Hornscheidtund Eliah Lüthi

Zusammenfassung Dieser Artikel ist ein Plädoyer, Sprache als machtvolle Handlungsform zu verstehen, die macht- und gewaltvolle Auswirkungen auf unsere Wahrnehmungen hat und auch transformierend wirken kann: Durch ein Bewusstwerden von Sprache als Handlung sind gesellschaftliche Normen reflektier- und veränderbar. Dies kann zu einem respektvolleren zugewandten Umgang führen, der eine kritische Hinterfragung gewaltvoller sprachlicher Mechanismen und differenziertes Kommunizieren ermöglicht. Der Artikel plädiert für differenzierte präzise, situierte und positionierte Sprachhandlungen.

Es gibt nicht ein Sprechen oder Schreiben jenseits gesellschaftlicher Normen. Ganz im Gegenteil trägt Sprache soziale Bewertungen in vielfacher Weise in sich und reproduziert diese im Sprechen und Schreiben. SprachHandlungen sind eine Form, eigene Wahrnehmungen zu sortieren, zu filtern, einzuordnen und auch herauszufordern. Sich diese zumeist unreflektierten Mechanismen bewusst zu machen, kann dazu beitragen, sich sensibler und diskriminierungskritischer zu äußern und andere/s wahrzunehmen. Es kann auch dazu führen, zu merken, dass wir uns in den verwendeten Worten und Konzepten nicht wiederfinden und nach neuen und bereits existierenden widerständigen Worten und Verständnissen suchen.

Sprachlich Wirklichkeiten gestalten

Sprachliche Benennungsformen – die Weise, wie wir Welt, uns selbst und andere Personen, Handlungen und Objekte sprachlich benennen – sind ein wichtiger Teil dieser SprachHandlungen. Meistens sind uns diese nicht bewusst, sondern laufen verselbstständigt ab, scheinen ganz „normal“, wir denken nicht über sie nach und sie werden entsprechend auch nicht hinterfragt. Ein Krankenhaus Krankenhaus zu nennen, Diagnose Diagnose und Behandlung Behandlung, erscheint nicht als Handlungen, sondern als lediglich sprachliche Benennungen von etwas, was selbstverständlich ist und uns hilft, uns in der Welt und in Kommunikationen zu orientieren, uns mit anderen zu verständigen. Diese Orte, Dinge und Handlungen anders zu benennen, kann sie aus ihrer Pseudoneutralität entlassen, kann deutlich machen, dass sie unterschiedlich gehört und verstanden werden können, je nach Positionierung und Situation: „Verwahranstalt“ statt „Krankenhaus“, „diagnostische Fremdzuschreibung“ statt „Diagnose“ und „Zwangsmaßnahme“ statt „Behandlung“ wären mögliche andere Benennungen für konkrete Handlungen und Einlesungen aus unterschiedlichen Perspektiven, die begrifflich andere als die konventionalisierten Wahrnehmungen worten (Hornscheidt 2012) würden. Dabei geht es nicht darum, eine andere absolute Wirklichkeit herzustellen, sondern um die Wahrnehmbarkeit unterschiedlicher Perspektiven. Benennungsvielfalt öffnet die Idee neutraler und absoluter Bedeutungen und macht sie hinterfragbar. Dies als Provokationen, überzogene Wahrnehmungen, Absurditäten aufzufassen, wie es häufig auch mit gendervariablen und ­gerechten Ausdrucksweisen der Fall ist, zeigt lediglich auf, wie machtvoll und weitgehend unreflektiert Sprachgebrauch häufig ist. Die soziale Übereinkunft für viele sprachliche Benennungen und der Glaube an eine „neutrale“ Sprache ist im Alltagsleben immens. Um Teil sozialer Gemeinschaften zu sein, bestätigen wir mit den eigenen SprachHandlungen vor allem Normen und Regeln, die gesellschaftlich dominant sind und die wir zumeist schon nicht mal als solche benennen könnten. Dominante Vorstellungen äußern sich sprachlich und konzeptuell häufig darüber, dass sie allgemeingültig wirken. Sie formen und bestätigen ein Weltbild, welches privilegierte Positionierungen und Auffassungen neutralisiert und als universell erscheinen lässt. Häufig ist es ein Kraft­ und Widerstandsakt, diese so unverbrüchlich wirkenden sprachlichen Benennungen infrage zu stellen und herauszufordern. Der Rahmen ist so klar und schon immer da, dass er beim Sprechen und Lesen, Schreiben und Zuhören nicht als solcher wahrgenommen wird (vgl. die sog. ›Frame Analysis‹ Wehling 2017). Welcher Rahmen sprachlich immer weiter verfestigt wird, zeigen wir im Folgenden exemplarisch auf für die sozialen Kategorisierungen Gender und Ver_Rückt­Werden und ihre Interdependenzen (AK Forschungshandeln 2016). Soziale Kategorisierungen sind hier nicht Eigenschaften, sondern Ergebnisse machtvoller sozialer diskriminierender Normen und Normierungen. Die u. a. von Butler (1990) für Gender formulierte konstruktivistische Sichtweise übertragen wir hier auf andere strukturelle Gewaltdimensionen. Eine Konsequenz ist, nicht von vorgängigen, natürlichen Phänomenen auszugehen, sondern diese als die soziale Herstellung von Natürlichkeit zu begreifen. Gender ist ein Effekt von Genderismus (Hornscheidt 2012) – ohne die Diskriminierungsstruktur gäbe es die soziale Kategorisierung nicht. Ver_Rückt wäre somit Ergebnis von psychiatrischem Ver_Rücken – dem gesellschaftlichen Prozess, welcher Personen über Normen zu Verhalten, Wahrnehmen und Fühlen von der Norm verrückt und dadurch als „ver_rückt“ herstellt (vgl. Lüthi 2015).

Ent_wahrnehmen durch Nicht-Benennen

Einige Personen finden bei Personenbenennungen die männlichen Formen neutral oder „alle meinend“: „Besserwisser“ würde sich auf jede Person beziehen. Alle sozio­ und kognitionslinguistischen Studien zu Wahrnehmungen und den Einfluss von Sprachformen auf diese (Kusterle 2011) zeigen: Sogenannte androgendernde Formen („Versager“) führen bei den allermeisten Personen zu Vorstellungen von Männern. Nur Doppelformen (Helferin und Helfer) oder Binnen­I­Formen (LeserIn) erhöhen die Vorstellung, dass es sich auch um Frauen handeln könnte, signifikant. Dass es uns in der Regel lästig ist, Doppelformen zu benutzen, es uns zu umständlich vorkommt, unnötig, kompliziert, bestätigt die gendernde unbewusste Wirkung letztendlich nur: denn offenbar „hakt“ irgendwas in der automatischen, flüssig erscheinenden Konzeptualisierung, wenn wir so sprechen und schreiben; etwas gerät ins Stocken im Lesefluss, etwas fordert die eigenen Wahrnehmungen heraus. Wäre dies nicht der Fall, gäbe es auch nicht so viel geäußerten Widerwillen gegen politische  Sprachveränderungen.

Die Vorstellung, dass es Geschlecht gibt, dass Geschlecht eine äußerst zentrale Kategorie zur Wahrnehmung von Menschen ist, dass es sich um zwei Geschlechter handelt, in die Menschen eingeordnet und sortiert werden können, ist dabei in allen oben genannten Formen vorausgesetzt. Im Deutschen ist diese Vorstellung und Herstellung von Zweigeschlechtlichkeit als unhintergehbar so stark, dass die Formen, um sich auf Menschen zu beziehen, häufig gar keine andere Möglichkeit mehr zulassen, als Menschen in eines von zwei Geschlechtern einzuordnen: Patientin und Patient; Psychiaterin und Psychiater.

Was heißt das für Personen, die sich nicht als weiblich oder männlich verstehen, die sich als weiblich und männlich in Anteilen von sich verstehen, die sich in einem Übergang von Weiblichkeit zu Männlichkeit oder andersherum verorten (Erickson­ Schroth 2014)? Sprachliche Handlungen, die immer wieder Zweigeschlechtlichkeit als einzigen Vorstellungsrahmen aufrufen und reproduzieren, grenzen bestimmte soziale Positionen also ganz grundlegend aus der gesellschaftlichen Wahrnehmung aus (Hornscheidt 2017). Eine Alternative wäre es also, Unterstrich­ und Sternchenformen zu verwenden (Pat_ientin, Psychiat*erin). Wenn wir auf diese Weise anfangen, über unsere SprachHandlungen nachzudenken, können wir unsere Normalvorstellungen herausfordern und reflektieren, wie machtvoll diese zu Zuschreibungen, Ausschlüssen und Stigmatisierungen führen können. Wir fangen auf diese Weise also an, uns unbewusste Muster sprachlicher Zuschreibungen bewusst(er) zu machen und auf diese Weise eigene Konzeptualisierungen zu verändern.

Hier gibt es zugleich auch viele Überschneidungen sprachlicher Wirkungen und Strategien zu der Wirkung von SprachHandlungen in (sozial­)psychiatrischen Rahmungen. In diesen wird eine psychische Norm gesetzt, die meist nicht explizit benannt wird, sondern über die Abgrenzung und Definition von „abweichendem“ Verhalten, Fühlen, oder Wahrnehmen als allgemeingültig her­ gestellt wird. Dies verfestigt sich über Zeit in Wechselwirkung mit unterschiedlichen sozialen Einlesungen und Institutionalisierungen immer weiter und greift so auch in die Selbstwahrnehmungen von Personen/ gruppen ein, was gemeinhin unter „internalisierte Diskriminierung“ gefasst wird. Es gibt nicht „die“ eine Instanz, die Macht ausübt, Macht ist diffus und so sind es auch die Herstellungen von sozialen Normen, was Genderidentitäten und eigene Vorstellungen von ver_Rücken betrifft. Es ist ein Kennzeichen moderner kapitalistischer Gesellschaften, dass diese Normen nicht primär mehr von außen machtvoll aufgezwungen werden müssen, sondern verinnerlicht sind. Dies beschreibt Foucault unter dem Begriff Gouvernementalität. Der Unterschied zwischen der sozialen Herstellung psychischer Normalität/Abweichung und von Gender ist, dass in einigen diagnostischen Fremd­ und eventuell verinnerlichten Zuschreibungen eine „Heilung“ und „Re_integration“ angestrebt wird – also ein Wechsel von der einen Kategorie zur anderen. Diese Verhandlungen von „psychischen A­/Normalitäten“, „Heilung“ und „Integration“ bewegen sich dabei in diesem Rahmen (sozial­)psychiatrischer Normen. Dieser Rahmen lässt nur diese beiden Vorstellungen zu, eine grundlegendere Infragestellung von Psychiatrie­ und Selbstverständnissen ist nicht vorstellbar hier. In diesem oftmals einzigen gesellschaftlich anerkannten Vorstellungsmodell können sich Diagnosen oftmals wie eine Erleichterung und Selbsterkenntnis für die davon Betroffenen anfühlen, da sie etwas bis dahin vielleicht Diffuses benennbar und damit gesellschaftlich wahrnehmbar machen (vgl. Oppenländer 2015). Durch die begriffliche Übernahme wird jedoch gleichzeitig auch die Perspektive übernommen, wird ein verAnderndes (Selbst­)Verständnis als einzig möglicher Wahrnehmungsrahmen verinnerlicht. Dies gilt für ver_Rücken ebenso wie für Gendernormen, aber auch in Bezug auf rassistische Vorstellungen.

VerAndern durch Benennen

Ganz generell benennen wir zumeist das, was uns normal vorkommt, in der Regel nicht, sondern nur das Außergewöhnliche, Besondere. In Bezug auf strukturelle Diskriminierungsdimensionen machen wir sprachhandelnd also immer die Abweichung von der Normalvorstellung explizit, markieren diese sprachlich. Der Rest ist schlicht „normal“ – und wird in seiner entnannten Normalität immer auch wieder bestätigt durch die sprachliche Benennung vor allem des anderen, abweichenden. Am Bei­ spiel von psychiatrischen Fremdzuschreibungen wird das deutlich. So weiten sich die Diagnosen und die Definitionen dessen, was als abweichend, pathologisch oder nicht normal gilt, immer weiter aus. Die Krankenkataloge und (sozial­)psychiatrischen Zusammenhänge entwerfen immer mehr Möglichkeiten und Merkmale, um dieses „Andere“ zu erkennen, untersuchen, labeln und dann zu verändern und „anzupassen“ (Distelhorst 2015). Woran Menschen jedoch auf diese Weise angepasst werden, bleibt weitgehend entnannt. Die entnannte psychiatrische Norm bestätigt sich in Abgrenzung zu ver­Rückten und psychiatrieerfahrenen Positionen, welche alltagssprachlich und über diagnostische Fremdzuschreibungen als „anders“ benannt und hergestellt werden. Diese Benennungspraktiken zeichnen sich auch in Selbstverständnissen ab: Ähnlich, wie sich die wenigsten durch Rassismus privilegierten Personen als weiß verstehen, positionieren sich auch die wenigsten Personen explizit als privilegiert in Bezug auf psychiatrisches Ver­Rücken. Die sozialen Identitäten, die so sprachlich hergestellt werden, werden dadurch zugleich auch immer mehr zu unhinterfragbar erscheinenden, natürlich anmutenden Existenzweisen. Sie verlieren in der kollektiven Wahrnehmung ihren sozial hergestellten Charakter und werden zu Essenzen von Personen. Dies drückt sich u. a. auch darüber aus, dass sie zumeist in Form von Substantiven benutzt werden: Frau, Mann und Trans(*person), BeHinderte, PoC2.

Ein VerAndern (Hornscheidt 2012) durch Benennen findet sich auch in der pathologisierenden Fremddefinition von Selbstverständnissen und Ausdrücken, welche nicht (zwei­) genderistischen Normen entsprechen. Am deutlichsten wird dies in transrelevanten Diagnosen, welche seit dem DSM 5, unter anderem als ›Gender Dysphorie‹ bezeichnet werden. Im Gegensatz zu den diagnostischen Vorgängern sieht diese Diagnose auch gegenderte (Selbst­)Verständnisse außerhalb, oder zwischen ›männlich‹ und ›weiblich‹ vor. Eine weitere Veränderung ist, dass nicht mehr das gegenderte Selbstverständnis als pathologisch gilt, sondern vielmehr der Leidensdruck, oder die Spannung zwischen dem (ent_)gendernden Selbstverständnis und dem bei Geburt zwangszugewiesenen Geschlecht. Beide Veränderungen sind auf jahrelange Kämpfe von Trans*Bewegungen zurückzuführen (Allex 2015). Doch auch mit diesen Veränderungen bleibt der Referenzrahmen von psychiatrischer Norm und Abweichung bestehen. Jede Veränderung innerhalb von Diagnosen findet innerhalb dieses psychiatrischen Verständnisses statt (Withers 2014; Kirby 2014). Jede Diagnose zu nicht zweinormativen Genderverständnissen akzeptiert (Zwei­)Genderismus als Norm und Ausgangspunkt. Menschen, die sich als Mann oder Frau verstehen, sich aber nicht mit dem bei Geburt zwangszugewiesenen Geschlecht identifizieren    und Menschen, die sich zwischen, oder außerhalb von Zweigeschlechtlichkeit verstehen, fordern diese heraus, stellen eine Bedrohung für (Zwei­) Genderismus als angeblich „natürliche“ Gegebenheit dar (Hornscheidt 2012). Durch die psychiatrische VerAnderung und Pathologisierung von diesen Positionen wird die Spannung, welche eigentlich eine strukturelle Spannung, eine Reibung im System der (Zwei­)Geschlechtlichkeit ist, auf Individuen übertragen und als Spannung zwischen dem eigenen (Selbst­)Verständnis und dem bei Geburt zwangszugeschrieben Geschlecht markiert und pathologisiert.

Eine erste diskriminierungskritische sprachHandelnde Strategie könnte es sein, zwischen den Personen, auf die wir uns sprachlich beziehen, und den sozialen Zuschreibungen zu trennen, hier also differenzierter und präziser zu formulieren. Dadurch könnten wir der Essenzialisierung und Naturalisierung sozialer Zuschreibungen entgehen und eigene, so aufgerufene Normen reflektieren und explizit machen. Statt „Behinderte“ zu sagen, fordern Teile von BeHindertenbewegungen „Personen, die beHindert werden“ (Maskos 2010). Durch diese Benennung wird zugleich auch die Macht sozialer Kategorisierungen deutlich: Personen sind nicht ihre Diskriminierungen, Personen werden diskriminiert. So wird zwischen einer Person und der sozialen Zuschreibung und/oder Diskriminierung sprachlich differenziert: „Person, die sich als weiblich versteht/als  weiblich  eingelesen  wird“; „Person, die rassistisch diskriminiert wird“; „Person, die psychopathologisiert, oder psychiatrisch ver_Rückt wird“. Der Unterschied zwischen einer essenzialisierenden Benennung und einem Explizitmachen der Diskriminierungsform ist besonders anschaulich in einem Vergleich der folgenden beiden Phrasen: „Sie musste Deutschland verlassen, weil sie Jüdin war.“ oder: „Sie musste Deutschland verlassen, weil Deutschland antisemitisch war.“ In ersterem Falle liegt die implizite Begründung für die Handlung der Flucht in der Person selbst, ist in einem machtvollen Prozess der Naturalisierung einer Gewaltform zu der Person selbst geworden. Wenn nicht mehr zwischen der Diskriminierungsform, die eine Person zurichtet und der Person selbst differenziert wird, ist dies ein Indiz für strukturelle Gewalt.

Dies ist sowohl auf Gender als auch auf eine Reflexion eigener sprachlicher Zuschreibungen zu Personen im psychiatrischen Kontext übertragbar. Eine Benennung wie „die/der Schizophrene“ macht eine psychiatrische Diagnostizierung zu einer Essenz einer (zweigegenderten) Person. Eine Wahrnehmung von Personen als Personen und Diagnosen als Diagnosen und einer Trennung dieser beiden Ebenen könnte statt­ dessen so formuliert werden: „eine Person, die im Kontext westlich­schulmedizinischer Diagnostizierungen aufgrund psychiatrischer Verhaltens­ und Fühlnormen ... in der Situation ... die Diagnose Schizophrenie bekommen hat.“ In einer grundlegend konstruktivistischen Sichtweise gehen wir davon aus, dass es keine natürliche und objektive Erfahrung von psychiatrischen Diagnosen gibt. Auch diese werden durch machtvolle soziale Verhaltens­, Wahrnehmungs­ und Fühlnormen hergestellt, sind situativ bedingt und verwoben mit weiteren Machtverhältnissen, wie Genderismus und Rassismus (Meerai 2016; Metz 2009). Personen, die von diagnostischen Zuschreibungen betroffen sind, könnten diese so besser nachvollziehen und müssten sie nicht als Substanz ihres Selbstbildes verstehen und auf diesem Grund verinnerlichen. Erscheint eine solche Ausdrucksweise als langwierig, umständlich und kompliziert, zeigt dies vor allem, wie normalisiert verselbstständigt westliche­psychiatrische Diagnostizierungen zu Essenzen von Personen in Zuschreibungen geworden sind – und wie wichtig es ist, mit genau dieser Normalisierung zu brechen (vgl. Wipond 2014) – die Parallelität zu einem allgemeinen Umgang mit genderkritischen Sprachformen ist hier deutlich. Eine solche konkretisierende, situierende und positionierte Ausdrucksweise ist also nicht umständlich, sondern transparent und beugt Gewalt und Verletzungen vor sowie den eigenen verkürzten Konzeptualisierungen derjenigen, die die macht­ vollen Kategorisierungen vornehmen. Dies eröffnet Raum für widerständige und positionierte Psychiatrie­ und Selbstverständnisse.

Jedes sprachliche Handeln eröffnet die Möglichkeit, gesellschaftliche und eigene Selbstverständlichkeiten herauszufordern, tradierte Denk­ und Wahrnehmungsweisen zu reflektieren und (eigene) Anwesenheiten zu ermöglichen. Sprache ist grundlegender Teil von struktureller Gewalt und durch SprachHandeln kann auf eben diese Strukturen hingewiesen, und diese können in ihrer Allgemeingültigkeit hinterfragt werden.

Anmerkungen

  1. Das Konzept SprachHandeln versteht Sprache als eine Form von Handeln, welche Wirklichkeiten und Wahrnehmungen aktiv gestaltet. Es gibt in diesem Verständnis keine Sprache, die dem Handeln vorgängig ist. Sprache ist immer SprachHandeln (vgl. Hornscheidt 2012).

  2. PoC ist die Kurzform für „person/people of color“ als selbst gewählter empowernder Oberbegriff für durch Rassismus diskriminierte Personen.

Literatur

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Eggers, K. et al (Hg.): Mythen, Masken, Subjekte: Kritische Weisseinsforschung in Deutschland. Munster: Unrast Verlag.

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Oppenländer, L. (2015): Verzweifeln in der dritten Person. Depression als Psychopathologisierung und internalisierte Diskriminierung interdepenDenken. In: AK ForschungsHandeln (Hg.): InterdepenDenken! wie positionierung und intersektionalität forschend gestalten? (S. 27 – 48) Berlin: W_orten und Meer.

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Autoren

Lann Hornscheidt arbeitet zu Sprache und Gewalt, Intersektionalität, aktivistischen Einmischungen und SprachHandlungen sowie zu Lieben  als politischer Handlungsform; Professuren und Gastprofessuren in Gender Studies und Sprachwissenschaften in Deutschland, Schweden, Österreich und der Schweiz, aktuell vor allem bei dem diskriminierungskritischen Projekt xart splitta e. V. und dem Verlag w_orten & meer tätig. www.lann­ hornscheidt.com

Eliah Lüthi beschäftigt sich wissenschaftlich, aktivistisch und künstlerisch mit widerständigen Konzepten und Verständnissen zu psychiatrischen Zusammenhängen und psychopathologisierten Positionen. Derzeit forscht und lehrt Eliah Lüthi zu Mad Studies an der Universität Innsbruck und ist Teil von dem Buchprojekt "beHindert & verRückt schreiben_gebärden_zeichnen". eliahluthi.net

Ecs steht für Exit Gender, das Verlassen von Zweigeschlechtlichkeit. Die Form drückt aus, dass die Person, die so bezeichnet wird, sich als entzweigendernd versteht, als nicht weiblich oder männlich.

 

 


[1]Quelle: sozialpsychiatrische informationen, Heft 1/2018, 48. Jg.; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin.


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