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Fachtagung 2018 - Psychiatrie: Würde braucht Zeit[1]


Fachtagung diskutierte über Grundlagen einer menschenwürdigen Psychiatrie. Die über 200 Teilnehmer/innen waren sich einig: Voraussetzung ist genug qualifiziertes Personal.

In der Psychiatrie muss die Würde des Menschen im Mittelpunkt stehen – sowohl die der Patientinnen und Patienten als auch die der Beschäftigten. In diesem Anspruch waren sich die über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der 10. Fachtagung Psychiatrie einig, die am 1./2. März 2018 vom „Forum Gesundheitswirtschaft“ in der ver.di-Bundesverwaltung in Berlin ausgerichtet wurde. Doch es wurde auch deutlich: Zwischen Anspruch und Realität klafft allzu oft eine große Lücke. Ein zentraler Grund: zu wenig Personal.

Professor Giovanni Maio von der Uni Freiburg ging mit der ökonomisch dominierten Medizin hart ins Gericht. Die Abläufe in psychiatrischen Einrichtungen seien zunehmend wie eine „Fließbandproduktion“ organisiert, bei der es um die Steigerung von Erlösen und Effizienz gehe. Stattdessen sollten die Einzigartigkeit und Würde des Individuums im Vordergrund stehen. Infolge der Ökonomisierung hätten sich die Arbeitsbedingungen so verschlechtert, dass viele Beschäftigte dem Beruf den Rücken kehrten, monierte der Medizinethiker. Dagegen müsse sich die Profession zur Wehr setzen. Und sie müsse sich wieder ihres gesellschaftskritischen Grundverständnisses besinnen. „Denn Menschen werden krank durch diese Gesellschaft.“

Maio plädierte für einen reflektierten und kritischen Umgang mit Begriffen wie „Effizienzsteigerung“, „Outcome-Maximierung“ und „Kunden“. „Die Beziehungen in der Psychiatrie sind keine Geschäftsbeziehungen, sondern Sorgebeziehungen“, sagte der Wissenschaftler. Das betonte auch Elke Prestin, die selbst Psychiatrieerfahrung hat und als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Evangelischen Klinikum Bethel arbeitet. „In der Kundenrolle gerät die Menschlichkeit aus dem Blickfeld“, meinte Prestin. „Denn Verständnis und Zuwendung kann man nicht kaufen.“ Entscheidend sei der Aufbau von Beziehungen – und dieser brauche Zeit. „Das muss sich auch in der Personalbemessung niederschlagen.“

Das forderte auch Bernhard Dollerschell, Vorsitzender des Landesverbands Psychiatrie-Erfahrener in Baden-Württemberg. „Alles Geschwätz über Veränderungen ist hinfällig, wenn es nicht genug Personal gibt“, sagte er. Die Psychiatrie lebe von zwischenmenschlicher Kommunikation. Wenn dafür die Zeit fehlt, sei eine wirklich bedarfsorientierte Behandlung unmöglich. Statt Sicherheitsdienste in die Psychiatrien zu holen, müsse es genug qualifizierte Pflegekräfte geben, um auch mal vorübergehend eine Eins-zu-eins-Betreuung sicherzustellen, erklärte Dollerschell. So könnten Gewalt und Zwangsmaßnahmen zumeist vermieden werden.

 

Mehr Personal – weniger Gewalt

Dies war auch der Tenor eines Forums zum Thema Gewalt. Lilian Kilian, Personalratsvorsitzende im Zentrum für Psychiatrie (ZfP) Weinsberg, berichtete von einer Befragung betrieblicher Interessenvertretungen, die eine deutliche Zunahme von Übergriffen auf das Personal belegt. Als zentrale Ursache sehen 83 Prozent der Befragten den Personalmangel. „Beziehungsarbeit ist personalintensiv. Und wenn dafür nicht genug Personal da ist, kommt es vermehrt zu Übergriffen“, erläuterte Kilian, die auch in der ver.di-Bundesfachkommission Psychiatrische Einrichtungen aktiv ist. Der Einsatz von Hilfskräften löse die Probleme nicht, sondern verschärfe sie noch.

Die Gewerkschafterin mahnte an, dass die Arbeitgeber eine „Fürsorgepflicht“ für ihre Beschäftigten tragen. Dennoch bekämen Betroffene insgesamt wenig Unterstützung. „Oft ist der Umgang mit traumatisierten Kolleginnen und Kollegen beschämend.“ Es gebe bundesweit einen Flickenteppich von Maßnahmen zur Gewaltprävention, eine einheitliche Strategie sei nicht zu erkennen. Die gewerkschaftlichen Forderungen und Vorschläge zum Thema hat ver.di in einem Positionspapier niedergelegt.

Professor Maio hatte in seinem einleitenden Referat in Bezug auf Zwangsmaßnahmen gegenüber Patientinnen und Patienten betont: „Es gibt keinen gute Zwang, selbst wenn er im Einzelfall notwendig ist.“ Zwangsmaßnahmen bedeuteten immer eine Unterbrechung der Beziehung zwischen Pflegekraft und Patient. Diese Position machten sich viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz zu eigen. Die Oberärztin Regina Ketelsen vom Evangelischen Klinikum Bethel stellte auf Basis diverser Studien fest, dass sich Häufigkeit und Dauer von Zwangsmaßnahmen international und innerhalb Deutschlands stark unterscheiden. Schon das zeige: „Zwangsmaßnahmen sind vermeidbar, Gewalt ist reduzierbar.“ Entscheidend dafür sei – neben der Personalausstattung – die emphatische Haltung der Pflegenden. Ketelsen berichtete von positiven Erfahrungen mit der Technik des „Festhaltens“ gewalttätiger Patient/innen, die eine Fixierung oftmals überflüssig mache.

Bruno Schuckert, der eine psychiatrische Station in Berlin leitet, nannte die Diskussion über Techniken und Konzepte wichtig. „Am Ende bleibt aber: Ich habe zu wenig Personal. Ich habe mal ausgerechnet, dass ich drei Leute mehr brauche – aber die bekomme ich nicht.“ Unter solchen Umständen sei die geforderte individuelle und emphatische Betreuung oft nicht zu leisten.

 

Kontakt

Gisela Neunhöffer
Psychiatrische Einrichtungen, Servicebetriebe
030/6956-1842
Gisela.Neunhoeffer@verdi.de

 

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Psychiatrie

    80.000 Beschäftigte arbeiten bundesweit in Krankenhäusern mit stationärer psychiatrischer Versorgung.

 


[1]Quelle: ver.di-Bundesverwaltung, Fachbereich Gesundheit, Soziale Dienste, Berlin; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin.


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