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Stigmatisierung als Gesundheitshindernis für sexuelle Minderheiten[1]


Von Till Randolf Amelung

„Sie ham mir ein Gefühl geklaut und das heißt Liebe.“ Im Jahr 1978 sang die Theater-Gruppe „Brühwarm“ dieses Lied und beklagte darin, dass Schwule sich selbst und ihre Gefühle verleugnen müssen, um in der Gesellschaft nicht aufzufallen. Das Stigma der Kriminalisierung und Verfolgung durch den berüchtigten § 175 prägte mehrere Generationen von homosexuellen Männern. Lesbische Frauen fielen zwar nicht unter den § 175, aber auch sie wurden durch staatliche Institutionen benachteiligt und diskriminiert – insbesondere bei Scheidungen und Sorgerechtsentscheidungen (Grau & Plötz, 2016). Diese Stigmatisierung nicht-heteronormativer Sexualität und Liebe ist bis heute nicht überwunden, obwohl wir heute von einer höheren Akzeptanz in einigen Teilen der Gesellschaft ausgehen können. Abwertung von gleichgeschlechtlichem Begehren wirkt sich auch auf das Wohlbefinden und Gesundheitsverhalten aus, wie inzwischen aus der Forschung unter den Schlagworten „Minority Stress“ und „internalisierte Homonegativität“ bekannt ist (Sander, 2016; Wolf, 2017).

Marginalisiert-Sein als Gesundheitsrisiko

Gerade für schwule und bisexuelle Männer ist inzwischen hinreichend belegt, dass diese im Vergleich mit heterosexuellen Männern häufiger von psychischen Erkrankungen wie Depressionen betroffen sind. Für Deutschland wird diese Erkenntnis durch die 2016 publizierten Ergebnisse der 10. Befragung „Schwule Männer und HIV/Aids“ (SMHA) bestätigt (Drewes & Kruspe, 2016). Psychische Erkrankungen wiederum begünstigen einen höheren Alkohol- und Drogenkonsum. Ebenso hat die Studie gezeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen psychischem Wohlbefinden und verinnerlichten negativen Einstellungen/Selbstbildern zu Homosexualität (Homonegativität) gibt. Internalisierte Homonegativität geht zumeist mit mangelndem psychischem Wohlbefinden einher und beeinflusst unter anderem die Anwendung von Safer-Sex-Strategien sowie die Offenheit hinsichtlich der sexuellen Orientierung in der Gesundheitsversorgung negativ (ebd.). Für lesbische und bisexuelle Frauen ist die Studienlage in Deutschland bislang nicht vergleichbar aktuell. Einzig Gabriele Dennert hat 2005 eine Studie zum Gesundheitsverhalten lesbischer und bisexueller Frauen durchgeführt. In den Ergebnissen wurde deutlich, dass lesbische und bisexuelle Frauen ebenfalls ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen sowie für Drogen-, Alkohol- und Zigarettenkonsum aufweisen (Dennert, 2005). Diese Befunde werden auch durch eine 2017 veröffentlichte Auswertung des Soziooekonomischen Panels (SOEP) vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gestützt. Darin heißt es, dass nichtheterosexuelle Befragte im Vergleich mit heterosexuellen Befragten eine etwas geringere Lebenszufriedenheit angaben (Kroh et al., 2017).

Gerade schwule und bisexuelle Männer berichteten im SOEP-Panel von höheren psychischen Belastungen. Doppelt so viele Lesben, Schwule und Bisexuelle (LSB) (20 Prozent) als Heterosexuelle (10 Prozent) gaben an, dass bei ihnen schon einmal eine Depression diagnostiziert wurde (ebd.).

Erhöhte Vulnerabilität über die gesamte Lebensspanne

13 Prozent der befragten schwulen und bisexuellen Männer gaben in der SMHA-Studie an, Gewalterfahrungen gemacht zu haben (Drewes & Kruspe, 2016). Auch lesbische und bisexuelle Frauen berichten der Psychologin Gisela Wolf zufolge von Gewalt und Diskriminierungen, wobei bei ihnen noch das grundsätzlich höhere Risiko hinzukommt, dem Frauen in dieser Gesellschaft ausgesetzt sind (Wolf, 2017). Bereits in der Jugend machen schwule, lesbische und bisexuelle Menschen verschiedene Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen, insbesondere Mobbing, wie die Studie „Coming-out – und dann ...?!“ des Deutschen Jugendinstituts zeigt (Krell & Oldemeier, 2015). Dies sorgt bereits im Jugendalter für erheblichen Stress. Als ebenso belastend wird der Prozess des inneren Comingout in Verbindung mit der Unsicherheit über mögliche Reaktionen des Umfelds beschrieben (ebd.). Auch eine höhere Suizidgefährdung wurde festgestellt. Hierzu passt, dass die SMHA-Studie gerade bei jüngeren Männern häufiger vorkommende homonegative Einstellungen und psychische Belastungen ermittelt hat (Drewes & Kruspe, 2016). Prägend scheint hier das Gefühl der Einsamkeit zu sein, da man in der eigenen Familie und dem Freundeskreis oftmals die einzige Person mit nicht-heterosexuellem Begehren ist. Dies unterscheidet sie von anderen Minderheiten, denen zumindest die Familie als Rückzugsraum und Gemeinschaft von Gleichen bleibt. Im SOEP wird dieser Umstand dadurch bestätigt, dass LSB angaben, bei Hilfebedarf deutlich weniger auf Familienmitglieder zurückzugreifen (Kroh et al., 2017). Auch sind sie im Vergleich mit Heterosexuellen öfter alleinstehend und unzufriedener in Bezug auf Familie und Partnerschaft (ebd.).

Homonormativität und Privilegien

Kontrastierend zu diesen empirischen Befunden wird in den Gender Studies und in der sozialwissenschaftlichen Intersektionalitätsforschung mit dem Begriff der Homonormativität die Behauptung aufgestellt, es handele sich insbesondere bei weißen homosexuellen Männern um eine inzwischen sozial privilegierte Gruppe (Çetin & Voß, 2016). Der Privilegienbegriff, der in Konzepten wie Social Justice angewendet wird, erzeugt Vorbehalte, die einen sachlichen Umgang mit der realen Lage von LSB erschweren.

Was tun?

Zunächst müssen LSB in Studien zu Gesundheit dauerhaft berücksichtigt werden, um Daten zu erhalten, die ein solides Bild vermitteln. Diese wiederum ermöglichen die Entwicklung von spezifischen Präventionsstrategien. Formale Gleichstellung, um zu gesellschaftlicher Akzeptanz zu gelangen, ist ein wichtiger Schritt. Jedoch zeigt sich, dass homonegative Einstellungen nicht so einfach aus der Gesellschaft und ihren Individuen verschwinden. Solange ein lesbisches, schwules oder bisexuelles Coming-out mit Ängsten und den Sorgen davor verbunden ist, Anerkennung und Zuneigung von der Familie und Freund*innen zu verlieren, wird es einen schmerzhaften Moment in der Biografie geben, den nicht jedes Individuum überwinden kann. Es muss jedoch unbedingt vermieden werden, ausschließlich defizitorientiert an dieses Thema heranzugehen und Homo- sowie Bisexualität an sich als Problem wahrzunehmen. Stattdessen sollte nicht übersehen werden, dass es einer Mehrheit gelingt, sich überwiegend gesund und wohl zu fühlen. Vielmehr muss der Fokus auf der Frage liegen, welche Faktoren entscheidend dazu beitragen, die Gesundheit von homo- und bisexuellen Menschen negativ zu beeinflussen und wie diesen präventiv zu begegnen wäre.

Informationen zum Autor

Landesvereinigung für Gesundheit & Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V.

Fenskeweg 2, 30165 Hannover, E-Mail: till.amelung@gesundheit-nds.de

Der Autor ist als Fachreferent für Gender und Gesundheit in der LVG & AfS tätig. Er hat Geschlechterforschung und Geschichtswissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen studiert. Seine Interessenschwerpunkte liegen auf folgenden Themenbereichen: Frauen- und Männergesundheit, LGBTI und Gesundheit, Antidiskriminierung und Diversity in der Gesundheitsversorgung, HIV-Prävention.

 

Literaturverzeichnis

Çetin, Z.; Voß, H.-J. (2016). Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität. Kritische Perspektiven, Bd 7: Angewandte Sexualwissenschaft, Gießen: Psychosozial-Verlag.

Dennert, G. (2005). Die gesundheitliche Situation lesbischer Frauen in Deutschland – Ergebnisse einer Befragung, Pfaffenweiler: Centaurus.

Drewes, J.; Kruspe, M. (2016). Schwule Männer und HIV/AIDS 2013. Schutzverhalten und Risikomanagement in den Zeiten der Behandelbarkeit von HIV, Bd. 61: AiDS-Forum DAH, Berlin: Deutsche AIDS-Hilfe e.V.

Grau, G.; Plötz, K. (2016). Verfolgung und Diskriminierung von Homosexualität in Rheinland-Pfalz. Kurzbericht zum Landtagsbeschluss „Aufarbeitung der strafrechtlichen Verfolgung und Rehabilitierung homosexueller Menschen“ vom 13. Dezember 2012, Mainz: Ministerium für Familie, Frauen, Jugend, Integration und Verbraucherschutz Rheinland-Pfalz.

Krell, C.; Oldemeier, K. (2015). Coming-out – und dann…?!Ein DJI-Forschungsprojekt zur Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen, München: Deutsches Jugendinstitut e.V.

Kroh, M.; Kühne, S.; Kipp, C.; Richter, D. (2017). Einkommen, soziale Netzwerke, Lebenszufriedenheit: Lesben, Schwule und Bisexuelle in Deutschland, DIW Wochenbericht, 35, 687-698.

Sander, D. (2016). Bewegung für Gesundheit! Was beeinflusst die Gesundheitsprofile sexueller Minderheiten und was muss getan werden? In P. l’Amour laLove (Hrsg.), Selbsthass und Emanzipation. Das Andere in der heterosexuellen Normalität (S. 205-218).  Berlin: Querverlag.

Wolf, G. (2017). Substanzgebrauch bei Queers. Dauerthema und Tabu, Bd 12: Hirschfeld-Lectures, Göttingen: Wallstein-Verlag.

 

Dieser leicht überarbeitete Beitrag erschien zuerst in der „Impu!se für Gesundheitsförderung“ Nr. 98.


[1]Quelle: 98impu!se, März 2018; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.


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