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Heraus aus der Ohnmachtsfalle einer „erschöpften Gesellschaft“ – zivilgesellschaftliche Impulse von und für die Sozialpsychiatrie*[1]


Von Heiner Keupp

Ausgehend von einer Analyse der Psychiatriereform als soziale Bewegung in den 1960er und 70er Jahren beschreibt der Autor die aktuellen Auswirkungen einer „erschöpften Gesellschaft“ auf die Sozialpsychiatrie und findet in der kritisch-reflexiven Analyse der sozialpsychiatrischen Konzepte und im zivilgesellschaftlichen Empowerment Wege aus der Ohnmachtsfalle.

Der sozialpsychiatrische Reformaufbruch in den 1970er Jahren und damit auch die DGSP waren Teil einer gesellschaftlichen Reformbewegung. Sie hat Utopien und Energien freigesetzt, die zu einer Fülle von Veränderungsinitiativen geführt haben. Demgegenüber zeigt der Blick auf die Gegenwart einen Verlust von Utopien und ein verbreitetes Gefühl von Ohnmacht und Burn-out. Auch die Sozialpsychiatrie spürt die Demoralisierung und Kraftlosigkeit der „erschöpften Gesellschaft“ und deren Inklusionsversagen.

Wenn wir den Zustand in diesem Land charakterisieren sollten, dann fallen Adjektive wie reich, saturiert, selbstzufrieden, tolerant, aber auch gespalten, wütend, arm, fremdenfeindlich, mutlos, erschöpft. Wir haben längst begriffen, dass man die gesellschaftliche Situation in Deutschland nicht ohne Widersprüche und Ambivalenzen beschreiben kann. Widersprüche gab es immer, für die wir Begriffe wie „Klassengesellschaft“ oder den „Ost-West-Konflikt“ hatten. Doch die binären Ordnungen taugen in einer Welt nicht mehr, die von einer Unübersichtlichkeit gekennzeichnet ist, die Richard Sennett (1998, S. 81) als „unlesbar“ bezeichnet hat.

Den positiven Flow einer sozialen Bewegung haben viele der Älteren in der Studenten-, Frauen- und Friedensbewegung oder in der Aufbruchsphase der Psychiatriereform in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erlebt, in der es darum ging, Menschen aus der Internierung in „totalen Institutionen“ (Goffman 1972) zu befreien. „Freiheit heilt“ war eine Parole. Individualisierung wurde verstanden als „Emanzipation des Subjekts“, also die Befreiung von Menschen aus kollektiven oder institutionellen Zuschreibungen und Sonderbehandlungen. Die auch in dieser Zeit angestoßene Individualisierungstheorie (Beck 1986) entstand in einem gesellschaftlichen Arrangement, das sich seither erheblich gewandelt hat. Heute beherrschen eher Debatten über das „erschöpfte Selbst“ oder die „erschöpfte Gesellschaft“ die aktuellen Diskurse.

 

1.      Psychiatriereform als soziale Bewegung

Die 1960er und 70er Jahre waren geprägt von einer Sehnsucht nach gesellschaftlichen Veränderungen. Die Zerstörungen und Traumatisierungen, die der Faschismus in Deutschland hinterlassen hatte, waren in einer beispiellosen Wohlstandsentwicklung scheinbar überwunden worden. Doch der Schein trog, und die ökonomische Aufwärtsentwicklung konnte den Wunsch nach mehr demokratischer Beteiligung und der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Imprägnierungen, die fortwirkten, nicht unterdrücken.

In dieser Zeit, in der die Dringlichkeit einer Psychiatriereform deutlich wurde, die dann ja auch mit der Psychiatrie-Enquete einen erheblichen Anschub erhielt, begann auch meine eigene Sozialisation in der psychosozialen Szene.

Lange hat es gedauert, bis ich die Realitäten der psychiatrischen Versorgung in spezifischen Ausschnitten wahrnehmen konnte. Im Zuge der eigenen Professionalisierung zum Psychologen, der seine politische Sozialisation in der Studentenbewegung mit seiner Suche nach einer fachlichen Identität in der Psychologie verbinden wollte, war mein Einstieg zunächst eine Kopfgeburt. Die Situation psychiatrischer Patienten kannten wir im Wesentlichen aus den skandalisierenden Medienberichten, aus seltenen Besuchen in den Anstalten, in die man allerdings auch kaum hineinkam. Das in Bildern transportierte Elend von Langzeitpatientinnen und -patienten in den Anstalten rubrizierten wir unter dem Konzept der „Hospitalisierung“. Die Lektüre von Erving Goffmans (1972) eindrucksvollem Buch „Asyle“ gab uns eine wissenschaftlich seriöse Begründung für die Bilder.

In der Psychiatrie „internierte“ Personen waren in unseren Diskursen ständig präsent, aber sie waren Konstrukte unserer eigenen Theoriebildung. Es kam zu einer intensiven Debatte über Normalität und Abweichung, über die „Pathologie der Normalität“, über „gute Gründe“, in einer „verrückten Gesellschaft“ verrückt zu werden, und über politische und ökonomische Gründe der Ausgrenzung von gelebter Differenz. Mein fachwissenschaftlicher Beitrag zu dieser Debatte wurde meine Habilitationsschrift (Keupp 1976). Die Bücher von Laing, Cooper oder Basaglia wurden in Riesenauflagen verkauft, sie wurden zu „Kultbüchern“ – weit über die Fachszenen hinaus. Die „Verrückten“ wurden als Avantgarde idealisiert, die sich bereits auf eine „Reise“ begeben hatten, auf der wir ihnen möglichst bald nachfolgen sollten. Es war jedoch weitgehend ein projektiver Diskurs, der ohne dialogische Bezüge zu den Psychiatrie-Erfahrenen auskam.

Aus der „Kopfgeburt“ wurde dann doch langsam Praxis. Aus der rein psychiatriekritischen, sind wir in eine psychiatriegestaltende Phase eingetreten. Unter welchen Voraussetzungen vollzog sich dieser Prozess?

Die Realität der psychiatrischen Versorgung war offensichtlich durch hohe Wahrnehmungsbarrieren verstellt. Eine war durch das NS-Erbe begründet. Die Beteiligung führender Repräsentanten der Psychiatrie an den nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programmen war mehr als 30 Jahre kaum ein Thema. Aber im kollektiven Unbewussten hat das Konstrukt vom „lebensunwerten Leben“ seine Ordnungsfunktion behalten: Eltern geistig behinderter Kinder hatten Angst vor Ächtung und Vernichtung; Angehörige psychisch Kranker haben unter den Alltagsbelastungen im Arrangement mit ihren „verrückten“ Eltern, Kindern oder Ehepartnern weniger gelitten als unter den gesellschaftlichen Ängsten vor Menschen, die sich in die alltägliche Ordnung der Dinge nicht zu fügen vermögen.

Diese unbearbeitete Geschichte war sicherlich auch ein Grund, warum die menschenunwürdigen Zustände in den psychiatrischen Anstalten in der Nachkriegszeit gesellschaftlich bis Ende der 1960er Jahre kaum wahrgenommen wurden. Erst die Initiative einiger reformorientierter Fachleute und engagierter Politiker führte dazu, dass 1969 vom Deutschen Bundestag eine Kommission eingesetzt wurde, die einen Veränderungsprozess einleiten sollte.

Das Hauptziel dieses Reformprozesses war die Modernisierung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung, die in dem Zustandsbild der 1950er und 60er Jahre als Schandmal in einem ansonsten so fortgeschrittenen wohlfahrtsstaatlich geprägten Land wie der BRD in Erscheinung treten musste. Die damalige Expertenkommission hat den Modernisierungsauftrag mit jener technokratischen Gründlichkeit übernommen und ausgeführt, die dem sozialliberalen Planungshorizont der 1970er Jahre entsprach. Psychisches Leid sollte von einem System „fürsorglicher Belagerung“ eingefriedet werden.

Als Modernisierungsprojekt kann sich die Psychiatrie-Enquete durchaus sehen lassen. Die Kliniken sind mittlerweile in einem rundherum vorzeigbaren Zustand. Eine Verkleinerung der Großkrankenhäuser wird fast überall stolz vermeldet. Auch Sozialpsychiatrische Dienste gehören schon beinahe zur Grundausstattung vieler Regionen. Das Modernisierungsprogramm wäre in noch größerem Umfang realisiert worden, wenn es nicht von der ökonomischen Krise eingeholt worden wäre, die sich schon Mitte der 1970er Jahre abzuzeichnen begann.

Die Enquete hat jedoch an keiner Stelle den Anspruch einer Strukturreform erhoben: Das Prinzip der „Deinstitutionalisierung“ anstaltsförmiger Internierungssysteme und einer radikalen Rückverlagerung psychosozialer Hilfen in die Lebenswelt war nicht formuliert worden. Ebenso wenig gab es einen strukturellen Bruch in der Deutung psychischen Leids: Das „medizinische Modell“ blieb das Leitmodell.

Die Anstalt ist gestärkt aus dem Modernisierungsprojekt hervorgegangen. Vor allem konservative Kliniken präsentieren sich wieder mit ungebrochenem oder zurückgewonnenem Selbstbewusstsein der Öffentlichkeit. Sie sind sich ihrer gesellschaftlichen Nützlichkeit und Notwendigkeit sicher. Der für die Psychiatrie seit ihrer gesellschaftlichen Etablierung so grundlegende Zusammenhang von Not und Leid, Armut und psychischen Störungen ist wieder sichtbar geworden. Die innere Militarisierung der bundesrepublikanischen Gesellschaft (etwa im Setzen auf Stärke, Härte, Leistungsbereitschaft und Elite) führt mit Notwendigkeit zur Regeneration des Kontrollmandats der Psychiatrie. Die Sogwirkung der Anstalt, ihr Prinzip des gesellschaftlichen Ausschlusses, droht auch die wenigen Alternativstrukturen, die in den letzten Jahren entstanden sind (z.B. Sozialpsychiatrische Dienste oder therapeutische Wohngemeinschaften), ihrer Hegemonie zu unterstellen.

Der größte Fehler der Psychiatrie-Reformbewegung der Bundesrepublik war wohl, dass sie sich fast ausschließlich für eine bessere Versorgung von Menschen mit psychischen Problemen eingesetzt hat, nicht aber für eine Befreiung. Es wurde versucht, den Versorgungspol der Psychiatrie zu stärken und dadurch den Kontrollpol zurückzudrängen. Der Doppelcharakter von Hilfe und Kontrolle, der für die Psychiatrie von Beginn an konstitutiv ist, konnte dadurch nicht außer Kraft gesetzt werden.

Umso weniger Ressourcen für eine angemessene Versorgung verfügbar sind, desto deutlicher zeichnet sich wieder die hässliche Fratze der Kontrolle ab. In einigen neueren Psychiatriegesetzen der Bundesländer (am ausgeprägtesten wohl im bayerischen „Unterbringungsgesetz“) steht der Schutz der Öffentlichkeit (besser: der „öffentlichen Ordnung“) vor störender Devianz im Vordergrund.

Persönlichkeits- und Bürgerrechte der psychiatrisch Internierten waren zunächst überhaupt kein Thema. Inzwischen hat allerdings das neue Betreuungsrecht eine verbesserte gesetzliche Form der Absicherung eines besonderen Persönlichkeitsschutzes für psychiatrische Patienten geschaffen.

Angesichts einer spürbaren Lähmung in der professionellen Reformszene sind es gegenwärtig vor allem einige Gruppen von Psychiatriebetroffenen, von denen Veränderungsimpulse ausgehen, und diese sind für Professionelle oft alles andere als bequem. Es werden einerseits elementare Menschenrechte eingeklagt (z.B. das Recht auf Ablehnung jeder Form von Zwangsbehandlung) und andererseits die materiellen Voraussetzungen für selbst bestimmte und -organisierte Lebensformen gefordert. Diese Forderungen geraten oft in Widerspruch zu dem, was von professionellen Helfern für notwendig gehalten wird (im „wohlverstandenen Interesse“ der Patienten, wie wir dann zu sagen pflegen). Progressive Professionelle werden sich für neue Bündnisse öffnen und sich von ihrem professionellen Mythos trennen müssen, dass sie stellvertretend für die Betroffenen und ihre Angehörigen „zu ihrem Besten“ handeln könnten.

Der begonnene Trialog hat hier eine ganz neue Perspektive eröffnet. Psychiatrie-Erfahrene und Angehörige beginnen ihre Erfahrungen zu formulieren, und wir Professionellen beginnen, darauf zu hören. Dieses Zuhörenlernen und die dia- und trialogischen Prozesse zu fördern, ist der zentrale Sinn der „Empowerment“-Perspektive.

Die Dominanz der Expertinnen und Experten ist im Bereich von Psychiatrie und Sozialpsychiatrie sicher noch nicht auf breiter Basis überwunden, aber wir Professionellen haben die Beispiele für die Fähigkeit zur Selbstartikulation und zur Selbstorganisation der Betroffenen anzuerkennen. Es sollte zum vornehmsten Ziel unserer professionellen Aktivitäten werden, diese Fähigkeit zu ermutigen und zu unterstützen.

Wir blicken auf eine sozialpsychiatrische Reformphase zurück, die die psychosoziale Landschaft stark verändert hat und die durchaus auch als ein wichtiger kollektiver Lernprozess beschrieben werden kann. Aber wo bleibt heute der energetische Schub, den eine soziale Bewegung braucht?

 

2.      Sozialpsychiatrie in einer „erschöpft“ wirkenden Gesellschaft

Was hat sich in den vergangenen Jahren vollzogen, dass sich die Aufmerksamkeit so deutlich verschoben hat? Haben sich unsere „utopischen Energien“ (Habermas 1985), die damals noch im Übermaß vorhanden waren, erschöpft?

Schon vor einem Vierteljahrhundert ist der Reformbewegung eine resignative Desillusionierung attestiert worden: „In der psychiatrischen Szene in der Bundesrepublik herrscht allenthalben Katerstimmung. Die Psychiatriereform (Deutscher Bundestag 1975) habe nicht gebracht, was man sich von ihr versprochen habe; sie habe gar nicht stattgefunden, meinen einige. Sie sei steckengeblieben, meinen andere, weil es an Geld fehle, an Personal vor allem, und am politischen Willen, sie durchzusetzen.“ Dieses Bild zeichnete Asmus Finzen in einem Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (12. Mai 1989).

Trotz eines weiter gestiegenen Wohlstandsniveaus in Deutschland ist es unstrittig, dass eine wachsende Anzahl von Menschen und Menschengruppen von diesen Verwirklichungschancen abgeschnitten, marginalisiert und aus dem Alltag von Arbeit, Politik, Konsum und Zivilgesellschaft ausgeschlossen ist oder sich so erlebt. Armut ist wieder zu einem zentralen Thema geworden, Begriffe wie „Prekariat“ oder „Exklusion“ begegnen uns und lassen sich als Indikatoren für eine tiefgreifende gesellschaftliche Transformation lesen. Die gesellschaftliche Ignoranz gegenüber der wachsenden Zahl ausgegrenzter Menschen, die lange Zeit auch das Bild der Sozialwissenschaften geprägt hatte, scheint angesichts der Dimensionen der sich vollziehenden Exklusion allmählich aufzubrechen. Aktuell erscheinen Bücher, in deren Titel die „Exklusion“ (Kronauer 2003), die „Ausgegrenzten“, „Entbehrlichen“ und „Überflüssigen“ (so Bude und Willisch 2006) oder die „Ausgeschlossenen“ (Bude 2008) ins Zentrum gerückt werden. Zygmunt Bauman hat eines seiner Bücher „Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne“ (Bauman 2005) genannt. Wie wir der soziologischen Auslegung des Exklusionsthemas entnehmen können, entsteht hier eine gesellschaftliche Konstellation auf neuem Niveau, die dadurch ausgezeichnet ist, dass neben der objektiven Prekaritätsdiagnose eine subjektive Seite beleuchtet wird, die von Bude und Lantermann (2006) als „Exklusionsempfinden“ bezeichnet wird. Im gesellschaftlichen Verhältnis von Exklusion und Inklusion machen sich Veränderungen und Umbrüche bemerkbar. Diese zeigen sich aktuell im Feld der Erwerbsarbeit, im Bereich wohlfahrtsstaatlicher Regulierung und letzten Endes im Gebiet der sozialen Beziehungen selbst. Das Zusammenspiel der drei Entwicklungen führt zu einer zugespitzten Form der Exklusion. Nach Castel (2003, S. 13) spaltet sich die Gesellschaft dabei unter der Wirkung dieser Schockwellen zunehmend in drei Zonen: die Zone der Inklusion, die Zone der Gefährdung oder Verwundbarkeit und die Zone der Ausschließung oder Exklusion. Eine Analyse der Zonen der Verwundbarkeit und der Ausschließung ist erforderlich, um noch genauer herauszufinden, woran das Zugehörigkeitsbegehren in seiner Verwirklichung scheitern kann und die Idee der „Selbstsorge“ (vgl. Lantermann et al. 2008) sich illusionär verflüchtigt. Wie kann verhindert werden, dass das Zugehörigkeitsbegehren von Menschen mit Behinderung zur Erfahrung eines neuen „Trichters des Ausschlusses“ (Goffman 1972) wird?

Wie ist es möglich, dass es zunehmend solche skeptischen Analysen gibt? Geht es denn uns Deutschen nicht wirklich gut, vor allem im Vergleich zu den meisten anderen europäischen Ländern, von den außereuropäischen gar nicht zu sprechen? Trotzdem wird in aktuellen Analysen dieses Land als „erschöpfte Gesellschaft“ (Grünewald 2013) oder als „Gesellschaft der Angst“ (Bude 2014) charakterisiert. Auch von einer „Politik der Angst“ (Nussbaum 2014) ist die Rede. Da werden mentale Strömungen angesprochen, die entscheidend sind für das Exklusionsempfinden vieler Gruppen.

Die mentale Verfassung in Deutschland zeigt, dass die aufsteigende Kurve der ökonomischen Prosperität einen hohen psychosozialen Preis fordert und vor allem nicht alle Bürgerinnen und Bürger mitnimmt. Die Abstiegsängste haben längst die Mittelschichten erreicht, die ahnen, spüren oder erleben, dass man sich auf die Absicherung der eigenen beruflichen und persönlichen Perspektive nicht mehr verlassen kann und die Anforderungen der Zugehörigkeit zu einem scheinbar gesicherten Mittelfeld permanent steigen. Die Subjekte finden für ihre Selbstverwirklichungsansprüche kein erreichbares Maß. Das „Unbehagen“ bleibt, aber die Ursachen dafür haben sich grundlegend verändert. Es sind vor allem Verunsicherungen und Zukunftsängste, die sich in aktuellen gesellschaftlichen Diskursen finden lassen, und dafür gibt es einige Indikatoren:

Eine ungebremste Beschleunigungsgesellschaft und die mit ihr verknüpften Zuwachsraten bei Burn-out und Depressionen

Der globale Kapitalismus hat ein Beschleunigungsregime etabliert, das in die private und berufliche Lebensführung jedes einzelnen Menschen dramatisch eingreift. Eine Folge dieser Entwicklung zu einer „Speed“-Gesellschaft sind die enormen Zuwachsraten bei psychischen Belastungen und Störungen. Alle Krankenkassen vermelden solche Daten. Von „erschöpfender Arbeit“ (Keupp & Dill 2010) oder vom „erschöpften Selbst“ (Ehrenberg 2008) ist die Rede. Es ist notwendig, den gesellschaftlichen Rahmen in den Blick zu nehmen und danach zu fragen, wie er einerseits den einzelnen Menschen mit Erwartungen und Ansprüchen fordert und zunehmend überfordert und andererseits die „vereinzelten Einzelnen“ damit alleine lässt. Wir haben es mit einer tiefen Krise im gesellschaftlichen Selbstverständnis zu tun, das sich nicht einmal mehr über unterschiedliche mögliche Zielvorstellungen streitet, sondern einfach keine mehr hat. Es gibt kaum eine Idee über den Tag hinaus, und auf allen Ebenen sehen wir das, was Jürgen Habermas (1985) diagnostizierte, als er feststellte, uns seien die „utopischen Energien“ ausgegangen; ganz präzise zitiert, ist bei ihm von der „Erschöpfung der utopischen Energien“ die Rede. Die mangelnde Zielorientierung verbirgt sich hinter phrasenhaft verwendeten Begriffen wie „Reform“, „Vision“ oder „Leitbild“. Hier zeichnet sich eine Gesamtsituation ab, die man mit dem Begriff „erschöpfte Gesellschaft“ überschreiben könnte.

 

Ein wachsendes Gerechtigkeitsdefizit aufgrund einer steigenden Armuts-/Reichtumsschere

Das Exklusionsempfinden von Menschen wird in einem reichen Land stark geprägt durch materielle und soziale Teilhabechancen. Wenn sich eine wachsende Zahl von Menschen als „abgehängtes Prekariat“ erlebt, dann verweist das auf ein erhebliches Gerechtigkeitsdefizit in Deutschland. Gesundheit, Bildung und Teilhabe sind an den Zugang zu materiellen Ressourcen gebunden, deshalb wird ein Mangel in diesem Bereich als besondere Form „verworfenen Lebens“ erlebt. Gesellschaften, in denen die Schere zwischen Arm und Reich groß ist und größer wird, weisen besonders negative Auswirkungen auf den durchschnittlichen psychosozialen und gesundheitlichen Status der jeweiligen Bevölkerung auf (Wilkinson 2001; Wilkinson & Pickett 2010). Das Sozialstaatsmodell auf der Basis der Hartz-Gesetze, das als Garant des deutschen Wohlstandsmodells gefeiert wird, nimmt diese Entwicklung bewusst in Kauf und verbaut Menschen den Zugang zu Verwirklichungschancen auf ein selbstbestimmtes Leben.

 

Erbarmungslosigkeit gegenüber den globalen Flüchtlingsströmen

„Das Boot ist voll“ – mit dieser Metapher ist eine juristische und mentale Mauer um Europa gebaut worden. Wir beklagen die Hartherzigkeit mancher Länder, die den Flüchtlingen aus dem nationalsozialistischen Deutschland die Grenzen nicht weit genug geöffnet hätten. Aber genau dieser Vorwurf muss an unsere eigene Adresse gerichtet werden. Obwohl Zuwanderung in Deutschland nicht nur gewünscht, sondern gefordert ist, erleben wir eine erschreckende Haltung gegenüber den Flüchtlingsströmen dieser Welt. Von einer wie auch immer gestalteten „Willkommenskultur“ sind wir himmelweit entfernt. Wir erfinden Wortungetüme wie „Armutsmigration“, die rechtfertigen sollen, dass von existenzieller Armut getriebene Menschen kein Recht hätten, zu uns zu kommen. Zuwanderung muss sein, aber sie soll an strengen Kriterien der Nützlichkeit für Deutschland geknüpft werden. Rolf Rosenbrock, der Präsident des Paritätischen, hat es in einer Rede kürzlich so ausgedrückt, und er bezieht sich dabei auf das Menschenbild des vom Finanzmarkt getriebenen Kapitalismus: „Es ist die Hegemonie des Utilitarismus, die zunehmende Durchdringung aller gesellschaftlichen Bereiche mit der Logik des individuellen Tausches und der individuellen Maximierung des materiellen Nutzens, es ist die Kolonialisierung der Lebenswelten durch das Denken und Fühlen in Kategorien des Marktes. Dieses Denken hat noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbare Fragen nahezu gesellschaftsfähig gemacht.“ (Rosenbrock 2014, S. 4)

In seinem Buch mit dem vielsagenden Titel „Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne“ (2005) zeigt Bauman, dass die modernen kapitalistischen Gesellschaften ständig menschlichen Abfall produzieren, Menschen, die niemand braucht und die übersehen werden, obwohl die Gruppen immer größer werden: ortlose Migranten, Flüchtlinge und für „überflüssig“ gehaltene Menschen. Sie leben unter uns, aber gehören nicht dazu.

Rechtspopulistische Einstellungen in der Mitte der Gesellschaft

Auch wenn offen rechtsradikale Parteien aus den deutschen Parlamenten eher verschwinden, besteht kein Grund zur Beruhigung. Rechtspopulistische Positionen sind längst in der Mitte der Gesellschaft salonfähig geworden.

Wie unter anderem die von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebene und viel beachtete Studie „Die Mitte in der Krise. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010„ belegt, ist Zustimmung zu rechtsextremem Gedankengut kein randständiges Problem. Gut jeder vierte Deutsche befürwortet laut Studie eine „starke Partei“, die „die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“. Mehr als jeder Zehnte wünscht sich einen „Führer, der Deutschland zum Wohle aller mit harter Hand regiert“. Jeder zehnte Bundesbürger hält die Diktatur für die bessere Staatsform. Hinzu kommt, dass Fremdenfeindlichkeit weit verbreitet ist: Mehr als 30 Prozent der Deutschen stimmen den Aussagen zu: „Ausländer kommen, um den Sozialstaat auszunutzen“ und „Bei knappen Arbeitsplätzen sollte man Ausländer wieder in ihre Heimat schicken“. Im Schlusswort der Studie heißt es deshalb: „Der Wunsch nach Diktatur und die Zunahme von Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit und Sozialdarwinismus gefährden die Demokratie.“

Die Arbeitsgruppe um Wilhelm Heitmeyer (Heitmeyer 2012) untersucht seit 2002 in jährlichem Abstand unter dem Titel „Deutsche Zustände“ die mentalen Reaktionen auf die aktuelle soziokulturell-politische Situation. Sie beobachtet ein stärker werdendes mentales Muster, das als „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ bezeichnet wird. Es meint die latente bis offene Bereitschaft, Gruppen von Menschen auszugrenzen, sie außerhalb der selbst gezogenen Wir-Grenzen zu stellen. Einbezogen sind in dieses Muster rassistische, fremdenfeindliche, antisemitische, heterophobische, islamphobische und sexistische Einstellungen und die Betonung von Vorrechten der Etablierten, also derjenigen, die schon immer hier leben.

Gleichzeitig wächst das Gefühl, keinen Einfluss nehmen zu können. Heitmeyer spricht von einer „rohen Bürgerlichkeit“ und einem „entsicherten Bürgertum“, das Solidaritäten aufkündigt und „sich bei der Beurteilung sozialer Gruppen an den Maßstäben der kapitalistischen Nützlichkeit, der Verwertbarkeit und Effizienz orientiert und somit die Gleichwertigkeit von Menschen sowie ihre psychische und physische Integrität antastbar macht“ (Heitmeyer 2012, S. 34f.). Von einer „deutlichen Vereisung des sozialen Klimas“ ist dort die Rede.

Also: Die scheinbar saturierte Bürgerlichkeit gibt uns keine Garantie für eine Immunität gegen Rechtspopulismus, im Gegenteil haben sich hier Haltungen verfestigt, die von einer tiefen Angst bestimmt sind (Thilo Sarrazin gibt ihr eine Stimme).

 

3.      Wege aus der Ohnmachtsfalle durch eine kritisch-reflexive Analyse unserer Konzepte und zivilgesellschaftliches Empowerment

Die Zukunftsfähigkeit einer innovativen Sozialpsychiatrie ist nicht durch nostalgische Wiederbelebungsversuche der 1970er und 80er Jahre zu gewinnen, sondern die Überwindung der Ohnmachtsfalle braucht eine kritisch-reflexive Gesellschaftsanalyse und die Stärkung der zivilgesellschaftlichen Verortung.

Die beschriebenen mentalen Muster tragen jeweils mit eigenem Gewicht zur Exklusion von Menschen und Menschengruppen bei. Sie resultieren aus wachsenden Gefühlen der Ohnmacht, die diffuse Ängste und Verunsicherungen fördern. In gesellschaftlichen Umbruchphasen verlieren Menschen die bislang den Alltag sichernden Handlungsroutinen, Normalitätsschablonen, Orientierungen und damit verbundenen Sicherheiten.

Aus meiner Sicht führt nur eine zivilgesellschaftliche Perspektive aus dieser Ohnmachtsfalle. „Bürgerschaftliches Engagement“ wird aus dieser Quelle der vernünftigen Selbstsorge gespeist. Menschen suchen in diesem Engagement Lebenssinn, Lebensqualität und Lebensfreude, und sie handeln aus einem Bewusstsein heraus, dass keine, aber auch wirklich keine externe Autorität das Recht für sich beanspruchen kann, die für das Subjekt stimmigen und befriedigenden Konzepte des richtigen und guten Lebens vorzugeben. Zugleich ist gelingende Selbstsorge von dem Bewusstsein durchdrungen, dass für die Schaffung autonomer Lebensprojekte soziale Anerkennung und Ermutigung gebraucht wird. Sie steht also nicht im Widerspruch zu sozialer Empfindsamkeit, sondern beide setzen sich wechselseitig voraus. Und schließlich heißt eine „Politik der Lebensführung“ auch: Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass meine Vorstellungen vom guten Leben im Delegationsverfahren zu verwirklichen sind. Ich muss mich einmischen.

Ins Zentrum rückt mit Notwendigkeit die Idee der „Zivilgesellschaft“. Diese bildet den Sauerteig einer zukunftsfähigen Demokratie, der aus einer Lebenspolitik der Selbstsorge erzeugt wird: Es ist nicht anstößig, sondern legitim und wertvoll, gemeinschaftsförderliche Projekte aus eigenen Wünschen und Interessen heraus zu beginnen und voranzutreiben. Selbsthilfegruppen und die meisten Projekte bürgerschaftlichen Engagements gewinnen ihre Stärke und Vitalität genau aus einem solchen motivationalen Wurzelgeflecht.

Für mich ist Bürgerengagement ein gesellschaftliches Handlungsfeld, das sich gezielt als unabhängig von dem Kreislauf der Geldströme des globalisierten Kapitalismus versteht, das sich den Kriterien der Verbetriebswirtschaftlichung und Monetarisierung entzieht. Ich habe erst spät einen wichtigen Unterschied gelernt, den die deutsche Sprache nicht sehr gut auszudrücken vermag, den Unterschied zwischen dem „bourgeois“ und dem „citoyen“: Es geht um die Unterscheidung zwischen dem Menschen, der sich am kapitalistischen Wirtschaftsgeschehen mit der Aneignung einer spezifischen Charaktermaske stromlinienförmig beteiligt und den Profit als seine Haupttriebfeder betrachtet und jenem Menschen, der den Anspruch hat, im Sinne der Aufklärung und unter Wahrung elementarer Menschenrechte sich an der Gestaltung der eigenen Lebensverhältnisse zu beteiligen. Diese selbstbewussten Bürgerinnen und Bürger, die sich einmischen, unbequem sein können, die Macht kontrollieren, sich für Bürgerrechte und Solidarität engagieren und den staatlichen Instanzen nicht als Untertan gegenüberstehen, die sich die Wahrung und Weiterentwicklung demokratischer Lebensformen zu ihrem Anliegen gemacht haben, galt es erst zu entdecken. Und ich habe sie entdeckt.

Der gesellschaftliche Modernisierungsschub, der vor allem seit den 1970er Jahren den gesellschaftlichen Grundriss der Bundesrepublik nachhaltig verändert hat, hat in Form neuer sozialer Bewegungen und Initiativen auch eine selbstaktive Gestaltungskraft hervorgebracht. Die neuen sozialen Bewegungen verstanden sich als kollektive Zukunftswerkstätten, in denen – im Sinne des „demokratischen Experimentalismus“ – neue Lösungsentwürfe und in einer Vielzahl konkreter Projekte neue Wege erprobt wurden. Diese Projekte lassen sich verstehen als „›soziale Experimentierbaustellen‹, als ›emanzipatorische Antworten auf Risiken der aktuellen Modernisierungsprozesse‹“ (Helbrecht-Jordan 1996, S. 107). Die Psychiatriereform-, die Frauen-, die Selbsthilfe- oder die ökologische Bewegung waren jene „soziale Experimentierbaustelle“ – und wir brauchen sie dringender denn je!

In solche zivilgesellschaftlichen Initiativen im Bereich der Sozialpsychiatrie sollten wir eine Reihe wichtiger Forderungen, Empfehlungen und Reflexionsanstöße einbringen, die wir aus den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte haben mitnehmen können:

  1. Die Konzepte für Normalität und Abweichung müssen aus dem Denkgefängnis des (re-)biologisierten „medizinischen Modells“ befreit werden, und Alternativen müssen offensiv vertreten werden.
  2. Die Pathologisierung von immer größeren Bereichen des Alltagslebens bedarf einer umfassenden Kritik.
  3. Es bedarf einer kritischen Reflexion der neoliberal dominierten Menschenbilder, die auch uns längst erreicht haben.
  4. Die Humanisierung der Arbeit muss neu thematisiert werden, denn sie entfaltet eine zunehmend zerstörerische Qualität. Die Thematisierung von Arbeit 4.0 eröffnet ambivalente Zukunftsszenarien.
  5. Das Inklusionsprinzip fordert ein grundlegendes Umdenken: Nicht Nützlichkeit der eigenen Existenz oder deren „Employability“ ist das Kriterium der Zugehörigkeit, sondern die voraussetzungslose Würde der Person.
  6. Notwendig ist eine Gerechtigkeits- und Grundsicherungsperspektive im Zugang zu materiellen und immateriellen Verwirklichungschancen (Capabilities).
  7. Erforderlich ist die Ermöglichung und Förderung einer selbstbestimmten Suche nach Lebenssinn/Eigensinn und Identität.
  8. Wir müssen die „soziale Amnesie“ in den psychosozialen Szenen überwinden und uns wieder politisch einmischen.
  9. Wäre nicht eine neue Enquete oder eine regelmäßige Berichterstattung der psychosozialen Situation der Bundesrepublik ein sinnvolles Projekt?

Prof. Dr. Heiner Keupp, über 40 Jahre Professor für Sozial- und Gemeindepsychologie an der Universität München, aktuell Gastprofessor an der Universität Bozen. Er ist aktuell Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs.

*Die Einladung der DGSP zu ihrer Jahrestagung gab mir die Gelegenheit, meinen eigenen Lernprozess in der Sozialpsychiatrie zu reflektieren, und ich habe dabei teilweise auf Fragmente von Texten zurückgegriffen, die aus unterschiedlichen Anlässen in den letzten Jahren publiziert wurden.

Literatur beim Verfasser.

Anmerkung

Wir veröffentlichen den Beitrag in einer stark gekürzten Fassung. Der vollständige Beitrag und die Literaturliste sind auf www.dgsp-ev.de veröffentlicht.

 

 


[1]Quelle: soziale psychiatrie, Heft 02/2018; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.


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