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„Wann - wenn nicht jetzt? PsychosenPsychotherapie im Kontext psychiatrischer Kliniken und Abteilungen“


Unter diesem Titel fand vom 4. bis 6. Mai 2018 der gut besuchte 8. Kongress des DDPP[1] e.V. in den Räumen der Nervenklinik der Charité statt.[2] 

Nach der Begrüßung durch die DDPP-Vorsitzende Prof. Dr. Dorothea von Haebler gab die Fotografin Kirsten Becken mit der Vorstellung ihres Buches „Seeing Her Ghosts / Ihre Geister sehen“ einen bildreichen und persönlichen Auftakt zum diesjährigen Kongress. Ihr Werk stellt ein Kompendium unterschiedlicher künstlerischer Arbeiten zum Thema Psychose in der Familie dar. Anhand von Auszügen aus ihrem Buch sowie persönlichen Erfahrungen beschrieb die Fotografin sehr eindrucksvoll, welchen Einfluss die Erkrankung ihrer Mutter auf ihr eigenes Leben hat und welche schwierigen aber auch bereichernden Aspekte dies mit sich gebracht hat. 

Im Anschluss stellte Dr. Hans Schultze-Jena die ISPS Charta of Good Practice vor. In der Charta sind zentrale Leitlinien für psychiatrische Berufsgruppen, die mit Menschen mit Psychosen arbeiten, zusammen gefasst. Dabei betont die Charta die Relevanz und Wirkkraft einer stabilen und andauernden therapeutischen Beziehung im Rahmen der professionellen Behandlung. Ziel ist es, eine möglichst bedürfnisangepasste therapeutische Versorgung zu gewährleisten und so Betroffene für ihre jeweiligen psychologischen Vulnerabilitäten und Stärken zu sensibilisieren.

Der erste Tag endete mit den Treffen der Arbeitsgruppen des DDPP. Die Gesprächsforen zu den Themen Vernetzung, Psychose und Trauma sowie Aus-, Fort- und Weiterbildung ermöglichen einen intensiven Austausch und die Mitgestaltung zentraler Themen des Dachverbands. Danach fand die Mitgliederversammlung des DDPP statt. Das Protokoll finden Mitglieder im internen Bereich der Homepage. 

Der Samstag begann mit dem Vortrag von Roswitha Hurtz, Oberärztin der Soteria-Einheiten am Klinikum München-Ost. Sie stellte die Soteria als milieu- und psychotherapeutisches Behandlungskonzept vor und erläuterte, wie das multiprofessionelle Team das SoteriaKonzept auf der Basis eines psychodynamischen Krankheitsverständnisses umsetzt. 

In seinem Vortrag über psychotherapeutische Strategien auf psychiatrischen Akutstationen referierte Prof. Dr. Andreas Bechdolf, Chefarzt am Urban Krankenhaus in Berlin, wie und mit welchen Konzepten er in seiner Klinik kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungsansätze umsetzt. Er berichtete sehr konkret aus dem psychiatrischen Alltag und von bewährten therapeutischen Interventionsmaßnahmen bei akut psychotischen Patient*innen. Neben der Praxis zeigte er auch die Evidenzlage der angewandten Interventionsmaßnahmen als Grundstein der Behandlungskonzepte. 

Prof. Dr. Thomas Bock, Leiter der Psychoseambulanz und Krisentagesklinik Hamburg Eppendorf sprach zum Thema „Beziehungskultur einer Institutsambulanz – eine psychotherapeutische Herausforderung?“ Er stellte die Arbeit seiner Spezialambulanz für Psychosen und Bipolare Störungen für Jugendliche und junge Erwachsene vor und erläuterte, weshalb der Nutzen und die Risiken einer Intervention in diesem Arbeitsfeld in besonderem Maße eine psychotherapeutische Herausforderung darstellen.

PD Dr. Christiane Montag warf in ihrem Impuls zu Stationsäquivalenter Akutbehandlung einen durchaus kritischen Blick auf dieses Konzept. Die Idee an sich sei gut, es bliebe aber noch abzuwarten, ob sie sich in der Umsetzung und Ausgestaltung auch als hilfreich und tragbar erweise. Sie verwies auf einige konzeptuelle Schwachstellen und forderte, an diesen noch weiter zu feilen.

Im trialogischen Podium wurde im Anschluss der komplexen Frage nachgegangen, wie und auf welche Weisen man als Angehörige*r einen Menschen mit Psychose unterstützen kann. Autorin und Angehörigenpeer Donata Rigg und die Genesungsbegleiterin Antje Wilfer verliehen dabei den Sichtweisen vieler Betroffener, Angehöriger und professionell Tätiger eine Stimme und versuchten, verschiedene Ansatzpunkte und Aspekte unterschiedlicher Unterstützungsmöglichkeiten herauszustellen und diese praktisch wie auch alltagsnah zu diskutieren.

Am Samstagnachmittag und am Sonntagvormittag fanden in 13 Arbeitsgruppen die kasuistisch-technischen Seminare statt. Die Gruppen wurden von erfahrenen Therapeut*innen verschiedener psychotherapeutischer Verfahrensrichtungen geleitet.

Wie gewohnt folgte den kasuistisch-technischen Seminaren am Sonntag zum Abschluss eine Fallvignette. Diesmal stellten gemäß dem Tagungsthema drei Modellprojekt Teammitarbeiter  vor: die Psychologin Catharina Görtler, die Oberärztin Christiane Montag  und der Pfleger Rafael Zyska vom St. Hedwig Krankenhaus der Charité Berlin stellten eine Behandlung aus ihrem Modellprojekt vor. Dabei verdeutlichten sie an dem konkreten Fall ihre multiprofessionelle Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Perspektiven und Aufgabenbereichen in einem an den individuellen Bedürfnissen des Patienten orientierten sehr flexiblem Behandlungssetting. Es entstand ein lebhafter und nachdenklicher Austausch zwischen den Vortragenden und dem interessierten Publikum.   

Danach folgte eine kurze Zusammenfassung und die Ankündigung der Psychosenpsychotherapie Herbsttagung an der Charité zum Thema „Wenn Therapeuten und Patienten sich nicht finden: Wege zu Menschen mit Psychosen in Heimen und Obdachlosigkeit“. 


[1] „Dachverband Deutschsprachiger PsychosePsychotherapie“ (DDPP) ddpp.eu/startseite.html

[2] Für die DGVT, die Mitglied im DDPP ist, nahm Hildegard Stienen aus Münster an der Tagung und an der Mitgliederversammlung teil.


Quelle: VPP 4/2018


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