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Diskussionspapier: „Islamistisch motivierte Radikalisierung und Rolle von Psychotherapeut*innen“


– Artikel im Ärzteblatt vom 8.6.2018

Die Debatte um islamistische Gewalttäter und vermutete Signale im Vorfeld extremistisch motivierter Taten wurde aktuell neu entfacht. Das  Ärzteblatt (https://www.aerzteblatt.de/archiv/198407/Islamistisch-motivierte-Radikalisierung-Die-innere-Sicherheit) berichtete am 8.6.2018 in einem ausführlichen Beitrag über verschiedene Ansätze und Positionen, die auf der vom Bundesinnenministerium veranstalteten Fachtagung „Radikalisierung in der ärztlichen und psychotherapeutischen Behandlung – erkennen, bewerten und angemessen handeln“ diskutiert wurden. Der Fachtag fand zum Start des Projekts "Grundlagenwissen für Heilberufe zur Identifikation von Radikalisierungsprozessen als Risiko für Taten zielgerichteter Gewalt" statt.

Eine der für unsere Arbeit zentral wichtigen Thesen, die dort besprochen wurden, ist, dass „nahezu alle Täter, die islamistisch motivierte terroristische Gewalttaten verübten, (…) im Vorfeld Kontakt zu Ärzten oder Psychotherapeuten“ gehabt hätten. Daraus leiten das Ministerium und das Bundeskriminalamt die Forderung ab, dass Behandler*innen beim Verdacht, dass von bestimmten Patient*innen eine solche Gefahr ausgehe, Hinweise an die Polizei geben sollten.

Bei der Veranstaltung wurde das vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) getragene und vom Bundesinnenministerium unterstützte Forschungsprojekt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm „Radikalisierung – Erkennen, Bewerten, Handeln“ vorgestellt. Darin wird untersucht, wie Ärzt*innen, Psychotherapeut*innen sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen Radikalisierungsprozesse bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen rechtzeitig erkennen können und welche Folgerungen sie in einem solchen Fall ableiten sollten.

Aus Sicht der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) und ihres Berufsverbands Psychosoziale Berufe (DGVT-BV) ist es dringend erforderlich, eine solche Debatte um den Zusammenhang zwischen psychischen Auffälligkeiten oder Erkrankungen, Gewalttaten und die daraus resultierenden Forderungen an Behandler*innen kritisch zu begleiten. Neben den offensichtlich damit verbundenen Fragestellungen hinsichtlich der Themen Schweigepflicht und Anzeigepflicht geht es auch um grundlegende Aspekte des Verhältnisses zwischen Behandler*in und Patient*in.

Zudem und vor allem sind bereits die zugrundeliegenden Annahmen und Behauptungen in dieser Debatte Anlass, genau hinzusehen und zu hinterfragen. Bereits nach dem Attentat („Pilotensuizid“) eines Piloten, der im Jahr 2015 einen Germanwings-Jet in den französischen Alpen zerschellen ließ, und Amokläufen beziehungsweise Terroranschlägen in Deutschland, war eine ähnliche Debatte aufgekommen. Die mediale Berichterstattung stellte oft eine im Nachhinein bekannt gewordene oder auch nur vermutete psychische Erkrankung in den Mittelpunkt der Ursachenforschung. Dies wurde teilweise durch öffentliche Stellungnahmen von Polizei und Ermittlungsbehörden induziert.

In den allermeisten Fällen allerdings handelt es sich dabei aber um Scheinerklärungen, die auf einem fehlerhaften Kurzschluss basieren. Es gibt keine statistisch belegbaren Hinweise, wonach an Depressionen erkrankte Menschen überdurchschnittlich gewalttätig seien oder gar zu solchen Taten neigten. Neuere Forschungen belegen auch den behaupteten Zusammenhang zwischen Radikalisierung und psychischer Auffälligkeit nicht. Im Gegenteil: Laut einer von Dr. med. Marc Allroggen vom Universitätsklinikum Ulm bei der Berliner Fachtagung vorgestellten Studie ist der Anteil von radikalisierungsbereiten Personen mit psychischer Störung gering (https://www.europsy-journal.com/article/S0924-9338(18)30070-1/fulltext).

Weitgehend ausgeblendet wird in der Debatte, dass Psychotherapeut*innen nicht über § 138 StGB hinaus (Strafbarkeit der Nichtanzeige schwerer geplanter Straftaten) verpflichtet werden können, ihre Schweigepflicht zu durchbrechen. Bloße radikale Gedanken sind nicht justitiabel. Die bestehende Rechtslage (s. § 138 StGB) sieht bereits eine Anzeigepflicht für Behandler*innen vor, wenn ihnen entsprechende Informationen von Patient*innen vorliegen.

Ganz offensichtlich gegeben ist demgegenüber die Gefahr einer zusätzlichen Stigmatisierung von Personen mit einer psychischen Störung, wenn in der öffentlichen Debatte ein solcher Zusammenhang immer wieder behauptet wird. Ihnen wird ein die psychische Gesundheit förderlicher Umgang mit der Erkrankung massiv erschwert, die verbreitete Tabuisierung wird sogar noch gefördert.

Um dem Präventionsgedanken gerecht zu werden, muss der Fokus der Debatte aber geweitet werden. Das Problem der Radikalisierung ist keineswegs auf islamistische oder Amok-Gewalttaten beschränkt. Die Arbeits- und Forschungsstelle Rechtsextremismus und Radikalisierungsprävention des Deutschen Jugendinstituts in München weist darauf hin, dass „aus gesamtgesellschaftlichen Polarisierungen im Zusammenhang mit Migration und Religion, die sich unter anderem in sozialräumlichen Konflikten niederschlagen“, zusätzlicher Handlungsbedarf erwächst. Die Expert*innnen der Arbeitsstelle betonen, dass es deutliche Parallelen zwischen rechtsextremer und islamistischer Radikalisierung gibt.

Ärzt*innen und Therapeut*innen hätten in einer Behandlung grundsätzlich die Möglichkeit, Radikalisierte von Plänen für Gewalttaten abzubringen, sagte Prof. Dr. med. Jörg. M. Fegert vom Universitätsklinikum Ulm bei der Berliner Fachtagung. Wesentliche Voraussetzung hierfür ist aber ein Vertrauensverhältnis, wie der Vizepräsident der Bundespsychotherapeutenkammer, Peter Lehndorfer, dort zu recht betonte: „Der vor uns sitzende Mensch ist für uns in erster Linie ein Patient, zu dem wir ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Er muss sich darauf verlassen können, dass die Dinge, die er uns anvertraut, bei uns bleiben“, wird er im Ärzteblatt zitiert.

Nicht nur das Vertrauensverhältnis ist im Falle einer Durchbrechung der Schweigepflicht in Gefahr, sondern womöglich auch der Therapeut oder die Therapeutin selbst. Und nicht zuletzt ist eine betroffene Person, die sich radikalisiert und eine aktive Unterstützung einer terroristischen Gruppe oder gar einen Anschlag plant, auch selbst gefährdet.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnte die Möglichkeit einer anonymisierten Beratung in Fällen sein, in denen Ärzt*innen oder Psychotherapeut*innen eine Abwägung zwischen Schweige- und Anzeigepflicht vorzunehmen haben. Angesiedelt werden könnte eine solche Beratungsmöglichkeit beispielsweise bei der Medizinischen Kinderschutzhotline des BMFSFJ, die auch für Jugendliche zuständig ist.

Diesen und andere mögliche Lösungsansätze sollten wir innerhalb der DGVT weiter diskutieren. Wir stellen uns damit der Verantwortung, die uns als Therapeut*innen zukommt, wenn es um den Schutz Dritter vor Gewalttaten geht. Zugleich sollten wir uns des eigenen Standpunkts aber auch deshalb vergewissern, um gegenüber Beiträgen in Debatten und Medien gewappnet zu sein, in denen allzu schnell und vereinfachend Zusammenhänge zwischen psychischen Störungen und der Gefahr von Radikalisierung oder schwerwiegenden Verbrechen hergestellt werden. Dies sind wir auch den Patient*innen schuldig, die sich uns anvertrauen.

Der Vorstand der DGVT

 

Dieses Diskussionspapier ist auf der Grundlage des Artikels in der Ärztezeitung PP entstanden, der sich auf islamistisch motivierte Radikalisierung bezieht. Radikalisierung und Extremismus in Deutschland gedeihen aber weitaus häufiger auf der Grundlage von rechtem Gedankengut. Erinnert sei an die NSU-Morde und die neuesten Vorfälle in Chemnitz.

Extremistische Strukturen bilden sich zumeist da aus, wo sich die Zivilgesellschaft nicht in ausreichendem Maße zu Wort meldet und Menschen nicht dagegen aufstehen. Zu Rechtsextremismus wurde zu lange geschwiegen, Gewalttaten nicht dem rechten Milieu zugeordnet. Wir nehmen zunehmend enthemmte Kommunikationsformen auf allen gesellschaftlichen Ebenen wahr, die in ihrer Konsequenz zu Ausgrenzung, zu Wut- oder Hasskultur und auch zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft beitragen können.

Der DGVT-Vorstand hat sich deshalb auf seiner letzten Sitzung auch entschieden, Flagge zu zeigen und dem Paritätischen zu folgen, der an keinen öffentlichen Auftritten oder Veranstaltungen teilnimmt, auf denen  AfD-Vertreter*innen offiziell auftreten.

 

Quelle: VPP 4/2018


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