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DGfB-Kongress Counselling Conference Cologne - Tagungsbericht, 22.-24.11.2018


Die 2018 von der Deutschen Gesellschaft für Beratung (DGfB) ausgerichtete, zweisprachige Annual Conference der European Association for Counselling „Counselling Conference Cologne“ stand unter dem Motto „Ressourcenorientierung und Peer-Support“. Sie fand, wie es der Titel bereits nahelegt, am Arbeitsbereich Beratungsforschung der Humanistischen Fakultät der Universität Köln statt. In den drei Tagen fanden insgesamt neun Vorträge und ein 90-min-Slot mit sechs zur Auswahl stehenden Workshops statt. Gerahmt wurden die Beiträge durch Moderationen u.a. des DGfB-Vorstandes (Beatrix Reimann, Dr. Dirk Rohr) sowie des EAC-Mitglieds Ivana Paunovic.

Als Eröffnungsvortrag sprach Dr. Manfred Prior (DTL) zum Thema „Wie praktiziert man Ressourcenorientierung? – MiniMax-Interventionen in Therapie, Beratung und Coaching“. Stark interaktiv, unter Beteiligung des Plenums und moderierend entfaltet er eine lösungsorientierte MiniMaxIntervention, die in sich Problembeschreibungen hinterfragt, Zielformulierungen als zentral erörtert und Veränderungsmöglichkeiten (und die Perspektiven darauf) maximieren will. Für die große Zahl der anwesenden Studierenden war dies vermutlich eine erkenntnisreiche Stunde, für Beratungskenner*innen wohl eher eine Wiederholung bekannter Inhalte. Hängen bleiben allemal Sätze wie: „Verändern können wir nur Probleme, die Ausnahmen haben. Haben Sie Ausnahmen, dann immer mindestens 3“, „Stelle 100 Nachfragen nach den Zielen.“

Als zweites sprach Prof. Dr. Yvette Völschow (DTL, als Ersatz für Jürgen Hargens) zu „Peer Support als Ressource zur Selbstreflexion beruflicher Herausforderungen. Haltungen, Konzepte, Verfahren & Methoden“. Hierbei arbeitet sie (Selbst-)Reflexion in Anlehnung an Schön und Tiefel als zentrale Voraussetzung für Beratung heraus, verdeutlicht die Relevanz von Peer-Support in kollegialer Beratung (u.a. Polizei, Lehrer*innen) und stellt exemplarisch das Erlernen von Reflexivität im Studium vor. Mitnehmen werden sich die Zuhörer*innen, Reflexion als „Fähigkeit des Menschen, Bedingungen und Wirkungen eigenen Denkens und Handelns zu durchschauen“ (Siebert 1991), um dadurch das eigene Tun zu bewerten und die Bestätigung, dass bspw. Supervision Selbstreflexion im beruflichen Kontext sinnvoll befördern kann.

Nach einer Begrüßung am zweiten Tag, durch die EAC-Vorsitzende Yvonne de Kruijff (Niederlande), referiert Dr. Charles Deutsch (USA) zu „Peer Learning and Peer Support in the Field of Counselling“. Gleich zu Beginn fragt Deutsch nach „horizontalen“ Lernprozessen, die die Arbeit mit Klient*innen, die Zusammenarbeit zwischen Berater*innen und die Profession selbst beeinflussen (können), nach der Bedeutung von den Begriffen „Peers, Kollegen, Support“, nach Lernprozessen etc. Antworten gibt er nachfolgend nur wenig, regt aber sein Publikum zur von Frau Völschow betonten Reflexion an.

Als zweites spricht am Freitag Dr. Dione Mifsud (MAL, IAC) zu „Transcultural Counselling & Supervisory Cells as Peer Support“. Er fragt dabei mit einer offenen und zugleich kritischen Perspektive nach dem „meeting the other“ in der Beratung, Reaktionen auf Anderssein und definiert Beratung als zeitloses und kulturenübergreifendes Hilfeschema, das auf Schwierigkeiten reagiert und an einem sicheren Ort Veränderungsmomente ermöglicht. Berater*innen konstruiert er dabei als vertrauenswürdige Personen („trustworthiness“), die in transkulturellen und damit aktiven und reziproken Prozessen die Möglichkeit zur Erkundung und Klärung geben.

Im sich – parallel zu „Family Group Conferencing: The New Zealand Answer for Peer Involvement“ (Erzsébet Roth & Dalal Mahra) – anschließenden Vortrag von Prof. Dr. Franz-Christian Schubert (DTL, als Ersatz für Hilarion Petzold) steht „Ressourcenorientierung im Kontext individueller und gemeinschaftlicher Lebensführung. Ausführungen zu einem interdisziplinären Ressourcen- und Handlungsverständnis“ im Zentrum. Grundlegend werden Ressourcenklassen und -theorien vorgestellt und Ressourcen, deren Wahrnehmung und Einsatz als zentral für Lebensführung und -bewältigung dargestellt. Anhand von vier Thesen wird das Verständnis von Ressourcennutzung, -aktivierung und -erhalt systematisch erläutert. Von den Thesen, hallen folgende nach: „Die Gestaltung von Lebensführung gelingt umso besser, je mehr beide Seiten Anforderungen und Ressourcen wechselseitig gestalten“ wie auch „Ressourcen alleine reichen nicht aus. Entscheidend ist deren angemessene Aktivierung über individuelle (Ergänzung MM: und soziale!) Schlüsselressourcen!“.

Der Vortrag von Erzsébet Roth & Dalal Mahra „Family Group Conferencing: The New Zealand Answer for Peer Involvement“ stellt die Geschichte und Adaption der Methode im deutschen Hilfesystem vor und erläutert sehr konkret die einzelnen Prozessschritte. An einem konkreten Beispiel wird die Vorbereitung und der Ablauf einer Familienkonferenz von der jungen Frau vorgestellt, um deren Situation es dabei ging.

Schließlich referiert – wieder parallel zum o. g. Vortrag – Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (DTL) zu „Attitude & Action: How to realize Ressource Orientation“. Zunächst wird dazu „attitude“ (Haltung? Einstellung?) als zusammenhängend mit action (Handlung) und theory (Theorie) skizziert. Was nun attitude in diesem Kontext genau meint, wie attitude „erworben“ wird bleibt offen. Dagegen wird klar, dass nur Handlung, nie Haltung beobachtbar ist. Fokus liegt im Vortrag dann auf der Arbeit mit Ressourcen, das Sprechen über Ressourcen und der Erkenntnis, dass Ressourcenorientierung eine Haltung und damit einen professionellen Zugang in Beratung darstellt.

Als letztes an dem Tag referiert Naoise Kelly (IRL) zu „Worldwide Counselling & Counselling the UN – The International Association for Counselling“. Spannend zeichnet Kelly als Geschäftsführer die IAC die Entstehung des Verbandes nach, der der Vision folgt: „A world, where Counselling is available to all“. Dass diese Vision einen Grund hat, wird schnell an den referierten Daten und Fakten zur mentalen Gesundheit klar: weltweit 1/5 der Menschen leiden an psychischen Problemen, 850.000 suizidieren sich jährlich. usw. Spannend werden sicher auch entstehende Forschungsergebnisse des Projekts „World Mapping of Counselling“ sein, in dem weltweit die Anzahl an Berater*innen, Beratungsorganisationen etc. erhoben werden. Und auch, dass Beratung politisch relevant ist und Einfluss haben kann, wird in Kellys Vortrag deutlich – so hat die IAC einen Beraterstatus in der UN inne, arbeitet eng mit WHO, ILO, UNESCO und ECOSOC zusammen. Zum Abschluss wird auch Peer Support in seiner Relevanz bspw. für Schulen und Universitäten aber auch innerhalb des IAC (bspw. für Uruguay, ohne Beratungsorganisation) herausgestellt. 

Nach den vielen Vorträgen endet der zweite Kongresstag mit Workshop, von denen einer durch die Berichtverfasserin Dr. Annett Kupfer zum Thema „DFG-Forschungsbericht: Extratherapeutische Wirkfaktoren in Beratung. Zur Bedeutung sozialer Ressourcen in Beratungsprozessen“ gehalten wurde.

Die Tagung selbst schließt am Samstag mit dem Vortrag von Prof. Dr. Eia Asen zu „Multi-Family Therapy: Peer and Ressource Orientation in Family Counselling“. Der mit in den Therapien gefilmten Videoausschnitten angereicherte und damit sehr anschauliche Beitrag, stellte einführend Aufgaben und Möglichkeiten von Multi-Familien-Therapie dar, zeigt wie bedeutsam gleiche Betroffenheit, alltägliches Expert*innentum und Austausch untereinander sein können und welche Relevanz soziale Netzwerkarbeit hat.

Die Konferenz vermittelte vor allem einen Eindruck über inzwischen etablierte und prominente Ansätze, die wiederum von prominenten Rednern (!) vorgestellt wurden. Neu und interessant war der Blick auf internationale Vernetzungen und Ausgestaltung von Beratung auf dieser Ebene. Aktuelle inhaltliche Entwicklungen, Herausforderungen oder Widersprüche in und für Beratung und Gesellschaft kamen auf dieser Tagung nicht zur Sprache. Es blieb insgesamt kaum Zeit für einen gemeinsamen Austausch in freier oder in organisierter Workshop-Form, wobei an einigen Stellen sehr deutlich wurde, dass die Kluft zwischen Praxis und Wissenschaft auch mit einer gewissen Ladung versehen ist.

Verfasserinnen: Dr. Annett Kupfer und Prof. Dr. Marion Mayer


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