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Laudatio anlässlich der Verleihung des DGVT-Förderpreises an Michaela Pfeifer und Kerstin von Bültzingslöwen

Im Rahmen der Nachwuchsförderung verleiht die DGVT heute zum zweiten Mal die Distinguished-German-Visionary-Trophy in der Kategorie Nachwuchsleistungen und zwar dieses Mal an Sie, Frau Pfeifer und Frau von Bültzingslöwen.


Sehr geehrte Frau Pfeiffer, sehr geehrte Frau von Bültzingslöwen, liebe DGVTlerinnen und DGVTler, liebes Publikum,

Sie haben mit dem Thema Wechseljahre ein zur Zeit viel diskutiertes Thema aufgegriffen. Zwischen dem 45. und 55. Lebensjahr stellt sich bei Frauen der Wechsel oder das Klimakterium ein. Die Veränderungen des Hormonhaushaltes können zu körperlichen und psychischen Beschwerden führen, z.B. zu Hitzewallungen, Schlafstörungen oder Stimmungsschwankungen. Manche Frauen leiden unter erheblichen Einschränkungen, andere dagegen fühlen sich kaum beeinträchtigt.

Eine kaum überschaubare Anzahl von Angeboten verspricht Abhilfe. Hauptakteursgruppen im medizinischen Versorgungssystem, wie z.B. ärztliche Berufsverbände in enger Zusammenarbeit mit pharmazeutischen Unternehmen, haben die Wechseljahre zu einer Zeit zunehmenden Hormonmangels erklärt und eine lukrative Behandlungsmethode, von ihnen Hormon-Ersatz-Therapie genannt, entwickelt und in der Praxis durchgesetzt. Seit es fundierte Studien über die Risiken von Langzeithormoneinnahmen bei Wechseljahrsbeschwerden gibt, wie z.B. die Women‘s Health Initiative Study in den USA oder die Million Women Study in Großbritannien, sind die Risiken von Hormonbehandlungen in das öffentliche Interesse gerückt. Anders als von der Industrie vorhergesagt, hat die Hormontherapie das Risiko für Brustkrebs, für Schlaganfälle, für Thrombosen und für Demenz nicht reduziert, sondern leicht erhöht.

Die Frauengesundheitsbewegung hat sich seit ihrem Bestehen dafür eingesetzt, dass der Wechsel als eine natürliche Übergangsphase im Leben einer Frau angesehen wird und nicht als Krankheit. Es wurde - auch in Ihren Diplomarbeiten - darauf hingewiesen, dass es große kulturelle Unterschiede im Erleben der Wechseljahre gibt. So ist auch das Auftreten von Wechseljahrsbeschwerden kulturabhängig. In Kulturen, in denen das Ansehen von Frauen mit dem Alter ansteigt und in denen ältere Frauen eine hohe gesellschaftliche Stellung innehaben, sind Hitzewallungen eher selten oder ganz unbekannt. Deutschland gehört nicht zu diesen Ländern. In unserer Gesellschaft ist die Lage von älteren Frauen eher etwas prekär; auf jeden Fall steigt das Prestige von Frauen mit dem Alter gewöhnlich nicht an, sondern nimmt ab.
Wir wissen heute also, dass Wechseljahrsbeschwerden nicht allein biologisch determiniert sind, sondern auch kulturell. Das ändert nichts daran, dass wir gerade in Deutschland  das Leiden von Frauen im Wechsel ernst nehmen müssen. Hier setzt Ihre Diplomarbeit an. Ihre Arbeit reiht sich ein in die Bemühungen, Alternativen zur Hormontherapie anzubieten. Daher stehen die Hitzewallungen auch im Mittelpunkt Ihrer Untersuchung. Sie haben ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Gruppen-Trainingsprogramm für Frauen mit Wechseljahresbeschwerden zusammengestellt, durchgeführt und evaluiert. Eine innovative Leistung ist dabei hervorzuheben: Sie haben einen schon entwickelten Einzeltherapieansatz in ein Gruppenverfahren übertragen.

Als Ergebnis Ihrer Evaluation des Gruppentrainings haben Sie z.B. festgestellt, dass das Problemerleben der beteiligten Frauen bzgl. Hitzewallungen reduziert werden konnte, die Peinlichkeit bei auftretenden Hitzewallungen vermindert werden konnte und die Lebenszufriedenheit erhöht wurde. Wenn auch die Hitzewallungen selbst nicht zurück gingen, so sind diese Ergebnisse doch als ein großer Erfolg zu bewerten.

Solche Selbstmanagement-Ansätze für Frauen in den Wechseljahren haben einen hohen Stellenwert, der in Zukunft noch weiter wachsen wird. Natürlich sind Untersuchungen wie die Ihre erst ein Anfang in dem Bemühen, Alternativen zu Hormongaben zu entwickeln. Aber wie sinnvoll dieses Unterfangen ist und wie viel Interesse und Nachfrage dafür besteht, haben Sie im Laufe Ihrer Arbeit ja auch schon erfahren. Sie schreiben, dass sich bei der Rekrutierung der Probandinnen 150 Frauen telefonisch gemeldet haben und ihr Interesse für die Teilnahme an weiteren Kursen bekundet haben. Diese große Resonanz zeigt schon, wie dringend Gruppenangebote zu diesem Thema sind.

Als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft „Frauen in der psychosozialen Versorgung“ der DGVT bin ich erfreut, dass zwei Frauen diesen Preis bekommen. Diese Arbeit realisiert Verhaltenstherapie in gesellschaftlicher und gesundheitspolitischer Verantwortung.

Wir alle werden noch einige Anstrengungen unternehmen müssen, um unsere Gesellschaft alterstauglicher zu machen - weg vom Jugendlichkeitswahn, hin zu mehr Offenheit und Akzeptanz für alle Lebensalter. Nicht zuletzt die Frauen selbst können durch positive Deutungen der Wechseljahre ihren Teil dazu beitragen. Wie der Wechsel positiv gesehen werden kann, möchte ich zum Schluss mit einem Zitat von Julia Onken verdeutlichen: "Es kommt etwas in Wallung, Bewegung; die Schlaflosigkeit als notwendige und nutzbare Zeit, sich intensiv über die anstehenden Veränderungen Gedanken zu machen; der höhere Anteil an männlichen Hormonen als Aufforderung und Möglichkeit, dass Frauen in dieser Lebensphase fordernder, aggressiver und aktiver gestaltend in die Öffentlichkeit treten; die Zunahme der Körperfülle als Zeichen, dass Frauen in Zukunft mehr Platz beanspruchen wollen und können."

Herzlichen Glückwunsch zum Distinguished-German-Visionary-Trophy für Ihre Arbeit zur Evaluation eines kognitiv-verhaltenstherapeutischen Gruppentrainings für Frauen mit Wechseljahresbeschwerden in der Kategorie für herausragende Nachwuchsleistungen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Ute Sonntag

Quelle: VPP 2/2006


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