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20 Jahre PsychThG – nichts ist perfekt, oder???


Anlässlich des 20jährigen Bestehens des Psychotherapeutengesetzes fand am 17.05.2019 eine hochkarätige berufspolitische Veranstaltung im Erfurter Landtag statt, die gemeinsam vom BDP/VPP, bvvp Thüringen und DGVT/DGVT-BV organisiert wurde.

Dr. Gregor Peikert, Präsident der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer, führte in das Thema mit einem kurzen geschichtlichen Abriss ein. In seinem Grußwort betonte er die Vorteile des PsychThGs sowie die der aktuellen Ausbildungsreform. Gleichzeitig mutmaßte er, dass zugunsten der Gewinne durch die Gesetzesnovelle auch diesmal Verluste akzeptiert werden müssten – ähnlich wie vor 20 Jahren. Insbesondere ging er auf die Gefährdung der Verfahrensvielfalt sowie die unzureichende Finanzierung der Weiterbildung ein.

Als Moderatorin führte Thordis Bethlehem durch die Veranstaltung. Bei der Vorstellung der Podiumsteilnehmenden bemerkte sie treffend, dass diese in der Summe mehr als 100 Jahre berufspolitisches Engagement vorweisen können: Heiner Vogel (DGVT/DGVT-BV), Katharina van Bronswijk (PiA bvvp), Lothar Hellfritsch (BDP), Birgit Dziuk (Barmer) und Benedikt Waldherr (bvvp).

Zu Beginn gaben die Zeitzeugen im Podium einen Einblick in die Zeit vor der Einführung des PsychThGs. Sie schilderten anhand eigener Erfahrungen, wie schwierig die Arbeitsbedingungen für psychologische Psychotherapeut*innen waren. Einig waren sich alle, dass durch das hart errungene Gesetz vieles zum Positiven geändert wurde, wenn auch dafür „so manche Kröte geschluckt“ werden musste. Herausgestellt wurde außerdem, dass es auch die Uneinigkeit der Vertreterverbände der psychotherapeutisch Tätigen war, die den Weg zum Gesetz zuvor erschwerte. Im zweiten Teil der Diskussion ging es um die aktuelle Situation, die Auswirkungen des PsychThGs ganz besonders für den Nachwuchs. Hier machte Katharina van Bronswijk, eine schon lang und engagiert Aktive und Vertreterin des PiA-Politik-Treffens, auf die prekäre Lage der Psychotherapeut*innen in Ausbildung (PiA) aufmerksam. Zum gegenwärtigen Stand des Gesetzes gibt es keine kostendeckende Finanzierung der Ausbildung für PiA. Schlimmstenfalls bedeute dies, dass sich auch in Zukunft angehende Therapeut*innen nur dann die Ausbildung leisten können, wenn sie sich stark selbst ausbeuten oder finanzkräftige Angehörige haben. Daher plädierte van Bronswijk vehement dafür, dort nachzubessern. Aus dem Plenum mahnte Johanna Thünker (VPP) an, die Interessen der PiA zu berücksichtigen. Das unterstützten die „alten Hasen“ der vertretenen Verbände und stellten heraus, dass es primär den PiA-Protesten und -Initiativen zu verdanken sei, dass die Gesetzesnovelle auf den Weg gebracht wurde. Durch öffentlichkeitswirksame Aktivitäten der PiA-Vertretungen sei es gelungen, dass zurzeit in der Politik und auch in der Bevölkerung die Anliegen der PiA wahrgenommen und forciert werden.

Die Landesgeschäftsführerin der Barmer, Birgit Dziuk, zeigte auf, wie hilfreich die Strukturgebung durch das Psychotherapeutengesetz auch für Versicherte und Kassen war. Endlich war klar geregelt, dass die Versicherten eine wissenschaftlich fundierte, qualitativ hochwertige und wirksame Psychotherapie als Kassenleistung in Anspruch nehmen konnten. Dziuk mahnte an, dass wir als Fachgruppe vor allem dann eine gute Verhandlungsbasis im Gespräch mit der Politik haben, wenn wir es schaffen, mit Einigkeit nach außen aufzutreten. Diese Verhandlungsbasis bestehe auch in den vorhandenen Strukturen der ärztlichen Ausbildung, die man argumentativ und strukturgebend an vielen Stellen heranziehen könne.

Der letzte Teil widmete sich der aktuell anstehenden Ausbildungsreform. Aus dem Plenum meldete sich Ulrich Winterfeld (BDP) zu Wort und äußerte sich kritisch zur angedachten universitären Psychotherapeut*innenausbildung. In dieser Perspektiventwicklung wurde durch Heiner Vogel (DGVT/DGVT-BV) Sorge geäußert, dass letztlich die Universitäten eine kostenneutrale Umsetzung der Novelle verordnet bekommen werden. Es herrschte unisono die Meinung, dass es erst eine Approbationsordnung geben müsse, um die Inhalte der neuen Qualifikation hinreichend bewerten zu können. Einvernehmen herrschte auch in Bezug auf den Paragraph 92 Absatz 6A. Während eine Verbesserung der Koordination der Behandlung von komplex psychisch erkrankten Versicherten wünschenswert ist, ist nicht nachvollziehbar, warum dieser Absatz in einem Gesetz zur Therapeut*innenausbildung beigefügt wird – zumal die bisherigen Veränderungen zur Verbesserung der Versorgung durch das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz und die Richtlinienreform noch nicht evaluiert wurden. Eine diagnosengeleitete Behandlungsplanung wurde strikt abgelehnt. Psychische Störungen und die Lebensgeschichten der dahinterstehenden Menschen sind zu vielfältig, als dass Behandlungsbedarfe von Diagnosen abgeleitet werden könnten.

Alles in allem waren Fachleute wie Gäste mehrheitlich der Meinung, dass das Psychotherapeutengesetz von 1998 ein Meilenstein für die Psychotherapie war. Es bestand aber ebenso Einigkeit darüber, dass einige Punkte des Gesetzesentwurfes nachbesserungswürdig sind:

  1. Eine kostendeckende Finanzierung der Ausbildung für die Psychotherapeut*innen in Weiterbildung muss sichergestellt werden.
  2. Vor der Abstimmung über die Novelle muss eine Approbationsordnung vorliegen.
  3. Keine diagnosenorientierte Behandlungsplanung.
  4. Ein eigenständiges Gesetz zur Koordination der Behandlung psychisch Kranker, nach Analyse der Auswirkungen des GKV-VSG und der Richtlinienreform.
  5. Finanzierung der Studiengänge Psychologie und Psychotherapie muss sichergestellt sein, um die Ausbildung auf einem hohen Niveau zu gewähren.

Janine Manthey
Landessprecherin Thüringen
DGVT und DGVT-BV


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