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Festschreibung einer Benachteiligung? – Übergangsregelungen für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen im Rahmen der Ausbildungsreform

Die von der Bundesregierung vorgeschlagene Novellierung des Psychotherapeutengesetzes sieht vor, dass die zukünftigen Absolvent*innen eines Psychotherapiestudiums psychotherapeutische Kompetenzen erwerben sollen, die grundlegend zur Behandlung aller Altersstufen befähigen und somit die bisherigen zwei psychotherapeutischen Berufe zukünftig zu einem zusammengeführt werden sollen. Was bedeutet diese Änderung für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen, die noch nach aktuell gültigem Recht ausgebildet worden sind bzw. ausgebildet werden? Ist ihre Sorge, von zukünftigen Entwicklungen des Berufsstands abgehängt zu werden, berechtigt? Wir haben mit Prof. Michael Borg-Laufs und Günter Ruggaber zwei Experten befragt und um ihre Einschätzungen gebeten.



DGVT:
Findet ihr, dass durch den vorliegenden Entwurf zum neuen Psychotherapeutengesetz die heutigen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen (KJP) benachteiligt werden?

Günter Ruggaber:
Für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen (KJP) gelten heute bereits einige Besonderheiten, die als Benachteiligung gelesen werden können. Während Psychologische Psychotherapeut*innen (PP) z. B. berufsrechtlich alle Altersgruppen behandeln dürfen und mit einer vergleichsweise „kleinen“ Zusatzqualifikation auch sozialrechtlich zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen zugelassen werden und dann mit Krankenkassen abrechnen können, ist den KJP dieser Weg bereits nach dem geltenden Gesetz in die andere Richtung verwehrt. Die DGVT hat stets darauf hingewiesen, dass sich diese Möglichkeit für PP nicht durch deren Ausbildungsinhalte rechtfertigen lässt. Kinder und Jugendliche sind durch grundständige KJP, die zielgruppenspezifischer ausgebildet sind, strukturell besser versorgt. Die Übergangsregelung im vorliegenden Gesetzesentwurf schreibt diesen Missstand nun fort, da sie nichts an dieser Möglichkeit zur Zusatzqualifikation für PP verändert. So gesehen benachteiligt der vorliegende Gesetzentwurf KJP nicht neu, schreibt aber bestehende Ungleichheiten fort.

Michael Borg-Laufs: Da kann ich mich voll anschließen. KJP und PP haben eine strukturell absolut gleichwertige Ausbildung durchlaufen, die aber jeweils deutlich unterschiedliche Schwerpunkte hat. Die Ungleichbehandlung ist vor diesem Hintergrund überhaupt nicht nachvollziehbar. Nun kommt allerdings noch hinzu, dass der KJP-Beruf als eigenständiges Berufsbild aussterben wird. Während die PP nun in den neuen Psychotherapeutenberuf wechseln können, wird das den KJP verwehrt. Es wird im Laufe der Zeit jedoch immer weniger Kolleg*innen mit dieser dann „veralteten“ Berufsbezeichnung und der eingeschränkten Approbation geben. Die KJP werden dadurch als Berufsstand immer stärker von laufenden Entwicklungen abgehängt werden.

DGVT: Wie müsste das neue Gesetz aussehen, damit solche strukturellen Benachteiligungen vermieden werden?

Günter Ruggaber: Das ist zunächst einmal formal nicht ganz einfach. Im Rahmen von Übergangsregelungen wird normalerweise sichergestellt, dass niemand seine bestehenden Rechte verliert. Diese Rechte ergeben sich aus der Gesetzeslage, die zum Zeitpunkt des Erwerbs der Heilkunde gegolten hat. Und da war eben diese berufsrechtlich unterschiedliche Einstufung von PP und KJP angelegt. Und zwar in der „Reichweite“, für die die Approbation gültig war: einmal für alle Altersgruppen und einmal eben nur für Kinder- und Jugendliche bis zu einer bestimmten Altersgrenze. Es ist juristisch nicht möglich, diese Approbationsgrundlage des bisherigen Gesetzes, auf die ja auch die jeweiligen Ausbildungsordnungen ausgerichtet waren, mit einem neuen Gesetz einfach zu erweitern. Die Zusatzqualifikation für PP, mit der diese die Abrechnungserweiterung für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen erlangen können, ist bisher lediglich eine sozialrechtliche Zusatzanforderung, die sich im Rahmen der bereits vorhandenen Reichweite der PP-Approbation bewegt. Wollte man den Weg nun auch für KJP in die andere Richtung öffnen, müsste formal erst eine andere Approbationsgrundlage erworben werden. Das ist juristisch schwer vorstellbar. Wer jetzt fordert, dass es dafür entsprechende Nachqualifikationen o. ä. geben soll, muss auch sagen, wie das konkret umgesetzt werden kann. Ansonsten bleibt die Forderung zwar verständlich, aber vordergründig. In jedem Fall müsste eine solche Nach-, Zusatz- oder Neuqualifikation dann an qualitativen Erfordernissen orientiert sein und sicherstellen, dass Patient*innen eine wirklich gleichwertig hochstehende Ausbildungsqualität ihrer Behandler*innen erwarten können. Wie ich bereits gesagt habe: Das ist heute für Kinder und Jugendliche durch eine PP-Ausbildung – auch in Kombination mit der sozialrechtlichen Zusatzqualifikation – im Vergleich zur grundständigen KJP-Ausbildung nicht gewährleistet.

Michael Borg-Laufs: Wenn wir zunächst einmal inhaltlich schauen, dann müssen wir doch feststellen: Nach vielerlei Abwägungen und Diskussionen hat sich der Standpunkt durchgesetzt, dass die Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen einerseits und mit Erwachsenen andererseits so viele Gemeinsamkeiten und Überschneidungen hat, dass es zukünftig nur noch einen Psychotherapeutenberuf geben soll. Viele Ausbildungsinhalte von KJP und PP sind auch im augenblicklichen Ausbildungsmodell identisch, was sich ja auch darin zeigt, dass 60 Prozent der Fragen in der schriftlichen Psychotherapeutenprüfung für KJP und PP identisch sind. Das betrifft zunächst grundlegende Inhalte wie die zugrundeliegenden Theorien, die therapeutische Haltung, grundlegende Gesprächsstrategien und vieles mehr. Methodisch unterscheidet sich die Arbeit mit Kindern in vielerlei Hinsicht von der mit Erwachsenen. Jedoch wurden die KJP in ihrer Ausbildung ja auch nicht nur im Hinblick auf die Therapie mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen ausgebildet, sondern auch in Beratung mit häufig ebenfalls psychisch kranken Eltern. Zwar weist das Jugendalter einige entwicklungsspezifische Besonderheiten auf, die therapeutische Methodik ist aber bei der Behandlung vieler Störungsbilder in weiten Teilen identisch. Dies betrifft alle Störungsbilder, die sowohl im Jugendalter als auch im Erwachsenenalter vergeben werden können – und das ist die große Mehrheit der Störungsbilder wie z. B. Phobien, Zwänge, affektive Störungen, Essstörungen, substanzbezogene Störungen, Persönlichkeitsstörungen. Die von KJP erworbenen Kenntnisse und Kompetenzen in der Behandlung dieser Störungsbilder bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterscheiden sich nicht wesentlich von der Behandlung dieser Probleme auch bei älteren Erwachsenen. Auch ist die Arbeit mit Erwachsenen hinsichtlich etwa Beziehungsgestaltung und Motivationsaufbau KJP bestens vertraut, denn die Bezugspersonenarbeit mit den Eltern der Patient*innen gehört auch bislang zur KJP-Ausbildung dazu. Dabei darf nicht vergessen werden, wie häufig psychisch erkrankte Kinder auch psychisch kranke Eltern haben – psychisch kranke Erwachsene sind also für KJP kein „neues“ Klientel. Insofern sind KJP sehr gut gerüstet, um mit einer entsprechenden Weiterbildung ihr Kompetenzspektrum auf das gesamte Erwachsenenalter mit seinen entwicklungsspezifischen Besonderheiten auszudehnen. Hochschulen oder auch die bestehenden Ausbildungsinstitute bzw. zukünftigen Weiterbildungsstätten könnten qualifizierende Weiterbildungen anbieten, die die vorhandenen Lücken schließen. Es stimmt vielleicht, dass das juristisch schwer umsetzbar ist, sofern dies jedoch politisch gewollt ist, wird sich ein Weg finden, der dies möglich macht.

DGVT: Für die DGVT steht die bestmögliche Patientenversorgung im Mittelpunkt. Welche Auswirkungen hat das neue Gesetz eurer Meinung nach auf die Patientenversorgung? Welche Vor- und Nachteile ergeben sich daraus?

Michael Borg-Laufs: Es muss sichergestellt werden, dass bereits im Approbationsstudium die Aspekte, die die Behandlung von Kindern, Jugendlichen und Familien betreffen, gleichberechtigt gelehrt werden. Letztlich ist die Behandlung von Patient*innen im Rahmen ihres Familiensystems ein sehr komplexer Prozess, der in der bisherigen PP-Ausbildung noch nicht ausreichend berücksichtigt wird. Wenn nun die Universitäten, deren Schwerpunkt bislang eindeutig auf der Behandlung Erwachsener liegt, das Psychotherapiestudium konzipieren, besteht die große Gefahr, dass entsprechende Kenntnisse und Kompetenzen nicht vermittelt werden. Hier könnte es wichtig sein, dass auch Hochschulen für angewandte Wissenschaften mit ihren Fachbereichen „Sozialwesen“, an denen auch bislang die Arbeit mit hoch belasteten Familien ein wesentlicher inhaltlicher Schwerpunkt ist, in die Psychotherapieausbildung mit einbezogen werden und ebenfalls Psychotherapiestudiengänge anbieten können – was im augenblicklichen Gesetzentwurf nicht vorgesehen ist. Für die Versorgung ist es auch nachteilig, wenn älter werdende Jugendliche bzw. junge Erwachsene die Behandlerin bzw den Behandler wechseln müssen. Diese Problematik würde in den Hintergrund treten, wenn sich KJP zu Psychotherapeut*innen nach dem neuen Gesetz weiterqualifizieren könnten.

Günter Ruggaber: Ich sehe hier ebenfalls die Gefahr, dass nach der Konzeption des neuen Gesetzes die KJP-Ausbildung qualitativ nicht das bisherige Niveau erreicht. Die DGVT hat stets darauf hingewiesen, dass ein eigenständiger KJP-Beruf für die Versorgung von Kindern und Jugendlichen ein großer Schritt nach vorn war. Es gilt nun darauf zu achten, dass bei der Zusammenführung der beiden Psychotherapeutenberufe im Rahmen des neuen Gesetzes die qualitativ-inhaltlichen Anforderungen aus KJP-Sicht im gesamten Qualifizierungsweg ausreichend berücksichtigt bleiben. Die DGVT hat mehrmals sehr deutlich gemacht, dass die Berücksichtigung von KJP im zukünftigen Studium bisher noch nicht ausreichend ist. Hier muss die noch ausstehende Approbationsordnung mehr Verbindlichkeit bringen. Hier wird es auch auf die Konkretisierung der Weiterbildungsordnungen durch die Psychotherapeutenkammern ankommen. Insbesondere müssen wir sehr darauf achten, dass auch beim Erwerb einer Zweitweiterbildung (also z. B. verkürzte KJP-Weiterbildung nach erworbener „Erwachsenenqualifikation“) hohe qualitative Ansprüche erfüllt sein müssen. KJP darf nicht zu einem Anhang der Erwachsenenweiterbildung herabgestuft werden. Und da bin ich wieder bei den heutigen KJP: Sie werden noch für sehr lange Zeit die Versorgung von Kindern und Jugendlichen auf hohem qualitativen Niveau sicherstellen. Die Darstellung von deren Kompetenz und Bedeutung, die im zukünftigen System erst noch erreicht werden muss, gilt es in der öffentlichen Wahrnehmung zu stärken. Hier sollten die Verbände aktiv werden – eine Aufgabe, der sich auch die DGVT jetzt mit Nachdruck widmen muss. Es geht ja schließlich zu einem beträchtlichen Teil um die Leute, die wir selbst ausgebildet haben.

DGVT: Habt ihr Vorstellungen darüber, welche konkreten Änderungen am neuen Gesetz vorgenommen werden müssten, damit die Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Zukunft besser, zumindest aber nicht schlechter wird?

Michael Borg-Laufs: Wir haben das ja beide schon angedeutet. Das Psychotherapiestudium muss zwingend die Behandlung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen im Blick haben und auf die jeweiligen Entwicklungsbesonderheiten eingehen. Das muss klar geregelt sein und für alle Ausbildungsbestandteile, auch für die Praxisanteile, gelten. Darüber hinaus muss meiner Meinung nach den bisherigen KJP die Möglichkeit zur Weiterqualifizierung gegeben werden, damit sie auch weiterhin in den Verbänden und an allen relevanten Stellen mit gewichtiger Stimme ihre Position einbringen können.

Günter Ruggaber: Ergänzend würde ich gerne noch etwas zu den geltenden Regelungen für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen sagen. Diese sind teilweise zu starr und praxisfern. So sollte eine Weiterbehandlung von Jugendlichen auch über das 21. Lebensjahr hinaus möglich werden, wenn das der Heilung dient. Ich denke auch, dass die Regeln für die Einbeziehung der Eltern im Behandlungsprozess flexibler gestaltet werden müssen. Hier sollte möglich gemacht werden, was aus fachlicher Sicht hilfreich ist, anstatt starrer Vorgaben zur Einbeziehungsfrequenz, die eine effektive Behandlung behindern. Das alles würde die Behandlung von Kindern und Jugendlichen verbessern – und das muss an dieser Stelle das Leitmotiv bleiben.

DGVT: Lieber Michael, lieber Günter, vielen Dank für eure Einschätzungen.

Interview: Milana Kirsch (DGVT)



Michael Borg-Laufs:

Dipl.-Psych., KJP, PP. Professor für Psychosoziale Arbeit mit Kindern sowie Dekan am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein. Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsanleiter in der Psychotherapieausbildung an mehreren Ausbildungsinstituten. Vertreter des Fachbereichstages Soziale Arbeit im Rahmen des Transitionsprozesses zur Gesetzesreform, Teilnehmer der öffentlichen Anhörung des Gesundheitsausschusses des Bundestags zur Reform.

Günter Ruggaber:
Dipl.-Psych., PP, DPT-Delegierter, Mitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft der Ausbildungsträger (BAG), Vertreter der BAG im Rahmen des Transitionsprozesses zur Gesetzesreform, Teilnehmer der öffentlichen Anhörung des Gesundheitsausschusses des Bundestags zur Reform, Geschäftsführer der DGVT-Ausbildungsakademie

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