Ein patientenorientiertes Plädoyer für mehr Demokratie und verständliche Begriffsbildung bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens von Wilfried Deiß (Facharzt für Innere Medizin/Hausarzt, Siegen)
Die Digitalisierung der innerärztlichen Kommunikation betrifft jeden aktuellen oder potenziellen Patienten, somit die gesamte Bevölkerung. Das zentrale Projekt dazu ist in Deutschland die elektronische Gesundheitskarte/Telematik-Infrastruktur. Obwohl jeder betroffen ist, ist der Informationsstand der Bevölkerung auffällig schlecht. Insbesondere über den Kern des Projekts, die elektronische Patientenakte, besteht Unwissenheit. Es handelt sich nämlich um eine zentrale, dauerhafte Cloud-Speicherung von intimen Patientendaten, die dem Arztgeheimnis unterliegen. Der Autor plädiert für mehr Offenheit, mehr Demokratie und verständliche Erklärungen.
Begriffe sind die Griffe, mit denen wir die Dinge greifen und hoffentlich begreifen. Wer begreift „Zentrale Telematik-Infrastruktur“? Selbst Ärztinnen und Ärzte in Deutschland, die nun nach aktueller Gesetzeslage mitsamt Sanktionsandrohung gezwungen werden, ihre Praxen bis zum 1.7.2019 an die Telematik-Infrastruktur anschließen zu lassen, haben z.T. nicht verstanden, worum es geht.
Und die Patienten? Bei ihnen ist erwartungsgemäß der Informationsstand noch schlechter. Die elektronische Gesundheitskarte ist inzwischen bekannt als Versichertenkarte mit Foto, und manche Patienten haben gehört, dass irgendwann die persönlichen Arztberichte „auf der Karte“ gespeichert werden sollen.
„Auf der Karte“ ist nicht auf der Karte, sondern ganz woanders
Dass die Karte nur der Schlüssel zum bundesweiten Netzwerk ist, in dem Arztberichte dauerhaft gespeichert werden sollen, wissen nur die wenigsten [1].
Diese Desinformation ist allerdings kein Zufall. Seit Start des Projekts eGesundheitskarte/Telematik-Infrastruktur 2005 bleibt die Notwendigkeit der zentralen Datenspeicherung als Kern des Gesamtprojekts systematisch unerwähnt. Noch heute ist auf der Homepage der Gematik bei den Erläuterungen zur elektronischen Gesundheitskarte zu lesen: „Neben den Versichertenstammdaten können – mittels der Elektronischen Gesundheitskarte – später auch medizinische Daten gespeichert werden.“ Die zentrale und dauerhafte Speicherung wird nirgends beschrieben und erläutert.
Selbstverständlich benötigen wir eine zeitgemäße und tatsächlich auch praktikablere Informationsübertragung im Gesundheitswesen. Der Medienbruch von digital zu analog (Post, Fax) und zurück nach digital (Einscannen) ist unsinnig, umständlich und antiquiert. Wir benötigen unzweifelhaft eine gesicherte, verschlüsselte Punkt-zu-Punkt-Übertragung von Dokumenten im Gesundheitswesen. Aber es besteht keine zwingende Notwendigkeit für eine dauerhafte, zentralisierte Datenspeicherung von Patienteninformationen in einer Daten-Cloud. Meine Grundeinstellung diesbezüglich: Das Internet ist eine geniale Erfindung. Aber nur für Informationen, die für die Öffentlichkeit gedacht sind. Oder gerade eben noch für Informationen, bei denen kein relevanter Schaden entsteht, wenn sie versehentlich an die Öffentlichkeit oder in kriminelle oder potenziell repressive Hände geraten.
Eine gesicherte digitale Informationsübertragung im Gesundheitswesen
Kurz ein Schritt zurück in der Technik-Historie zum Hightech der 70erund 80er-Jahre. Als damals die Faxgeräte aufkamen, musste niemand aufwendig zur Anschaffung überzeugt oder gezwungen werden. Der Sinn und die Praktikabilität/Alltagstauglichkeit des Geräts waren sofort zu er-kennen. Beim Telematik-Projekt gibt es nicht einmal ein vollständig funktionierendes Modellprojekt, an dem man Praktikabilität und Nutzen zumindest der wichtigsten medizinischen Anwendungen überprüfen hätte können.
Retrospektiv ist das Faxgerät (in seiner ursprünglichen, analogen Form) zudem ein gutes Beispiel für den Unterschied zwischen Einzelfallrisiko und Kollektivrisiko. Faxen ist eine Punkt-zu-Punkt-Kommunikation (heutzutage sind allerdings Fax-Server dazwischengeschaltet, weil die analogen Faxdaten für den Transport digitalisiert werden). Selbstverständlich sind schon unzählige zufällige Faxe fälschlicherweise an unzählige zufällige falsche Empfänger versendet worden. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Irrläufer-Fax erstens eine kriminell verwendbare Information enthält und außerdem an jemanden gerät, der diese verwenden will und kann, extrem klein. Im Gegensatz dazu wird bei einer dauerhaften, zentralen Speicherung das Einzelfallrisiko zum Kollektivrisiko und der Datenspeicher (Cloud) zur idealen Angriffsfläche für kriminelle Aktivitäten [2].
Unehrliche oder ehrliche Fragen an Patienten?
Nun wieder zur Patientenperspektive: Es gibt eine unehrliche und eine ehrliche Frage an Patienten. Die unehrliche: „Möchten Sie, dass in Zukunft alle Ärzte, denen Sie das erlauben, mithilfe Ihrer elektronischen Gesundheitskarte ihre medizinischen Befunde einsehen können?“ Fragen dieser Art sind in Akzeptanzstudien oft gestellt worden und von Patienten überwiegend bejaht worden. Die ehrliche Variante aber lautet: „Damit Sie allen Ärzten zu jeder Zeit die Erlaubnis erteilen können, Ihre medizinischen Befunde einzusehen, müssen alle Arztberichte in einer zentralen Datenbank dauerhaft gespeichert werden. Möchten Sie, dass in Zukunft Ihre persönlichen Arztberichte, die allesamt dem Arztgeheimnis unterliegen, nicht mehr nur bei Ärzten gespeichert werden, sondern zusätzlich alle zusammen und dauerhaft in einer bundesweiten zentralen Datenbank, also in einer Daten-Cloud?“
Genau darum geht es aber. Der Kern der Telematik-Infrastruktur (= TI), die zentrale Telematik-Infrastruktur, der Sitz der elektronischen Patientenakte (= ePA), ist nichts anderes als eine Daten-Cloud. Ich selbst habe mich daher entschieden, einen Begriff zu verwenden, der besser verständlich ist. Nicht mehr zentrale Telematik-Infrastruktur oder vielleicht noch Gesundheitsdaten-Cloud, sondern stattdessen: Arztgeheimnis-Cloud. Es sind nämlich ganz besondere Daten, um die es hier geht, nicht die üblichen Nutzerdaten, die bei Facebook, Whatsapp, Amazon, Google anfallen (und selbst da ist das Missbrauchspotenzial hoch), sondern persönliche und intime Informationen über Menschen, insbesondere in somatischen und psychischen Ausnahmesituationen. Eine Foto-Cloud speichert Fotos. Eine Musik-Cloud speichert Musik. Die Arztgeheimnis-Cloud speichert Arztgeheimnisse – wenn wir das wirklich wollen. Ich plädiere für eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung. Selbstverständlich hat die Cloud-Speicherung von Patienteninformationen einen Verfüg-barkeitsvorteil. Aber ist der medizinische Nutzen wirklich groß genug, um die Risiken zu rechtfertigen? Wo sind die großen Modellversuche, die den Nutzen nachweisen? Man muss sich klarmachen, dass der persönliche Schaden bei Gesundheitsdaten-Missbrauch irreparabel sein kann, da reicht es nicht, einen Account zu löschen oder ein Passwort zu ändern [2]. Und wie sind Rechtslage/Haftungsfragen, wenn wie in einigen Ländern schon geschehen, nicht nur einzelne, sondern gleich Millionen Patienten-Datensätze entwendet werden, mit denen jetzt schon ein lukrativer Handel im Darknet betrieben wird? Sicher ist, dass die erforderliche Einverständniserklärung des Patienten die Risiken auf den Patienten verlagern wird.
Authentischer Begriff: Arztgeheimnis-Cloud
App-Zugang oder die Selbstvernichtung der Datensicherheit
Bezüglich der digitalen Rückständigkeit der Bundesrepublik Deutschland wird oft auf das Beispiel von Estland verwiesen, wo es schon seit über 15 Jahren eine zentrale Datenspeicherung von Patientendaten gibt. In Estland entstand das damals unter völlig anderen Bedingungen: eine Krankenkasse für alle Esten. Damit gelten gleiche Bedingungen für alle, und es gibt keine Konkurrenz von Krankenkassen untereinander. Damit einher geht ein hoher Grad von Gemeinwohlorientiertheit und Transparenz. Big Data war damals noch kein Thema, es gab auch keine Interessen von Großkonzernen und der Pharmaindustrie. Ob das in Estland auf Dauer gut gehen wird, weiß ich nicht. Jedenfalls sind die Voraussetzungen ganz anders als in Deutschland. In Norwegen, Dänemark und den USA sind bereits Millionen von Patientenakten gehackt worden [2]. Patientenakten werden aktuell im Internet für etwa 60–100 Dollar gehandelt, bestens geeignet für Identitätsdiebstahl oder Erpressungen.
Ansonsten möchte ich – gerade auch aus hausärztlicher Sicht – eine Art Lackmustest für die Digitalisierung im Gesundheitswesen anregen, basierend auf einer einfachen Erkenntnis: Digitalisierung bezüglich einer konkreten Problemstellung ist nur dann sinnvoll, wenn sie mehr kann, als schon analog geht. Wie folgt: Was für die allgemeine Patientenbehandlung und im Notfall unbedingt nützlich ist.
Das wichtigste Informationswerkzeug im Gesundheitswesen ist eine aktuelle Diagnoseliste (mit Unverträglichkeiten/Allergien) in Verbindung mit einem aktuellen Medikationsplan. Die Kombination aus beidem nenne ich Diagnosen-Medikations-Dokument. Bei unseren Patienten ist das ein im lokalen Praxisverwaltungssystem digital gespeichertes Dokument, aus dem mit einem Tastendruck ein DIN-A4-Ausdruck erstellt werden kann. Dieses wichtige Blatt Papier gibt der Arzt persönlich in die Hand des Patienten. Bei jeder Änderung von Medikamenten, Dosierungen, Diagnosen, Unverträglichkeiten (das passiert etwa bei jedem 2. oder 3. Patientenkontakt!) wird neu ausgedruckt. Das Dokument kann der Patient selbst lesen. Er kann Fragen dazu stellen. Er kann Fehler erkennen, die ich vielleicht als Arzt beim Eintragen gemacht habe. Er kann selbst entscheiden, welchem Spezialisten oder Krankenhaus er das Dokument vorlegt.
Nun der Test: Schafft es ein digitales System wie die TI/Arztgeheimnis-Cloud, diese alltagsrelevanten Informationen (mit denen sich übrigens jeder Notfall bewältigen lässt) genauso sicher, unkompliziert und praktikabel zur Verfügung zu stellen wie das Stück Papier namens Diagnosen-Medikamenten-Dokument? Oder finden sich die relevanten Informationen lediglich in einem Meer von Datenmüll nach stundenlangem Suchen und nur unter der Voraussetzung, dass der Arzt Internetverbindung hat?
Aus Digitalisierung wird Digitalismus
Abschließend noch eine Anmerkung zur digitalen Rückständigkeit in Deutschland. Inzwischen hat man den Eindruck, aus Digitalisierung ist eine Art Digitalismus geworden, eine Entwicklung, die wie ein Schicksal hinzunehmen sei und nicht hinterfragt werden darf. Wie wäre es denn, wenn wir zurück auf den Boden der Demokratie kommen, den Patienten die ehrlichen Fragen stellen und danach mit Patienten und Ärzten zusammen die fraglos großen Möglichkeiten digitaler Technik praxistauglich nutzen:
Vielleicht sind wir ja demnächst nicht rückständig, sondern das einzige Land weltweit, in dem einerseits ein funktionierendes digitales Informationsaustauschsystem im Gesundheitswesen ohne dauerhafte zentrale Speicherung von Patienteninformationen existiert und anderseits die Arztgeheimnisse der Patienten nicht gehackt worden sind und auch nicht gehackt werden können. Und die komplette Patientenakte? Die kann als digitale Kopie der lokalen, hausärztlichen Daten auch heute schon mit wenig Aufwand dem Patienten in verschlüsselter Form an die Hand gegeben werden, wenn der Patient das wünscht.
Eine sehr alte Regel, die noch immer gilt
Wir Ärzte würden dann das tun, was wir seit dem Altertum schon immer tun sollten: primum nil nocere. Vor allem nicht schaden. Die notwendige Abwägung von Nutzen und Schaden gilt nicht nur für Medikamente und Operationen, sondern auch für die Verwendung von Technik. Der Gegner dieser Menschlichkeit in der Medizin sind Machtverhältnisse und Profitinteressen bei einem gleichzeitigen Defizit von Demokratie.
Genau deshalb die Frage: Wissen wir, was wir tun?
Über den Autor:
Wilfried Deiß ist Facharzt für Innere Medizin und Hausarzt. Jahrgang 1960, seit 1997 niedergelassen als Hausärztlicher Internist in Siegen/Nordrhein-Westfalen.
Literatur
[1]Quelle: Gesundheit braucht Politik, Heft 4/2019; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.