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Geschlechtliche Vielfalt und Identität: Ein Thema auch für die Frühen Hilfen[1]


Interview von Stefanie Bärwald und Andrea Fuhrmann (Redaktion inforo) mit Katrin Frank (Der Paritätische)

Ein offener und sensibler Umgang mit geschlechtlicher Identität ist für die gesunde Entwicklung eines Menschen von großer Bedeutung. Das Wissen über das Thema sollte auch in den Frühen Hilfen zum Standardrepertoire gehören. Ein Interview mit Mari Günther (Bundesverband Trans* und Beratungsstelle Queerleben Berlin) und Katrin Frank (Der Paritätische Gesamtverband).

Wie haben Sie zu diesem Thema und zueinander gefunden?

Katrin Frank: Ich arbeite schon länger im Bereich der Familien- und Frauenpolitik, habe aber vor meiner Zeit beim Paritätischen die Themen LSBTIQ, trans* und inter* meist nur gestreift. Dank unserer Mitgliedorganisationen wie dem LSVD, aber auch aufgrund des intensiven Austauschs mit dem BV Trans* habe ich mich in den vergangenen Jahren immer intensiver in das Themenfeld eingearbeitet. 2018 hatten wir im Paritätischen anlässlich des siebzigsten Jahrestags der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte eine verbandsweite Menschenrechtskampagne. Im Fokus standen hierbei auch Themen der sexuellen Identität und geschlechtlichen Vielfalt.  Mit meinen Kolleg*innen der Kinder- und Jugendhilfe und aus dem Bereich Kita arbeite ich seither intensiv zusammen, damit queere Themen in unseren Fachveranstaltungen immer wieder Berücksichtigung finden. Vergangenes Jahr gab es beispielsweise ein politisches Fachgespräch zum Thema Frühe Hilfen und geschlechtliche Vielfalt. So sind Sie ja auch auf uns aufmerksam geworden.

Inwiefern ist Geschlechtliche Vielfalt ein Thema für die Frühen Hilfen?

Katrin Frank: Wir haben im Paritätischen gemerkt, dass es bundesweit noch immer wenig Beratungs- und Informationsmöglichkeiten zu geschlechtlicher Vielfalt in den Frühen Hilfen bzw. für Kleinkinder und deren Eltern gibt. Das Thema muss aus unserer Sicht viel stärker in den Vordergrund gerückt werden. Auch etwa im Bereich Kita, wo die drei Dimensionen Eltern, Kinder und Fachkräfte aufeinandertreffen. Dort kommt es beispielsweise zu Situationen, in denen ein Kind sagt, dass es nicht mehr Antonia, sondern Anton heißen möchte. Oder in denen Eltern verunsichert sind, weil ihr Kind immer mit Autos spielen möchte, obwohl es vom biologischen Geschlecht her ein Mädchen ist. Mit solchen Situationen kommen die Fachkräfte und auch die Eltern in Berührung und suchen Rat und Hilfe. Das Thema ist wichtig, weil in den ersten Lebensjahren die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes stattfindet. Sind die Eltern oder Fachkräfte unsicher, sind auch die Kinder unsicher. Es geht auch um die Frage, wie man privat oder professionell mit dem Thema umgeht und wie befangen oder unbefangen man als Erwachsener dabei selbst ist.

Mari Günther: Warum sollte das Thema nicht wichtig sein für die Frühen Hilfen? Im Moment müssen wir feststellen, dass die Jugendhilfe insgesamt und insbesondere die Frühen Hilfen sehr hetero- und cis-normativ strukturiert sind. Das heißt, man geht immer von heterosexuellen Familienmodellen aus und man geht immer wieder von einer cis-normativen [Person identifiziert sich mit dem Geschlecht, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde; Anm. d. Redaktion] Entwicklung aus. Aus dem aktuellen Wissenschaftsdiskurs ist das auch immer noch begründet, denn es gibt bisher keine brauchbaren entwicklungspsychologischen Beschreibungen einer pathologiefreien transgeschlechtlichen Entwicklung. Also es wird nicht die Frage gestellt, ob es möglicherweise verschiedene geschlechtliche Identitäten gibt und ob die in unserem Arbeitsfeld eine Rolle spielen. Und dann muss man schauen. Inwieweit betrifft dies Kinder z. B. in Krabbelgruppen und Kitas? Und wie kann man mit geschlechtlicher Vielfalt respektvoll umgehen? Wie können Eltern ermuntert werden, deutlich zugewandter zu ihren Kindern zu sein? Zum anderen sind die Frühen Hilfen noch lange nicht dafür aufgestellt, z. B. trans* geschlechtliche Eltern in solchen Situationen zu begleiten und sinnvolle sowie respektvolle Unterstützungsbedarfe zu formulieren und umzusetzen. Ein weiteres großes Feld ist die Frage der intergeschlechtlichen Kinder, wo wir auch im Jahr 2019 immer noch eine massive Gewaltsituation haben. Intergeschlechtliche Kinder werden geschlechtszuweisend behandelt und es gibt kein Operationsverbot oder Verbotsmoratorium.

Und an dieser Stelle sollten die Frühen Hilfen, und zwar immer mit inter* Verbänden zusammen, ein adäquates Unterstützungsangebot für Eltern und ihre Kinder zur Verfügung stellen. Damit diese Eltern entspannt und auch halbwegs sicher mit ihren intergeschlechtlichen Kindern zurechtkommen. Von medizinischer Seite wird immer noch ein psychosozialer Notfall konstruiert und ein Behandlungsangebot erzeugt, was fachlich und menschenrechtlich völlig absurd ist. Und die Frühen Hilfen könnten da gut flankierend tätig werden, gemeinsam mit inter* Verbänden, wenn sie denn das Feld besetzen. Das ist ihre Aufgabe.

Katrin Frank: Das möchte ich noch ergänzen: Gerade in den ländlichen Räumen gibt es kaum spezielle Beratungseinrichtungen zu geschlechtlicher Vielfalt, und die Eltern stehen teilweise sehr allein da, auch wenn es vor Ort ausreichend und gute Angebote der Frühen Hilfen gibt. Nicht alle Berater*innen können in adäquater Weise mit den vielfältigen Fragen umgehen. Das erwarten wir auch nicht. Allerdings sollten alle Berater*innen eine professionelle Haltung zu dem Thema haben und zu geeigneten Stellen verweisen können. Hier ist spezielles Know-how erforderlich. Wir brauchen in Deutschland noch mehr unterstützende Materialien für die Fachpraxis, die eine Art Grundstock an Wissen vermitteln. Zudem müssen noch mehr passgenaue Beratungsangebote für queere Menschen und deren Angehörige geschaffen werden. Eine verlässliche Finanzierung ist hierfür unbedingt erforderlich.

Wir reden bei den Frühen Hilfen über Kinder von 0 bis 3 Jahren. Gibt es einen Zeitpunkt, ab wann Fachkräfte der Frühen Hilfen unterstützen können? Gibt es ein „zu früh“?

Mari Günther: Wenn ein inter* Kind geboren wird, ist es da. Da gibt es kein zu früh. Das lässt sich teilweise bereits pränatal feststellen. Natürlich müssen (Familien-)Hebammen informiert sein. In der Hebammenausbildung ist es immer noch ein großes Tabu, dass es Kinder mit intergeschlechtlichen Genitalien gibt, die dann vielleicht einen besonderen Versorgungsbedarf haben. Und auch bei den Eltern gibt es ein großes Unwissen, und da müssen Fachkräfte präsent sein und das Wissen vermitteln – von Anfang an.

Die Frage der geschlechtlichen Identität stellt sich wiederum häufig mit dem Spracherwerb, und dann sind wir bei Kindern im Alter von ca. drei Jahren. Das ist dann die Übergangsphase in Folgeangebote, aber auch da muss eine Grundhaltung da sein, weil es auch um die Begleitung der Eltern geht. Ein Beispiel: Wenn ein trans* Mann ein Kind bekommt und möglicherweise in einer schwierigen psychosozialen Situation ist, braucht er eine kompetente Hebamme und eine Geburtsklinik, die im besten Fall bereits einen Mann betreut haben, der ein Kind bekommt. Und die brauchen auch die Frühen Hilfen, um von vornerein mit dem Thema geschlechtliche Vielfalt und besonderen Versorgungsbedarfen vertraut zu sein.

Katrin Frank: Von unseren psychosozialen Berater*innen wird oft zurückgemeldet, dass Eltern, die bspw. eine Familienberatung zu einem anderen Thema in Anspruch genommen haben und sich gut beraten und aufgehoben fühlten, dann auch zum Thema geschlechtliche Vielfalt bei der gleichen Stelle Rat suchten. Geschlechtliche Vielfalt ist ein sehr intimes Thema und Vertrauen ist sehr wichtig. Deswegen ist es definitiv auch ein Thema für die Frühen Hilfen. Gerade in ländlichen Räumen, wenn es keine Fachberatungsstellen zu diesem Thema gibt, sind es oft auch Schwangerschaftsberatungsstellen, die aufgesucht werden.

Mari Günther: Das sollte im Grunde Basiswissen sein. Wie man weiß, dass Menschen in der Regel fünf Finger haben, wenn sie auf die Welt kommen, sollte man auch wissen, dass es intergeschlechtliche Kinder gibt. Und dass die geschlechtliche Integrität eines jeden Menschen zu schützen und zu bewahren ist.

Katrin Frank: In den Frühen Hilfen muss der Beratungsbegriff rund um inter* und trans* noch viel breiter verstanden werden. Gerade kleine Kinder artikulieren sich ja noch nicht eindeutig. Außer in den Fällen, in denen die Eltern irritiert sind, z.B. wenn das Kind plötzlich anders heißen will. Unser Bestreben im Verband ist es, das Wissen noch stärker in die Fläche zu tragen. Im Dialog mit den Landesverbänden stellen wir fest, dass es noch immer starke regionale Unterschiede gibt. Von Bundesland zu Bundesland, aber auch von Land zu Stadt. Deshalb wollen wir die Anfangsberatungskompetenz vergrößern und die Vernetzung verbessern.

Mari Günther: Das Thema Geschlecht, das Thema Genitalien, das Thema geschlechtliche Identität, das ist unheimlich schambesetzt in der Gesellschaft. Es wird kaum darüber geredet, es gibt ein Riesentabu, und das spiegelt sich leider auch bei den Fachkräften wider. Aber es erspart Menschen unglaublich viel Leiden, wenn sie eine Einladung verspüren, solch ein schambesetztes Thema anzusprechen. Je eher, desto besser. Das ist ein entscheidender Gesundheitsfaktor. trans*- und inter* Personen beschreiben häufig: Wenn der erste Kontakt irritierend ist oder ihnen mit so einem angeekelten Gesichtsausdruck begegnet wird, dann kann das dazu führen, dass es locker fünf, sechs Jahre dauert, bis die Leute wieder einen Versuch machen. Und das ist eine massive Einschränkung.

Welche Folgen kann so ein falscher Umgang mit der geschlechtlichen Identität haben?

Mari Günther: Gerade für trans* Kinder ist es ein großes Belastungsthema, wenn sie das Gefühl haben, dass sie nicht richtig sind. Dann ziehen sie sich sehr zurück und haben einfach große Angst, kein geliebtes Kind mehr zu sein. Es gibt Kinder, die auch rückblickend gesagt haben, „ich war drei, vier Jahre alt und da war es das Wichtigste, von meinen Eltern geliebt zu werden. Demzufolge habe ich nie wieder was über meine geschlechtliche Identität gesagt“. Als Kind brauche ich die Liebe meiner Eltern und gleichermaßen brauche ich aber auch die Anerkennung meiner gesamten Persönlichkeit. Wenn sich Kinder so früh schon für die Nichtanerkennung ihrer Persönlichkeit entscheiden müssen, dann müssen sie sich unglaublich wehtun. Je länger Menschen solche Geheimnisse mit sich herumtragen, desto mehr ist das ein Belastungsfaktor und das führt recht häufig zu psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Schweigen macht in diesem Fall krank.

Gibt es Signale, die Kinder aussenden, die Fachkräfte erkennen können?

Mari Günther: Wenn Kinder ein Belastungsthema haben, dann werden sie irgendwann auffällig. Weil sie sich zu sehr zurückziehen, weil sie zu viel schweigen, weil sie zu wenig mit anderen spielen, irgendwelche Ticks entwickeln, weil sie undefinierbare Bauchschmerzen haben, weil sie soziale Einrichtungen meiden, usw. Was Kinder konkret entwickeln können, um mit so einer Belastungssituation zurecht zu kommen, an Störungsbildern, an Symptomen, das ist so unspezifisch, das kann alles sein. Das heißt im Umkehrschluss: Immer, wenn Fachkräfte über ein Problem nachdenken, müssen sie die Frage des Geschlechts, der geschlechtlichen Identität, mitdenken. Also genauso wie sie überlegen, ob da vielleicht eine Allergie eine Rolle spielt, eine Elternproblematik vorliegt; das wird ja alles immer durchgekaut. Gleichermaßen muss immer überlegt werden: Hat das Kind möglicherweise ein Problem mit seiner Geschlechtszuordnung oder ist es ein intergeschlechtliches Kind, mit dem die Eltern nicht zurechtkommen? Gibt es da irgendwelche Tabus, irgendwelche Sprechverbote innerhalb des Familiensystems? Das gehört zum allgemeinen Handwerkszeug.

Gibt es bereits einschlägige professionelle Angebote?

Katrin Frank: Es gibt Fortbildungsreihen, z. B. vom Bundesverband Trans*, aber dass der Bund oder die Länder Geld in die Hand genommen hätten und sagen, wir gründen jetzt pro Bundesland bspw. drei Fachberatungs- oder Kompetenzzentren, wo es professionelle Beratung und Fachberatung zum Thema queer gibt, davon sind wir in Deutschland noch weit entfernt. Für uns im Paritätischen wird deshalb auch der Dialog mit unseren Mitgliedsorganisationen als sehr wichtig empfunden. Sie sitzen vor Ort und leisten die Arbeit in den Regionen. Viele haben uns rückgespiegelt, dass es dreierlei braucht: allgemeine psychosoziale Beratung, Fachberatungszentren und peer to peer Beratung. Wir streiten deswegen für alle drei Bereiche: Die Peer-to-Peer-Beratung zu stärken, Fachberatungszentren einzurichten und das Thema queer allgemein in der sozialen Arbeit und der psychosozialen Beratung zu verorten. Daher wäre es ideal, die drei Ebenen zu verbinden. Heute sind wir noch immer weit von einem Konzept auf Bundesebene entfernt.

Hebammen werden ja zum Beispiel zu Familienhebammen qualifiziert. Gibt es Pläne, das Thema in den Qualifizierungsrahmen aufzunehmen, um die Fachkräfte bereits in der Ausbildung zu sensibilisieren?

Mari Günther: Diese ganzen Ausbildungscurricula sind hochumkämpft. Weder bei der medizinischen, der psychotherapeutischen noch bei der sozialpädagogischen Ausbildung wird das Thema der geschlechtlichen Vielfalt angemessen gewürdigt. Die freien Spitzen sind häufig sehr wenige und im Moment würde wahrscheinlich auch das Personal fehlen, um das umzusetzen. Außerdem ist das Risiko recht hoch, dass man mit Leuten arbeitet, denen das Thema suspekt erscheint. Deswegen würde ich eigentlich den Fortbildungs- oder Weiterbildungssektor präferieren. Wir plädieren für eine sogenannte Community-basierte Beratung, d. h. auch die professionelle Fachkraft, die Psychologie studiert hat und Beratung anbietet, sollte das nur tun, indem sie sich permanent mit der Community, also mit anderen Beraterinnen und Beratern vor Ort und mit Selbsthilfegruppen, abspricht. Außerdem kann die persönliche Begegnung bei der Bearbeitung eigener Vorurteile, Ängste und Unsicherheiten helfen. Dabei geht es vor allem um die Entwicklung einer Haltung und um Selbstreflektion. Wenn Fortbildende, die trans* oder inter* sind, mit den Leuten arbeiten, ist das ein großer Vorteil. Sonst wird es nicht erlebbar und bleibt abstrakt und man läuft Gefahr, eigene Unsicherheiten in das Beratungsgespräch zu tragen.

Ich denke, es sollte auch das bestehende Potenzial in der Beratung genutzt werden. Eine Menge trans* und inter* geschlechtliche und schwule und lesbische Kolleginnen und Kollegen arbeiten im sozialen Bereich, werden aber immer noch nicht eingeladen, ihre Erfahrungen und Expertise in ihre Arbeit mit einzubringen und dafür auch wertgeschätzt und gewürdigt zu werden. Das heißt ja nicht, dass jeder, der persönliche Erfahrungen hat, das zwangsläufig zur Expertise umwandeln muss, aber es wäre dienlich, zumindest mal in die Richtung zu fragen und bei Ausschreibungen besonders inter* und trans* Personen zu einer Bewerbung zu ermutigen.

Gibt es in Beratungssituationen Herausforderungen, die sich daraus ergeben, dass es keine entsprechende Förderung und Infrastruktur gibt?

Mari Günther: Daraus ergibt sich zunächst, dass ich den Menschen nichts anbieten kann. Wir haben eigentlich erstmal den Anspruch, zu Geschlecht und geschlechtlicher Identität zu beraten. Weil aber die Leute dort eigentlich mit allen Fragen hinkommen, sind wir gleichzeitig eine Gesundheitsberatung, eine Erziehungsberatung, eine Beziehungsberatung usw. Ich muss ein Netzwerk schaffen und mit Menschen und Beratungsstellen bekannt sein und deren Arbeitsweise kennengelernt haben, bevor ich die Leute mit einem relativ guten Gefühl hinschicken kann.

An wen tragen Sie Ihre Forderungen heran?

Katrin Frank: Wir sind als Spitzenverband der Wohlfahrtspflege natürlich in Kontakt mit Bundestagsabgeordneten und dem Bundesfamilienministerium.

Welche Reaktionen haben Sie erlebt?

Katrin Frank: Es ist natürlich immer abhängig davon, mit wem man spricht. Die queerpolitischen Sprecher*innen aller demokratischen Fraktionen im Bundestag sind dem Thema gegenüber natürlich sehr offen. Für uns ist natürlich auch das Familienministerium sehr interessant. Wir stehen als Paritäter*innen sowohl auf der Bundes- als auch Landesebene immer wieder dafür ein, dass die Beratungsangebote besser finanziell ausgestattet sind.

Mari Günther: Dadurch, dass es emotional besetzt ist, erzeugt dieses Thema viele Abwehr- und Vermeidungsreaktionen. Im Bereich der Landespolitik, hier bezogen auf das Land Berlin, gibt es eine Senatsverwaltung, die dafür zuständig wäre und eine Familienberatung zum Thema geschlechtliche Vielfalt finanzieren könnte, und die zieht sich auf die Aussage zurück: „Wir haben Erziehungs- und Familienberatungsstellen, und die sollen sich doch die Expertise aneignen, um das auch anzubieten". Sie tut natürlich aber auch nichts dafür, dass diese Expertise dort entsteht. Auf der Ebene der Bundespolitik stellen wir fest, dass die Gesetzesentwürfe, die da im Moment produziert werden, das Unwissen und die Vermeidungstendenzen der Regierungsparteien wiederspiegeln. Das ist für uns ein Zeichen, dass da ganz wenig Wissen besteht.

Was würden Sie Fachkräften raten, die ihre Kolleginnen und Kollegen oder die Trägerschaft sensibilisieren wollen?

Mari Günther: Also erstmal würde ich diesen Personen empfehlen, sich Verbündete zu suchen. Wenn sich eine Cis-Person [Person identifiziert sich mit dem Geschlecht, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde; Anm. d. Redaktion] nämlich für dieses Thema einsetzt, dann wird sie häufig mitstigmatisiert. Ich würde als erstes zu einer Selbsthilfegruppe, zu einer Transberatung, zu einem Landesverband gehen und nach Möglichkeiten zur Vernetzung suchen. So entsteht Kontakt zur Community und die Beteiligten begegnen sich auf Augenhöhe. Damit verhindert man auch, eine zu paternalistische Haltung einzunehmen. Bevor z. B. eine Sozialpädagogin oder ein Sozialpädagoge sich mit der geschlechtlichen Identität eines Kindes beschäftigt, sollte sie oder er ein Gefühl dafür entwickeln, was das im Einzelfall bedeutet. Schönes Beispiel: Eine Mutter erzählte mir, dass ihr Kind Röcke anziehen wollte und die Kitaerzieherin sagte: „Jawoll, jetzt nehmen wir alle deine Hosen und schließen sie in den Schrank und du musst die nie wieder anziehen.". Sie hat sozusagen aus der Idee heraus, die Möglichkeiten zu erweitern, die alte Dichotomie weitergeführt. Sowas sollte natürlich nicht passieren.

Haben Sie das Gefühl, dass die Gesellschaft in den letzten Jahren dem Thema gegenüber offener geworden ist?

Katrin Frank: Ich denke, es ist stärker sichtbar oder stärker im Diskurs; allein durch die Gesetzesvorhaben, die jetzt auf dem Weg sind, beziehungsweise waren. Meiner Meinung nach ist da in den letzten zwei, drei Jahren viel passiert. Dennoch hat das Thema immer noch einen gewissen Exotenstatus inne. Das muss sich ändern.

Marie Günther: Ich finde es natürlich immer gut, wenn es überhaupt thematisiert wird und auch Netflix-Serien finde ich meist besser als nichts, obwohl manches natürlich fragwürdig ist. Es gibt immer noch Falschinformationen und Diskriminierung. Zum Beispiel der Irrglaube, kindliche geschlechtliche Identität mit einer sogenannten „Frühsexualisierung“ zu verknüpfen, obwohl die Geschlechtsidentität nichts mit Sexualität zu tun hat.

Um zum Abschluss einen kleinen Ausblick zu wagen: Haben Sie für die nächste Zeit konkrete Schritte geplant?

Katrin Frank: Bei uns im Paritätischen Gesamtverband stehen jetzt Elternarbeit, Frühe Hilfen, Kinder- und Jugendhilfe sowie der Bereich Kita im Fokus. Wir wollen erstmal fragen, welche Expertise überhaupt in unserem Verband vorhanden ist. Für Februar 2020 ist eine entsprechende Tagung für unsere Mitglieder angedacht. Wir wollen klären: Was bedeuten eigentlich queere Themen für uns? Auf was können wir uns im Paritätischen überhaupt verständigen und wie wollen wir arbeiten?

Mari Günther: Wir vom Bundesverband haben natürlich die gesamte Lebensspanne im Blick. Es gibt im Moment drei wichtige Handlungsfelder. Erstens schauen wir, was passiert auf rechtlicher Ebene? Gibt es ein selbstbestimmtes Recht auf geschlechtliche Identität, auch für Kinder und Jugendliche? Das zweite Handlungsfeld ist die Frage der Gesundheitsversorgung. Welche medizinischen Leitlinien sind relevant für die Versorgung und was wird da umgesetzt? Das dritte Feld ist die Beratung. Wie können Beratungsstrukturen entwickelt werden? Gibt es irgendwann eine bundesweite Idee von Finanzierung und werden in diesen Beratungsangeboten auch alle Generationen abgedeckt? Ist diese Beratung auch in der Lage, kompatibel mit Frühen Hilfen zu beraten, ist es anschlussfähig? Da sind wir noch ganz am Anfang.

Dieses Interview wurde zuerst im Januar 2020 bei inforno veröffentlicht.

 


[1]Quelle: inforo (www.inforo.online - Portal für den Fachaustausch) und Newsletter des Paritätischen Gesamtverbands Blogbeiträge; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Projektleitung inforo, der Redaktion des Paritätischen und der Autorinnen.


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