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Schreiben der Psychotherapeutenverbände Gesprächskreis II an GesundheitspolitikerInnen der Parteien vom 2. Mai 2003

Gesundheitsreform – die Perspektiven der Politik und die Vorstellungen der Psychotherapeuten


Sehr geehrter Herr Schmidbauer,

der Gesprächskreis II ist ein Zusammenschluss aller Verbände der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und aller gemischten Verbände, in denen Ärztliche, Psychologische und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten gemeinsam zusammengeschlossen sind. Die Verbände des GK II haben sich zusammengefunden, um in dieser Zeit des Reformdrucks im Gesundheitswesen die Interessen der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten zusammenzuführen und gemeinsam nach außen, d.h. insbesondere gegenüber der Politik und der Öffentlichkeit, zu vertreten.

Inzwischen liegen die ersten Vorschläge zur Reform des Gesundheitswesens auf dem Tisch. Dabei zeichnen sich sehr unterschiedliche Vorstellungen zwischen den verschiedenen Gruppen ab.

Vor diesem Hintergrund möchten wir Sie um einen Gesprächstermin bitten, bei dem wir mit Ihnen über die notwendigen Veränderungen bzw. Entwicklungen im Gesundheitswesen sprechen können und Ihnen insbesondere die Vorstellungen der Psychotherapeuten über ihre zukünftige Rolle in der Gesundheitsversorgung vermitteln wollen. Von unserer Seite aus sollten an dem Gespräch sechs Personen als eine Art Delegation der PT-Verbände teilnehmen können.

Ganz vorrangig geht es uns dabei darum, das System der flächendeckenden, kollektivvertraglich geregelten hausärztlichen, fachärztlichen und psychotherapeutischen Versorgung unter dem Dach der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zu erhalten. Für den psychotherapeutischen Versorgungsbereich müssen allerdings folgende zusätzliche Bedingungen erfüllt werden, sollen die noch jungen Errungenschaften des Psychotherapeutengesetzes für die Bevölkerung auch zukünftig erhalten werden:

  1. Verbleib der psychotherapeutischen Leistungserbringer im Kollektivvertragssystem
  2. Erhalt des direkten Erstzugangs des Patienten zum Psychotherapeuten.
  3. Verbleib der psychotherapeutischen Leistungen im Kernleistungsbereich der Krankenkassen
  4. Keine gesonderten Zuzahlungsregelungen

In der vorliegenden Konzeption des Arbeitsentwurfs würde dies zumindest eine Gleichstellung der Psychotherapeutischen Leistungserbringer mit den Haus-, Augen- und Frauenärzten erfordern.

Die wichtigste Errungenschaft des Psychotherapeutengesetzes war die Schaffung eines niedrigschwelligen Zugangs zu einer qualitativ gesicherten, flächendeckenden Versorgung als Vorraussetzung u.a. für die bekannten unvertretbar häufigen Chronifizierungen psychischer Störungen. Damit kann der kostspieligen Unter- und Fehlversorgung auf dem epidemiologisch bedeutsamen und stetig an Bedeutung zunehmenden Gebiet der psychischen Störungen entgegengesteuert werden.

Das Rad darf nicht wieder zurückgedreht werden.

Wir fügen in Anlage 2 das „Drei-Säulen-Modell“ bei, das Ihnen die Verbände des GKII im Sinne der oben genannten Zielsetzungen als Konzept für eine effektive Mitwirkung der Psychotherapeuten in den Kassenärztlichen Strukturen vorlegen.

Für einen baldigen Gesprächstermin wären wir Ihnen dankbar und erlauben uns, uns in den nächsten Tagen mit Ihrem Büro in Verbindung zu setzen.

Mit freundlichen Grüßen

Ellen Bruckmayer, Dr. Birgit Clever, Renate Höhfeld, Detlev Kommer, Dr. Helga SchäferHans-Jochen Weidhaas

[gleichlautende Schreiben an die Gesundheitspolitiker der übrigen Bundestagsfraktionen]

Anhang 2a: Liste der GK II-Verbände (hier nicht wiederholt)

Anhang 2b: Das Drei-Säulen-Modell

Neuordnung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Kassenärztlichen Vereinigungen

Zielsetzung

Die Berufsgruppen der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten wurden in den zurückliegenden Jahren nach Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes nicht angemessen in den Gremien der Selbstverwaltung beteiligt. Neben endlosen Auseinandersetzungen über eine angemessene Vergütung psychotherapeutischer Leistungen wurde dadurch eine stärkere Beachtung der psychosozialen Faktoren von Gesundheit und Krankheit im Gesundheitssystem verhindert.

Um das Innovationspotential der Psychotherapeuten im Interesse der Patienten besser nutzen zu können und eine konfliktfreiere Kooperation mit der haus- und fachärztlichen Versorgungsebene zu ermöglichen, fordern wir gesetzlich abgesicherte Vertretungsmöglichkeiten innerhalb der bestehenden Kassenärztlichen Vereinigungen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Wir schlagen dazu ein Drei-Säulenmodell vor, bei dem die hausärztliche, fachärztliche und psychotherapeutische Versorgungsebene unter dem Dach der KBV, bzw. der KVen jeweils für ihre Versorgungsbereiche mit einem eigenständigen Verhandlungsmandat gegenüber den Krankenkassen ausgestattet wird.

Im einzelnen erfordert dieses Modell folgende organisationsrechtliche Änderungen:

Kassenärztliche Bundesvereinigung

5-köpfiger Vorstand mit zwei hauptamtlichen Mitgliedern plus je ein Hausarzt, ein Facharzt und ein Psychologischer Psychotherapeut

Verhandlungen über Verträge mit den Spitzenverbänden der Krankenkassen, welche die psychotherapeutische Versorgung betreffen, werden federführend von dem psychotherapeutischen Vorstandsmitglied unter Beteiligung der Geschäftsführung der KBV geführt.

Die drei beratenden Fachausschüsse (hausärztlich, fachärztlich, psychotherapeutisch), sind bei allen Entscheidungen, welche die jeweiligen Versorgungsbereiche betreffen, hinzuzuziehen und sind mit einem Antragsrecht gegenüber dem Vorstand auszustatten

Die Psychotherapeuten müssen in der Vertreterversammlung entsprechend ihrem jeweiligen Anteil an den Mitgliedern der Kassenärztlichen Vereinigungen vertreten sein.

Die Psychotherapeuten müssen in der Vertreterversammlung entsprechend ihrem jeweiligen Anteil an den Mitgliedern der Kassenärztlichen Vereinigungen vertreten sein.

Bei Belangen, welche die psychotherapeutische Versorgung betreffen, sind in der Vertreterversammlung nur die Psychotherapeuten stimmberechtigt

Kassenärztliche Vereinigungen

Die o.g. Grundsätze gelten für die Kassenärztlichen Vereinigungen entsprechend. Zusätzlich zu regeln ist die Frage der Zugehörigkeit der psychotherapeutisch tätigen Ärzte:

Psychotherapeutisch tätige Ärzte entscheiden selbst, ob sie der fachärztlichen oder psychotherapeutischen Versorgungsebene angehören. Sie haben dann auch das passive und aktive Wahlrecht in der ‚Psychotherapeutensäule’.


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