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Schreiben der Psychotherapeutenverbände Gesprächskreis II an den Verband der Angestellten-Krankenkassen e.V. und den Arbeiter-Ersatzkassen-Verband (VdAK/AEV) e.V. vom 6. Mai 2003

Anhang 1 zum GK II-Bericht:


Sehr geehrter Herr Dr. Gerdelmann, sehr geehrter Herr Dr. Partsch,
sehr geehrter Herr Fischer,

ein Ergebnis des Besuchs von Vertretern der Psychotherapeutenverbände (GK II) bei Ihnen war es, dass wir in Kontakt bleiben wollten und wir uns melden, wenn wir Gesprächsbedarf sehen.

Dies ist nun der Fall, nachdem die ersten Runden auch zu unseren Leistungsziffern in den gemeinsamen Arbeitsausschüssen von Ihnen und KBV stattgefunden haben.

Leider haben Sie - so jedenfalls hat es uns die KBV vermittelt - es abgelehnt, Experten von unserer Seite zu den entsprechenden Arbeitssitzungen hinzuziehen. Dies wäre in doppelter Hinsicht sinnvoll gewesen, da unserer Erfahrung nach das spezielle Wissen über Zusammenhänge und Arbeitsrealitäten der Psychotherapeuten immer wieder bei denen nicht in vollem Umfang vorhanden ist, die über unsere Angelegenheiten verhandeln und entscheiden. Hinzu kommt, dass insbesondere die KBV bei unserer Honorierung im Hinblick auf die Interpretation der BSG-Rechtsprechung inhaltlich immer wieder andere Vorstellungen von einer angemessenen Vergütung vertreten hat als wir.

Wir hatten Ihnen bereits im ersten Gespräch unsere Besorgnis hinsichtlich Ihrer Kalkulation für unsere zentralen Leistungen, die 50-minütige Einzelpsychotherapien (tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Verhaltentherapie und analytische Psychotherapie) sowie für die entsprechenden Richtlinien-Gruppenpsychotherapien mitgeteilt.

Die zentrale Aussage der BSG-Rechtsprechung, die sich unserer Meinung nach auch im neuen EBM widerspiegeln muss, besteht in 2 Punkten:

1. Es liege in der Eigenart der psychotherapeutischen Tätigkeit mit ihrer spezifischen Belastung und mit den Tätigkeiten, die neben der Durchführung von therapeutischen Sitzungen von Patienten notwendig sind, dass Psychotherapeuten nicht mehr als 36 bis 38 Sitzungen zu 50 Minuten pro Arbeitswoche durchführen können. Dabei hat das BSG diese Größe als eine Höchstgrenze angenommen, die sich auf Leistungen für GKV-Versicherte bezieht. Alle Erfahrungen in der Praxis sprechen dafür, dass Psychotherapeuten eine wesentliche Überschreitung dieser Grenzen nicht lange durchhalten. Aus fachlicher Sicht muss sogar gesagt werden, dass dann Zweifel an einer fachgerechten Erbringung dieser Leistungen angebracht sind.

Die entsprechende Formulierung im BSG unterstreicht, dass faktisch die psychotherapeutische Behandlung von Privatversicherten nur anstelle von GKV-Versicherten aber nicht zusätzlich erfolgen kann.

2. Damit eine untere Grenze der Noch-Verteilungsgerechtigkeit gewahrt bleibt, müsse den Psychotherapeuten mit der ihnen spezifischen Grenze der Leistungserbringung bei optimaler, d.h. Spitzen-Auslastung nur mit GKV-Patienten noch möglich sein, ein dem Durchschnitt vergleichbarer Arztgruppen entsprechendes Einkommen zu erzielen. Zunächst wurden hierfür die Hausärzte herangezogen, z.Z. ist es ein Mix aus Fachärzten.

Das BSG merkte wiederholt an, dass es bei seinem Vergleich zwischen Spitzenpraxis der Psychotherapeuten und GKV-Durchschnittwert der somatisch tätigen Ärzte, bei dem außerdem die Privat-Einnahmen der ärztlichen Vergleichsgruppe unberücksichtigt blieben, mehrere Annahmen zu Ungunsten der Psychotherapeuten gemacht habe, und deswegen darüber hinausgehende weitere Annahmen zu Ungunsten der Psychotherapeuten nicht mit dem Gleichheitsgrundsatzes des GG und dem Gebot der Verteilungsgerechtigkeit vereinbar seien.

3. Schließlich hat die Sonderauswertung für Psychotherapeuten der Kostenstrukturanalyse 1999 ergeben, dass in der oberen Honorargruppe der Psychotherapeuten (alte Bundesländer) die patientenbezogenen Arbeitszeiten am Patienten 67,9 % betrug, die patientenbezogenen Arbeitszeiten ohne Patientenkontakt 18,3 % und die sonstigen Arbeiten (Praxisverwaltung etc.) 13,8 %. Das heißt, dass bei einer Auslastung von 36 Sitzungen pro Woche (probatorische Sitzungen und Behandlungen) von einer Gesamtarbeitszeit von 53 Std. pro Woche auszugehen ist. Legt man z.B. 38 Sitzungen pro Woche zugrunde, so muss eine Wochenarbeitszeit von 56 Std. angenommen werden. Mit anderen Worten: bei einem Auslastungsgrad in Höhe der vom BSG definierten Spitzenpraxis der Psychotherapeuten bewegt sich die Wochenarbeitszeit im Rahmen des Auslastungsniveaus, das dem EBM 2000 plus bei den anderen Arztgruppen zugrundegelegt wurde.

Wir möchten Sie daher bitten, dies bei der Kalkulation unserer Ziffern im Kapitel 35 des neuen EBM rechtzeitig zu berücksichtigen und ggf. auch den Sachverstand der Juristen heranzuziehen, die von Psychotherapeutenseite die entsprechenden Gerichtsurteile erfochten haben. Es ist ganz sicher im Sinne aller, wenn der neue EBM nicht von Grund auf wiederum Verhältnisse festschreibt, die Korrekturen auf dem Klagewege und kompensierende Punktwertanhebungen durch erneute Bewertungsausschuss-Beschlüsse. erforderlich machen.

Das andere Anliegen, das wir Ihnen kurz mündlich und dann ausführlicher schriftlich vorgetragen haben, bezieht sich auf die sog. Gruppenbehandlung in den Kapiteln 22 und 23.

Im Entwurf der KBV ist diese Ziffer nur für das Kapitel 22 (Fachärzte für psychotherapeutische Medizin) vorgesehen.

Im Sinne einer angemessenen Versorgung der Bevölkerung und im Hinblick darauf, dass die Leistungsbeschreibung dieser Ziffer einen klaren Bezug zu entsprechenden Leistungen beinhaltet, wie sie im Rahmen der DMPs sinnvoll wären, wünschen die im GK II zusammengeschlossenen psychologischen und ärztlichen Psychotherapeuten dringend, dass diese Ziffer entsprechend auch im Kapitel 23 vorgesehen wird.

Um unangemessene Leistungsausweitungen zu verhindern schlagen wir aber weiterhin vor, diese Gruppenziffern zu begrenzen. Inhaltlich sinnvoll- insbesondere im Hinblick auf den Bezug zu den DMPs - scheint uns eine Begrenzung auf 15- 20 mal im Krankheitsfall.

Insgesamt möchten wir unterstreichen, dass Gruppenbehandlungen sowohl im Rahmen der Gruppenpsychotherapie als Leistung der Richtlinienpsychotherapie wie auch als psycho-edukative niedrigschwellige Leistung in den Kapiteln 22 und 23 sowohl versorgungspolitisch als auch fachlich äußert sinnvolle Leistungen sind, deren ökonomischer Vorteil außer Frage steht.

Angesichts der Komplexität und auch für die Zukunft einer guten psychotherapeutischen Versorgung möchten wir Sie bitten, die oben genannten Gesichtspunkte erneut einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Unsere Spezialisten sind gern dazu bereit, Sie im Vorfeld weiterer Beratungen mit der KBV oder auch im Rahmen der Beratungen direkt zu informieren und zu unterstützen.

Wir werden uns in den nächsten Tagen bei Ihnen telefonisch melden um ggf. abzusprechen, wie wir weiter verfahren können.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Helga Schäfer

[Nachrichtlich an den AOK-Bundesverband und den KBV-Vorstand]

Verbände Gesprächskreis II:

Arbeitsgemeinschaft für Verhaltensmodifikation e.V. (AVM)
Arbeitsgemeinschaft Psychotherapeutischer Fachverbände (AGPF)
Berufsverband der approbierten Gruppenpsychotherapeuten (BAG)
Berufsverband der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten e.V. (BKJ)
Bundesverband der Krankenhauspsychotherapeuten i.G. (BVK-P)
Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (BVVP)
Bundesvereinigung Verhaltenstherapie im Kindes- und Jugendalter e.V. (BVKJ)
Deutsche Fachgesellschaft für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie e.V. (DFT)
Deutscher Fachverband für Verhaltenstherapie (DVT)
Deutsche Gesellschaft für Analytische Psychologie (DGAP)
Deutsche Gesellschaft für Analytische Psychotherapie und Tiefenpsychologie (DGAPT)
Deutsche Gesellschaft für Individualpsychologie (DGIP)
Deutsche Gesellschaft für Körperpsychotherapie (DGK)
Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT)
Deutsche Gesellschaft für psychologische Schmerztherapie und -forschung (DGPSF)
Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung e.V. (DGfS)
Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT)
Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG)
Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV)
Deutsche Psychologische Gesellschaft für Gesprächspsychotherapie (DPGG)
Deutscher Psychotherapeutenverband - Berufsverband Psychologischer Psychotherapeuten e.V. (DPTV)
Fachgruppe Klinische Psychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs)
Gesellschaft für Neuropsychologie (GNP)
Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie (GwG)
Gesellschaft zur Förderung der Methodenvielfalt in der Psychologischen Psychotherapie e.V. (GMVPP)
Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose (M.E.G.)
Neue Gesellschaft für Psychologie (NGfP)
Sektion Analytische Gruppenpsychotherapie im DAGG (Deutscher Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik)
Verband für Integrative Verhaltentherapie (VIVT)
Verband Psychologischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten im BDP e.V. (VPP im BDP)
Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten (VAKJP)
Vereinigung der Kassenpsychotherapeuten (Vereinigung)


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