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Kurzbericht von der Podiumsdiskussion 'Impulse für eine moderne Gesundheitsversorgung' am 5.2.2004 in Berlin (veranstaltet durch die Vereinigung der Kassenpsychotherapeuten und dem Deutschen Psychotherapeutenverband/DPTV)

Von: Armin Kuhr, Dinklar

TeilnehmerInnen:

  • Staatssekretär Klaus-Theo Schröder, BMGS
  • Thomas Ballast, VdAK
  • Birgitt Bender, BÜNDNIS 90/Die Grünen
  • Dr. Hans-Georg Faust, CDU
  • Horst Schmidbauer, SPD
  • Dr. Dieter Thomae, FDP
  • Dr. Hans Nadolny, DPTV
  • Hans-Jochen Weidhaas, Vereinigung
  • Moderation: Hans-Jürgen Barthe

Staatssekretär Klaus-Theo Schröder (Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung/BMGS) formuliert noch einmal die Ziele der aktuellen Gesundheitsreform: zum Einen geht es darum, die Finanzierungsseite weiter zu entwickeln, zum Anderen ist es das Ziel, die "Versorgungswirklichkeit zu verändern" und die Qualität zu steigern, d. h. integrierte Versorgung soll nicht nur in der Verzahnung von ambulanter und stationärer Therapie umgesetzt werden, sondern auch "weitere" Therapieformen einschließen. Das Arzt-zentrierte Versorgungssystem solle so weiterentwickelt werden, dass "Komplementäre Dienstleister / Gesundheitsberufe" die Palette erweitern bzw. ergänzen können.
Auf Anfragen aus dem Publikum antwortet Horst Schmidbauer (SPD), dass auch die PsychotherapeutInnen in die Gesundheitskarte, die 2006 eingeführt werden soll, einbezogen werden. Schröder vertritt ebenfalls diese Auffassung und meint, "für die Psychotherapeuten gelten die gleichen Rahmenbedingungen wie für die Ärzte".
Er weist schließlich (nachvollziehbar) darauf hin, dass "Tanker nicht die Vorboten innovativer Versorgung" sein können (70 von 80 Millionen Bundesbürgern sind im GKV-System), dass das System aber soweit flexibilisiert werden soll, dass Innovationen möglich sind (Bonusregeln etc. pp.) und (für die Initiatoren) Vorteile mit sich bringen können.

Eine offene Frage, die alle Beteiligten interessiert, ist, wie sich die Evidenz-basierte Medizin weiterentwickelt ("Ohne Qualität ist alles nichts").

Birgitt Bender (BÜNDNIS 90/Die Grünen) antwortet auf die Frage, ob die Gesellschaft reformbereit sei: "Eher nicht. Reformen sind beliebt, solange sie einen nicht selbst treffen."

Dr. Hans-Georg Faust (CDU) betont die "Schätze des GMG", Qualitätsmanagement und integrierte Versorgung seien Dinge, die in der gegenwärtigen 10-Euro-Diskussion untergingen. Die Beteiligung von PsychotherapeutInnen an den DMPs solle "ganz ernsthaft geprüft werden" (Schröder). Dr. Dieter Thomae (FDP) berichtet, dass zur integrierten Versorgung schon 2.600 Anträge vorlägen, und es sei unklar, wie diese abgearbeitet werden könnten. Alles dauere viel zu lange.

Auch Thomas Ballast (VdAK, Leiter der Abteilung Optimierung und Versorgungscontrolling) weist darauf hin, dass die unmittelbaren Auswirkungen des GMG die positiven und wertvollen Impulse verdeckten (dies seien die strukturellen Aspekte wie integrierte Versorgung, Beteiligung der Krankenhäuser an der ambulanten Versorgung, verbessertes Qualitätsmanagement). Letztlich sei klar, dass es nicht um kurzfristige Projekte, sondern um langfristige Wirkung ginge.

Von psychotherapeutischer Seite wird darauf hingewiesen, dass Psychologische PsychotherapeutInnen und Kinder-/JugendlichenpsychotherapeutInnen 80% der psychotherapeutischen Versorgung erbringen. Hans-Jochen Weidhaas (Vereinigung) kritisiert, dass die PsychotherapeutInnen an entscheidenden Punkten ausgeschlossen seien ("wenn es um die Finanzen geht, sind wir außen vor", z.B. Bewertungsausschuss), die PsychotherapeutInnen müssten die "Instrumente" in die Hand bekommen, also "Teilhabe an der Macht", "Mitbestimmung in der Selbstverwaltung".

Birgitt Bender (BÜNDNIS 90/Die Grünen) merkt in einem kleinen Redebeitrag an, dass die PsychotherapeutInnnen wohl nicht sehr wettbewerbsorientiert seien ("der Wettbewerb ist bei Ihnen nicht immer auf Sympathie gestoßen").

Dr. Hans-Georg Faust gibt den PsychotherapeutInnen auf den Weg, dass sie "begehrte Partner für andere Leistungsanbieter" werden sollten (sei es Arzt, Krankenhaus, Pflegeheim, Apotheke). Es gehe darum, den Wettbewerb zwischen dem Kollektivvertragssystem und der integrierten Versorgung zu starten, letzteres sei die große Chance.

Dr. Dieter Thomae (FDP) sieht die Entwicklung für niedergelassene PsychotherapeutInnen jedoch kritisch: "Die Krankenhäuser werden die Gewinner der integrierten Versorgung sein - auf Grund der Managementstrukturen haben sie Möglichkeiten, die den Niedergelassenen fehlen. Möglicherweise könnten die Berufsverbände bei der Konzeptentwicklung aktiv sein, eventuell Formen entwickeln, die den Krankenkassen einleuchten". Immerhin würden 550 Millionen Euro für integrierte Versorgung bereitgestellt. Einer großen Krankenkasse lägen in einem Bundesland schon 260 Anträge dazu vor. Unklar sei noch, nach welchen Kriterien diese bewertet werden. Diese Frage wird auch vom Publikum gestellt: Wie muss der Antrag gestaltet sein, damit er Chancen hat? Kriterien gebe es bisher noch nicht, daher sei die Umsetzung schwierig.

Ein Kollege aus dem Publikum skizziert die Situation in Mecklenburg-Vorpommern: Es gebe dort 103 PsychotherapeutInnen, fast 70 Stellen/Praxissitze seien unbesetzt. Offensichtlich sind die Rahmenbedingungen nicht attraktiv genug. ("Oben wird nicht gesehen, was an der Basis passiert").

Horst Schmidbauer (SPD) äußert sich noch einmal zu seinen Grundüberzeugungen: Er gehe von einem ganzheitlichen Menschenbild aus, daher seien die PsychotherapeutInnen ein "unverzichtbarer Bestandteil einer ganzheitlichen Versorgung". Die Vermeidung von Frühberentung oder die kostenreduzierende Mitbetreuung chronischer Erkrankung seien aus seiner Sicht beispielhafte Felder.

Immer wieder sollten wir uns als PsychotherapeutInnen fragen, was unsere "Kernkompetenzen" sind, die bei Gesundheitsfragestellungen zum Tragen kommen können.

Dr. Hans Nadolny (DPTV) geht in seinem Schlusswort noch einmal auf den sehr vielfältigen Beitrag ein, den PsychotherapeutInnen unabhängig von der Richtlinienpsychotherapie in Prävention, Rehabilitation und der Versorgung chronisch Kranker leisten können: "Wir möchten ein Stück weit ´raus aus dem Richtlinienkäfig."


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