< vorheriger Artikel

Dialogforum der Offensive Psychische Gesundheit

Am 15. und 16. April 2021 fand das Dialogforum der Offensive Psychische Gesundheit statt. Gemeinsam mit Expert*innen und den Teilnehmer*innen wurde über mehr Offenheit für psychische Gesundheit und die Vernetzung der Präventionslandschaft diskutiert. Die DGVT war auch vertreten - hier finden Sie den Tagungsbericht.


Kurzzusammenfassung

Offensive Psychische Gesundheit, eine Initiative  der Bundesministerien für Gesundheit (BMG), für Arbeit und Soziales (BMAS) und für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ)

Dialogforum Tag 1 – 15. Apr. 2021, 13:00 – 16:00, Thema: Mehr Offenheit im Umgang mit psychischen Belastungen.

Zur Einführung erwähnten Böhning (BMAS) und  Hannawald  ihre eigenen psychischen Belastungen, die in einem Fall mehr sportbedingt waren und im andern Fall stärker durch die mit der Pandemie zusammenhängenden Veränderungen im Alltag und in der Arbeitswelt verbunden sind. Das kann zu Überforderungen führen, aber auch zu Unterforderungen, z.B. wenn der Stress plötzlich endet und man in die Bedeutungslosigkeit abrutscht oder, wie an anderer Stelle gesagt wurde, wenn das Leben keinen Sinn mehr macht (z.B. im Alter). Prof. Bock vom Verein „Irre menschlich Hamburg e.V.“ wies darauf hin, dass in der Prävention (z.B. an Schulen, aber auch in Betrieben usw.) die Zusammenarbeit mit Menschen, die selbst von psychischen Krankheiten betroffen waren oder sind, besonders wirksam ist. D.h. wenn Menschen selbst von ihren Zusammenbrüchen berichten, wird psychische Krankheit konkret. Das kann zu einem besseren Verständnis beitragen, wie die Daten von Prof. Schomerus (Leipzig) belegen. Er konnte anhand von Wiederholungsbefragungen zeigen, dass der Anteil der Arbeitnehmer, die sich wegen psychischer Krankheiten schämen würden, auch heute noch bei 65% liegt. Die Scham ist besonders ausgeprägt bei jüngeren Arbeitnehmern und bei Arbeitnehmern, denen es auch aus anderen Gründen nicht besonders gut geht. Wer sich schämt, vermeidet den Besuch bei einer einschlägigen Beratungsstelle. Das führt in der Regel zu einer Verschärfung der Probleme und zu schwereren Krankheitsverläufen, was auch dadurch befördert wird, dass die Betroffenen so lange wie möglich weiterarbeiten, um z.B. nicht aufzufallen. Aus der Anti-Stigma-Forschung weiß man, dass folgende Faktoren helfen, Vorurteile gegenüber Menschen mit psychischen Krankheiten abzubauen: (1) Kontakt mit Betroffenen (s.o.), die in der Lage sind (2) die Zielgruppe (z.B. Schüler) anzusprechen. Es sollte (3) eine gewisse soziokulturelle Nähe zwischen den Betroffenen und den Zielgruppen bestehen. Besonders positiv ist es, wenn die Betroffenen (4) die Krise überwunden haben. (5) Aufklärung sollte nicht nur einmal stattfinden, sondern wiederholt, am besten immer mal wieder, um den Lerneffekt zu verstärken. Das englische Projekt „time to change“ ist ein gutes Beispiel für eine gelungene Anti-Stigma-Kampagne. Auch zeigt eine Reihe von Studien, dass sich in den letzten ca. 20 Jahren die Einstellungen der Deutschen zu psychischen Krankheiten verändert haben. Das gilt vor allem für Depressionen und burn out: Diese psychischen Erkrankungen werden heute sehr viel eher akzeptiert als um 2000 oder 2010. Es gilt nicht für Suchterkrankungen. Besonders problematisch sind die Ergebnisse hinsichtlich von Menschen, die an Schizophrenie leiden: sie werden heute stärker abgelehnt als noch von 20 Jahren.

Fazit - Chancen und Bedarfe aus Sicht der Wissenschaft

• Mehr Offenheit kann Belastungen reduzieren, Krankheitsverläufe verkürzen, Inanspruchnahme    verbessern.

• Offenheit ermöglicht Kontakt, Kontakt reduziert Stigma, geringeres Stigma erleichtert die Offenheit.

• Jede wirksame Kampagne kann auch unerwünschte Wirkungen oder „blinde Flecken“ haben

• Kampagnen können nur verbessert und weiterentwickelt werden, wenn sie kontinuierlich wissenschaftlich evaluiert werden.

In der  folgenden Gesprächsrunde mit Prof. Kölch (Rostock), Dr. Birner (SiemensAG) und Franz Müntefering (SPD) wurden weitere Belastungen für die Gesundheit für Jugendliche, Arbeitnehmerinnen und ältere und alte Menschen angesprochen. Müntefering wies nachdrücklich darauf hin, dass Menschen einen Sinn in ihrem Leben sehen müssen, damit sie sich „normal“ verhalten. Wenn sie den nicht sehen und auch keine Perspektive haben, wie sie Sinn und Normalität erreichen können, kann das zu psychischen Störungen führen bzw. diese verschlimmern. In der gegenwärtigen Situation, also in der Pandemie, beschleunigen sich diese Prozesse erheblich, d.h. es ist damit zu rechnen, dass der Anteil der Menschen, die unter psychischen Krankheiten leiden, ansteigen wird.

In der daran anschließenden Gesprächsrunde mit Vertreterinnen des DRVBund, der BA, der DGUV, der BKK und des Müttergenesungswerks schien erst mal alles auf sehr gutem Wege zu sein: alle stimmten darin überein, dass es psychische Krankheiten gibt, dass diese in großen Betrieben oft relativ schnell erkannt und zur Behandlung gebracht werden usw. Aber bei genauem Hinschauen zeigt sich auch, dass Führungskräfte Menschen mit psychischen Störungen eher selten unterstützen bzw. ihnen selten dabei helfen, in Behandlung zu kommen. Und wenn diese Menschen behandelt werden und eine einschlägige Diagnose haben, finden sie in der Regel nur schwer einen neuen Arbeitsplatz. Modellprojekte (von DRV-Bund und DGUV) sollen weiterhelfen. Die Vertreterin des Müttergenesungswerkes wies darauf hin, dass längst nicht alles zum Besten steht, dass in allen bisher dargestellten Ansätzen die Genderperspektive fehlt, dass vielmehr von relativ altmodischen Männer- und Frauenbildern ausgegangen wird, die nicht zu den faktischen Lebensbedingungen der Menschen in Deutschland passen, und dass am Ende psychische Störungen eben doch „Privatsache“ sind. Das konnte dann aus Zeitgründen nicht mehr weiter diskutiert werden.

Dialogforum Tag 2 – 16. Apr. 2021, 10:00 – 13:00, Thema: Vernetzung

Zum Auftakt des zweiten Tages präsentierte Dr. Lauenstein (BMAS) einige Ergebnisse einer Befragung, die die Offensive Psychische Gesundheit auf den Weg gebracht hat. U.a. sollten Zahl und Inhalte von Präventions- und Unterstützungsangeboten für psychische Gesundheit erhoben werden. Die vorläufige Auswertung zeigt, dass man von rund 1.200 Angeboten ausgehen kann, die von ca. 750 Institutionen betrieben werden. Die Mehrzahl der Angebote bezieht sich auf die Arbeitswelt. Es folgen Angebote für Familien sowie für Kinder und Jugendliche (auch: in enger Verknüpfung mit der Kinder- und Jugendhilfe) sowie für Bildung (allgemein). Überwiegend handelt es sich um Angebote zur Verhaltensprävention; nur vergleichsweise wenige Angebote zielen auf Verhältnisprävention. Zum Zeitpunkt der Befragung nutzten nur 10% aller Angebote digitale Informationskanäle. Es ist davon auszugehen, dass in diesem und den kommenden Jahren die digitalen Präventionsangebote zur Erhaltung der psychischen Gesundheit stark zunehmen werden.

In der daran abschließenden Diskussionsrunde verwiesen Prof. Riedel-Heller (DGPPN), Rinke (Depressionsliga) und Hupfeld (GKV) auf die vielen Projekte zur Prävention von psychischer Krankheit, auf die hohe Vernetzung auf allen Ebenen und die Spannbreite der vielen Initiativen (vom Kindergarten bis zur Seniorenbetreuung). Allerdings wurde wiederum klar, dass die meisten Projekte auf Verhaltensprävention auf individueller Basis setzen (einschließlich von Gruppenangeboten) unter Berücksichtigung der Lebenswelt der Zielgruppen. Große-Jäger (BMAS) wies darauf hin, dass ein nationales Portal, von dem man alle einschlägigen Informationen zu den rund 1.200 Projekten abrufen kann, bislang fehlt, seine Einrichtung jedoch angestrebt wird.

Es folgte die Vorstellung von vier Beispielen guter Praxis.

Klamroth (Amt für Arbeitsschutz HH) stellte das Projekt „Gestaltung eines betrieblichen Gesundheitsnetzwerkes“ vor. Es geht darum, kleine und mittlere Betriebe miteinander so zu vernetzten, damit sie in der Lage sind z.B. gemeinsam Dienstleistungen zur Umsetzung von Projekten zur Förderung von psychischer Gesundheit einzukaufen. Dazu bedarf es einerseits praktische Informationen darüber, welche Dienstleistungen für diese Betriebe wichtig und sinnvoll sind, zum andern bedarf es der (finanziellen) Unterstützung, z.B. durch die Handelskammer vor Ort oder andere Verbände. Es hat sich gezeigt, dass die Koordination einschlägiger Aktivitäten über ein Kontaktbüro notwendig ist, wofür wiederum (finanzielle) Hilfen des Senats von HH benötigt werden. Der Bericht macht deutlich, dass die Umsetzung des Projekts komplex ist, weil man neben einer Vielzahl von Akteuren auch noch die Finanzierung von Unterstützungsmaßnahmen durch etliche Sozialgesetzbücher berücksichtigen muss und darüber hinaus ohne Förderung durch die Politik nicht weiterkommt.

Paul (Nationales Zentrum frühe Hilfen) machte das an der Geschichte der Implementierung der frühen Hilfen, die insgesamt rund 14 Jahre umfasst, nachhaltig deutlich (ausführlich unter: www.fruehehilfen.de/das-nzfh). Das Zentrum geht auf Initiativen der BZgA und des DJI zurück; es wurde von Anfang an vom BMFSFJ finanziell gefördert. Übergeordnetes Ziel des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) ist es, die Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern insbesondere aus belasteten Familien möglichst frühzeitig und nachhaltig zu verbessern. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Vernetzung von Angeboten des Gesundheitswesens, der Kinder- und Jugendhilfe und von anderen relevanten Akteuren in den Frühen Hilfen wie der Schwangerschaftsberatung und Frühförderung. Das gelingt u.a. deshalb sehr gut, weil das Zentrum seit 2012 systematisch finanziell gefördert worden ist und weil mit der Verabschiedung des Bundeshaushalts von 2021 die Verstetigung der Förderung beschlossen worden ist. Mit der dauerhaften Förderung verbunden ist eine langfristige Qualitätsentwicklung (mehr dazu unter: www.fruehehilfen.de/qualitaetsentwicklung-kinderschutz/).

Dr. Schröder (BKK Dachverband) referierte über „Vernetzung zur Stärkung der Prävention für die Zielgruppe beruflich Pflegender“ (mehr dazu z.B.: bkk-wertgeschaetzt.de/die-initiative/). Darüber hinaus werden Netzwerktreffen der Präventionsfachkräfte im Rahmen der BKK angeboten.

Dr. Seiler (Landesinstitut für Arbeitsgestaltung NRW) berichtete über das Projekt „Seelische Gesundheit im Fokus“, das sich zielgruppenspezifisch aufgestellt hat. Zum einen gibt es Ansätze, die sich an Kinder und Jugendliche richten (Stichwort: gesund aufwachsen), an Menschen im mittleren Lebensalter (Stichwort: psychisch gesundes Arbeiten), an ältere und alte Menschen sowie an Querschnittsbereiche. Das Landesinstitut ist aktuell stark engagiert an einem Projekt, in dem es um die seelische Gesundheit von Alleinerziehenden geht, worauf aus Zeitgründen nicht mehr ausführlich eingegangen werden konnte.

Abschließend wurde von allen Beteiligten sehr kurz einige Stichworte zusammengetragen, was bei der Initiierung und langfristigen Planung von Projekten zur Stärkung der psychischen Gesundheit zu beachten ist. Folgende Punkte wurden genannt:

  • Zielsetzung, die gemeinsam mit den Kooperationspartner erarbeitet werden muss – wobei man dann erfolgreich ist, wenn man „vom Kunden aus“ denkt (und weniger von den Wünschen z.B. der Politik);
  • Management: es braucht personelle und finanzielle Ressourcen über einen längeren Zeitraum;
  • Öffentlichkeitsarbeit bzw. „Kommunikation“;
  • eine Person (oder eine Gruppe), die von Anfang an für das Projekt steht bzw. für dieses „brennt“ und über besondere kommunikative Fähigkeiten verfügt;
  • damit alle dabei bleiben, braucht es Erfolge, die entsprechend dargestellt und verbreitet werden müssen.

Nächster Termin für das Dialogforum: 2. Juni 2021

Irmgard Vogt


Zurück