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Bericht vom DGVT(-BV)-Workshop „Meine Rolle als Psychotherapeut*in in der Klimakrise“

Am Samstag, 25. September 2021 fand der DGVT(-BV)-Workshop „Meine Rolle als Psychotherapeut*in in der Klimakrise" in Form einer Videokonferenz mit Kleingruppenarbeitsanteilen statt. Monika Bormann (Vorstandsmitglied von DGVT und DGVT-BV) begrüßte die mehr als 50 Teilnehmer*innen sowie die heutigen Referent*innen Kathrin Macha, DGVT(-BV)-Landessprecherin in Rheinland-Pfalz sowie Sina Hoffmann und Julia Schützler. Alle drei Referent*innen sind bei den Psychologists / Psychotherapists for Future Mainz aktiv.


Der Einstieg wurde über eine sehr eindrückliche Imaginationsübung gestaltet, bei welcher die Teilnehmer*innen ihren persönlichen Wohlfühlort imaginierten. Im Anschluss wurde deutlich, dass jede*r einen Ort in der freien Natur oder mit großen Naturanteilen gewählt hatte.

Dann wurden Fakten zur menschengemachten Klimakrise (menschengemacht heißt: von Menschen aus dem globalen Norden) sowie deren Auswirkungen auf Gesellschaft, Gesundheit und Psyche sehr eindrücklich thematisiert. Daran anschließend wurden alle Teilnehmer*innen gebeten ihre aktuellen Emotionen zu diesen eben gehörten Informationen zu benennen. Genannt wurden u.a. Traurigkeit, Wut, Resignation, Angst und Scham. Die Vortragenden ordneten diese Emotionen neben weiteren unter den „Klimaemotionen“ ein und betonten die Angemessenheit dieser in Anbetracht der existenziellen Krise – immer vor dem Hintergrund der bekannten Abgrenzung zu pathologischen Ausprägungen.

Dargestellt wurden dann die zugrundeliegenden relevanten psychologischen Mechanismen, die zum einen die Untätigkeit von Menschen – trotz Wissens um die aktuelle Lage – erläutern, aber auch notwendig sind, um den politischen Diskurs und die Wirkung von Medien nachzuvollziehen. Hier wurde bspw. die psychologische Distanz der Klimakrise, die die aktive Auseinandersetzung erschwert, sowie die kognitive Dissonanz und deren Reduktion oder der Bestätigungsfehler als Informationsverzerrung erläutert. Diese sozialpsychologischen Mechanismen erklären unser eigenes Verhalten, den Einfluss der Politik und der Medien und sind Grundlagenwissen für eine gelungene Klimakommunikation. Hierzu lernten die Teilnehmenden konkrete Vorgehensweisen, um die Dringlichkeit der Klimakrise im öffentlichen und privaten Diskurs zu platzieren. In diesem Zusammenhang ist insbesondere die neutrale Berücksichtigung unterschiedlicher Werte des Gegenübers wichtig, um zum jeweiligen Wertesystem kongruent die Wichtigkeit hervorzuheben. Das bedeutet, dass wir den individuellen Deutungszusammenhang („Frame“) verschiedener Personen bei der Informationsvermittlung im Blick haben sollten. Darüber hinaus gibt es allgemein verbreitete Deutungsrahmen – hierfür z.B. ist ein Framing wie „Erderhitzung“ statt „Erderwärmung“ und „Klimakrise“ statt „Klimawandel“ wichtig, um das kognitive Netzwerk zu aktivieren, das die Bedrohung präsenter macht.

Besprochen wurde dann, wie Klimaresilienz gefördert werden kann. Klimaresilienz meint die Anpassungsfähigkeit des Menschen oder der Gesellschaft an die Belastungen durch die Klimakrise, bspw. durch persönliche/gesellschaftliche Neuorganisation oder Weiterentwicklung hinsichtlich der Nachhaltigkeit. Klimaresilienz kann durch verschiedene Aspekte gefördert werden: Neben dem breiten Bewusstwerden der Klimakrise überhaupt, was durch entsprechende Klimakommunikation (wie ausführlich dargestellt) gelingen kann. Darüber hinaus durch Beratung im weitesten Sinne und/oder Psychotherapie von betroffenen Personen zur Förderung des emotionalen Umgangs mit der Klimakrise und deren Folgen. Hierzu bearbeiteten die Teilnehmer*innen Fallbeispiele zu Klima-Trauer bzw. Klima-Angst, Activist Burnout und Solastalgie (ein Gefühl des Verlustes, das wir empfinden, wenn wir uns bewusstwerden, dass die eigene Heimat sich verändert oder zerstört wird). Im Anschluss wurden Strategien zur Förderung von Resilienz bzw. zur Anwendung in der Beratung/Psychotherapie besprochen, Möglichkeiten zur Unterstützung nachhaltigen Aktivismus wie z.B. Burnoutprophylaxe sowie zur politischen Einflussnahme in unserer partizipativen Demokratie aufgezeigt. Die Förderung individuellen Umweltverhaltens trägt ebenso zur Klimaresilienz bei, v.a. aber hinsichtlich des Selbstwirksamkeitserlebens und der Vorbildfunktion. Hierzu erhielten die Teilnehmenden Tipps zur Gestaltung einer nachhaltigen Praxis. Und schließlich, allem zugrundeliegend und am wichtigsten: durch die sozialökologische Transformation der Gesellschaft – wofür es politischen Engagements bedarf, da individuelles Umweltverhalten nicht ausreicht.

Welche Rolle kann unser Berufsstand bei der Klimakrise also einnehmen? Folgt man dem Gedanken, dass die Klimakrise vor allem im globalen Süden bereits und hier zunehmend zu einer Gesundheits-, Gesellschafts- und Menschenrechtskrise führt, kann man konstatieren, dass Gesundheit zu fördern und zu erhalten sowie die Erhaltung und Weiterentwicklung der soziokulturellen Lebensgrundlagen zu unseren Berufsaufgaben laut Muster-Berufsordnung gehören. Interessant ist, dass auch die Kammern als Körperschaften des öffentlichen Rechts an das Staatsziel Umweltschutz gebunden sind. Durch die hervorragende fachliche Kompetenz bzgl. menschlichen Handelns können bspw. Veränderungsprozesse auf politischer Ebene angestoßen und Personen darin unterstützt werden, hierfür nachhaltig einzustehen. Gleichzeitig kann das Fachwissen eingesetzt werden, um politische Verzögerungstaktiken zu entlarven und darüber aufzuklären. Die häufigsten Verzögerungstaktiken lernten die Teilnehmenden im Rahmen eines Quiz in Kleingruppenarbeit kennen – hierunter beispielsweise das Abwälzen von Verantwortung auf das Individuum oder andere Staaten, das Hervorheben der negativen Folgen einer Transformation, genereller Kapitulation oder das Beharren auf der finalen technologischen Lösung aller Probleme.

Die Teilnehmenden konnten sich in Kleingruppenarbeit rege austauschen und blieben zu großen Teilen weit über die Workshopzeit hinaus zur Diskussion.


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