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Psychotherapieausbildung im vereinten Europa

Der Artikel gibt einen Überblick über die derzeitige Psychotherapieausbildung in ausgewählten europäischen Ländern und macht bekannt mit Aktivitäten, vorhandene nationale Ausbildungsstandards europaweit zu vereinheitlichen. Vorgestellt werden die Initiativen der European Federation of Professional Psychologists Associations (EFPA), der European Association for Psychotherapy (EAP), der European Association of Behavioural and Cognitive Therapies (EABCT) sowie ein Projekt zur Entwicklung eines Masterabschlusses in Clinical Psychology (MAPS-C). Der Artikel schließt mit einer kritischen Bewertung der seit 1.1.2004 vollzogenen EU-Rechtsanpassung des Psychotherapeutengesetzes.


Schlagworte:

Psychotherapieausbildung, Minimalstandards, Psychotherapeutengesetz, Europa

Summary:

The article gives an overview of the current situation on psychotherapy training in selected European countries, as well as on activities aiming at harmonizing national training standards. The initiatives of the following organisations are introduced: the European Federation of Professional Psychologists Associations (EFPA), the European Association for Psychotherapy (EAP), the European Association of Behavioural and Cognitive Therapies (EABCT),as well as a project with the goal of developing a Masters Degree in Clinical Psychology (MAPS-C). The article closes with a critical appraisal of the European psychotherapy act, implemented 01/01/2004.

Key Words:

Psychotherapy training, minimal standards, psychotherapy act, Europe  

1. Einleitung

Eine der zentralen Aufgaben, denen sich die Europäische Union seit ihren Anfängen widmet, ist der Abbau von Mobilitätsschranken. Bereits in den Gründungsverträgen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) sind die Bestimmungen für den freien Verkehr von Arbeitnehmern (Artikel 48) und das Recht auf freie Niederlassung (Artikel 52) geregelt. Erklärtes Ziel war und ist, dass jeder EU-Bürger  welcher Profession auch immer  das Recht auf Ausübung seines in seinem Heimatland erlernten Berufes auch in jedem anderen Land der EU hat. Dies unterstellt eine Gleichwertigkeit der Berufsabschlüsse, die  wie allgemein bekannt  in zahlreichen Berufen nicht gegeben ist. Nachdem in den Gründungsverträgen durch das Subsidiaritätsprinzip festgelegt ist, dass die Regelsysteme der allgemeinen und beruflichen Bildung grundsätzlich im autonomen Bereich jedes Einzelstaates liegen, bedarf es anderer Regelungen, um einen europäischen Arbeitsmarkt zu ermöglichen und die Mobilität zu erleichtern.
Im Folgenden soll versucht werden, den derzeitigen Stand zur Psychotherapieausbildung in ausgewählten europäischen Ländern darzustellen und mit Aktivitäten  sowohl von berufsständischen Organisationen wie von Universitäten und Ausbildungsinstituten andererseits  bekannt zu machen, die sich
a) für ein europaweit einheitliches bzw. akzeptiertes Psychotherapie-Zertifikat stark gemacht und/oder
b) Aus- bzw. Weiterbildungsstandards (so genannte minimal standards) formuliert haben.

Den Beitrag schließen soll eine Darstellung der aktuellen gesetzlichen Regelungen, wie sie von der zuständigen EU-Kommission formuliert und zwischenzeitlich auch bereits vom Europäischen Parlament verabschiedet wurden und seit dem 1.1.2004 auch für Deutschland gültig sind.

2. Länderspezifische Unterschiede bei der Ausbildung zum Psychotherapeuten

Ausgangspunkt der oben erwähnten Bemühungen ist die Tatsache, dass die (Berufs-) Ziele und Qualitätsstandards, die für die Ausbildung und Anerkennung als Psychologischer Psychotherapeut erfüllt sein müssen, innerhalb der mittlerweile 25 EU-Länder eine große Variationsbreite aufweisen. Grob lassen sich drei Gruppierungen vornehmen in:

  1. Länder mit gesetzlicher Verankerung und verbindlichen Qualitätsstandards
  2. Länder mit Qualitätsrichtlinien der Berufsverbände
  3. Länder ohne gesetzliche Regelungen oder Richtlinien der Berufsverbände (vgl. Kryspin-Exner, Lueger-Schuster & Weber, 1998; van Deurzen, 2001). 

Dowload:Tabelle Rahmenbedingungen zur Psychotherapieausbildung in ausgewählten europäischen Ländern (Stand Juni 2004) 

Im Einzelnen sind insbesondere die folgenden Fragen in den einzelnen EU-Ländern diskrepant zu beantworten:

  • Ist der Titel des (psychologischen) Psychotherapeuten rechtlich geschützt?
  • Welche Grund-/Erstausbildung ist vorgeschrieben?
  • Welche Ausbildungsteile (Art und zeitlicher Umfang) sind nachzuweisen?
  • Welche Ausbildungsinstitute dürfen ausbilden?
  • Besteht eine Einschränkung auf bestimmte Therapieverfahren?

Für Deutschland sind diese Fragen, trotz aller berechtigter Kritik und Schwächen an Details und (fehlenden) Ausführungsbestimmungen seit Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes doch alles in allem positiv zu beantworten. Denn immerhin wurde mit der Gesetzgebung (1) die berufsrechtliche Absicherung erreicht, d.h. der Titel Psychologischer Psychotherapeut ist nun gesetzlich geschützt und darf nur bei Vorliegen festgelegter Kriterien geführt werden, (2) ist eine einschlägige akademische Erstausbildung (Diplompsychologie mit Schwerpunkt Klinische Psychologie, für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie auch Sozialpädagogik und Erziehungswissenschaften) als fachliche Eingangsvoraussetzung festgeschrieben und (3) ist durch die Anerkennung der Psychotherapie als Heilberuf auch die für eine gleichberechtigte psychosoziale Versorgung nicht unwichtige sozialrechtliche Einbindung möglich geworden.
Auch auf Seiten des Patientenschutzes hat das Psychotherapeutengesetz eine Reihe von sicher zu begrüßenden Veränderungen im Sinne der Qualitätssicherung erwirkt, z.B. (1) durch staatliche Akkreditierung der Ausbildungsinstitute, (2) durch die thematische und umfangmäßige Festschreibung theoretischer und praktischer Ausbildungsteile und (3) durch die Einschränkung der Psychotherapieausbildung auf wissenschaftlich anerkannte Verfahren. Auch mit Blick auf die lange Zeit, die bis zur Verabschiedung eines Psychotherapeutengesetzes aufgebracht werden musste, ist unschwer nach zu vollziehen, dass dieser endlich errungene Status nicht gleich wieder aufgegeben werden will.
Vor diesem Hintergrund ist es aus deutscher Sicht also auch relevant, inwieweit diese Qualitätsstandards auch mit der Anpassung an europäische Regelungen Bestand haben.
Wie geht also die Europäische Union mit den bekanntermaßen unterschiedlichen Berufsausbildungen ihrer Mitgliedsstaaten um?

3. Regelungen zur Anerkennung der Berufsausbildung auf europäischer Ebene

3.1 Der rechtliche Rahmen

Mit den Richtlinien über die Anerkennung von Berufsabschlüssen hat die EU zwei Möglichkeiten formuliert, die Anerkennung von Berufsabschlüssen zu regeln.

  • Der erste Weg besteht in der Schaffung einer einheitlicheneuropäischen Regelung der Ausbildungsanforderungen und der damit verbundenen Voraussetzungen zur Berufsausübung (Harmonisierung), auf deren Grundlage dann die Berufsausübung in jedem Mitgliedsstaat der EU erfolgen kann. Ein Beispiel hierfür ist etwa die Regelung für die ärztliche Berufsausübung mit relativ formalen Rahmenvorgaben,
  • Die zweite Möglichkeit ist gegeben durch gegenseitige Anerkennung der Diplome wie auch der - in den einzelnen EU-Ländern unterschiedlich geregelten - Berufszugangsvoraussetzungen. Damit kann die Berufsausübung nur auf Grundlage der jeweiligen nationalen Bedingungen erfolgen. Bei Migration kommen Kompensationsmechanismen zur Anwendung, durch welche der Stand in dem Migrationsland erreicht wird. Dabei kann von den Aufnahmeländern gefordert werden:
    • eine bis zu 3 Jahre dauernde Berufserfahrung und/oder
    • ein Anpassungslehrgang und/oder
    • eine Eignungsprüfung

wobei dies von den Ländern unterschiedlich gehandhabt werden kann. Voraussetzung ist allerdings in jedem Fall, dass im jeweiligen Aufnahmeland die Berufsausübung auf nationaler Ebene geregelt ist.

Im Rahmen der ersten Möglichkeit geben die einzelnen Mitgliedsstaaten ihre Bildungshoheit auf, im zweiten Fall werden unter Beibehaltung des Subsidiaritätsprinzips von jedem Mitgliedsstaat auf Grundlage ihrer nationalen Gesetze eigene Anerkennungskriterien formuliert.
Zwar erscheint es auf den ersten Blick sinnvoll, die Berufsbildung und -ausübung  zumal in verantwortungsvollen Bereichen wie der Heilkunde, und damit auch der Psychotherapie - nach in allen Ländern einheitlichen Regeln zu vollziehen. Allerdings dürfte angesichts der  wie aus der Tabelle ersichtlich - sehr heterogenen Ausbildungs- und Berufsausübungsregelungen für Psychotherapie in Europa eine Harmonisierung nur schwer zu erreichen sein, zumal die Europäische Kommission eine solche allgemein gültige Richtlinie nicht von sich aus erarbeiten kann, da dies Hoheitsrechte der einzelnen Länder tangiert. Das bedeutet, dass die Mitgliedsstaaten selbst eine große Mehrheit für den Inhalt einer solchen europäischen - Richtlinie erreichen müssen.

3.2 Bestehende Zertifizierungen auf europäischer Ebene

Vor diesem Hintergrund sind Bestrebungen meist getragen durch nationale Berufsverbände einzuordnen, an einer europaweiten Vereinheitlichung der Berufsausübungsregelungen zu arbeiten. Aktuell bestehen drei verschiedene Initiativen auf europäischer Ebene, die durch die Formulierung von Anerkennungskriterien oder Mindeststandards eine Angleichung der Ausbildungsstandards zu erreichen suchen:

  • Die Training Standards for Psychologists specializing in Psychotherapy der EFPA (www.efpa.be )

Die EFPA (früher EFPPA, European Federation of Professional Psychologists⿿ Associations) ist eine Vereinigung von 31 nationalen Psychologieverbänden innerhalb Europas. Deutschland wird vertreten durch den Berufsverband deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP). Sie wurde 1981 gegründet, unter anderem, um die Mobilität der Psychologen innerhalb der EU zu verbessern und gemeinsame Standards und Verfahren zu entwickeln. Obwohl die europäische Kommission gegenseitige Anerkennung bezüglich beruflicher Qualifikationen fordert, stellt sich die EFPA klar gegen eine Einheitsregelung auf europäischer Ebene. Stattdessen favorisiert sie den Weg, durch Formulierung von Minimalstandards, den einzelnen Staaten Anerkennungskriterien an die Hand zu geben. Damit stützt sie sich auf das Subsidiaritätsprinzip, nach welcher Entscheidungen innerhalb eines europäischen Rahmens wenn möglich auf nationaler Ebene getroffen werden sollen.
Die EFPA hat spezifisch für den Bereich der Psychotherapie Standards bezüglich der Aus- respektive Weiterbildung entwickelt. Diese 1997 veröffentlichten Training Standards for Psychologists specializing in Psychotherapy (EFPA, 1997; verfügbar unter www.efpa.be) beinhalten eine 4-jährige spezielle theoretische und praktische Aus- respektive Weiterbildung. aufbauend auf einem 5-jährigen Universitätsstudium der Psychologie und 2 Jahren einschlägiger Berufserfahrung. Inhalte sind 3 Jahre Vollzeitbeschäftigung, 400 Stunden Theorie, therapeutische Methodologie und Technik, 100 Stunden Selbsterfahrung, 150 Stunden Supervision, 500 Stunden supervidierte praktische Tätigkeit (mind. 10 Fälle). Die Trainingstandards sollen als Plattform zur Anerkennung der Qualifikationen von Psychologen und psychologischen Psychotherapeuten fungieren. Auf Basis dieser Qualifikationskriterien erfolgt dann die Anerkennung durch die nationalen Berufsverbände bzw. Fachgesellschaften.

Die EAP wurde 1991 in Wien gegründet und gehört dem WCP (World Council for Psychotherapy) an. Der Hauptsitz liegt in Wien. Die EAP besteht aus 128 Organisationen (24 nationale Dachverbände, 17 europaweite Verbände für Psychotherapie) aus 37 europäischen Ländern und mehr als 70.000 Psychotherapeuten. Deutscher Vertreter ist der Deutsche Dachverband für Psychotherapie (DVT). Die Mitgliedschaft ist auch für selbständige Psychotherapeuten offen. Als Hauptaufgabe sieht der EAP den Schutz der Interessen der Psychotherapie und die Sicherung eines angemessenes Ausbildungs- und Praxis-Levels des Berufs. Basierend auf ihrer Strasbourg Declaration on Psychotherapy von 1990 (EAP, 1990; siehe auch Meignant, 1999; bietet die EAP ein European Certificate for Psychotherapy (ECP) (European Association for Psychotherapy, 1997) an, mit dem Ziel einer gleichwertigen Anerkennung und Durchführung von Psychotherapie in Europa und damit der Gewährleistung der Mobilität von Psychotherapeuten. Im Unterschied zur Initiative der EFPA baut das Psychotherapiezertifikat der EAP nicht auf einer universitären Ausbildung in Psychologie im Sinne einer Spezialisierung auf, sondern ist auch für Absolventen anderer Berufs- und Universitätsausbildungen zugänglich und nimmt auch keine Einschränkung auf bestimmte Therapieschulen vor.
Das Zertifikat wird von der EAP verliehen, auf Empfehlung einer National Awarding Organisation und mit Zustimmung einer geeigneten Organisation, welche die jeweilige Therapierichtung vertritt.
Weiter bietet der EAP ein Qualitätskontroll-Programm für Ausbildungsinstitute an. Hier können Ausbildungsinstitute entsprechend festgelegter Richtlinien als Accredited European Psychotherapy Training Institute (EAPTI) unterrichten.

Die EABCT (European Association for Behavioral and Cognitive Therapies) (www.eabct.com ) besteht aus aktiven Verbänden in 29 Ländern (2003 sind zusätzlich Verbände aus Serbien, Rumänien und Jugoslawien beigetreten) und bietet allgemeine Richtlinien für die Kognitiv Behaviorale Therapie an. Deutsche Mitgliedsverbände sind die Arbeitsgemeinschaft für Verhaltensmodifikation (AVM), der deutsche Fachverband für Verhaltenstherapie (DVT) und die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT). Abgestimmte Regelungen laufen in enger Zusammenarbeit mit den nationalen Verhaltenstherapieverbänden, die wiederum oft eng mit den staatlichen Institutionen kooperieren.
Derzeit existiert von ihrer Intention vergleichbar den Bestrebungen der EFPA - eine Arbeitsgruppe zu Trainingstandards. Ergebnisse werden noch in diesem Sommer erwartet. Zielsetzung ist es auch dies vergleichbar mit den Aktivitäten der EFPA Minimalstandards (Core Training Standards) zu formulieren sowohl für die Inhalte wie auch für die Dauer von Ausbildungsteilen. Im bisher vorliegenden Entwurf wird eine akademische Vorbildung auf Master-Niveau vorgeschrieben. Dagegen ist eine Einschränkung auf bestimmte Berufsgruppen (Ärzte, Psychologen) nicht geplant. Vorgesehen ist eine theoretische Ausbildung im Umfang von mindestens 450 Stunden. Außerdem sind Supervisionen und Workshops zu speziellen Therapiefertigkeiten vorgeschrieben sowie 200 Stunden durchgeführte Therapie, bei der mindestens drei verschiedene Störungsbilder und mindestens drei engmaschig supervidierte Fälle vorliegen müssen. Darüber hinaus werden Kriterien für die Anerkennung von Supervisorinnen und Supervisoren wie auch Ausbildungsinstituten festgelegt.

3.3 Regelungen zum ersten Studienabschluss

3.3.1 Das Bologna-Abkommen

Bisher ging es um Regularien, um die Voraussetzungen zur Ausübung des Berufs des Psychotherapeuten auf der Ebene der Berufsqualifikation zu vereinheitlichen.
Europa hat aber auch für die Hochschulabschlüsse eine Vereinheitlichung vorgesehen, die für eine Psychotherapieausbildung insofern Relevanz hat, als zukünftig eher davon ausgegangen werden muss, dass andere als die bisher im Psychotherapeutengesetz genannten fachlichen Eingangsqualifikationen (Diplom in Psychologie, Studienschwerpunkt in Klinischer Psychologie; für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie auch Sozialpädagogik und Erziehungswissenschaften) den universitären Regelabschluss darstellen werden.
Diese durch das so genannte Bologna-Abkommen initiierten strukturellen Reformen der Universitäten, zu der sich die unterzeichneten Staaten bis zum Jahr 2010 verpflichtet haben, legen als zukünftigen Rahmen für höhere Bildungssysteme einen 3-jährigen ersten Bildungsabschluss fest (Bachelor, BA). Darauf aufbauend erfolgt ein möglicher, aber nicht zwingend notwendiger weiterer 2-jähriger Masterabschluss (MA) und gegebenenfalls ein 2-jähriges Doktorat (Hochschulrektorenkonferenz, 2003).

3.3.2 Initiativen zur Schaffung vergleichbarer Ausbildungsstandards

Derzeit existieren zwei Initiativen, die im Rahmen von durch die EU geförderten Projekten Vorschläge für eine Vereinheitlichung der Hochschulabschlüsse erarbeitet haben.

Beim EuroPsy handelt es sich um ein Projekt der EFPA, das seit 2001 finanziert durch das EU-Leonardo-Programm - an der Entwicklung einer Konzeption für ein Europäisches Diplom in Psychologie arbeitet (Lunt, 2002; EFPA, 2004).
An dem Projekt sind Psychologinnen und Psychologen aus 12 Ländern beteiligt. Das Europäische Diplom soll die Qualität der Ausbildung von Psychologinnen und Psychologen fördern, den Markt für Kunden und Klienten transparenter machen und die Mobilität von Psychologen und Psychologinnen in Europa erhöhen.
Das Projektziel ist die Erarbeitung eines europäischen Diploms, das zusätzlich zum nationalen Studienabschluss verliehen werden soll. Voraussetzung dafür ist, dass die betreffende Person ein Studium in einem akkreditierten Studiengang absolviert hat, das fünf Jahre umfasst und an das sich eine einjährige praktische Tätigkeit unter Supervision anschließt.
Derzeit liegt ein Beratungsentwurf vor, der von Verbänden, Behörden, Universitäten und mit Experten diskutiert wird.

Hierbei handelt es sich um ein Sokrates/Erasmus-Projekt der Universitäten Wien, Athen, Dublin, Landau und Luxemburg zur Entwicklung eines Masterabschlusses (Pal & Kryspin-Exner, 2001). Hauptziel ist die Definition von ⿿minimum standards⿿ für die Ausbildung in Klinischer Psychologie. Weiteres Ziel des Projekts ist die Erarbeitung eines detaillierten, allgemein gültigen und anerkannten Studienplans für den Abschluss MAPS-C (Master of Advanced Psychological Studies - Clinical) inklusive der Formulierung eines Punktesystems, das eine Einbindung in das ECTS (European Credit Transfer System) gewährleistet, mit dem die EU die Vergleichbarkeit von Studienleistungen zwischen den europäischen Hochschulen befördern will (Kryspin-Exner & Pal, 2003).

4. Aktueller Stand: Anpassung des Psychotherapeutengesetzes an neue EU-Richtlinien

Wie eingangs erwähnt, ist die Regelung und Organisation der schulischen und beruflichen Ausbildung in Europa ausschließlich Sache der einzelnen Mitgliedsstaaten. Die Europäische Union kann keine Harmonisierung der Ausbildungsinhalte oder der Ausbildungssysteme vorschreiben. Hierfür fehlt ihr - auch nach dem Vertrag von Maastricht - die Gesetzgebungskompetenz. Für die Zielsetzung der EU, einen gemeinschaftlichen Binnenmarkt zu schaffen, in welchem der freie Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital gewährleistet ist, und damit auch die Möglichkeit eines jeden EU-Bürgers besteht, eine wirtschaftliche Tätigkeit sei es als Selbstständiger oder als Arbeitnehmer in jedem Land der Europäischen Union unter den gleichen Bedingungen wie die Staatsangehörigen jenes Landes auszuüben, sind die nach wie vor bestehenden großen Unterschiede in den Berufsqualifikationen daher hinderlich. Auch wenn sich die Mitgliedsstaaten der EU bereits in den 70er Jahren auf einige Richtlinien für einzelne Berufe vor allem im medizinischen Bereich geeinigt haben, wurde bei der Erarbeitung dieser Richtlinien jedoch deutlich, dass für den Großteil der Berufe eine inhaltliche Harmonisierung sehr schwierig ist.
Aus diesem Grund wenden die Mitgliedstaaten bei der Anerkennung nunmehr den Grundsatz des gegenseitigen Vertrauens an: Ein Diplom aus einem anderen EU-Staat wird grundsätzlich anerkannt, wenn es im Heimatland zur Ausübung eines bestimmten Berufs berechtigt, und die dort absolvierte Ausbildung nicht wesentlich anders verläuft als in dem Staat, in dem die Tätigkeit begonnen werden soll. Ist dies doch der Fall, konnte bisher ein Eignungstest oder ein Anpassungslehrgang verlangt werden. Die seit dem 1.1.2004 gültige Anpassungsänderung des Psychotherapeutengesetzes (Deutscher Bundestag, 2003) sieht nun eine nachgewiesene 3-jährige Berufserfahrung in Psychotherapie zum Ausgleich der festgestellten wesentlichen Unterschiede als geeignet an.
Das bedeutet, dass jeder EU-Bürger, der in einem Mitgliedsland eine Berufsausbildung absolviert hat, die ihn in seinem Heimatland zur psychotherapeutischen Tätigkeit berechtigt, und drei Jahre in seinem Beruf gearbeitet hat, wird diesen Beruf künftig in allen anderen europäischen Ländern ausüben dürfen.
Die nun verabschiedete Richtlinie soll dazu dienen, die nach wie vor vorhandenen Barrieren bei Berufen mit unterschiedlichem Regelungsstatus weiter abzubauen. Allerdings sind mit dieser Änderung auch erste Möglichkeiten der Anerkennung von geringer qualifizierten Therapeuten aus den EU-Ländern in Deutschland geschaffen worden.
Der Abbau von Barrieren und Hürden zugunsten einer noch größeren Niederlassungs- und Berufsausübungsfreiheit ist politisch gewollt. Welche Konsequenzen dies für die Psychotherapieausbildung auf Grundlage des Psychotherapeutengesetzes haben wird, ist jedoch noch nicht in vollem Umfang vorherzusehen.
So viel ist allerdings klar: Psychotherapie kann künftig ohne das in Deutschland vorausgesetzte Psychologie- oder Medizin-Studium nach einem beliebigen Hochschulstudium mit entsprechender Ausbildung und Berufserfahrung von jedem anderen Europäer auch in Deutschland ausgeübt werden. Und dies auch in Psychotherapieverfahren, die in Deutschland nicht zugelassen sind. Dies resultiert aus der Tatsache, dass im Psychotherapeutengesetz Psychotherapie als Ausbildungsberuf gefasst ist, nicht als Weiterbildung in Psychologie oder Medizin. Wenn nun unterschiedliche europäische Ausbildungswege zum Psychotherapeuten zugelassen werden, fällt das in Deutschland notwendige vorgeschaltete Studium der Psychologie oder Medizin ganz weg. Solche wesentlichen Unterschiede nicht zu berücksichtigen, nur weil jemand praktische Erfahrung im Beruf nachweisen kann, birgt erhebliche Risiken und könnte das vom Gesetzgeber in Deutschland mit dem Psychotherapeutengesetz festgeschriebene Qualitätsniveau gefährden.

Literaturverzeichnis

Deutscher Bundestag (2003). Drucksache 15/804 (Art. 14, S. 31ff). [Internetseite].

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Hochschulrektorenkonferenz (HRK) (2003). Im europäischen Hochschulraum. [Internetseite]. Verfügbar unter: www.hrk.de/download/dateien/Bolognapapier_final.pdf  [19.3.04].

Kryspin-Exner, I. & Pal-Handl, K. (2003). MAPS-C - Master of Advanced Psychological Studies Clinical. [Internetseite]. Verfügbar unter: www.univie.ac.at/master_clinicalpsych [12.3.04].

Kryspin-Exner, I., Lueger-Schuster, B. & Weber, G. (Hrsg.) (1998). Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie. Wien: WUV-Universitätsverlag.

Lunt, I. (2002). A Common Framework for the training of psychologists in Europe. European Psychologist, 7 (3), 180-191.

Meignant, M. (1999). Psychotherapy in Europe. International Journal of Psychotherapy, 4 (2), 225-228.

Pal, K. & Kryspin-Exner, I. (2001). Postgraduale Ausbildung in Klinischer Psychologie und Psychotherapie in Europa: MAPS-C, ein Sokrates/Erasmus-Projekt der Universitäten Wien, Athen, Dublin, Koblenz-Landau und Luxemburg. Psychologie in Österreich, 1-2, 73-75.

Van Deurzen, E. (2001). Psychotherapy training in Europe: Similarities and differences. European Journal of Psychotherapy, Counselling and Health, 4 (3), 357-371.

Angabe zur Autorin

Prof. Dr. Annette Schröder
Universität Koblenz-Landau
Campus Landau
Linienstr. 9
D 76829 Landau
E-mail: schroede(at)uni-landau(dot)de  

Prof. Dr. Annette Schröder ist Professorin für Klinische Psychologie an der Universität in Landau. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen u. a. in der Versorgungs- und Psychotherapieforschung. Durch ihre Mitarbeit in einem EU-Projekt zur Entwicklung eines Masterstudiengangs in Klinischer Psychologie hat sie sich daneben in den letzten Jahren auch intensiv mit Fragen zum europäischen Bildungssystem beschäftigt.

Quelle: VPP 3/2004


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