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Systemische Therapie meets Verhaltenstherapie – an evolving affair

"Ich sehe was, was Du nicht siehst ..."


Bericht zur Online-Fachtagung der DGVT-Fort- und Weiterbildung am 15. und 16. Oktober 2021[1]

Von Kerstin Dittrich (Berlin), Eva-Maria Greiner (Scheßlitz), Hans Lieb (Edenkoben), Matthias Ochs (Fulda) und Christina Hunger-Schoppe (Witten/Herdecke)

Manchmal gibt es Kooperationen, die einfach nur so „flutschen“ – die beteiligten Personen harmonieren gut, Planungen laufen ohne Missverständnisse ab, man freut sich auf die Arbeitstreffen und überzieht regelmäßig die Sitzungszeit, weil die guten Ideen nur so sprudeln. So ging es uns im schulenübergreifenden Vorbereitungsteam bereits beim ersten Kongress der Reihe „ST meets VT“. Der erste „ST meets VT“-Kongress, der 2017 live stattfand, war nicht nur in den Augen des zahlreich erschienenen Publikums ein Erfolg, sondern hat auch den beteiligten drei Verbänden DGVT, SG und DGSF Lust auf mehr gemacht. Mit dieser Vorgeschichte fand im Oktober 2021 die zweite Runde der Veranstaltungsreihe mit 125 Teilnehmenden statt, diesmal aufgrund der Schutzmaßnahmen im Zuge der Corona-Pandemie notgedrungen online.

Die gute Zusammenarbeit zwischen verhaltenstherapeutischen und systemischen Verbänden ist auf den ersten Blick wenig erstaunlich – integrative bzw. allgemeine Psychotherapie ist längst keine neue Idee mehr. Auch konzeptionell verbreitern sich die Verfahren mit der Folge größerer Überschneidungen, und in der therapeutischen Praxis interessiert Verfahrensreinheit eher selten, stattdessen wird (mitunter) munter gemischt. Wer sich mit Psychotherapiepolitik beschäftigt, kann aber statt Integration auch ihr Gegenteil beobachten: Auf politischer wie wissenschaftlicher Ebene werden die Verfahrensunterschiede eher geschärft, schließlich ging und geht es parallel um die sozialrechtliche Anerkennung der Systemischen Therapie als Psychotherapieverfahren und um die Etablierung der Psychotherapieverfahren an den Hochschulen im Zuge des neuen Psychotherapeutengesetzes. Dabei kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen den unterschiedlichen Richtlinienverfahren und ihren Vertreter*innen.

Jedoch gilt auch: Gäbe es keine systematischen Unterschiede zwischen den Verfahren und gäbe es nicht auch hin und wieder Konflikte, ließe sich wohl auch nichts voneinander lernen. Und: Unterschiede lassen sich nur benennen, wenn das Andere verstanden wurde. Vor diesem Hintergrund wurde der Kongress geplant, sodass unter dem Motto: „Ich sehe was, was du nicht siehst…“ ganz bewusst die Unterschiede in den Vordergrund gestellt wurden! Diesmal ging es dezidiert nicht um die Gemeinsamkeiten, die sich bei vielen Teilnehmenden zwischendurch trotzdem in Erkenntnismomenten der Art „Das mache ich doch auch, ich nenne es nur anders“ bemerkbar machten.

Es ging jedoch auch nicht um den Wettbewerb, welches das bessere Therapieverfahren ist. Stattdessen stand die Auseinandersetzung mit solchen Unterschieden im Mittelpunkt, die reale Folgen für die praktische Arbeit „an den Klient*innen“ haben. Denn auch wenn die meisten Psychotherapeut*innen sich mit ihrem Therapieverfahren, sei es nun ST oder VT, für die Mehrzahl der therapeutischen Situationen gut ausgerüstet fühlen, berichten viele Praktiker*innen doch von einzelnen Klient*innen, bei denen sie an Grenzen stoßen und das Gefühl nicht loswerden, dass die wahrgenommenen Schwierigkeiten bis hin zu „Problemtrancen“ etwas mit der therapeutischen Grundorientierung und der durch sie trainierten eigenen Blickrichtung zu tun haben. Umso erfreuter waren wir über die vielen positiven Rückmeldungen, dass der Kongress gerade an dieser Stelle geholfen habe, die therapeutische Blickrichtung des Anderen – und immer auch wieder reziprok des eigenen – Verfahrens zu beleuchten.

Im knackig-kurzen TED-Talk-Format eröffnete Hans Lieb am Freitagnachmittag den Kongress. Im Zentrum seines Vortrags standen die drei Hauptunterschiede zwischen den Verfahren: die zugrundeliegende Erkenntnistheorie i.S. der Lerntheorie als Basis der VT und der Konstruktivismus als Basis der ST; therapeutischer Fokus auf das Individuum (VT) oder System (ST); die unterschiedlichen Rollen der Therapeut*innen als Expert*innen (VT) oder als Neugierige (ST).

Den neugierigen Blick lenkte das Auditorium anschließend auf Einblicke in die praktische Arbeit mit Paaren als Systemikerin versus Verhaltenstherapeutin. So widmete sich Berit Brockhausen der verhaltenstherapeutischen und Angelika Eck der systemtherapeutischen Paartherapie bei einer Live-Arbeit mit einem Schauspiel-Patient*innenpaar. Beide hatten zuvor anhand von erneut kurzen Impulsvorträgen in ihre persönliche therapeutische Schwerpunktsetzung eingeführt, um diese anschließend live mit dem Paar zu demonstrieren und zu reflektieren.

Der Tag wurde abgerundet durch eine von Hans Lieb moderierte Diskussion der paartherapeutischen Praxisarbeit von Angelika Eck und Berit Brockhausen. Seine Reflexionen entlang von Unterschieden zwischen den beiden Vertreter*innen der unterschiedlichen Therapieschulen ermöglichte es den Teilnehmenden, nicht vorschnell erneut das Verbindende zwischen den Verfahren zu sehen, sondern die jeweils eigene Art – oder „Eigenart“ – des spezifischen Verfahrens. So konnten sich alle Beteiligten ihrer eigenen Haltung und Methodik bewusster werden.

Am zweiten Tag standen vierstünde Workshops auf dem Programm. Es gab jeweils drei Workshops zu jedem Verfahren. Zur vertieften Begegnung mit der ST luden Mechthild Reinhard in ihrem Workshop „Mit der Lupe hingeschaut: Ressourcen in Störungen“, Wolf Ritscher mit dem Workshop „Transgenerationale systemische Familiendynamik und -therapie“ und Filip Caby mit dem Workshop „Familiengespräche möglichst allparteilich und gelassen führen, ohne die Klarheit zu verlieren“ ein. In die VT luden Berit Brockhausen mit dem Workshop „Paartherapie. Liebe ist ein Tätigkeitswort“, Frank Meyer mit dem Workshop „Verhaltensanalyse und Therapieplanung“ und Claudia Reinicke mit dem Workshop „Mit ADHS und Freude durch den Alltag – wie Verhaltenstherapie mit Lösungsorientierung systemisch hilft“ ein.

Nach der Mittagspause moderierten Matthias Ochs und Christina Hunger-Schoppe die Abschlussreflexion. Der Auftakt wurde begleitet von Reflexionen der Teilnehmenden zu den für sie „merk-würdigen“ Erfahrungen während der Kongresstage, ganz im Sinne dessen, was es würdig war, dass es gemerkt wurde oder sich bemerkbar gemacht hatte. Hierbei wurde das „Kommentare im Plenum einsammeln“ insofern systemisch gerahmt, als es dabei darum ging, die verschiedenen Perspektiven als Ressourcen für die Teilnehmer*innen des Plenums untereinander verfügbar zu machen, um sich gegenseitig Impulse zu geben und potenzielle Unterschiede (seien sie noch so klein), die einen Unterschied machen, zu generieren: zu Polyphonie anregen, also zum gleichberechtigten Hören-Lassen aller Stimmen.

Als ein wesentliches und auf dem Kongress erlebbares Unterscheidungsmerkmal der Verfahren kristallisierte sich dabei der Umgang mit Leiden heraus. In der VT wird fokussiert am Problemverhalten gearbeitet, dieses detailliert angeschaut und unter verschiedenen Fragestellungen analysiert. Ziel ist ein überaus gründliches Problemverständnis. So wird es möglich, das Leid hinter der gezeigten Problematik auch im Detail zu verstehen, ernst zu nehmen und ausführlich zu validieren. Aus systemischer Sicht kann das zu Problemtrance führen. In der ST wird statt auf das Problemverhalten eher auf die Ressourcen geschaut, auf den Kontext des Verhaltens eher als auf seine Details, und durch Auftrags- und Klient*innenorientierung in der Regel weniger bis gar nicht beim Problemverhalten verblieben. Ein solches Vorgehen kann einen optimistischen Blickrichtungswechsel für problembelastete Klient*innen ermöglichen. Es birgt aber auch die Gefahr des „Zwangsoptimismus“.

Weitere Unterschiede, die im Kongress- und Diskussionsverlauf offenbar wurden: In VT wird eher auf die individuelle Mikroebene geschaut, in ST eher auf die Makroebene, indem zwischen verschiedenen Systemebenen und Zeiten changiert wird. VT erscheint tendenziell eher direktiv, es wird eher das Expertentum der Therapeut*in betont. In ST nimmt die Therapeut*in eher eine Non-Expert-Position ein, und Hypothesen werden eher als Fragen formuliert sowie grundlegende Prämissen als Hypothesen angeboten – die auch seitens der Patient*innen abgelehnt werden können. In VT werden Verhaltensänderungen eher durch Lernübungen angesteuert, in ST hingegen durch Experimente mit offenem Ausgang angeboten. In VT wird die Verantwortung für Veränderungen im Individuum verortet, in ST werden Veränderungen im System (z.B. in Kommunikations- und Interaktionsmustern) angesteuert – in ST wird Zirkularität eher durch genaues Hinschauen auf die Beiträge der „Individualitäten“ hergestellt. In der VT wird das Vermeidungs-/Problemverhalten angesprochen und als solches auch markiert. Entsprechend wird die Eigenverantwortlichkeit für Veränderungen individuell – und weniger systemisch – verortet.

Inwieweit aber Problem- bzw. Ressourcenfokus „echte“ Verfahrensunterschiede darstellen, ist nach diesem Kongress eher genauso fraglich wie zuvor. Denn bei allen Antworten, die wir (scheinbar) fanden, blieb eine zentrale Frage offen: Wenn die VT schon viel länger als die ST im Kontext eines Gesundheitswesens arbeitet, Probleme versus Ressourcen in den Vordergrund stellt, ist dann die stärkere Problemzentrierung der VT und Ressourcenorientierung der ST nicht eine Folge des Kontextes, in dem sie (zumindest in Deutschland) agieren? Und also weniger als Hinweis auf Unterschiede auf der schulenspezifischen und vermeintlich angenommenen erkenntnistheoretischen Ebene zu werten? Und wenn dem so ist, wie gestalten wir dann die angedachte Fortsetzung unserer Kongressreihe?

Was endgültige Antworten angeht, ist der Kongress also grandios gescheitert. Die Ermöglichung von Erfahrungs-, Austausch- und Begegnungsräumen ist dagegen gut gelungen und hat großen Spaß gebracht. Vielleicht haben Sie Lust, den Folgekongress ebenfalls mitzugestalten und weitere Fragen zu suchen oder Antworten zu finden? Wir freuen uns auf Sie! Denn: „ST meets VT – an established affair…“

 


[1] Veröffentlichungshinweis: Dieser Kongressbericht erscheint in den Medien aller drei am Kongress beteiligten Verbände: DGSF, DGVT und SG.


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