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Integrierte Versorgung Depression oder Wird die Prinzessin Wissenschaft demnächst den Praxis-Frosch wachküssen?

Von: Wolfgang Palm

Die VPP der DGVT hat unter den Verbandsorganen der psychotherapeutischen Berufsverbände ein erfreulich hohes Niveau. Wir Mitglieder werden gut informiert, auch im Bereich der neuen Versorgungsmodelle. Über diese kommt man gelegentlich ins Stutzen und Staunen.


In der VPP 1/2005 kann man es nicht übersehen - das Rahmenkonzept "Integrierte Versorgung Depression", das mit offenkundig viel professoraler Bemühung zustande gekommen ist. Der Artikel hat mich beeindruckt wegen der Akribie der Ausführung, wegen der Materialfülle und wegen der Klarheit der Darstellung. Das ist sicherlich gut gemeint. Allein, wo ist das Land, wo das durchgeführt werden soll? In dieser Republik? Ach was! "Integrierte Versorgung" ist ein hübsch klingender Name, indes, wo ist seine Praxis? Papier ist bekanntlich geduldig gegenüber seiner hartleibigen Realität.

Ich gestatte mir mal aus der Praxis-Froschperspektive eine Anmerkung: Seit einem Jahr versuchen wir in Karlsruhe eine minimale Vernetzung unter den Psychotherapeuten mit dem Namen PIK. Ich weiß, wie schwierig es ist, die Hauptfrage, die jede AnruferIn stellt, nämlich "Wo gibt es einen Therapieplatz?" überhaupt innerhalb dieses Vernetzungsversuchs nur mal adäquat zu besprechen. Oder wie schwierig es ist eine Liste von kollegialen Schwerpunkten aufzustellen, weil sich da ideologische Gräben und andere Befürchtungen auftun ...

Und dann steht da so ein Modell mit seinen an Qualität appellierenden Blockschaltbildern, die in ihrer betont sachlichen Neutralität die berufspolitischen Fußangeln dennoch nicht überdecken können (z.B. Abb.1 und Tabelle 1) Da werden die Fachärzte für Psychotherapeutische Medizin den Psychotherapeuten gleichgestellt. Au weia! Ob das denen so schmecken wird? Und das, was es über Antidepressiva zu wissen gibt, und in den dünnen Handbüchlein der Pharmafirmen bildhaft aufgemacht ist, kann ich als Psychologe auch lesen. Zudem kann ich die pharmagesponserten wissenschaftlichen Studien lesen, indes nicht wirklich bewundern, oft schon deshalb nicht, weil sie sich in der abhängigen Variable auf eine Fremdratingskala beschränken. Wenn man dazu vergleichsweise bedenkt, welche wissenschaftlichen und moralischen Kniebeugen die Vertreter der GT machen müssen, um die GT als Behandlungsmethode anerkannt zu bekommen, ist das geradezu grotesk.

Wie dem auch sei, wir machen die banale Basisarbeit. Nach 10-15 (in Worten zehn bis fünfzehn) Sitzungen müsste die PatientIn weitgehend gebessert sein. Wenn aber eine Psychotherapie mit dieser Sitzungszahl nicht anschlägt, dann soll wohl eine höhere Instanz zum Zuge kommen, der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Gut, kann man ja mal annehmen. Was aber macht der Facharzt? Macht er eine bessere Psychotherapie oder verabreicht er zusätzlich Psychopharmaka? Oder guckt er nach, ob organmedizinisch was übersehen wurde ... dann schickt er die Leute doch lieber zum Internisten ... wunderbar!

Gehen wir zu einem weiteren Hindernis in der Realität, das in dem Artikel mit nur einem Atemhauch erwähnt wird: Wie wird diese Psychotherapie finanziert? Im Rahmen der antiquierten Psychotherapierichtlinien, innerhalb derer etwas Entscheidendes zu bewegen so aussichtsreich ist wie der Versuch, den Rhein flussaufwärts zu schwätzen? Also maximal 15 Sitzungen Depressionsbehandlung (Vielleicht kriegen wir alle eine Sonderfortbildung, damit wir wissen, wie das geht... doch auf wessen Kosten?), davon 5 Probesitzungen, nach dem neuen RLV des EBM 2000+ faktisch zum Tarif einer Briefmarke bezahlt, dann 10 genehmigte Sitzungen und dazwischen und danach ein Haufen Dokumentations- und Evaluationspapier - ebenso zum Briefmarkentarif. Alle 15 Sitzungen das neue Antragstheater ... tolle Aussichten ... wir machen dann mehr Qualitätssicherung als Therapie.

Aber vielleicht stellt sich das nur in meinem Gehirn so verquer da: Dieser Staat singt das Lied der neoliberalen Wirtschaftspolitik, deren Heiligtum der deregulierte Markt ist ... und im Gesundheitsbereich führen wir nach und nach Maßnahmen ein, von denen sich der längst verschiedene Realsozialismus einige kräftige Scheiben hätte abschneiden können.

Apropos 10 bis 15 Sitzungen Depressionsbehandlung. Wer hat denn die Seiten 216-230 (und einige andere) in Grawes Buch "Neuropsychotherapie??? gelesen? Dort rechnet er nach, wie wenig die bisherigen Depressionsbehandlungen, auch die mit der kognitiven Therapie, den Depressiven genutzt haben. Und ich frage mich, inwieweit sich Grawes dort ausgebreitete Einsichten mit einem solchen Rahmenkonzept vertragen.

Wie dem auch sei. Blockschaltbilder haben etwas Bestechendes. Sie verbreiten Klarheit - auch in der Fiktion.


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